Karl Barth, Die Autorität und Bedeutung der Bibel (1947): „Es ist selbstverständlich, dass ein ehrlicher Kommentar auch der Bibel keine andere Absicht haben kann, als die biblischen Texte aufs neue zum Sprechen zu bringen. Und es ist ebenso selbstverständlich, dass er dem Text dabei in seinem ganzen Umfang und also Wort für Wort zu seinem Recht zu verhelfen hat: ‚biblizistisch‘ in diesem Sinn ist alle rechte Exegese. Aber nun wollen die biblischen Texte nicht als historisch-literarische ‚Quelle‘ irgendwelcher Erkenntnisse, sondern als gemeindebegründende und gemeinderegierende Zeugnisse von Gottes Wort verstanden sein. Eben zur rechten Auslegung dieser Texte gehört also das Achten auf Gottes Wort, von dem sie einer entstehenden oder schon bestehenden Gemeinde und durch diese der Welt Kenntnis geben wollen. Zur rechten Auslegung dieser Texte gehört also dies, dass der Ausleger in der Lage ist, sich mindestens hypothetisch an den Ort der diese Texte vernehmenden Gemeinde zu versetzen.“

Die Autorität und Bedeutung der Bibel[1]

Von Karl Barth

I.

Ein Satz über «die Autorität und Bedeutung der Bibel» ist dann gehaltvoll, wenn er als analytischer Satz einen aller Problematik entzogenen Sachverhalt umschreibt und also die Kenntnis dieses Sachverhalts zur Voraussetzung hat.

Fragte man ein Kind, warum es unter vielen Frauen gerade diese und diese seine Mutter nenne, so würde alles, was es darauf antworten könnte, den Satz nur wiederholen und bestätigen können, nach dessen Grund es gefragt ist: Eben diese ist nun einmal meine Mutter. Daß sie das ist, ist für dieses Kind ein aller Problematik entzogener Sachverhalt. Genau so bezeichnen alle gehaltvollen (d. h. alle nicht nur scheinbar, sondern wirklich dieser Sache zugewendeten) Sätze über die Autorität und Bedeutung der Bibel einen Sachverhalt, über dessen Bestand es keine Diskussion geben kann, weil er, als in sich selbst begründet, auch für sich selbst spricht und also nur wiederholend und bestätigend erläutert werden kann. Dieser Sachverhalt besteht darin, daß die Bibel in der Gemeinde Jesu Christi eine bestimmte Autorität und Bedeutung hat. Wer gehaltvoll davon reden will, muß diese in sich begründete Beziehung zwischen Bibel und Gemeinde kennen. Er muß, ob er selbst innerhalb oder außerhalb der Gemeinde stehe, ob er diese bestimmte Autorität und Bedeutung der Bibel für seine Person anerkenne oder ablehne, will er nicht an der Sache vorbeireden, in der Lage sein, diese schlechthin gesetzte Beziehung zwischen Bibel und Gemeinde zu sehen und damit zu rechnen, daß es in dieser Angelegenheit am entscheidenden Punkt nur um analytische, d. h. nur um solche Sätze gehen kann, welche diese Be-[4]ziehung umschreiben, ohne sie begründen zu wollen. Es kommt auch für die christliche Predigt, auch für das Bekenntnis, auch für die Botschaft der Gemeinde an die Welt alles darauf an, daß ihre Träger sich dessen bewußt sind: sie können sich über die Autorität und Bedeutung der Bibel, auf die sie sich mit jedem christlichen Wort beziehen müssen, nur in analytischen Sätzen verantworten, weil ihnen dabei jener in sich feststehende Sachverhalt vor Augen steht. Die Apologetik der Gemeinde kann in nichts Anderem bestehen als darin, daß sie sich vor diesen analytischen Sätzen nicht fürchtet, sich vielmehr offen zu ihnen bekennt und damit den Glauben und den Gehorsam selber betätigt, den sie auch von der Welt erwarten und fordern muß. — Ich schicke diese formale Bemerkung voraus, um zum vornehinein darauf aufmerksam zu machen, daß ich in der mir hier aufgetragenen Darlegung über die Autorität und Bedeutung der Bibel den Kreis der Wahrheit, in welchem wir uns hier allein bewegen dürfen, weder von innen noch von außen werde öffnen können. Ich kann und werde über dieses Thema gerade am entscheidenden Punkt nur in analytischen Sätzen reden können. Ich wüßte nicht, wie ich sonst ehrlich von dieser Sache reden könnte.

II.

Die Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi in seiner Gemeinde und damit in der Welt hat in der Zeit zwischen seiner Auferstehung und seiner Wiederkunft ihre offenbare Gestalt im Zeugnis seiner erwählten und berufenen Propheten und Apostel.

