Walter Lüthi, Ein Kapitel. Bibelarbeit über Josua 1 (1957): „Eine seltsame Waffe, Gottes Wort! Ein seltsamer Militär, dieser Josua! Ob ein solcher brauchbar wäre in den Heeresbeständen dieser Zeit und Welt? Sonst mag einem Truppenführer eingeschärft werden, er solle nicht von den Generalstabsplänen abweichen, nicht zur Rechten noch zur Linken; dem Führer Israels aber wird das unverdrossene Verharren an Gottes Wort eingeschärft und gesagt, « alsdann wird es dir gelin­gen ». Seltsamer Generalissimus, seltsamer Landeroberer, dieser Josua, dieser «Gott rettet»! Ob ein solcher bei den Russen, oder bei den Amerikanern, oder bei der neuen Deutschen Wehrmacht zählen würde?“

Ein Kapitel. Bibelarbeit über Josua 1

Von Walter Lüthi

1. Nach dem Tode Mose’s, des Knechts des Herrn, sprach der Herr zu Josua, dem Sohn Nuns, Mose’s Diener: 2. Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über diesen Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Kindern Israel, gegeben habe. 3. Alle Stätten, darauf eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose geredet habe. 4. Von der Wüste an und diesem Libanon bis an das große Wasser Euphrat – das ganze Land der Hethiter -, bis an das große Meer gegen Abend sollen eure Grenzen sein. 5. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. 6. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihren Vätern geschworen habe, daß ich’s ihnen geben wollte. 7. Sei nur getrost und sehr freudig, daß du haltest und tuest aller- dinge nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf daß du weise handeln mögest in allem, was du tun sollst. 8. Und laß das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kom­men, sondern betrachte es Tag und Nacht, auf daß du haltest und tuest allerdinge nach dein, was darin geschrieben steht. Alsdann wird es dir gelingen in allem, was du tust, und wirst weise han­deln können. 9. Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. 10. Da gebot Josua den Hauptleuten des Volks und sprach: 11. Gehet durch das Lager und gebietet dem Volk und sprecht: Schaffet euch Vorrat; denn über drei Tage werdet ihr über diesen Jordan gehen, daß ihr hineinkommt und das Land einnehmt, das euch der Herr, euer Gott, geben wird. 12. Und zu den Rubenitern, Gaditern und dem halben Stamm Manasse sprach Josua: 13. Gedenket an das Wort, das euch Mose, der Knecht des Herrn, sagte und sprach: Der Herr, euer Gott, hat euch zur Ruhe ge­bracht und dies Land gegeben. 14. Eure Weiber und Kinder und Vieh laßt in dem Land bleiben, das euch Mose gegeben hat, diesseits des Jordans; ihr aber sollt vor euren Brüdern her ziehen gerüstet, was streitbare Männer sind, und ihnen helfen, 15. bis daß der Herr eure Brüder auch zur Ruhe bringt wie euch, daß sie auch einnehmen das Land, das ihnen der Herr, euer Gott geben wird. Alsdann sollt ihr wieder umkehren in euer Land, das euch Mose, der Knecht des Herrn, gegeben hat zu besitzen diesseits des Jordans, gegen der Sonne Aufgang. 16. Und sie antworteten Josua und sprachen: Alles, was du uns ge­boten hast, das wollen wir tun; und wo du uns hin sendest, da wollen wir hin gehen. 17. Wie wir Mose gehorsam sind gewesen, so wollen wir dir auch gehorsam sein; allein, daß der Herr, dein Gott, nur mit dir sei, wie er mit Mose war. 18. Wer deinem Mund ungehorsam ist und nicht gehorcht deinen Worten in allem, was du uns gebietest, der soll sterben. Sei nur getrost und unverzagt.

