Die Taufe Jesu nach Matthäus 3,13–17 (vgl. Mk 1,9–11; Lk 3,21f.)
Von Julius Schniewind
13 Damals kommt Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, daß er sich von ihm taufen ließe. 14 Der aber wehrte ihm und sprach: Ich bedarf, daß ich von dir getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: 15 Laß (es) jetzt (geschehen), denn so geziemt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er ihn. 16 Als aber Jesus getauft war, sogleich als er aus dem Wasser stieg, siehe, da öffneten sich ihm die Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabschweben und auf ihn kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen fand.
V.17 vgl. Jes 42,1; Ps 2,7.
Der Bericht über die Taufe Jesu gleicht in seinem Grundzug dem des Markus; nur das Gespräch zwischen Jesus und dem Täufer (V.14f.) ist eine Erweiterung des Markus-Berichts. Jesus, so berichten beide, schaut, da er aus dem Wasser steigt, den Geist in der Gestalt einer Taube, und er hört eine Stimme, die ihm zuspricht, daß er Gottes Sohn sei. Eine Schauung (Vision) ist das in V.16 Berichtete, auch bei Matthäus Die Überlieferung einiger wichtiger Handschriften liest zwar „und siehe, da öffneten sich die Himmel“, so daß hier nicht von Jesu Schauen allein gesprochen würde, sondern von einem Vorgang, den alle hätten sehen können. Aber diese Lesart wird eine Änderung des ursprünglichen Berichts sein: man wollte die Erscheinung des Geistes möglichst „objektiv“ darstellen, so also, daß nicht Jesus allein der Schauende ist. Doch spricht der Text ausdrücklich nur davon, daß Jesus den Geist, einer Taube gleich, herabkommen sieht. Erscheint auch uns solch ein Schauen als etwas „Subjektives“? Aber das Alte Testament erzählt ähnliche Schauungen von den Propheten, und diese Schauungen unterscheiden sich von den ähnlichen Erscheinungen in der Frömmigkeit aller Völker und aller Zeiten. Überall in der Welt suchen Menschen in außergewöhnlichen Erlebnissen des Schauens und des Hörens der Gottheit unmittelbar zu begegnen; das Schauen und das Hören selbst wird der Beweis dafür, daß der betreffende Mensch ein begnadeter, ein göttlicher ist. Anders in der Bibel. Hier sind alle besonderen Erscheinungen und Stimmen, die den Propheten und Aposteln zuteil werden, nie als solche ein Beweis für die Gegenwart Gottes; sie sind vielmehr Mittel, deren sich Gott bedient, wenn seine Taten in die Welt hineingreifen. Das subjektive Moment tritt ganz zurück. Dennoch gilt die Erscheinung nur Jesu allein, ihm öffnet sich der Blick in die „neue Welt Gottes“, den zukünftigen Äon, nicht allen Unbeteiligten; denn es geht lediglich um das, was Gott an Jesus tut.
Nur die Fassung der Taufstimme in V.17 klingt mehr „objektiv“ als in Mk 1,11. Bei Markus wendet sich das Wort an Jesus allein: „Du bist mein geliebter Sohn“; bei Matthäus ist es eine Ankündigung für alle, zunächst die Leser des Buches: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ Aber auch Markus wollte kein „Erlebnis“ Jesu schildern, sondern die feierliche Zusage Gottes kundgeben, mit der Jesus zum Werk berufen wird.
Ebenso wie bei Markus besteht Gottes Tat in der Taufe Jesu darin, daß ihm die Sohnschaft und Gottes Wohlgefallen zugesprochen werden, und daß der Geist Gottes auf ihn kommt. Gottes Sohn in besonderem Sinne heißt schon im Alten Testament der Messias, der Gotteskönig, der die neue Weltordnung Gottes bringt. Es ist dies zunächst ein Würdename, ähnlich wie in aller Welt mächtige Herrscher als Gottessöhne bezeichnet werden. Doch unterscheiden sich schon die Messias-Sprüche des Alte Testament aufs stärkste von dem, was sonst von mächtigen Herrschern gesagt wird. Nirgends im Alte Testament ist die Herrscherwürde als solche ein Beweis der Gottessohnschaft, der Gott-Gleichheit in Macht und Weisheit. Vielmehr beruht die Gottessohnschaft des Messias auf Gottes freier Wahl (2.Sam 7,14; Ps 89,27f.; Ps 2,7): Gottes Wohlgefallen ruht auf ihm.
