Euch ist heute der Heiland geboren (Weihnachten 1941)
Von Karl Barth
Die Redaktion von «Du» hat mich eingeladen, für dieses Heft «die eigentliche, ernste Weihnachtsbetrachtung» zu schreiben, damit neben all dem Schönen, Interessanten und Nachdenklichen, was es bringt, auch «die Kirche mitten im Dorf» stehe. «Eigentlich» — damit ist wohl gemeint: etwas, was in klarer Beziehung steht zum Sinn, Gegenstand und Inhalt des Weihnachtsfestes. Und «ernst» bedeutet, wenn ich recht verstehe: etwas, was in ebenso klarer Beziehung steht zu der rauhen und entsetzlichen, aber auch wunderbaren Wirklichkeit unseres Lebens [425] als Menschen des Jahres 1941. Viele ziehen es vor, die Weihnacht ohne «eigentliche und ernste Weihnachtsbetrachtung» zu feiern. Ich bin aber im stillen überzeugt, daß die meisten und im Grunde alle es lieber anders hätten.
Das uns allen bekannte und doch auch fremde Wort aus der Weihnachtsgeschichte sei an die Spitze gestellt: Euch ist heute der Heiland geboren! [Lk. 2, 11]. Es redet für sich selber. Wenn einer dieses Wort wirklich zu sich reden läßt, dann übt er sicher von selber die eigentliche, ernste Weihnachtsbetrachtung. Was ich dazu sagen möchte, soll nur ein Versuch sein, dem einen und anderen zu helfen, darüber nachzudenken.
Daß der Heiland geboren ist, das ist das «Eigentliche» an der Weihnacht. Es ist das, worauf alle Weihnachtskunst in Musik, Bild und Wort und alle feine oder auch weniger feine Weihnachtsfreude hinzielen. So daß man allerdings nicht wissen kann, was nun eigentlich los ist und was man tut, wenn man Weihnacht feiert, nimmt man dies nicht zur Kenntnis: daß der Heiland geboren ist! Der Heiland ist der Helfer. Sind wir nicht hilflos, wenn wir auf die Welt kommen, und hilflos, wenn wir sie wieder verlassen? Es gibt ein altes Kirchenlied, in dem heißt es (wir werden die Strophe im neuen Schweizer Kirchengesangbuch wieder singen dürfen, wie sie gedichtet wurde):
Nackend lag ich auf dem Boden,
Da ich kam,
Da ich nahm
Meinen ersten Odem;
Nackend werd ich auch hinziehen,
Wann ich werd
Von der Erd
Als ein Schatten fliehen. [426]
Was für ein Wahn, daß wir uns auf dem Weg von hier nach dort, den man das Leben nennt, selber helfen könnten! Von hier aus verstehen wir, wer und was der Heiland ist: auch er geboren wie wir und gestorben, wie wir sterben werden — in der Hilflosigkeit, aber dazu geboren und gestorben als Gottes Sohn, um uns — unser Leben, unsere Geburt und unseren Tod und diese unsere ganze Welt — über den Abgrund des Nichts hinweg und zu Gott zu tragen, damit dieses Ganze von Gott mit Leben und ewiger Herrlichkeit bekleidet werde. So hilft er uns. Er ist der radikale, der totale Helfer. Daß er geboren ist, das zeigt an, daß er kein Gedankengebilde ist, keines von den Kunstwerklein unserer Einbildung, mit denen wir uns helfen möchten und radikal und total, wie wir es möchten, doch nicht helfen können. Seine Hilfe ist so nüchterne Realität wie seine Geburt zu bestimmter Zeit an bestimmtem Ort und wie nachher sein Sterben. Niemand greift ins Leere, der nach ihm greift. Und daß er geboren ist, das zeigt auch dies an, daß sein Helfen schon vollbracht und geschehen ist für alle Zeit, für alle Weltzeiten und alle Lebenszeiten, ein Datum, mit dem alles anfängt und das nicht mehr auszulöschen ist. Ein jeder und die ganze Welt darf ihn als den Helfer erwarten, der längst gekommen und auf dem |15| Plan und vor Gott für uns am Werke ist. Das «Eigentliche» an der Weihnacht ist also diese Person und ihr Werk. Man kann sie gewiß übersehen und vergessen. Man kann sich gewiß so stellen, als ginge uns der Heiland, der nun einmal geboren ist, nichts an. Man kann gewiß vorschützen, daß man das, was er ist, will und tut (obwohl es doch so einfach ist!) nicht verstehe. Man muß dann freilich bei allem künstlerischen und menschlichen Glanz eine im Mittelpunkt leere Weihnacht haben. Und wo die Weihnacht leer ist, wird es wahrscheinlich so sein, daß auch das ganze Jahr vorher leer gewesen ist und daß das Jahr nachher wieder leer sein wird. Unsere Weihnacht und unsere Jahre können und dürfen aber gefüllt sein mit Mut, Trost und guter Hoffnung, wenn wir den radikalen, den totalen Helfer sehen, der in jener Mitte steht: das hilflose Kindlein, den zuletzt hilflos am Kreuz Getöteten, und der nun gerade der König ohnegleichen ist. [427]
Euch ist heute der Heiland geboren. Beachten wir jetzt diese Worte, dann sehen wir, was es mit dem «Ernst» der Weihnacht auf sich hat. Ernst ist das, was gilt und Bestand und praktische Bedeutung hat. Das Wort «euch» meint mit den Hirten auf dem Feld, zu denen es einst gesagt wurde, uns — uns Menschen, ohne Unterschied des Volkes, des Standes und der Gesinnung, Gute und Böse, Glückliche und Unglückliche, Zufriedene und Unzufriedene: alle miteinander und einen jeden im ganz besonderen ohne Ausnahme. Und das Wort «heute» meint unsere Gegenwart wie jede frühere und künftige, das Jahr 1941 mit allen seinen Schrecken und Rätseln wie das letzte und wie das nächste Jahr, weil der Tag, an dem es zuerst gesagt wurde, der Tag aller Tage ist: der Tag, der alle vergangenen und künftigen Tage in sich schließt. Heute aber ist unser Tag, und ist es uns gesagt: Der Heiland ist geboren. Wir müssen, um den Ernst dieser Sache zu verstehen, vor allem schlicht daran denken, daß das unabhängig davon, wie wir uns dazu stellen, wahr ist: wahrer als dies, daß zwei mal zwei vier ist. Hoch über allem Glauben und Unglauben, Verstehen und Nichtverstehen, Erleben und Nichterleben, das unser Teil sein mag, ist es beschlossen und geschehen: Euch ist heute der Heiland geboren. Daß die Welt wieder einmal aus allen Fugen zu gehen scheint (weil wir wahrhaftig danach sind und es offenbar so haben wollen), das ist wohl wahr. Es ist aber, ob wir es wissen und zugeben oder nicht, noch wahrer, daß eben diese unsere Welt in ihrer ganzen Bosheit und in ihrem ganzen Elend durch den Heiland, der heute geboren ist, getragen und durch alle Gerichte und Finsternisse hindurch Gott entgegengetragen wird. Daß jemand ein «Atheist» sein und ein anderer in einem Gottesglauben eigener Erfindung leben will, das mag für ihn und andere sehr interessant sein. Er sehe zu, was daraus wird. Es ist aber für ihn und andere noch wichtiger, daß es auch für ihn unbeweglich gilt und gesprochen ist: Euch ist heute der Heiland geboren! Gegen objektive Tatsachen ist nicht viel zu machen. Und hier ist die objektivste aller Tatsachen. Das ist der Ernst der Weihnacht. Ihm entsprechend gibt es nun aber auch eine «Kirche mitten im Dorf»: eine besondere Stätte mitten unter all den anderen Stätten menschlichen Sinns und Unsinns, die den einzigen Zweck hat, dies: daß «euch heute der Heiland geboren ist», zur Weihnachtszeit und sonst in allen Sprachen, mit mehr oder weniger Geschick, mehr oder weniger klug, einleuchtend und wohltuend, aber unentwegt, immer [428] wieder zu sagen, damit jedermann es höre. Man kann allerhand Gründe haben, um diese Stätte herum einen Umweg zu machen. Es ist im Grunde unbesonnen, das zu tun, weil man das nicht oft genug hören könnte. Aber der liebe Gott hat nun einmal auch unbesonnene Kunden. So mögen sie es denn bei diesem Anlaß zur Kenntnis nehmen, daß dort jedenfalls, eben an dem Ort, um den herum sie lieber den Umweg machen, jahraus — jahrein und ganz bestimmt bis an der Welt Ende [vgl. Mt. 28, 20] eben das gesagt wird und zu hören wäre: «Euch ist heute der Heiland