«Ziehe über diesen Jordan in das Land» (2). «Du sollst diesem Volk das Land austeilen» (6). «In drei Tagen werdet ihr über diesen Jordan gehen, daß ihr hineinkommt und das Land einnehmt» (11). «Euer Gott hat euch zur Ruhe gebracht und dies Land gegeben» (13). « Der Herr wird eure Brüder auch zur Ruhe bringen wie euch, daß sie auch einnehmen das Land» (15). So geht es durch dieses Kapitel, durch dies ganze Buch hindurch um ein Land. Wir horchen auf, wenn wir aus der Bibel vernehmen, wie angelegentlich Gott sich auch um das Land interessiert, in dem seine Menschenkinder wohnen. Gott liebt die Menschen. «Gott ist die Liebe, er liebt auch mich.» Aber Gottes Liebe ist umfassender. Er liebt auch den Wohnort des Menschen, Gott liebt die Erde, den Weltraum. «Also hat Gott die Welt geliebt -» die Welt! Als Heinrich Heine den einst viel zitierten Spottvers schrieb: « Den Himmel überlassen wir/Den Engeln und den Spatzen», da tönte das frivol. Der Spott traf aber in Wirklichkeit nicht den Himmel, nicht Gott, sondern jene, der Bibel entfremdete Fröm­migkeit, die dieser Erde untreu geworden war, die nur darauf aus­ging, in den Himmel hineinzugelangen, während Gott will, daß wir Christen in die Welt hineinkommen. Daß es sich in Heines Vers um einen Protest handelt, der – ob Heine das wußte oder nicht – Gott auf seiner Seite hat, das geht aus jenem anderen Vers hervor, der lautet: «Ein neues Lied, ein beßres Lied/O Freunde, will ich euch dichten./Wir wollen hier auf Erden schon/Das Himmelreich errich­ten.» Geirrt hat Heine darin, daß er meinte, aus Treue zur Erde den Himmel veruntreuen zu müssen. Und wenn er sich der Illusion hingab, als wären wir Menschen es, die «hier auf Erden schon, das Himmelreich errichten» könnten, dann war das gewiß ein böser Irrtum. Aber in dem einen hat Heine recht: Die ganze Bibel Alten und Neuen Testaments offenbart uns einen Gott, welcher dieser Erde treu ist, einen dieser Erde zugetanen, zugewendeten, einen Gott, der «hier auf Erden schon das Himmelreich errichtet». Das ist der Gott, mit dem wir es nun auch und ganz besonders im Josuabuch zu tun haben, der Gott, der hier spricht: «Ziehe über diesen Jordan in das Land.» «Du sollst diesem Volk das Land austeilen.»

Das «Land» – was ist damit gemeint? Darüber stehen in den Mosesbüchern zwei Urworte von geradezu fundamentaler Bedeutung. Sie lauten: «Werdet ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein» (2. Mos. 19, 5). Das andere heißt: «Ihr sollt das Land nicht verkaufen; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste vor mir» (3. Mos. 25, 23). Beide Male steht im Urtext ein und dasselbe Wort, «ha’arez», Land. Aber das eine Mal bedeutet es die ganze Erde als Wohnort aller Völker, das andere Mal ist damit die «Erez Israel», der Wohnort des einen Eigentumsvol­kes gemeint, Kanaan, das« Gelobte Land». Beides aber ist Gottes Eigen­tum, sowohl die Erde als ganzes als auch Kanaan. Diese Doppelbedeu­tung ist so wichtig und aufschlußreich, daß wir gut tun, sie im Verlaufe unserer Auslegung dieses Kapitels sorgfältig im Auge zu behalten.

Wir haben uns im Josuabuch vorab mit dem «Gelobten Land», mit Kanaan, zu befassen. Damit stehen wir vor einem der großen Ge­heimnisse des göttlichen Waltens. Gott erhebt nämlich seinen Herr­schaftsanspruch über die ganze Erde und über alle Völker in der Weise, daß er sich zunächst scheinbar auf die Herrschaft über ein Volk beschränkt und scheinbar mit dem Besitz eines bestimmten kleinen Erdenflecks sich begnügt. So wie man einen Reisekoffer am Griff anfaßt, so wie man ein ganzes Gefäß am kleinen Henkel hebt und trägt, so wie man eine Birne oder einen Apfel am Stiel ergreift, so nimmt Gott von der ganzen Erde Besitz, indem er seine Hand zu­nächst auf jenen winzigen Erdenfleck legt, der uns im Josuabuch be­gegnet als das «Gelobte Land». Die Grenzen dieses Landes, auf das Gottes, für uns Menschen nicht begreifliche Auswahl gefallen ist, werden uns hier kurz beschrieben: «Von der Wüste an und diesem Libanon bis an das große Wasser Euphrat, bis an das große Meer gegen Abend sollen eure Grenzen sein» (4). Die große Wüste im Süden, das große Gebirge im Norden, der große Strom im Osten und das große Meer im Westen – da mitten hinein ist dieses Land der Länder eingebettet. Es ist das wahre Land der Mitte. Denn es liegt inmitten von Asien, Afrika und Europa. Es ist das Land des Südens und des Nordens und des Ostens und des Westens. Es grenzt an die zwei Hauptelemente aller geographischen Natur: das Meer und die Wüste. Es ist weder übermäßig fruchtbar noch übermäßig dürftig; es gewährt dem Menschen einen genügenden Ertrag seiner Arbeit, fordert aber seinen Fleiß (L. Ragaz, Die Bibel, eine Deutung).

