Von Karl Barth
Die Redaktion [der Wochenzeitung „Die Nation“] hat auch mich aufgefordert, den Lesern dieser Zeitung meine Gedanken über die Gruppenbewegung mitzuteilen, und nun wollte ich wohl, dass ich in der Lage wäre, dem Aufsatz meines Kollegen und Freundes Brunner gegenüber so oder so meine Übereinstimmung auszusprechen.[1] Es wäre ja gewiss um der Sache und um vieler beteiligter Menschen willen gut und nötig, wenn wir in dieser Frage und sonst nebeneinander stehen könnten. Und es gibt gewiss mehr als einen Leser, der mich von seinem eigenen Lebens- und Aufgabenkreis her gut versteht, wenn ich sage, dass ich mich ganz persönlich, je länger ich lebe und arbeite, desto mehr nach Übereinstimmung sehne. Ich kann nach immer neuer Überlegung, wenn man mich danach fragt (ich habe bis jetzt kein öffentliches Wort im Zusammenhang dazu geschrieben), zur Gruppenbewegung nicht nur nicht Ja sagen, sondern ich sehe zwischen ihr und der Kirche ein Entweder-oder befestigt und ich muss mich entschlossen zur Kirche bekennen. Ich kann mich in keinem Sinne zur Gruppe bekennen.
1.
Es hat ein Jeder von uns an seinem bestimmten Ort und Posten in der Kirche und im Staat, in der Wissenschaft und in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der Familie, seine ganz bestimmte Verantwortung vor Gott und vor den Menschen. Zu dieser Verantwortung müssen wir uns bekennen, wir können uns ihr nicht entziehen, wir müssen sie immer besser verstehen und immer neu auf uns nehmen. Letzten Grundes genügen wir ihr alle miteinander nicht, haben wir ihr nie genügt, werden wir ihr nie genügen. Und ebenso dürfen und sollten wir sie im letzten Grunde fröhlich tragen. In dieser Verantwortung und ihrer ganzen Dialektik ruft uns – wir haben es wahrlich nötig! – die Botschaft der christlichen Kirche. Im Unterschied dazu gibt es Verantwortungen, von denen wir gerade als Christen wissen sollten, dass sie uns nicht zugemutet sind und dass wir sie ohne Überhebung nicht auf uns nehmen wollen oder können. Wir können nicht die Verantwortung auf uns nehmen für die Wahrheit (die „Binsenwahrheit“) der Behauptung, dass ausgerechnet unsere Zeit nicht mehr und nicht weniger als die Zeit einer „Fundamentalkrise“ sei – nicht die Verantwortung für das Angebot einer „Lösung aller politischen und wirtschaftlichen Fragen“ (ob diese Lösung nun eine „Kleinigkeit“ sei oder nicht) – nicht die Verantwortung für die Meldung, dass der Prozess einer allgemeinen „Lebensverwandlung in großem, ja in kolossalem Maßstab“, getragen von bestimmten „Lebensumwandlern“, möglich und schon im Gange sei – nicht die Verantwortung für die Aufforderung, uns einem solchen „Heer des Auferstandenen“ anzuschließen und für die Verheißung, dass die Welt mittels der Taten dieses Heeres „bald“ die erstaunlichsten Dinge erleben werde. Es ist wahr, dass wir um das Geschehen des Willens Gottes auf Erden zu beten haben, es ist aber einfach nicht wahr, dass wir „darum zu kämpfen“ haben. Wir sind vor Gott und vor den Menschen verantwortlich, wir sind aber weder für Gott noch für die Menschen verantwortlich. Für sich selbst und für uns alle steht ganz allein Gott selber gut. Das bedeutet eine Grenze unserer Verantwortlichkeit, die wir nicht überschreiten sollten. Der ehrt Gott nicht, der mit Gottes Sache wie mit seiner eigenen meint umgehen zu können. Die Gruppenbewegung, wie Prof. Brunner sie dargestellt hat, überschreitet diese Grenze bewusst und grundsätzlich (nicht sie allein, aber auch sie!) und darum wird man zwischen ihr und der christlichen Kirche wählen müssen.
2.
