Predigt über Matthäus 25,1-13 (Letzter Sonntag des Kirchenjahres)
Von Rudolf Landau
Daß es das einmal gegeben haben wird, liebe Gemeinde, dies vergebliche Klopfen in der Nacht an verschlossenem Tor! Dies vergebliche Rufen des Namens Jesu in der letzten Nacht der Welt! Daß dann eine so schlimme, so endgültige Antwort gekommen sein wird! »Herr, Herr, tu uns auf!« rufen sie. Und wer hätte da nicht Erbarmen, hätte sie nicht eben doch noch eingelassen? – Kannte er sie denn wirklich nicht, der Bräutigam? Hatte er sie etwa nicht ausgesucht, erwählt, diese Fünf auch, zu denen er jetzt hinter dem Tor sagt, sie nicht einmal anschauend: »Ich kenne euch nicht«?
I
Liebe Brüder und Schwestern, daß die Geschichten der Kirchen, unsere Geschichten einmal so enden könnten, wer hält das für möglich? Vielleicht die, denen es darauf ankommt, immer schon, sich an die Stelle des Bräutigams und endzeitlichen Richters zu setzen, oder die zumindest einen sicheren Platz zu haben behaupten an seiner Seite, hinter dem Tor. Denen es eine klammheimliche fromme Genugtuung bereitet, andere verloren zu sehen, vor verschlossener Tür zu wissen – hat man doch alle lange genug gewarnt, und hat man diese »Heiden« lange und deutlich genug eingeladen, – jetzt sind sie selber schuld!
Aber nein, aber nein: das Tor wird verschlossen nach der Mitternacht der Welt. Und wer davor und dahinter ist, bei dem Herrn, das ist ja wohl nicht ausgemacht, als die Geschichte beginnt. Die Geschichte mit Jesus und den Seinen ist noch nicht zu Ende. Und weil sie noch nicht zu Ende ist, erzählt Jesus dies Gleichnis. Erzählt es, bevor er als der Bräutigam dann kommt, ohne gnädiges Gleichnis, das noch Zeit zum Glauben und Vorbereiten einräumt. Denn nicht wahr, solange er es erzählt und es uns predigen und hören läßt, ist noch niemand verloren oder gar verloren zu geben! Er hat sie ja alle ausgesucht, alle Zehn; diese repräsentative Gemeinde, das sind die Seinen. Das ist die Kirche, die vom Herrn selber herausgerufene Gruppe, die hier dem Bräutigam entgegengeht, ihn erwartet, sein Kommen mit Licht feiern darf, gleichsam, wenn ich es so sagen darf: dem Licht der Welt heimleuchten darf!
Biblische Rechnungsart liebt die Zehnerzahlen, damit wir es uns eben immer an allen zehn Fingern abzählen können, was es darum ist, wenn Gott sich auf Erden eine Gemeinde sammelt, die dem Herrn Jesus Christus gehört. Denn das ist Erwählung: dem Bräutigam entgegengehen zu dürfen, ihn kommen sehen, ihn erwarten dürfen; in allen Wirrnissen und Finsternissen und Unwägbarkeiten dieser Weltläufe und deines Lebenslaufes eines fest zu wissen: Ich gehöre zu ihm! Ich erwarte ihn. Er kommt. Es nimmt ein gutes Ende. Es wird ein Freudenfest. Das schönste Fest auf Erden, das Menschenkinder feiern können, das Hochzeitsfest, ist gerade Bild für das Fest, das er mit den Seinen feiern wird. Und jeder Gottesdienst ist ja nun nichts anderes als dies: die Zehn, die Seinen, bereiten sich vor auf sein Kommen.