Dieses Land zwischen Berg und Strom, zwischen Wüste und Meer hat Gott in seinem geheimnisvollen Auswahlverfahren schon zu der Erzväter Zeiten sich ausersehen und dem Abraham «gelobt», das heißt angelobt, versprochen. Dies einzigartige Versprechen wird spä­ter dem Moses ausdrücklich von Gott bestätigt und erneuert. Moses, der «Knecht des Herrn», führt das Volk im Vertrauen auf Gottes Versprechen bis dicht an die Grenzen des Landes. Dann ersteigt er den Berg Nebo, einsam, wie dieser Mann immer gewesen ist. Er «gemahnt uns an eins der edlen Tiere, die sich von ihrem Rudel entfernen, um allein zu sterben» (Buber, «Moses»). Man sieht vom Nebo aus die ganze Jordansenke und über sie hinaus, im Norden bei klarer Luft bis zum Schnee des Hermon, im Westen bis zu den Hügeln überm Mittel­meer. In dieses Land darf Moses hineinschauen – und – stirbt.

Das ist der denkwürdige Wendepunkt, an dem nun der Bericht unseres Josuabuches einsetzt, wenn er mit den Worten beginnt: «Nach dem Tod Mose’s, des Knechts des Herrn, sprach der Herr zu Josua, dem Sohn Nuns, Mose’s Diener» (1). Josua war bisher «Mose’s Diener». Ein Dreifaches wissen wir bereits von diesem Mann. Er hat seinerzeit die Amalekiterschlacht in der Wüste geleitet. Am Rande der Wüste war er darum einer der ausgesandten Kundschafter, er und Kaleb waren die einzigen, die vor den Riesen des Landes nicht erschraken und nicht schlapp machten. Wir vernehmen dort, daß Josua ein persönlich beherzter Mensch ist. Schließlich hat ihn Moses zu seinem Nachfolger bestimmt. Und Gott sagt ja zu dieser Wahl, das heißt, sie erfolgte zum vornherein im Einverständnis mit Gott, da­mals als «Gott mit Moses gesprochen hat von Angesicht zu Angesicht, so wie ein Mensch mit seinem Freunde redet». Und nun begibt sich das Wunder, daß Gott auch mit Josua spricht: « Der Herr sprach zu Josua» (1). Dieses Sprechen Gottes nun auch mit Josua ist das Zei­chen des göttlichen Einvernehmens mit der Anordnung seines ver­storbenen Knechts Mose.