Zu den unaufgebbaren Verantwortlichkeiten gehört auch die für den Dienst der christlichen Kirche, dass er um der Ehre Gottes und um der Freiheit und Reinheit des Glaubens willen lauter und ordentlich geübt werde. Ich wüsste nicht, welche andere Sorge neben dieser ich als Glied der Kirche haben müsste. Nach dem Erfolg dieses Dienstes kann ich nicht fragen und unter dem Gesichtspunkt, dass dieser Erfolg in „erstaunlichen und sichtbaren Wirkungen“ bestehen müsse, schon gar nicht. Entweder ich traue es dem Worte Gottes zu, dass es sein jetzt sichtbares, jetzt unsichtbares Werk – aber unter allen Umständen sein Werk – ausrichtet, oder ich traue ihm das nicht zu. Traue ich es ihm zu, dann stelle ich mich, so gut ich es kann und verstehe, in seinen Dienst und frage nichts nach Himmel und Erde. Traue ich es ihm nicht zu, dann mag es mich beschäftigen, dass von tausend Europäern neunhundert nicht mehr in die Kirche gehen, dass Politiker und Presseleute sich für die kirchliche Botschaft nicht „interessieren“, dass „man“ an ihr vorbeigeht usw., dann mag ich die Predigt als eine „Kunstform der Verkündigung“, als ein „Erbe der antiken Kultur“ preisgeben und diskreditieren, dann mag ich den befremdlichen Satz zu Papier bringen: „Eine Botschaft, die sich nicht durch erstaunlich sichtbare Wirkungen als göttliches Wort beglaubigt, hat heute keine Chance (!) gehört zu werden!“ Eben diesen befremdlichen Satz nennt Prof. Brunner den „Einsatzpunkt der Gruppenbewegung“. Ich nenne das Fahnenflucht, die damit nicht besser wird, dass es bei dem Anlass zu einer „Bewegung“ kommt, die gegen die Weltnot und für das Geschehen des Willens Gottes kämpft, die die eine gebotene Sorge um die Kirche aber offenkundig nicht zu übernehmen gedenkt. Man kann auch zu Prof. Brunners geschichtlicher Sicht der Kirche Fragezeichen machen. Kein gewissenhafter Historiker könnte verkennen, dass die Kirche heute immerhin merklich anders auf dem Plan ist als noch vor 20 Jahren. Als im Dritten Reich die Parteien, die Presse, die Universitäten, die Justiz, die Kunst umfielen wie Kegel, da war es allein diese verachtete evangelische Kirche, die ohne Gruppenbewegung immerhin bis auf diesen Tag nicht mit Unehren die Spitze geboten hat. Nun, ich kenne dieses Phänomen gut genug, um es nicht zu überschätzen. Ich erwähne es, um darauf hinzuweisen, dass die Dinge auch in dieser Hinsicht nicht so einfach liegen. Ich würde aber auch wirklich ohne dieses Phänomen auf dem Satz bestehen: Die Kirche verlangt von uns den Enthusiasmus, dass wir mit ganzer Treue und ganzer Hoffnung, weder links noch rechts sehend, an ihrem Dienst beteiligt seien. Der Enthusiasmus der Gruppe aber fängt dort an, wo diese Treue und diese Hoffnung ersetzt ist durch die Haltung von Zuschauern, die die Kirche nach Dingen fragen, nach denen sie nicht fragen kann. Darum sind die Wege der Kirche und die Wege der Gruppe geschiedene Wege.
3.