Allein das zeigt ja, wie er uns erwählt, gerufen, bereitet hat. Wie du dabei bist, der du getauft worden bist und glauben darfst. Und daß es wirklich nur so scheint, als seien wir verlassen und gänzlich allein und mickrig und klein auf uns selber gestellt, orientierungslos in einer riesigen, irgendeinem Untergang entgegentreibenden Arche. Als gehe also die Welt und wir in ihr einem unbekannten, jedenfalls nicht guten Ende entgegen. Seine Gemeinde macht es den andern vor: wir gehen unserem Herrn entgegen, alle gehen dem einen Herrn entgegen. Dazu bist du auserwählt, ausgesucht, dazu Licht auf dem kleinen Hügel, da Christus dich hingestellt hat, worauf du lebst. Licht der Welt, die ihrem einen, einzigen Herrn entgegengeht. Daß es das gibt, liebe Gemeinde, daß es uns gibt, seine Gemeinde, das ist das höchst Verwunderliche! Und darüber können wir uns nur freuen, wie sich Gäste freuen, die zur Hochzeit eingeladen werden und gar, vielleicht mit etwas Ängstlichkeit und Lampenfieber, dann auch noch ein Ehrenamt übernehmen dürfen, herausgestellt werden, herausgeputzt als Ehrendamen und Ehrenmänner, die ihre Ehre allein darin haben und durch das, was sie sein dürfen für den kommenden Bräutigam, für Christus!
Das ist seine Gemeinde. Schön, nicht wahr, daß wir dazugehören, ihm entgegenzuwarten, ihn zu empfangen, ihm die Bahn, den Weg zu bereiten.
II
Aber die Zeit wird lang. Und in der Kirche hat sich schon lange so eine eigentümliche Gemütlichkeit breitgemacht, hat sich vermengt mit einer unheimlich geschäftigen Ungemütlichkeit, einem wohlorganisierten Durcheinander ohne Licht und Leuchtkraft. Lange schon. Und gar keine Unruhe mehr ist da, die herkommt aus dem Ruf: »Er kommt!« Man meint das alles zu kennen, was da nun irgendwann einmal geschehen soll, und glaubt nicht mehr so recht daran. Christi Kommen wiederholt sich kalendermäßig im Kommen eines hilflosen, unwirksamen, kerzenschummerbeleuchteten Christkindes, mehr nicht. Sein mitternächtliches, letztes, endgültiges Wieder-Kommen, sein Gericht und seine neuschaffende Kraft, ja, das ist so in die ferne Feme gerückt, feiert in etwas schlimmer Form noch angstmachende Urständ’ bei kleinen und großen Sekten, bei den Zeugen Jehovas zum Beispiel, die mit dem Kommen Christi die Menschenherzen einschüchtern und mit den eingeschüchterten Seelen Geschäfte machen lassen und Ängste verbreiten, statt davon zu leben: bei diesem Herrn ist Liebe! Und Angst und Furcht gibt es nicht, wo geliebt wird und wo du dich geliebt weißt. Das weiß doch jedes Kind!
Aber die Kirche eben: sie schläft doch ziemlich gut und sicher. Da laufen Gottesdienste ab, und es kreisen die Kreise der Gemeinden. Und Bischöfe und Kirchenleitungen ruhen sich aus auf Statistiken, die mehr oder weniger günstige Gottesdienstbesucherzahlen ausweisen. Da werden Strategien für Gemeindeaufbau entworfen, und die Kirchenverwaltung funktioniert, und die Diakonie hat sich längst verselbständigt und wird zunehmend werkgerechtes Aushängeschild der Kirchen. Aber das Evangelium? Wird es laut? Macht es, bringt es Unruhe? Scheidet es Geister und Herzen? Gottes Gebote, werden sie mit bürgerlicher Moral verwechselt und nicht als Wegweiser eingerammt für die, die dem kommenden Gott entgegengehen und keinen anderen Herrn verehren und anbeten möchten? Der »liebe jüngste Tag«, der ist für uns Christen geschrumpft auf unseren eigenen persönlichen Tod. Und »Mitternacht«, das ist für uns Christen meist die Stunde unseres eigenen Todes. Und Reich Gottes: das ist das sogenannte Leben nach dem Tod. Und in das kommt, wer anständig, gut und fleißig, pflichtbewußt und treu gelebt hat, gearbeitet hat, gestorben ist nach dem nun doch gar nicht biblischen Satz: »Tue recht und scheue niemand«.
Das aber ist niemals das Motto der wahren Kirche gewesen. Die Seinen richten ihr Leben nicht nach einem Motto aus; Kirche, die ein Motto hat, wie es auch immer formuliert sei, ist eine Reklameanstalt für fortschrittliches oder rückschrittliches Christentum – je nachdem, aber nicht seine, dem Herrn Jesus Christus allein gehörende und von seinem Wort berufene, erwählte, erbaute und erhaltene Gemeinde. Die hat einen Herrn. Und wegen dem geht eine Scheidung durch sie, durch die Kirche, mitten hindurch. Und das ist das Erschreckende, daß diese Scheidung und dieser Ruf des kommenden Herrn nicht die Kirche von der Welt immer schon unterschieden sein läßt – wir als die Geretteten, jene als die Verlorenen – sondern: daß es in seiner Kirche auf etwas ankommt, was nun über jenes Antworten hinter der geschlossenen Tür entscheidet.