Der Inhalt dieses Wortes, das nun an Josua ergeht, ist klar. Gott bestätigt Josua sämtliche, dem Vorgänger gegebenen Verheißungen; diese alle aber gipfeln in der Zusage des Landes. Im Zeitpunkt, da Gottes Wort an Josua ergeht, befindet dieser sich dicht am östlichen Ufer des Jordans. Zum Greifen nah, und doch durch die Wasser ge­schieden, winkt drüben das Land: «Mein Knecht Mose ist gestorben; so mache dich nun auf und zieh über diesen Jordan da, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Kindern Israel, gegeben habe» (2). Gott hat das Land den Kindern Israel gegeben. Es ist ihr Erbe. Das ist jetzt unwiderruflich und steht jetzt schon fest. Aber das Land, das Gott gehört und das nach Gottes Willen nun Israel, sein Volk, als Erbe antreten soll, ist nicht frei. Es befindet sich in fremder Hand, ist besetztes Gebiet. Was Gott dem Josua zusagt und befiehlt, das zugesprochene Erbe nun anzutreten, fordert darum bei Josua und seinem Volk einen ganzen illusionslosen Glauben heraus, einen Glau­ben, ohne zu schauen. Dazu braucht es Mut. Wir haben gehört, Josua, nach seiner bisherigen Tätigkeit Militär, sei keine besonders ängstliche Natur. Aber hier geht es um jenen Mut besonderer Art, um den Glaubensmut, also um die gleiche Art Mut wie seinerzeit bei Abraham, der Gott glaubt, aus dem Glauben heraus Gott gehorcht und sich aufmacht in das Land, das Gott ihm zeigen will. Wird Josua diesen Glauben auch haben? Der Ruf, daß dieser Militär zu den Glaubenden gehört, geht ihm deutlich und ausdrücklich voraus. Schon in den vorangehenden Mosesbüchern lesen wir von ihm be­zeichnenderweise nicht nur, daß er das Kriegshandwerk versteht, sondern, und das ist zu beachten, daß er ein Geistlicher ist: «Josua, ein Mann, in welchem der Geist war», so heißt es von ihm (4. Mos. 27, 18). Und nicht in erster Linie, weil er Militär ist, sondern weil er ein Hirte, ein Mann des Geistes und des Glaubens ist, traut Gott ihm zu, daß er das Volk wird ins Land führen können: «Er ist der Mann, welcher vor ihnen her aus- und einziehe, und der sie aus- und einführe, daß die Gemeinde Jehovas nicht sei wie die Schafe, die keinen Hirten haben» (4. Mos. 27, 17). Vor allem aber aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang der Name dieses Mannes. Josua, das heißt «Jahweh ist Retter», Gott ist Retter. Weil Gott Josua rettet, darum wird er die Eigenschaften besitzen, die er als Eroberer des Landes brauchen wird. Und nun ist es herzbewegend, wie eindring­lich Gott diesem Mann, diesem Josua, diesem «Gott rettet», Glau­bensmut und Getrostheit zuspricht. Gott weiß, daß auch und gerade ein Josua der Tröstung bedarf. Kein Fußbreit von dem feindbesetzten Land soll in dessen Besitz bleiben: «Alle Stätten, darauf eure Fuß­sohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose geredet habe» (3). Und Gott weiß, daß die Größe des zu erwartenden Wider­standes nicht ohne erschreckenden, ja lähmenden Eindruck auf Josua sein wird. Darum spricht er ihm zu: «Es soll dir niemand wider­stehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen», das heißt, ich will wahrhaftig dein und deines Volkes Retter sein, wie dein Name es sagt (5). «Darum», fährt Gott fort: «sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihren Vätern geschworen habe, daß ich’s ihnen geben wollte» (6). «Getrost und unverzagt», wörtlich heißt es «fest und stark». Das ist kaum die Stärke von Halb- oder Ganz-Starken! Es ist, als hörte man hier zwischen hindurch die verheißungsvolle Ermahnung des Apostels an die Epheser: «Zuletzt, liebe Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke» (Eph., 6.10).

Daß es sich um diese besondere Stärke und Getrostheit des Glau­bens handelt, wird gleich völlig klar. Gott zeigt jetzt nämlich dem Josua die Waffenrüstung, deren er sich im bevorstehenden Kampf ums Land bedienen soll. Es ist nicht irgendeine der Superwaffen, auf welche die Großmächte dieser Welt ihr Vertrauen zu setzen pflegen, es ist das «Schwert des Geistes, das Wort Gottes»; auch ein Geheimnis, aber ein besseres, als alle verruchten Geheimwaffen die­ser Welt. Er soll sich ans Wort Gottes halten, das ist damals das «Gesetz Moses». Daran soll er bleiben, so wie Luther seine oft an­gefochtene und abgekämpfte Gemeinde zur Bitte angehalten hat: «Erhalt uns Herr, bei deinem Wort.» Beim Wort verharren bis ans Ende soll, ja darf Josua, « nicht davon weichen, weder zur Rechten, noch zur Linken». Dieses Buch soll er «nicht von seinem Munde kommen lassen», er soll es «betrachten Tag und Nacht» und soll das, was darin steht, «halten und tun». «Alsdann wird es dir ge­lingen in allem was du tust, und wirst weise handeln können. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst» (7-9). Eine seltsame Waffe, Gottes Wort! Ein seltsamer Militär, dieser Josua! Ob ein solcher brauchbar wäre in den Heeresbeständen dieser Zeit und Welt? Sonst mag einem Truppenführer eingeschärft werden, er solle nicht von den Generalstabsplänen abweichen, nicht zur Rechten noch zur Linken; dem Führer Israels aber wird das unverdrossene Verharren an Gottes Wort eingeschärft und gesagt, « alsdann wird es dir gelin­gen ». Seltsamer Generalissimus, seltsamer Landeroberer, dieser Josua, dieser «Gott rettet»! Ob ein solcher bei den Russen, oder bei den Amerikanern, oder bei der neuen Deutschen Wehrmachtzählen würde?