Da gibt es Dinge, denen es wesentlich ist, dass sie nur da sind und wahr sind und gelten, nie und nimmer aber zur Sache einer „Bewegung“, zum Gegenstand eines propagandistischen und organisierenden Apparates, einer so oder so gestalteten Disziplin, Taktik und Strategie werden können. Zu diesen Dingen gehört die Botschaft der christlichen Kirche von dem für uns gekreuzigten und auferstandenen Christus und der Glaube an diese Botschaft. Die Predigt, die Lehre, der Unterricht, die Seelsorge, die Gemeindebildung der christlichen Kirche haben mit einer „Bewegung“ wesentlich nichts zu tun. Die ganze Idee, die Zeit durch ein gut geleitetes und stürmisch vorgetragenes christliches Unternehmen für Christus zu erobern, ist wohl dem Jesuitenorden, aber gerade nicht der christlichen Kirche eigentümlich. Die Kirche befand sich noch jedesmal im Irrtum und im Zerfall, wenn sie sich zur Trägerin dieser Idee machte. Der Gruppe aber ist es nach Brunners Darstellung gerade wesentlich, Trägerin dieser Idee zu sein. Ihr Blick ist von Haus aus auf die Menschen gerichtet, auf die Frage: bei ihnen glaubwürdig oder unglaubwürdig erscheinen, was ihnen gegenüber wirksam oder unwirksam sein könnte? Sie hat von Haus aus die „Zeit“ zum „Bankkassier“ eingesetzt, der den Goldklang ihrer Münze, d. h. die Echtheit der christlichen Verkündigung zu prüfen hat. Für sie hat ein Titel wie „Staatssekretär der Vereinigten Staaten“, wenn der Mann nur eine noch so unverbindliche Äußerung zu ihren Gunsten getan hat, einen — ich weiß nicht, welchen — autoritativen Zauber. Für sie hat die immer wieder angeführte, und auch in Prof. Brunners Aufsatz nicht fehlende, die Mannigfaltigkeit ihrer Bekenner hervorhebende Reihe: Fabrikdirektoren, Arbeiter, Studenten, Sportsleute, Ärzte, Ingenieure, Bauernführer usw. schon als solche Zeugniswert. Ihr ist die Nachricht von 25.000 und noch mehr Menschen, die sich auf ihren Ruf in irgendeinem „Forum“ in Kopenhagen eingebunden haben sollen, schon als solche eine Siegesnachricht aus dem Reiche Gottes. Ich weiß nicht, ob die Welt es sich lange gefallen lassen wird, so weltlich für Christus erobert zu werden. Das aber weiß ich, dass die Errichtung dieses Zauberberges von lauter weltlichen Wichtigkeiten und Nichtigkeiten mit dem Glauben, mit dem Gebet, mit der Hoffnung, mit der Botschaft der christlichen Kirche nichts zu tun hat, dass die Kirche durch die Gruppe gerade in dieser Hinsicht nur kompromittiert werden kann.
4.
Es gibt Behauptungen und Versprechungen sehr hoher und umfassender Natur, die auszusprechen man getrost darum wagen kann, weil man sie nicht in seinem eigenen Namen und nicht unter Hinweis auf ihre Verwirklichung in seinem eigenen Leben ausspricht, sondern ganz allein im Hinblick auf eine von der Person und vom Leben des Sprechenden völlig unterschiedene Instanz, im Vertrauen auf die Wahrheit dessen, was von dieser Instanz her gesagt ist, und im Vertrauen auf die Verwirklichungen, die von dieser Instanz – aber eben ganz allein von dieser Instanz – her mit aller Bestimmtheit zu erwarten sind. Ich rede wieder von der Botschaft der christlichen Kirche, was sie sagt und verheißt, wenn sie von Gottes Gnade und Gebot, von der Sündenvergebung und vom ewigen Leben redet, das bezieht sich in seiner Gesamtheit auf Jesus Christus, das braucht der Hörer im Geringsten nicht diesem oder jenem Menschen zu glauben. Glaubt er es, so glaubt er es dem in der Heiligen Schrift bezeugten Herrn, glaubt er es nicht, so glaubt er es ihm nicht. Die Menschen, die die Botschaft der Kirche ausrichten, können die anderen nur vor das Zeugnis der Heiligen Schrift und damit vor Jesus Christus stellen; sie können keinen Augenblick