Wilfried Joest über Bekehrung: „Auf jeden Fall bleibt die Bekehrung auch da, wo sie in einem besonderen Erlebnis des Umbruchs beginnt, ein lebenslanges Geschehen, denn das Ja zu dem befreienden Anspruch der Gottesgerechtigkeit und das Nein zum Anspruch der Sünde will täglich neu vollzogen sein. Das bedeutet nicht Halbierung und Dosierung – als brauchte ich mich heute noch nicht endgültig für Gott zu entscheiden, da ich mich ja auch morgen und immer wieder bekehren kann. Bekehrung meint immer das Ganze der Wendung und die Übergabe des ganzen gegenwärtigen und künftigen Lebens an Gott.“

Bekehrung IV. Systematisch

Von Wilfried Joest

Wenn wir uns im Verständnis dieses durch mancherlei Brauch und Mißbrauch belasteten Begriffs an dem Sprachgebrauch des NT zurückorientieren, so gilt folgendes: Bekehrung ist die Zuwendung des Menschen in seiner ganzen Existenz zu der Wirklichkeit des lebendigen Gottes und damit zugleich die Abwendung von jeglicher anderen Macht, die einen totalen und bindenden Anspruch auf unsere Existenz erhebt: seien dies heidnische Götter oder der Mammon oder irgendeine andere Form schuldhafter Bindung an das, was nicht Gott ist. Da wir uns faktisch in der Bindung an solche Mächte vorfinden, die unsere falschen Götter sind, kann der Zugang zu dem Leben mit dem lebendigen Gott immer nur die Weise einer solchen Umkehrung haben, einer radikalen Lösung und Neugründung. Ihre Voraussetzung ist das Kommen des Reiches Gottes zu uns, das siegreiche Hervortreten der Gottesgerechtigkeit in Christus und in dem Wort, das uns von der Sünde los- und Christus zuspricht. Nur weil Gott selbst sich uns in Christus vergebend-machtvoll zugekehrt hat, kann es Bekehrung geben. Sie ist unser Ja zu dieser Zukehrung Gottes und darin eins mit Glauben, Buße, Wiedergeburt. Differenzierungen dieser Begriffe, als handle es sich um festgelegte verschiedene Stadien des Heilsweges (ordo salutis), sind künstlich und dem einheitlich-ganzheitlichen Lebensvorgang fremd, in dem ein Mensch zum Heil kommt. Wohl aber akzentuiert der Begriff Bekehrung besondere Seiten dieses einheitlichen Lebensvorgangs, nämlich 1. seine Wirkung auf die konkrete Gestalt unseres Lebens und Handelns, und 2. sein Wesen als Kampf- und Umbruch. Indem der Glaube als solcher auch Bekehrung ist, wird hervorgehoben, daß es in ihm um ein Entweder-Oder, um Stellungnahme in dem Kampf zwischen Gott und der Macht des Bösen geht und damit auch um eine Stellungnahme des Menschen gegen sich selbst – nicht um eine kontinuierlich anschließende Überhöhung und Verklärung des Seins, in dem wir uns vorfinden.

In der Theologiegeschichte sind zwei Aspekte des Bekehrungsgeschehens besonders zum Problem geworden:

1. Die Frage nach dem Verhältnis des Wirkens Gottes und der Aktivität des Menschen in der Bekehrung Es ist festzuhalten, daß das bekehrende Wirken Gottes und die willentliche Zukehrung des Menschen zu Gott nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sondern ineinanderliegen. Aber dies darf nicht in der Weise eines Zusammentreffens zweier konkurrierender und kooperierender Faktoren verstanden werden (so der Semipelagianismus, im Ansatz weithin die Scholastik – nicht Thomas -; aber auch der späte Melanchthon mit seiner Nebenordnung dreier »Ursachen« der Bekehrung: Wort, Geist, menschlicher Wille). Vielmehr ist unsere Zukehrung zu Gott auf der ganzen Linie durch Gottes Zukehrung zu uns gewirkt und getragen; Glaube und Bekehrung ist restlos das Geschenk der Gnade (so Augustin, die Reformatoren, der I. und II. Art. der Konkordienformel gegen die synergistischen Schüler Melanchthons). Und doch hat dieses Bekehren Gottes nicht die Weise einer automatischen Determination, sondern des Anrufs an unser Ich zur Entscheidung. Das Geheimnis dieses Geschehens entzieht sich der Alternative von Synergismus und Determinismus, das Verhältnis von göttlichem Wirken und menschlichem Eingehen auf Gott bleibt damit logisch unaussagbar. Es kann letztlich nur in dem paradoxen Satz formuliert werden: Unsere Zukehrung zu Gott ist, obwohl in voller Lebendigkeit unsere Zukehrung, ganz und gar Gottes Werk – unsere Weigerung und Abkehrung aber ist ganz und allein unsere Schuld.

2. Die Frage nach dem konkreten Sichtbar- und Bewußtwerden der Lebensumkehr, die vor allem durch den Pietismus gestellt und in ihm teilweise zur Forderung eines einmaligen und datierbaren Bekehrungserlebnisses zugespitzt wurde, ohne das niemand seines Heilsstandes gewiß sein könne. Das Dringen des Pietismus auf das Bewußte und Konkrete der Umkehr ist zu bejahen. Die Forderung des einmaligen Erlebnisses aber ist gesetzliche Verallgemeinerung einer bestimmten Gestalt, die die Bekehrung haben kann (Paulus, Augustin), aber nicht haben muß. Verhängnisvoll wird diese Forderung besonders da, wo sie zu Versuchen methodischer Herbeiführung solchen Erlebnisses führt. Auf jeden Fall bleibt die Bekehrung auch da, wo sie in einem besonderen Erlebnis des Umbruchs beginnt, ein lebenslanges Geschehen, denn das Ja zu dem befreienden Anspruch der Gottesgerechtigkeit und das Nein zum Anspruch der Sünde will täglich neu vollzogen sein. Das bedeutet nicht Halbierung und Dosierung – als brauchte ich mich heute noch nicht endgültig für Gott zu entscheiden, da ich mich ja auch morgen und immer wieder bekehren kann. Bekehrung meint immer das Ganze der Wendung und die Übergabe des ganzen gegenwärtigen und künftigen Lebens an Gott. Aber als diese ganze Umwendung ist und bleibt sie in jedem Augenblick akut, solange die Situation des geistlichen Kampfes währt – und ihr sind wir in diesem Leben nie entnommen.

Lit.: J. HERZOG, Der Begriff der Bekehrung, 1903 – H. POHLMANN, Die Metanoia als Zentralbegriff der christl. Frömmigkeit, 1938 – W. ELERT, Der christl. Glaube, (1940) 19563 § 80 – P. ALTHAUS, Die christl. Wahrheit, (1948) 19523, 637 ff. – J. SCHNIEWIND, Das bibl. Wort von der Bekehrung, 1948 – H. BRUNS, Die Entscheidungsstunde, 1951 – BARTH, KD IV/2, 340 ff. 626 ff.

Quelle: RGG3, Bd. 1 (1957), Sp. 980f.

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