Und doch geht es hier nicht etwa um ein Abbiegen auf eine innere Linie, nicht um einen pazifistischen Rückzug in ein reines Reich des Geistes, es geht, wie wir gleich sehen werden, um die Vertreibung einer Besetzungsmacht, um ein geschichtsmäßiges Hervortreten und Eingreifen Gottes, um die wirkliche Eroberung eines Landes, um einen Vorgang, den die bisherigen Bewohner des Landes als Invasion empfinden und erleiden. Als Jahrhunderte später, nach der Rückkehr Israels aus dem Babylonischen Exil, das Judentum neu konstituiert wurde, da wurden ihm die Bücher Mose, zu denen damals auch noch Josua gezählt wurde, als Verfassungsgrundlagegegeben, und die Ver­fassung wurde vom Perserkönig Artaxerxes I. anerkannt, aber unter der Bedingung, daß das Josuabuch abgetrennt werde (W. Vischer: «Das Christuszeugnis im Alten Testament»). Der Perserkönig emp­fand also dieses Josuabuch als einen unbefugten Eingriff in seine Politik und als eine Gefahr für seine Pläne, und das nicht ohne Grund. Artaxerxes wollte in Israel, wie das die Männer der Politik zu allen Zeiten möchten, eine bloß religiöse Gemeinschaft sehen. Gott aber trennt das Buch Josua nicht ab und gibt es nicht preis. Denn Gott ver­zichtet weder aufs Land noch auf seinen Herrschaftsanspruch über dasselbe. Gott will weder den Himmel den Engeln und den Spatzen überlassen noch die Erde den Menschen und den Mächten. Das Land ist sein, und die ganze Erde gehört ihm: «Der Herr ist Gott – der Herr ist Gott!» (Losungswort des Kreiskirchentages 1957.)

Darauf trifft Josua sofort die nötigen Vorbereitungen zur Über­querung des Jordans und zur Eroberung des Landes. Eine Sofort­maßnahme, die einigermaßen entfernt militärischen Charakters sein könnte, ist der Befehl: «Schaffet euch Vorrat» (10, 11). Seltsam be­rührt jene zweite Verfügung, die Josuas Vorgänger schon getroffen hat, und die Josua jetzt von Moses übernimmt: Es sollen nicht alle zwölf Stämme über den Jordan ziehen. Der Stamm Ruben, Gad und die Hälfte des Stammes Manasse sollen im Ostjordanland Zurück­bleiben. Dort «will der Herr, ihr Gott, sie zur Ruhe bringen» (13). Nur die waffenfähigen Männer dieser zweieinhalb Stämme sollen zunächst Frauen und Kinder und Vieh verlassen, mitkommen und bei der Einnahme des Landes mithelfen, «bis daß der Herr eure Brüder auch zur Ruhe bringt wie euch, daß sie auch einnehmen das Land. Alsdann sollt ihr wieder umkehren in euer Land» (12-15). Wenn das eine Maßnahme militärischer Art wäre, Frauen, Kinder und Vieh schutzlos den Feinden zu überlassen, sich selber jeglicher Rücken­deckung und jeglichen Flankenschutzes zu entblößen, dann wäre sic zum mindesten fragwürdig. Aber wir sollten nun doch nachgerade gemerkt haben, daß diese Landeroberung ein Vorgang sein wird, der zwar ein Krieg ist, aber gleichzeitig alle unsere Vorstellungen von kriegerischer Landeroberung sprengt. Es ist eine wirkliche «dróle de guerre», ein gar « w underlicher Krieg». Der Sinn dieses wunderlichen Feldzuges, zu dem diese Männer nun angetreten sind und zu dem sic Josua Treue und Gefolgschaft auf Tod und Leben geloben (16-18), ist, das Land einzunehmen, das als Erbe Gottes schon ihnen gehört, und darin zur Ruhe zu kommen. Dies Ziel ist, wie Josua spät er fcststellt, erreicht worden, wenn er gegen Ende des Buches sagt: «Euer Gott hat selber für euch gestritten» (23, 3), und «ihr sollt wissen von ganzem Herzen und von ganzer Seele, daß nicht ein Wort gefehlt hat an all dem Guten, das der Herr, euer Gott, euch verheißen hat. Es ist alles gekommen und keins ausgeblieben.» Kanaan ist tat­sächlich erobert worden (23, 14). Aber, ist das alles? so fragen wir jetzt, und mit Recht. Die Eroberung des «Erez Israel», dieses kleinen Landes, ist ja doch nur das kleine Nahziel Gottes, das auf ein größeres Fernziel hinweist, und das ist, und das wäre die Besetzung aller Län­der, die Gottesherrschaft über die ganze Welt. «Ein neues Lied, ein beßres Lied/O Freunde, will ich euch dichten./Wir wollen hier auf Erden schon/Das Himmelreich errichten.» Das ist jetzt nicht mehr Gedicht, das ist Gottes Plan, die Errichtung des Reiches Gottes auf Erden. Wir fragen, ist am Ende jenes rätselhafte Draußenbleiben der zweieinhalb Stämme jenseits des Jordans ein erster Fingerzeig auf diese geplante Ausweitung der Königsherrschaft Gottes über alle Länder der Erde?