und in keiner Hinsicht und Absicht auf sich selbst aufmerksam machen. Christus in der Schrift allein beweist, dass sie die Wahrheit reden, dagegen ist der Tätigkeit der Gruppenleute gerade wesentlich eigentümlich, dass sie uns – unter dem Titel, uns damit zu Christus zu führen – zunächst und vor allem mit sich selber beschäftigen: mit der ihnen widerfahrenen „Lebensverwandlung“ und mit ihrer von daher stammenden Befähigung, als „Lebensumwandler“ tätig zu sein. Wer wollte leugnen, dass es solche Erfahrung und Befähigung gibt? Und wenn ein Oxfordmann mir behauptet, sie zu haben, wie sollte ich dazu kommen, ihm das abzustreiten? Ich wundere mich freilich, dass er auch nur zwei Minuten lang darüber reden mag, statt sie mir einfach durch seine Existenz zu beweisen. Zu viel verlangt erscheint es mir aber, wenn er mir zumutet, dass ich in einer Sache, in der es auf Leben und Tod geht, nun gerade seine Existenz, geschweige denn sein Behaupten und Erzählen davon, zum Anlass des Glaubens nehmen soll. Ich kann ihm allen Respekt, alle aufrichtige Teilnahme entgegenbringen, aber dass ich in ihm nun geradezu ein „Wunder“ erblicken und daraufhin kraft seiner Mittlerschaft nicht nur an einen „Ausweg aus der Not“, sondern an Gott glauben soll, das sollte er mir eben nicht zumuten. Er tut es aber. Die ganze Gruppenbewegung besteht geradezu in der Zumutung, dass wir irgendwelche, vielleicht sehr sympathische Damen und Herren aus ihren Erzählungen hin für Verwandelte halten und daraufhin (daraufhin!) zur Bibel greifen und an Christus glauben sollen. Kann man es zur Abwechslung nun auch einmal so machen? Soll man die Wundererzählungen der Truppe für eine angemessene und annehmbare Ergänzung der christlichen Botschaft halten? Aber laut dieser Botschaft ist Jesus Christus das Ziel und der Weg zum Ziel. Der Weg der Gruppe aber ist nicht Jesus Christus, sondern der angeblich verwandelte Mensch und was dieser von sich selber zu erzählen weiß. Kann dann Christus das Ziel sein? Ich sehe hier keine Ergänzung: ich sehe hier Widerspruch.
5.
Wer an Gott glaubt, der glaubt damit eben an eine in sein und aller Menschen Leben hineingetretene und immer neu hineintretende göttliche Hilfe. Er glaubt an ein Gebot und an eine Führung Gottes. Er glaubt an reale Änderungen und Veränderungen der menschlichen Lage durch den Willen Gottes. Wie würde er sonst Gott für den Herrn halten? Aber eben weil er Gott für den Herrn hält, überlässt er es ihm, wie er ihm helfen, was er ihm gebieten, wohin er ihn führen soll. Er hat keinen Plan und kein Programm hinsichtlich dessen, was nun etwa die Herrschaft Gottes in seinem und anderer Leben bedeuten wird. Er wird auch die Bibel nicht als das Programm der göttlichen, d. h. der von Gott für gut gehaltenen und beschlossenen „Lebensverwandlung“ lesen. Auch das „hat die Kirche schon lange gepredigt“. Und das wird sie hoffentlich mit immer besseren Zungen auch fernerhin predigen. Sie wird also nicht die Neuerung einführen, die Hilfe Gottes mit irgendwelchen von uns heutigen Menschen für gut und nötig gehaltenen Veränderungen unserer Lage gleichzusetzen. Wie sollten wir nicht alle uns hinaussehnen aus der scheinbar permanent gewordenen politischen und wirtschaftlichen Krise, aus der nachgerade zu einer wahren Weltangst sich entwickelnden Erschütterung des Lebensbewusstseins des europäischen Menschen, aus all den individuellen Konflikten und Miseren, in denen sich – im Zusammenhang oder auch ohne Zusammenhang mit den allgemeinen Gebrechlichkeiten des Jahrhunderts – so weit das Auge reicht, ein wenig jeder Zeitgenosse zu befinden scheint? Und wie sollte es nicht teilweise Erfüllungen dieser Sehnsucht, wie sollte es