Die Thesen von Pomeyrol (1941): „Gegründet auf die Bibel erkennt die Kirche Israel als das Volk an, das Gott dazu erwählt hat, der Welt einen Erlöser zu geben und mitten unter den Völkern ein immerwährender Zeuge des Geheimnisses seiner Treue zu sein. Obwohl sie zugibt, dass der Staat vor einem Problem steht, für das er eine Lösung finden muss, erhebt sie einen feierlichen Protest gegen jede Regelung, die die Juden aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt. Die Kirche verzichtet auf alle zweideutigen Aussagen und erklärt, dass man die zwangsläufige Unterwerfung unter den Sieger nicht zu einem Akt freier Zustimmung erklären kann. Sie ist wohl bereit, alle äußeren Konsequenzen der Niederlage auf sich zu nehmen, sieht es aber als eine geistliche Pflicht an, gegen jeden totalitären und pseudoreligiösen Einfluss Widerstand zu leisten.“

Die Thesen von Pomeyrol (1941)

Am 16. und 17. September 1941 versammelte sich in Pomeyrol – einem der Église réformée de France gehörenden Haus für Exerzitien und Tagungen in Saint-Étienne-du-Grès (Département Bouches-du-Rhône) – auf Initiative von Pfarrer Visser ’t Hooft und Madeleine Barot, der Generalsekretärin der Cimade, eine kleine Gruppe von etwa fünfzehn Personen. Ohne offiziellen Auftrag traf man sich, „um gemeinsam danach zu suchen, was die Kirche der Welt heute sagen muss“. Teilnehmende waren die Pfarrer Jean Cadier, Georges Casalis (Generalsekretär der Fédération française des associations chrétiennes d’étudiants – des französischen christlichen Studentenbundes), Henri Clavier, Paul Conord, Henri Eberhard, Jean Gastambide, Pierre Courthial, Jacques Deransart, Pierre Gagnier, Roland de Pury, André de Robert und André Vermeil. Dazu kamen drei Laien: Madeleine Barot, Suzanne de Dietrich aus Genf und René Courtin, Professor an der juristischen Fakultät in Montpellier.

Im September 1941 versammelten wir uns in der Überzeugung, daß die Bekennende Kirche und [Martin] Niemöller die rechtmäßigen Vertreter des deutschen Volkes sind. Eine Anzahl von uns verfasste ‚die Thesen von Pomeyrol‘, die eine deutliche Anwendung der Theologischen Erklärung von Barmen auf die gegenwärtige Situation Frankreichs darstellen. Wir knüpfen dabei an den heimlichen Kampf der Hugenotten und Camisarden an, nicht ohne Vermittlung derer, die sich 1934 dem totalitären System Hitlers widersetzten.

I. Es gibt nur einen einzigen Herrn für die Kirche und die Welt, Jesus Christus, Erlöser und König zugleich. Die Kirche verkündigt allen Men­schen die königliche Herrschaft dieses Erlösers; vor allem aber belehrt sie die Welt über den Willen Gottes und die Ordnung, die in ihr gelten soll (Phil 2,9-11; Kol 1,15-19).

II. Es ist Aufgabe der christlichen Gemeinde, über die konkrete Situa­tion des Staates oder der Nation ein Urteil zu fällen, vor allem, wenn die Gebote Gottes (die das Fundament jedes gemeinsamen Lebens sind) in Frage stehen. Sie weiß auch, dass Gott bestimmte Menschen dazu auser­sieht, die Kirche an diese Aufgabe zu erinnern oder sie stellvertretend zu übernehmen.
Wenn sie solche Urteile ausspricht, vergisst sie nicht, dass sie selbst unter dem Gebot Gottes steht. Sie denkt reumütig an ihre eigene Untreue und ihr Schweigen (Jes 1,4-9; Ez 3,17; Dan 9,4-19; Apg 4,24-31; 1Petr 4,17).

III. Dieser Dienst, den die Kirche der Welt schuldet, findet normalerwei­se seinen Ausdruck in der Predigt des Wortes Gottes, aber auch durch Be­schlüsse und Aufträge der Synoden und anderer kirchlicher Organe. Wenn nötig, geschieht dies auch durch direkte Anrede vor den verant­wortlichen Autoritäten des Landes.

IV. Das Wort der Kirche an die Welt hat seinen Grund in allem, was die Bibel über das Leben menschlicher Gemeinschaften sagt, vor allem in den zehn Geboten und der biblischen Lehre über den Staat, seine Voll­macht und seine Grenzen. Darum erinnert die Kirche Staat und Gesell­schaft an die Forderungen von Wahrheit und Gerechtigkeit, die nach Gottes Willen für jede Gemeinschaft gelten.

V. Die Kirche erkennt die Autorität des Staates an, der nach Gottes Wil­len dem Gemeinwohl dient. Sie ermahnt ihre Mitglieder, ihre bürgerli­chen Pflichten loyal zu erfüllen, und erinnert an den Gehorsam, den jeder Christ dem Staat schuldet, wobei sie voraussetzt, dass solcher Gehorsam sich dem unbedingten Gehorsam unterwirft, den wir allein Gott schuldig sind. Das Wort Gottes aber übt seine Vollmacht aus, indem es jeden Ge­horsam prüft, den wir Menschen erweisen (Apg 4,12; 5,29; Röm 13,1-4).