Denn seht doch, liebe Gemeinde: »sie schliefen alle!« Ist ja auch wohl nicht weiter schlimm, dies Schlafen. Wer wartet, kann ja müde werden. Keiner kann mit offenen Augen sehr lange warten. Und er läßt ja nun elend lange, fast ewig lange auf sich warten. Der Bräutigam, der Herr, sein Reich, seine Hochzeit. Ewig lange dauert das. Und sie schlafen ein – alle. Schlafende Kirche – wir kennen das. Da, im Garten Gethsemane, als derselbe Bräutigam, als Jesus mit Gott – mit wem sonst – um das Heil der Menschen gerungen hatte: da hatten sie auch geschlafen, die Seinen, haben geweckt werden müssen, ein paarmal. »Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet!« Wer schläft, rennt, schnell geweckt, schlaftrunken aber vor denen fort, die kommen, ihn zu fangen. Die Ausgewählten, die Berufenen: schlafende Kirche allenthalben.
III
Wer wacht? Wer weckt? Durch den Himmel wird einmal der Ruf geschrien sein: Auf, auf, er kommt! Durch die Mitternacht wird es einmal gerufen worden sein: auf, auf, wacht auf! Und da wird es dann – endgültig – zu spät gewesen sein. Was? Da fehlt etwas. Da fehlt das Wichtigste. Da unterscheiden sie sich. Wir wissen’s schon: das Lampenöl fehlt den einen. Die andern haben vorgesorgt. Waren das nun die Klugen darin, daß sie eben, wie wir das auch gerne tun: vorsorgten? Sich genügend Vorräte anlegten, weil sie so oder so mit dem Verzögern der Ankunft des Bräutigams gerechnet hatten? Ist klugsein: sich um das Morgen gehörig sorgen – man weiß ja nicht, was kommen kann, wenn er noch nicht kommt? Hauptsache, man hat genug: Geld, Grundstücke, Aktien, Schätze? Immerhin, davon hätten sie ja abgeben können, nicht wahr? So hartherzig wird man ja nicht sein, letzten Endes und letzten Ernstes! Sollten sie schuldig werden wollen am Zuspätkommen der anderen? Zurückgenommene Erwählung? Durch die vorsorglicheren Mitchristen?
Liebe Brüder und Schwestern, nicht wahr: Erbarmen mit den Törichten! Seid christlich, gebt aus eurem Vorrat ab! Täten sie ja auch. Aber hier geht das wohl nicht, ist das nicht mehr möglich, letzten Ernstes am letzten Ende. Es ist seltsam, es ist wirklich wie beim Tod, beim eigenen, den jeder von uns einmal selber sterben muß. Martin Luther hat so gepredigt, auf den Einzelnen und seinen eigenen Tod, beim Verlöschen dieses (Lebens-)Lichtes: »Wir sind allesamt zu dem Tod gefordert, und wird keiner für den andern sterben, sondern ein jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen. In die Ohren könnten wir wohl schreien. Aber ein jeder muß für sich geschickt sein in der Zeit des Todes. Ich werde nicht bei dir sein, noch du bei mir; hierin muß ein jeder selber die Hauptstücke, so einen Christen belangen, wohl wissen und gerüstet sein.«
Ja, liebe Gemeinde, deshalb ist es auch hier nicht möglich, dies so nötige Öl zu vergeben. Jeder muß das Hauptstück, so einen Christen belangt, wohl wissen und also gerüstet sein! Ausgerüstet. Mit dem hilfreichen, ans Ziel bringenden Öl. Was aber ist dies Öl, das die Lampen brennend hält? »Der wahre Glaube«, sagt Luther, der ist’s, der ist das Öl, der Glaube an den Herrn Jesus Christus, der in uns brennt und uns am Brennen und Leuchten hält durch den Heiligen Geist. »Die guten Werke sind es«, sagen andere Kirchenväter, die sind das Öl der Lampen, mit denen kommt man ohne Verzug bis vor die Tür und hinters Tor, wenn es drauf ankommt. Aber es ist wohl etwas, was beide zusammenbindet: Glaube und Werke. »Herr, Herr«, rufen die, die zu spät kamen. »Herr, Herr« – und der hört sie jetzt nicht mehr, hört nicht mehr auf sie!