nicht Menschen, die solche teilweisen Erfüllungen erlebt haben, geben? Offenbar auch – ich habe solche Menschen gesehen – in der Gruppe und unter dem nützlichen Einfluss der in der Gruppe geübten besonderen Seelsorge. Wohl ihnen. Und sie haben wohl recht, wenn sie im Blick auf solche Erfüllung menschlicher Sehnsüchte der Hilfe, dem Gebot und der Führung Gottes dankbar sind. Es ist aber nicht einzusehen, wie man Gott dankbar sein kann, ohne sofort zuzugeben, dass seine Hilfe auch ganz, ganz anders verlaufen könnte als in der Form solcher Sehnsuchterfüllung. Es ist nicht einzusehen, wie man Gott danken und ihn gleichzeitig darauf festlegen wollen kann, dass die von ihm zu erwartende „Lebensverwandlung“ durchaus in der teilweisen – und nun gar noch gleich in einer totalen – Beseitigung unserer Konflikte und Miseren bestehen müsse. Es ist nicht einzusehen, wie man im Dank gegen Gott hingehen und sein Wort in ein noch so schönes Humanisierungs- und Moralisierungsprogramm umdeuten kann. Dankbar gegen Gott müssten wir wissen, dass die von ihm zu erwartende „Lebensverwandlung“ ebenso real darin bestehen könnte, dass von allen Veränderungen, nach denen wir uns mit Recht sehnen, keine einzige wirklich wird, dass es bei der Misere bleibt und dass sie vielleicht noch viel größer wird, dass wir ihr ganz einfach standzuhalten, sie ganz schlicht zu tragen haben. Es könnte der fröhliche Optimismus, mit dem wir diese oder jene Sehnsuchterfüllung schon erlebt zu haben glauben, auch auf grober Täuschung beruhen und dem Gott, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind, auch ein wahrer Greuel sein. Es könnte unser Reden davon, dass dies und das durchaus anders werden könne und müsse und anders zu werden schon im Begriffe stehe, auch unsere Flucht vor Gottes wirklicher Hilfe bedeuten. Ich weiß nicht, ob die Gruppe das weiß. Es gibt sicher Menschen in der Gruppe, die es wissen, die Gruppe als solche (auch in der Darstellung von Prof. Brunner) verrät jedenfalls nichts davon, dass sie es weiß. Sie preist Gottes Hilfe, als ob sie in Gottes Rat gesessen hätte und wüsste, was Gottes Hilfe unter allen Umständen sein muss. Sie preist Gottes Hilfe, als ob es keinen Jeremia und Hiob in der Bibel gäbe und kein Kreuz auf Golgatha. Sie preist Gottes Hilfe allzu begehrlich, als dass es glaubwürdig wäre: Hier wird wirklich Gottes Hilfe gepriesen. Solange das nicht anders wird, kann man gewissenhafterweise nicht zugeben, dass die Kirche und die Gruppe in verschiedener Form dasselbe meinen und auf verschiedenen Wegen dasselbe wollen. Aber wie sollte das anders werden? Die Gruppe müsste dann aufhören, die Gruppe zu sein.
6.
Die Kirche richtet ihre Botschaft nicht aus, ohne zugleich deren Geheimnis zu hüten. Darum stellt sie die Menschen in eine ernste menschliche, aber nicht in eine göttliche Verantwortung. Darum dient sie, ohne nach Erfolgen zu fragen. Darum will sie nur glauben und zum Glauben aufrufen, nicht aber sich mit Werken, Namen und Zahlen imponieren. Darum weist sie vom begnadeten Menschen weg auf den gnädigen Gott hin. Darum dankt sie Gott „allezeit“ und nicht erst unter der Voraussetzung, dass wohlgemeinte menschliche Wünsche in Erfüllung gegangen sind und gehen werden. Wir könnten fortfahren: Darum empfiehlt sie ihre Botschaft nicht mit Gründen, die anderswoher als aus dieser Botschaft selber genommen sind. Darum macht sie keine Versuche, die Bibel von diesen und jenen humanitären Postulaten oder moralischen Ergebnissen her verständlich und einleuchtend zu machen. Darum respektiert sie auch die Einsamkeit und Einzigartigkeit der biblischen Zeichen und Wunder und lässt sich nicht dazu hinreißen, sich selber und das, was