Der Ausdruck „Gottes Wohlgefallen“ stammt aus Jes 42,1. Hier wird von dem Gottesknecht, den Deuterojesaja beschreibt, gesagt, daß Gott ihn erwählt, an ihm Wohlgefallen hat, ihm seinen Geist gibt. Diese verschiedenen Ausdrücke meinen ein und dasselbe: der Knecht Gottes ist der, in dem die Gegenwart Gottes erscheint, der Geist (s. zu V.11); er ist der, den Gott liebt vor allen anderen, denn er erfüllt Gottes Rat an Israel und an allen Völkern (Jes 42,4), erfüllt ihn durch Sterben und Auferstehen (Jes 53).
Was in unserm Taufwort nur angedeutet wird, das wird in den ganzen Evangelien entfaltet: Jesus ist der Träger des Geistes Gottes, er ist der König Gottes und zugleich der leidende Gottesknecht. Er ist der, der in allem Gottes Wohlgefallen hat (Joh 8,29), der in allem Gottes Willen tut (Joh 4,34; 5,30; Mk 14,36 Par.).
Widerspricht die Taufgeschichte der Geburtsgeschichte? In der Geburtsgeschichte wird gesagt, daß der Geist Gottes sein Sein und Leben Jesu von allem Anfang an bestimmt; in der Taufgeschichte scheint es ein bestimmter Augenblick zu sein, in dem sich der Geist Gottes mit Jesus verbindet. Der Geist Gottes kommt von oben her, ist Gottes Schöpfungsmacht, und die Taufe wäre also der Augenblick, in dem Gott sich den Menschen Jesus als Werkzeug erwählt. Doch würde bei dieser Auffassung ein scharfer Bruch in Jesu Leben vorausgesetzt, ähnlich wie wir es von Paulus, von Augustin, von Luther kennen. Aber nichts in Jesu Worten läßt solchen Bruch auch nur vermuten, und die Art, wie Jesus von dem aus ihm wirkenden Geist Gottes spricht (Mk 3,29; Mt 12,28f.), sagt das Gegenteil. Das Neue Testament insgesamt redet in dreifacher Form von Jesus als dem Träger des Geistes Gottes. Er ist der Geistträger als der Erhöhte (Apg 2,33 u.ö.); er ist schon in seinem Wirken auf Erden vom Geist Gottes ganz erfüllt (Mk 3,24; Joh 3,34 u.ö.); er ist von allem Anbeginn durch den Geist Gottes bestimmt (Geburtsgeschichte). Diese Dreiheit wird nicht als ein Widerspruch empfunden (s. zu Lk 3,21f.), es zeigt sich hierin vielmehr, daß die ersten Christen die Gegenwart Gottes wirklich in Jesu Person und Leben, in seinem Geborenwerden, Wirken, Sterben und Auferstehen sahen. Es ist die Geschichte eines einzigartigen Lebens, in dem Gottes Gegenwart, Gottes Geist unter uns Menschen erscheint. Gottes Geist ist also keine „Idee“, kein Gedankending jenseits dessen, was auf Erden unter uns Menschen geschieht, sondern er ist eine Wirklichkeit, die in menschlicher Geschichte erscheint, in der Geschichte des Einen, der von Gott stammt und als der Erhöhte herrscht, aber ein Mensch war, der verborgene König Gottes, der gehorsame leidende Gottesknecht.