VI. Obwohl die Forderungen des Gemeinwohls gewisse Ausnahmen zu­lassen können, erinnert die Kirche an die Pflicht des Staates, jedem Bür­ger rechtsstaatliche Ordnung zuzusichern und seine wesentlichen Frei­heitsrechte zu garantieren. Dabei muss jede ungerechte Diskriminierung, jede Art von Denunziation und Willkür, vor allem auf dem Gebiet der Rechtsprechung und der Polizei, ausgeschlossen sein (2Chr 19,7-11; Ez 5,8-9; Am 5,15-24; Röm 13,4).

VII. Gegründet auf die Bibel erkennt die Kirche Israel als das Volk an, das Gott dazu erwählt hat, der Welt einen Erlöser zu geben und mitten unter den Völkern ein immerwährender Zeuge des Geheimnisses seiner Treue zu sein. Obwohl sie zugibt, dass der Staat vor einem Problem steht, für das er eine Lösung finden muss, erhebt sie einen feierlichen Protest gegen jede Regelung, die die Juden aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt (Röm 11,1-36).

VIII. Die Kirche verzichtet auf alle zweideutigen Aussagen und erklärt, dass man die zwangsläufige Unterwerfung unter den Sieger nicht zu einem Akt freier Zustimmung erklären kann. Sie ist wohl bereit, alle äußeren Konsequenzen der Niederlage auf sich zu nehmen, sieht es aber als eine geistliche Pflicht an, gegen jeden totalitären und pseudoreligiösen Einfluss Widerstand zu leisten (Ez 28,27; Dan 3; Mt 5,37; Hebr 12,4).

Quelle: Wolfgang Scherffig, Die fehlende siebte Barmer These. Französische Christen sprechen 1941 zur Judenverfolgung, Evangelische Theologie 55 (1995), S. 296-299.

Hier der französische Originaltext:

Les thèses de Pomeyrol

I. Il n’est qu’un seul Seigneur de l’Église et du monde, Jésus-Christ, Sauveur et Roi. L’Église annonce à tous les hommes la royauté de ce Sauveur. En particulier elle enseigne au monde la volonté de Dieu concernant l’ordre qui doit y régner. (Ph 2/9-11 ; Co 1/15-19)

II. Il appartient à l’Église, en tant que communauté, de porter un jugement sur la situation concrète de l’état ou de la nation, chaque fois que les commandements de Dieu (qui sont le fondement de toute vie en commun) sont en cause. Toutefois elle sait aussi que Dieu met à part certains hommes pour rappeler à l’Église cette tâche ou l’exercer à sa place.
En prononçant ces jugements, l’Église n’oublie pas qu’elle est, elle-même, sous le commandement de Dieu. Elle se repent de ses trahisons et de ses silences. (Je 1/4-9; Ez 3/17; Dn 9/4-19; Ac 4/24-31; IP 4/17)

III. Ce ministère de l’Église à l’égard du monde trouve normalement son expression dans la prédication de la parole de Dieu, il s’exprime aussi par les résolutions et mandements des Synodes et autres corps ecclésiastiques et s’il le faut par les interventions auprès des autorités responsables de la vie du pays.

IV. La Parole de l’Église au monde est fondée sur tout ce que la Bible dit de la vie des communautés humaines, notamment dans les dix commandements et dans renseignement biblique sur l’État, son autorité et ses limites. L’Église rappelle donc à l’État et à la société les exigences de vérité et de justice qui sont celles de Dieu à l’égard de toute communauté. (Pr 14/23; ITm 2/1-4; IP 2/13)

V. L’Église reconnaît l’autorité de l’État voulu par Dieu pour le bien commun, elle exhorte ses membres à accomplir loyalement leurs devoirs de citoyens, elle leur rappelle que tout chrétien doit obéissance à l’État, étant bien entendu que cette obéissance est ordonnée et subordonnée à l’obéissance absolue due à Dieu seul. La Parole de Dieu exerce son commandement et son contrôle sur toute cette obéissance rendue aux hommes. (Ac 4/12; 5/29; Rm 13/1-4)

VI. Tout en reconnaissant que les exigences du bien commun peuvent imposer certaines mesures d’exception, l’Église rappelle que la mission de l’État est d’assurer à chaque citoyen un régime de droit garantissant les libertés essentielles, excluant toute discrimination injuste, tout système de délation et tout arbitraire, en particulier dans le domaine de la justice et de la police. (2 Ch 19/7-7; Ec 5/8-9; Am 5/15-24; Rm 13/4)

Vil. Fondée sur la Bible, l’Église reconnaît en Israël le peuple que Dieu a élu pour donner un Sauveur au monde et pour être au milieu des nations un témoin permanent du mystère de sa fidélité. C’est pourquoi, tout en reconnaissant que l’État se trouve en face d’un problème auquel il est tenu de donner une solution, elle élève une protestation solennelle contre tout statut rejetant les juifs hors des communautés humaines. (Rm 11/1-36)

VIII. Dénonçant les équivoques, l’Église affirme qu ‚on ne saurait présenter l’inévitable soumission au vainqueur comme un acte de libre adhésion. Tout en acceptant les conséquences matérielles de la défaite, elle considère comme une nécessité spirituelle la résistance à toute influence totalitaire et idolâtre. (Ez 28/27; Dn 3 ; Mt 5/37; He 12/4)

Hier der Text als pdf.

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