Anna Haag in ihrem Tagebuch vom 5. Mai 1941: „Ich möchte ernsthaft wissen, wie viele »Durchschnittsdeutsche« wir haben. Dieser ist ein »Allesfresser«: er ist fromm, gottgläubig, christusgläubig, hitlergläubig, vaterlandsgläubig, er ist voller Mitleid und – voll entsetzlicher Bestialität. Es schmerzt ihn, ein kleines Tier leiden zu sehen, und er fühlt sich edel in seinem Mitleid, aber gleichzeitig ist es im »höheren« (nationalistischen) Sinn notwendig, ganze Völker auszurotten, sie auf die scheußlichste Weise vom Erdboden verschwinden zu lassen – zu »vertilgen« (wie Hitler sagt).

Tagebucheintrag vom 5. Mai 1941

Von Anna Haag

Meine Nachbarin zur Rechten ist Bayerin, zugleich aber eine »gottesfürchtige« Protestantin und eifrige Kirchgängerin. Sie sagte zu mir: »Denken’s nur, die Engländer werfen Bomben, deren Luftdruck den Menschen die Lunge zerreißt! Sie brauchen ka bisserl a Verletzung haben und gehen doch drauf! In Mannheim muss’s schrecklich g’wesen sein! Mein Mann sagt: ›So ne Schweinerei kann sich der Führer unmöglich länger g’fall’n lassen! Sicher geht er in den nächsten Woch’n nach England, wenn’s sein muss, mit Gas!‹«

Ich antwortete: »Ein schreckliches Morden! Möglicherweise haben wir bald so viele Tote unter der Zivilbevölkerung wie die Engländer!« Ich kann nicht unterlassen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir ja in England unseren Wehrmachtsberichten nach … zigtausende Zivilpersonen getötet und dass wir darüber gejubelt haben. Es ist dieselbe Frau, die vor einem Jahr, wenn ein paar englische Flieger kamen und einige Bomben bescheidener Wirksamkeit abwarfen, sagte: »Dös san nur die letzten Zuckungen von den Engländern! In vierzehn Tag hob’n mr Fried’n!«

Da ich nun schon an meiner Nachbarschaft bin, so muss ich auch noch meine Nachbarn zur Linken vorstellen. Ebenfalls sehr fromme Leute. Aber sie haben neben dem unsichtbaren, ungreifbaren Gott im Himmel noch ihren Götzen Hitler auf Erden. Als vor einigen Tagen die Nachricht von Hess’ Flucht gemeldet wurde, sagte der sanfte Nachbar zu mir: »Ich verstehe nicht: heut’ gibt’s doch gar nichts anderes, als dass man treu zum Führer hält!« Seine Stimme klang dabei genauso sanft und fromm, wie sie immer klingt!

Ich möchte ernsthaft wissen, wie viele »Durchschnittsdeutsche« wir haben. Dieser ist ein »Allesfresser«: er ist fromm, gottgläubig, christusgläubig, hitlergläubig, vaterlandsgläubig, er ist voller Mitleid und – voll entsetzlicher Bestialität. Es schmerzt ihn, ein kleines Tier leiden zu sehen, und er fühlt sich edel in seinem Mitleid, aber gleichzeitig ist es im »höheren« (nationalistischen) Sinn notwendig, ganze Völker auszurotten, sie auf die scheußlichste Weise vom Erdboden verschwinden zu lassen – zu »vertilgen« (wie Hitler sagt).

Quelle: Anna Haag, „Verlogenheit und Barbarei“. Auswahl aus dem Tagebuch 1940–1945, Stuttgart: Reclam, 2022, S. 24f.

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