Die Eigentümlichkeit des Berichtes bei Matthäus liegt in den Versen 14f. Sie sagen mit ausdrücklichen Worten, was Markus und Lukas als selbstverständlich voraussetzen, daß nämlich Jesus nicht als Sünder zur Taufe kommt, wie die anderen, denen die Taufe die Umkehr zu Gott bedeutet. Der Sinn der Taufe Jesu ist vielmehr der, daß er „alle Gerechtigkeit erfüllt“; dies ist’s, was ihm „geziemt“. Die Rechtsordnung Gottes besteht darin, daß der Messias, der Gotteskönig, sich zu seinem Volk hält, daß der Knecht Gottes für die „Vielen“ eintritt (Jes 53,12). Jesus stellt sich mit denen zusammen, die Sünder sind. Dies war schon der Sinn der Überlieferung von Mt 1; es ist der Sinn der Erzählungen von Jesu Helfen und Vergeben, wie sie durch alle Evangelien gehen und bei Matthäus uns von Kap. 8 an begegnen. Dort wird gleich an den Anfang eine Stelle aus Jes 53 gestellt (Mt 8,17): Er hat unsere Schwachheiten auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen; ebenso wird in Mt 12,17–21 das ganze Erdenleben Jesu unter Jes 42,1–4 gestellt, unter das Wort also, das in der Erzählung von der Taufe schon anklingt; da wird gesagt, daß der Gottesknecht, der Gott Wohlgefällige, sich zu den Zerbrochenen neigt.
In V.14 liegt eine Schwierigkeit. Kennt der Täufer Jesus schon? Oder ist gemeint, daß er es unmittelbar aus der Begegnung mit Jesus merkt, wer dieser ist? Und wenn der Täufer um Jesu Würde weiß, warum gibt er seine Taufe nicht auf und wird Jesu Jünger? Man löst diese Frage vielfach so, daß man hier eine nachträgliche Überlegung der ältesten christlichen Gemeinde findet: die Gemeinde meinte, daß der Täufer mit Jesus nicht anders habe reden können, als sie selbst von Jesus dachte. Die Schwierigkeit aber, die man mit dieser Lösung überwinden will, bleibt in jedem Fall bestehen. Denn die Tatsache, daß Jesus von Johannes getauft worden ist, steht unbedingt fest, und sie bedeutete für die erste Christengemeinde eine Schwierigkeit (s. zu Mk 1,9); ebenso sicher aber ist die Tatsache, daß Jesus von Anfang an selbständig neben dem Täufer steht, und Johannes (Joh 3,22f. u.ö.) wird recht darin haben, daß Jesus und der Täufer zunächst nebeneinander gewirkt haben. Weshalb und wieso grenzt sich Jesus vom Täufer ab? Unsere Stelle, das Joh.-Evangelium (1,29ff.; 3,22ff. u.ö.) und Mt 11,2–19 geben Antworten auf diese Frage. Wenn Johannes weiter wirkt, obwohl er um Jesu Würde weiß, so könnte das mit dem zu Mt 3,2ff. bzw. 11ff. Erörterten Zusammenhängen: Johannes‘ Verkündigung und Taufe bereitet auf den künftigen Weltenrichter vor, und diese Vorbereitung geht weiter, auch wenn der Kommende, geheim und verhüllt, schon erschienen wäre. Denn was Jesus auf Erden ist, entspricht keineswegs dem, was Johannes (3,11f.) verkündete, und gerade an diesem Zwiespalt setzt dann (Mt 11,3) der Zweifel ein. Darum steht der Bericht von diesem Zweifel des Täufers (Mt 11,2ff.) nicht im Widerspruch zu unserer Stelle hier – im Gegenteil.
Aber es ist nicht sehr wichtig, wie man sich den Geschichtsverlauf im Einzelnen denken mag. Einerlei, ob die christliche Gemeinde oder der Täufer oder Jesus selbst es ausspricht: die Beziehung zwischen der Verkündigung des Täufers und dem, was Jesus ist, bleibt stets die Beziehung zwischen Erwarten und Erfüllung, und die Erfüllung bleibt auf jeden Fall, auch für Johannes selbst, der die Erwartung verkörpert und vergegenwärtigt, ein Anstoß, ein Ärgernis (Mt 11,6). Dennoch gehört die Verkündigung und Taufe des Johannes unbedingt und notwendig zu dem, was Jesus sagt und ist, s. zu Mk 1,2ff.; Mt 11,7ff.
Quelle: Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus übersetzt und erklärt (1936), NTD 2, Göttingen 111964, S. 25-28.