Fast anderthalb Jahrtausende, nachdem dort jenseits des Jordans die Eroberung des Landes Kanaan dem Josua angekündigt und ge­boten wurde, ereignet es sich, daß vom Himmel her eine zweite Invasion und ein «zweiter Josua» (Wilhelm Vischer: «Das Christus­zeugnis», Band II) angekündigt wird: «Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen – der wird König sein über das Haus Jakob ewiglich, und seines König­reiches wird kein Ende sein» (Luk. 1). Josua, «Gott rettet», und Jesus, das ist ein und derselbe Name. Und beides ist auch da wieder beisammen. Der Herrschaftsanspruch auf das Land Kanaan («Haus Jakobs») und auf die Länder der Erde. Und seltsam, auch diese Land­eroberung nimmt ihren Anfang wieder an den Ufern des Jordans. Und auch für diesen zweiten Josua, für diesen Jesus, ist das «Gelobte Land» wieder besetztes Gebiet. So total besetzt, daß schon bei Christi Geburt «kein Raum in der Herberge» für ihn vorhanden ist, buch­stäblich jeder Fußbreit ist schon besetzt: «Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf» (Joh. 1). Und dieser zweite Josua der Eroberer durchschreitet anläßlich der Johannestaufe den Jordan und nimmt das Land ein, durchwandert es vom Norden zum Süden und von Ost nach West, zieht durch die Städte und Märkte, lehrt, heilt, und proklamiert das Reich, die Gottesherrschaft über das Land, das ihm gehört. Und er sendet seine Zwölf, er sendet seine Siebzig aus, das Land einzunehmen, denn «alle Stätten darauf eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben» (Jos. 1, 3). Es ist ein friedlicher Krieg, eine Invasion des Friedens, nicht einmal mit einem Stab zur Abwehr der Hunde sind diese seltsamen Eroberer be­waffnet. Und doch ist auch das noch einmal ein blutiger Krieg ; schrecklicher als je auf Erden floß bei dieser Besitznahme des gött­lichen Erbteils Blut. Es kam, wie es in Luthers mächtigem Osterlied heißt: «Es war ein wunderlich Krieg,/da Tod und Leben rungen./ Das Leben behielt den Sieg,/es hat den Tod verschlungen./Die Schrift (Hosea!) hat verkündet das,/wie ein Tod den andern fraß;/ein Spott der Tod ist worden./Halleluja.» So hat der zweite Josua das Land Kanaan eingenommen, indem er «Tag und Nacht nicht vom Wort Gottes wich, weder zur Rechten noch zur Linken». Kein Tüttel des Gesetzes hat er fallenlassen, so ganz hat er das Gesetz des Vaters erfüllt, noch sterbend am Kreuz « blieb sein Mund am Buche dieses Gesetzes». Und dann – als Ostersieger – sendet er seine Boten hinaus, indem er seinen Herrschaftsanspruch über alle Länder der Erde wiederholt: «Gehet hin, und machet zu Jüngern alle Völker.» So will Gott «hier auf Erden schon/Das Himmelreich errichten».