in ihrem Räume geschieht, als deren Wiederholung und Fortsetzung auszugeben. Darum redet sie von Gott und von Jesus Christus nie bloß in unterstreichenden und bekräftigenden (um nicht zu sagen dekorativen) Nachsätzen, nie bloß dazu, um dem Kind meinen Namen zu geben, um nachträglich zu beteuern, dass irgendeine menschliche Absicht oder Erfahrung „selbstverständlich“ auf den Befehl und auf die Gnade Gottes zurückzuführen sei. Eben damit ist das Entscheidende gesagt, was gegen die Oxfordbewegung gesagt werden muss. Es wäre kein Wort gegen sie zu sagen, wenn sie sich schlicht und sachlich als einer von den (seit den Tagen der antiken Stoa immer wieder unternommenen) Versuchen darstellen würde, die Schuld und das Los der Menschheit durch moralische Zurede und seelsorgerliche Bearbeitung etwas erträglicher zu machen. Warum sollten solche Versuche nicht unternommen werden? Warum sollten sie in dem ihnen gewiesenen Rahmen nicht weithin gelingen können? Es wäre dann, wenn die Oxfordbewegung nicht mehr als das sein wollte, vielleicht manches für sie zu sagen. Es spricht aber entscheidend gegen sie, dass sie eine Erneuerung des Christentums sein will, die nun doch nur darin besteht, dass dessen Geheimnis, die Freiheit der Gnade und die Heiligkeit des Namens Gottes, nicht respektiert, sondern unter allen möglichen Vorwänden und Titeln auf der ganzen Linie in Humanität und Moral umgedeutet wird. Es sind wenige Jahre her, da war mein Freund Brunner mit vielen anderen aufs Lebhafteste mit dem Problem des sog. Säkularismus, d. h. der – wie man meinte und sagte – zunehmenden Entkirchlichung und Verweltlichung des modernen Menschen aller Stände und Zonen beschäftigt. Ich konnte schon damals nicht mittun und bei diesem Anlass kann ich ja sagen, warum nicht. Darum nicht: weil es nur eine wirklich gefährliche Form des Säkularismus gibt, und das ist die Säkularisierung des Christentums und der christlichen Kirche selber. Wäre man darum besorgt, das Geheimnis der christlichen Botschaft zu hüten, dann brauchte man wegen des angeblichen Säkularismus des modernen Menschen nicht besorgt zu sein. Es ist aber nicht zu verwundern, dass die Sorge am falschen Ort die Sorglosigkeit am rechten Ort nach sich ziehen muss, wie es nun geschehen ist. Eine Bewegung kann – wie die von Prof. Brunner so vorbehaltlos gutgeheißene Gruppenbewegung – als derzeit jüngster Versuch, das Christentum säkular, d. h. geheimnislos, ungeistlich zu machen, nicht geeignet sein, die Kirche zu erneuern. Sie würde sie vielmehr, wenn die Kirche ihr nicht widerstehen sollte, an der Wurzel ruinieren. Die Kirche hat sich von der Gruppe nichts sagen zu lassen, als dies: dass sie nun erst recht Kirche sein und werden soll.
Quelle: Karl-Barth-Archiv (KBA), Nr. 10098. In geänderter Fassung abgedruckt in: Evangelische Theologie 3, Heft 6 (Juni 1936), S. 205–213.
[1] Emil Brunner stand der von Frank Buchman (1878-1961) initiierten Oxford-Gruppe nahe (vgl. ders., Meine Begegnung mit der Oxforder Gruppenbewegung, Basel: Reinhardt, 1933). Mit Brief vom 16. Dezember 1935 erhielt Karl Barth den Artikel von Brunner „Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung?“, der mit einer Replik von Barth zur Veröffentlichung in der Schweizer Wochenzeitung „Die Nation“ vorgesehen war. Nachdem Brunner mit Brief vom 22. Dezember 1935 Barths obige Replik „Kirche oder Gruppe“ erhielt, zog er seinen Artikel zurück. Karl Barth veröffentlichte seine Replik in geänderter Fassung in Evangelische Theologie (Jg. 3, Heft 6, Juni 1936, S. 205–213), während Brunner seinen Artikel zu der Schrift Die Kirchen, die Gruppenbewegung und die Kirche Jesu Christi (Berlin: Furche, 1936) ausarbeitete.