Stammt das Gedicht „Alles beginnt mit der Sehnsucht“ wirklich von Nelly Sachs oder ist es nicht doch ein Kukucksgedicht: „Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, / mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?“

In der aktuelle Ausgabe von Publik Forum (Nr. 22 / 2025, S. 40f) bespricht Helmut Jaschke folgendes Gedicht und stellt dabei Nelly Sachs als Autorin vor:

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärke auf.
Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?

So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
Dich zu suchen,
und lass sie damit enden, Dich gefunden zu haben.

Ja, im Internet wird es – im Kontext kirchlicher Andachten – wiederholt als Nelly-Sachs-Gedicht vorgestellt, aber der angegebene Quellennachweis macht stutzig. In dem von Hilde Domin herausgegebenen Auswahlband „Nelly Sachs, Gedichte, Bibliothek Suhrkamp, Bd. 549, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 8. A., 1993, ist es nämlich nicht aufgeführt. Und es findet sich auch nicht in anderen Gedichtbänden Nelly Sachs‘.

Nur die einleitende Zeile „Alles beginnt mit der Sehnsucht“ findet sich 15. Bild aus dem Munde Michaels in Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels (Nelly Sachs, Das Leiden Israels, edition suhrkamp 51, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 20.-26. Tausend 1966, S. 61), nicht aber die nachfolgenden Zeilen.

Eigentlich hätte den Theologen Helmut Jaschke die Zeilen „Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, / mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?“ stutzig machen müssen, passen sie doch zum christlichen, nicht aber zu einem jüdischen Credo.

Ich lege mich fest: Das Gedicht ist ein anonym verfasstes Kuckucksgedicht, das basierend auf der ersten Zeile Nelly Sachs untergeschoben wurde, um für eine spirituelle Poesiealbumslyrik eine besondere Dignität zu gewinnen.

Hier die Bestätigung durch den Artikel von Michael Schrom „Wie Nelly Sachs zur Krippe kam … oder auch nicht. Über ein Kuckucksgedicht und seine christliche Karriere„, Publik Forum, Nr. 24, 19. Dezember 2025, S. 39.

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