Und siehe! genau an dem Punkt, wo wir bei Josua stehenblieben, fährt dann im Neuen Testament die österliche und pfingstliche Apostelgeschichte weiter. Die Apostelgeschichte ist sozusagen das neutestamentliche Josuabuch. Dort lesen wir im ersten Kapitel: « Die aber, so zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du aufrichten das Reich Israel?» Und er antwortet: «Ihr werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde» (Apg. 1). Kanaan und die Welt, das Gelobte Land und alle Länder der Erde, sie sind Gottes Erbteil und sollen von Gottes Knechten und Kindern in Besitz ge­nommen werden. Und wie der Knecht Paulus das letzte Mal in Jerusalem weilt, nachdem sie ihn dort auf dem Tempelplatz niedergeschrieen und zu Boden geprügelt haben, bricht Paulus in der Nacht darauf zusammen. Da heißt es: «Des andern Tages in der Nacht stand der Herr bei ihm und sprach: Sei getrost, Paulus! denn wie du von mir zu Jerusalem Zeugnis abgelegt hast, also mußt du auch in Rom Zeugnis ablegen» (Apg. 23). Jerusalem und Rom, das Land und alle Länder! Ist es nicht, als hörten wir Gott zu Josua sprechen, wenn nun der Auferstandene zu seinem verzagten Apostel sagt: «Sei getrost, Paulus!» – Sei nur getrost und unverzagt, sei fest und stark: «Alle Stätten, darauf eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben!»

Der Weg der Gemeinde Christi hinaus in die weite Völkerwelt sowohl wie auch durchs eigene Volk und Land ist seither, bis auf den heutigen Tag, ein gar «wunderlicher Krieg», denn er führt «durch viele Trübsale ins Reich Gottes». Dieser Weg führt nicht nur durch den Jordan, aber er führt durchs Sterben Christi hindurch zum Sieg. Der Apostel beschreibt darum den Kampf der Gemeinde mit dem Wort: «Wir tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesu an unserem Leibe, auf daß auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterb­lichen Fleisch.» Es sind somit seltsamerweise die Wehrlosen und Kleinen, die Unterlegenen und Besiegten, denen in diesem Erobe­rungsfeldzug der Sieg verheißen ist. Gottes Wort ist ihre Waffen­rüstung. Die Gemeinde ist das «Volk der Elenden, über die alle Wetter gehen» (Anspielung auf die Losung des Tages). Das soll uns also keineswegs erschrecken und befremden. So steht es schon im 37. Psalm, wo es heißt: «Die aber des Herrn harren, werden das Land erben» (Ps. 37, 9). «Aber die Sanftmütigen werden das Land erben» (Ps. 37, 11).« Die von ihm Gesegneten erben das Land» (22). «Die Gerechten erben das Land und bleiben ewiglich darin» (29). «Harre auf den Herrn und halte seinen Weg, so wird er dich erhöhen, daß du das Land erbest» (34). So lautet die fünffache Verheißung dieses Psalmes. Und es ist Christus, der König des Landes und der Herr aller Länder, der diese fünffache Verheißung des 37. Psalms zusammenfaßt in das eine denkwürdige Wort: «Selig sind die Sanft­mütigen, denn sie sollen das Erdreich besitzen.» Es war ein Russe, und die Worte waren zuerst in russischer Sprache geschrieben, es war Dostojewski, der an diese Eroberung der Welt durch die Sanftmütigen glaubte, indem er den Mönch und Staretz Sossima in den «Brüdern Karamasoff» die Worte aussprechen läßt: «Die demütige Liebe ist eine furchtbare Kraft; sie ist die allergrößte Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht» (Karamasoff 11, p. 644, Piper). So sind es die Sanft­mütigen, die zum Leiden und Sterben Bereiten, die Menschen der «demütigen Liebe», die Träger dieser «furchtbaren Kraft, die die allergrößte Kraft ist, ihresgleichen gibt es nicht auf Erden» – sie werden das Erdreich besitzen. Man traut seinen Ohren kaum, aber wir haben recht verstanden; so steht es geschrieben: «Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen» – das Land – das Erdreich!

Gehalten in der Kirche am Südstern, anläßlich des Kreiskirchentages in Berlin, Herbst 1957.

Quelle: Gottesdienst – Menschendienst. Eduard Thurneysen zum 70. Geburtstag am 10. Juli 1958, Zollikon: Evangelischer Verlag, 1958, S. 209-219.

Hier der Text als pdf.

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