geboren» — mit dem Ernst der Weihnacht, der darin begründet ist, daß das, was dieses Wort sagt, von Ewigkeit her und für alle Ewigkeit beschlossen und ausgeführt ist. Es wäre schon das eine gute Sache, wenn wenigstens das von allen begriffen wäre, daß es sich bei diesem Wort und also im Mittelpunkt der Weihnacht um eine objektive Tatsache und Verkündigung handelt, an der keine |16| Gleichgültigkeit und kein Widerspruch etwas ändern kann. Aber die Gleichgültigkeit und der Widerspruch brauchen ja auch kein letztes Wort zu sein. Der Ernst der Weihnacht kann ja ebensogut in uns hineingehen, statt irgendwo in der Höhe über und außer uns zu bleiben. Wer den Ernst der Weihnacht in sich hineingehen läßt, der glaubt. Alles andere ist Ersatzglaube. Es wäre viel einfacher, gerade recht zu glauben und also den Ernst der Weihnacht in sich hineingehen zu lassen. Wir können uns ja auch heute gesagt sein lassen, was heute geschehen und was heute zu uns gesagt ist. Daß der Heiland geboren und in seiner ganzen Hilflosigkeit mächtig auf dem Plane ist, das können heute auch solche realisieren, die sich noch gestern nichts davon träumen ließen. Der Ernst der Weihnacht kann einem jeden, und er kann in allen Verhältnissen sofort greifbar und praktisch lebendig werden. Er kann von einem jeden gelebt werden. Laß dir geholfen — von dem Helfer, der uns heute geboren ist, geholfen sein! Lebe als ein solcher, dem durch ihn geholfen ist! Mehr ist nicht nötig, aber das ist nötig. Es kann ja einem jeden einleuchten — wirklich in einen jeden hineinleuchten —, daß dem Todesernst, der der menschlichen Existenz immer eigen ist, und dem besonderen Todesernst gerade unserer Zeit nur der Ernst der Weihnacht gewachsen ist, daß dieser aber eben darum in uns hineingehen und unser eigener Ernst werden muß. Man kann sich wohl um irgend einer Weltanschauung oder um irgend eines Lebensgefühls willen gegen ihn absperren — man wundere sich dann nur nicht über die Zersplitterung, in der wir nebeneinander [429] leben, und über den verdächtig hohlen Ton, den der Boden unter unseren Füßen immer wieder zu geben scheint. Man kann den Ernst der Weihnacht aus der Politik aussperren — man wundere sich dann nur nicht, daß dort alles auf der einen Seite so tierisch brutal, auf der anderen Seite (und jetzt denke ich an Dinge, die sich in unserer allernächsten Nähe ereignen) so kümmerlich und charakterlos sich gestaltet. Man kann dem Ernst der Weihnacht theoretisch huldigen und ihn praktisch verleugnen — man wundere sich dann freilich nicht, mit seiner Theorie und mit seiner Praxis im Grunde gleich verzweifelt unzufrieden sein zu müssen. Ist es nötig, uns so zu verhalten? Wir sind eingeladen, das nicht zu tun. Es gibt noch ein anderes Bibelwort, in dem ebenfalls das Wort «heute» besonders wichtig ist. Es heißt: «Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht!» [Ps. 95, 8; Hebr. 3, 7f.; 4, 7]. Sein Herz zu verstecken, tut niemandem gut. Und eine Welt, in der es allzu viele verstockte Herzen gibt, kann keine schöne Welt sein. Kein Mensch muß müssen. Aber hier darf ein jeder. Das Eigentliche und der Ernst der Weihnacht warten darauf, daß man von ihnen Gebrauch mache. Noch ein letztes Bibelwort: «Kommt, denn ist alles bereit!» [Mt. 22, 4 par.]. Es braucht wirklich auch subjektiv — was das Aufnehmen und Annehmen und die Anwendung des Gesagten betrifft — nicht umsonst gesagt zu sein:
Euch ist heute der Heiland geboren.
Ursprünglich erschienen in: du. Schweizerische Monatszeitschrift, Jg. 1 (1941), Nr. 10, Dezember 1941, S. 14-16.
Quelle: Karl Barth Gesamtausgabe, Predigten 1935-1952 (GA I.26), hrsg. von Hartmut Spieker und Hinrich Stoevesandt, Zürich: Theologischer Verlag Zürich 1996, S. 424-429.