Brief an Hochwürden Lemmen in Sachen Gottesdienstkritik
Von Konrad Adenauer
Rhöndorf/Rh., den 17. 7. 1960.
Hochwürden
Herrn Pastor [Martin Heinrich] Lemmen
Rhöndorf / Rhein.
Sehr geehrter Herr Pastor!
Eben komme ich aus der heutigen 10 Uhr-Messe. Ich halte mich als Mitglied der Pfarre [St. Mariä Heimsuchung] für verpflichtet, Ihnen folgendes zu schreiben:
Ihre Predigten sind gut, wenn Sie sie vorbereitet haben, schlecht, wenn das nicht der Fall ist. Leider kommt das häufig vor.
Die heutige Predigt war unerträglich, sie war mit Ihren Pflichten als Geistlicher auf der Kanzel einfach unvereinbar; sie zeigte nichts von der Lebensweisheit, die Sie, nach Ihrer heutigen Predigt, auf den Hochschulen vermissen. Es war ein wirres Durcheinander von Wahrheiten – Halbwahrheiten – unzutreffenden Behauptungen. Sie war daher voll von Widersprüchen, ein Gallimathias [Kauderwelsch]. Sie dürfen etwas Derartiges den zahlreichen Besuchern des Gottesdienstes nicht bieten. Das gilt gleichfalls, abgesehen von besonderen hohen Festtagen, von der seelenlosen Ausgestaltung des Gottesdienstes, schlechter Gesang, unbekannte Lieder, Fehlen einer der Würde und der Bedeutung der hl. Messe entsprechenden Ausschmückung des Altares und des Chores, die Ihre Pfarrkinder und die Fremden mit Recht verlangen.
Sie werden durch meinen Brief verletzt sein. Ich bedauere das, aber ich kann nicht anders. Seit Jahren habe ich mir das Schreiben eines solchen Briefes immer wieder vorgenommen, dann aber es doch unterlassen. Ich habe mich nunmehr dazu entschlossen und bitte Sie, immer daran zu denken, daß die Gemeinde nicht des Pfarrers wegen da ist, sondern der Pfarrer der Gemeinde wegen. Sie sind ein guter Priester, ein guter Theologe, aber bis jetzt verstehen Sie nicht die Bedürfnisse Ihrer Pfarrkinder. Ihr Verhältnis zur gesamten Gemeinde ist erschütternd. Wenn nicht eine grundlegende Änderung eintritt, sinkt das religiöse Leben in Ihrer Pfarre, das jetzt schon sehr gering ist, immer weiter ab.
Mit hochachtungsvollem Gruße
(Adenauer)
Abgedruckt in: Adenauer Rhöndorfer Ausgabe. Briefe 1959-1961, hrsg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz, bearbeitet von Hans Peter Mensing, Paderborn: Schöningh, 2004, S. 130-132.