IV
Der hatte es ihnen nämlich sehr wohl in die Ohren und in die Herzen gerufen, sehr betont, als endgültige, letzte Wahrheit, vom Berge herab, damit sie’s alle verstanden haben konnten: »Nicht alle, die zu mir Herr, Herr sagen, werden in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen meines Vaters im Himmel tun.« So hatte er es ihnen gesagt, so läßt er es der Kirche sagen, immer wieder, bis ans Ende der Welt. Immer dies alte, neue Lied. Vom Willen Gottes und davon, daß er bei denen ist, ist(!), die Gottes barmherzigen, heiligen, gerechten Liebeswillen tun.
Also das ewige Lied von seiner, Jesu Gegenwart bei denen, die den Willen Gottes tun. Das ist es, liebe Gemeinde, das ist das Öl, das zum Ende leuchtet und die dunkelste Finsternis hell macht, jetzt schon und dann, wenn er kommt. Das ist das Öl, die Klugheit, dies fröhliche Geschrei in deinen Ohren, das in deinem Herzen nistet und dich froh macht, selbst im Schlaf gewiß bleiben läßt: das Evangelium, die gute Nachricht: Er ist gegenwärtig! »Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.« Das ist das Öl der Christen. Er, ihr Herr selber, der bei ihnen ist und doch auf sie zukommt; der unsichtbar, aber nicht unhörbar, sondern hörbar und wahrnehmbar, verborgen unter Wasser und Brot und Wein und im Wort der Predigt und in der Gemeinschaft derer, die seine und untereinander Brüder und Schwestern sind, bei ihnen ist. Er selbst ist das Öl denen, die ihn gegenwärtig glauben und also jetzt, jetzt schon mit wahrem Herzen und Mund und Leben rufen und singen und anbeten »Herr, Herr!«
Wie anders soll man denn klug sein und bleiben, als ihm zu vertrauen: alle Tage bin ich bei euch, unverlassen seid ihr; ich verberge mich für viele vielleicht unscheinbar in der Predigt und in den Sakramenten und in der oft so trägen, schlafenden, schlafmützigen Gemeinde – aber da bin ich alle Tage. In mir holt ihr Kraft, Freude, Hilfe, durchzustehen und euch zu freuen. Freude entzündet sich und nährt sich allein in der Gegenwart unseres auferstandenen gekreuzigten Herrn. Und leuchtet so, daß es jetzt schon rings um unser Leben und um die Menschenzeit ruft und schallt: »Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!« Geschenkt wird, nicht gemacht; gebracht, nicht erarbeitet wird. Auf, meldet das, teilt das mit allem Volk! – Bis es dann einmal gerufen haben wird: »Auf, siehe, auf, der Bräutigam kommt! Freut euch, erhebt euch, ihm entgegen!«
Das ist ja dann, liebe Brüder und Schwestern, ein Ruf, der auch jeden unter der Erde Schlafenden wecken wird. Das ist ja dann der Ruf dessen, der kommt, zu richten die Lebenden und die Toten.
Und wie das vor sich geht, dies Gericht, das haben wir im Gleichnis von den zehn Jungfrauen eben gelernt: Fünf erwiesen sich als töricht, die hören das Wort, das letzte, schlimmste auf der ganzen Erde wie im ganzen Himmel, aus seinem Munde hören sie diesen Satz endgültiger Verlorenheit: »Ich kenne euch nicht!« Fünf waren klug: die haben dies Gleichnis gehört und behalten und festgehalten bis ans Ende; denn die Gleichnisse alle sind erst am Ende, wenn der kommt, der sie erzählt. Sie waren klug, haben es festgehalten, was ihnen beim Aufbruch zugesagt worden ist: »Ich kenne dich, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen, fürchte dich nicht, du bist mein.«
Gehalten am Sonntag, 11. November 1990 in der Christuskirche in Freiburg i.Br.
Quelle: Theologische Beiträge 23 (1992), S. 177-181.