Karl Barth
Von Dr. Gustav W. Heinemann, Bonn
In der Nacht vom 9. zum 10. Dezember 1968 starb Karl Barth in Basel in einem Alter von 82 Jahren. Ein wahrhaft Großer unserer Zeit hat damit sein Leben beendet. Sein Tod löst eine weltweite Trauer aus.
Vor 50 Jahren fing Karl Barth an, die Bibel als den Bericht vom Handeln Gottes in und mit der Welt neu zu lesen. Als Harnack, der bekannte Theologe des geistigen Liberalismus der Jahrhundertwende, und Barth sich auf einer Konferenz begegneten, konnte Harnack rückblickend nur sagen, er habe kein Wort und keinen Gedanken der Barthschen Theologie mitvollziehen können. In einem literarischen Werk von enormem Ausmaß hat Barth diese seine dialektische Theologie dargestellt und damit der Theologie aller christlichen Kirchen neue Wege gewiesen. Es lag nahe, daß die Weltkirchenversammlung, die 1948 in Amsterdam erstmalig christliche Kirchen verschiedener Konfessionen zusammenführte, Karl Barth mit einem Vortrag über «Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan» zu ihrem Hauptreferenten bestellte.
Das Dritte Reich erlebte Karl Barth als Professor in Bonn. Er engagierte sich von Anfang an im Widerstand einer Bekennenden Kirche gegen die Verfälschung der Bibel durch einen arisch-nordischen Gotlesglauben nationalsozialistischer Prägung. An der «Barmer Erklärung» von 1934 hat Barth entscheidend mitgearbeitet. Sie wendet sich nicht nur gegen kirchliche Irrlehren, sondern auch gegen die Entartung des Staates, wie sie unter Hitler heraufzog.
Zeit seines Lebens war Barth gerade von seiner Theologie her auch politisch interessiert und engagiert. Er verstand sich als sozialer Demokrat. Immer wieder riefen ihn politische Fragen zu einer Stellungnahme. Nach dem Zusammenbruch des Hitlersystems hat er sich als einer der ersten dem deutschen Volk und seiner Not zugewandt, den Siegern zur Vernunft redete, die Deutschen freilich auch zur Besinnung rief und darum u. a. der eiligen Wiederaufrüstung der Bundesrepublik widersprach.
In aller Weisheit war Karl Barth zugleich ein Streiter, darum auch selbst umstritten und verehrt zugleich.
Erschienen in der Tagwacht, Bern, 17. Dezember 1968.