Die Zeit der Gemeinde, unsere Zeit, ist die Zeit zwischen der Auferstehung Jesu Christi und seiner Wiederkunft, zwischen dem Anbruch des neuen und dem Vergehen des alten Äon, zwi­schen dem „Es ist vollbracht!“ der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung der Welt mit Gott und dem „Siehe, ich mache alles neu!“ der abschließenden Offenbarung dieses Geschehens. Es gibt eine Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi auch in dieser unserer Zwischenzeit, und sie hat nicht nur eine, sondern viele Gestalten. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf [5] Erden.“ Das Reich Christi hat keine Grenzen. Alle Weltmission und auch alle Weltpolitik der Gemeinde ist nur die nachträgliche Verkündigung des Sieges, der schon gewonnen ist, des Königs, der seinen Thron schon eingenommen hat. Es gibt aber nur einen Ort, wo das Alles erkannt ist und bekannt wird. Das ist die durch das biblische Zeugnis, d. h. durch das Zeugnis der Propheten des Alten und die Apostel des Neuen Testamentes begründete Gemeinde. Dieses biblische Zeugnis ist die offenbare Gestalt der sonst verborgenen Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi. „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ „Wer euch hört, hört mich.“ Denn: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das Alles bezieht sich auf die besonderen Träger des die Gemeinde begründenden Zeugnisses. „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt; denn Gott vermahnet durch uns“: es ist die Erwählung und Berufung, auf die Paulus damit Bezug genommen hat. Zu den Aposteln des Neuen gehören aber — wie Jesus Christus selbst zu Israel gehört — auch die Propheten des Alten Testamentes. In diesem alten und neuen Christuszeugnis ist die Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi in seiner Gemeinde nicht verborgen, sondern offenbar. Der Heilige Geist ist die Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi selbst in der offenbaren Gestalt dieses Zeugnisses. Dieses Zeugnis ist das Wort, auf das die Gemeinde achtet „als auf das Licht, das an einem dunklen Orte scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“. Die Gemeinde ist, indem sie von diesem Wort herkommt, diesem Wort entgegengeht. Sie wäre nicht, wenn sie von anderswoher käme, anderswohin gehen würde. Indem sie im Licht dieses Wortes wandeln, sind die Christen „Kinder des Lichtes“. Durch dieses Wort sind sie getröstet und ermahnt. Durch dieses Wort sind sie unter sich nach rückwärts in einem Glauben, nach vorwärts in einer Hoffnung und auf dem Weg vom Gestern ins Heute in einer Liebe verbunden. Es ist dieses Wort, das prophetisch-apostolische Zeugnis, als die offenbare Gestalt der Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi selber, das die Gemeinde zum Erstling der ganzen Menschheit macht, zu dem zwischen Himmel und Erde aufgerichteten Zeichen ihrer schon geschehenen, aber noch zu offenbarenden Zusammenfassung (anakephalaiosis) in Christus als ihrem Haupte. [6]

III.

Die Wahrheit, Kraft und Würde des Zeugnisses dieser Menschen ist die seines Gegenstandes: sie bezeugen Jesus Christus und also das Werk des gnädigen Gottes als die Mitte, den Anfang und das Ende aller Dinge.

Was zeichnet das Zeugnis der Propheten und Apostel so aus, daß es für die Existenz der Gemeinde und für ihre Botschaft an die Welt diese Bedeutung haben kann? Sie waren fehlbare und irrtumsfähige Menschen wie wir, Kinder ihrer Zeit, wie wir Kinder der unsrigen sind, ihr geistiger Horizont so beschränkt und in wichtiger Hinsicht viel beschränkter als der unsrige. Wem es Freude macht, der mag noch und noch einmal konstatieren, daß uns ihre Naturwissenschaft, ihr Weltbild und weithin auch ihre Moral nicht maßgeblich sein können. Sie haben auch Sagen und Legenden erzählt und von allerlei mythischen Stoffen wenigstens freien Gebrauch gemacht. Sie haben sich in manchen Angaben und auch in wichtigen Sätzen unter sich widersprochen. Sie waren mit wenigen Ausnahmen keine bemerkenswerten Theologen. Sie haben nur ihre Erwählung und Berufung für sich. Diese aber zählt! Ihre Zeugnisse haben nämlich in ihrer Weise und an ihrem Ort alle einen und denselben Mittelpunkt, Gegenstand und Inhalt: den in den Bundesschlüssen Gottes mit seinem Volk Israel angezeigten und vorgebildeten und am Ende der göttlichen Gerichte über Israels Untreue geborenen Jesus von Nazareth mit dem neuen Volk seiner Jünger und Brüder, den Christus der Juden, der als solcher auch der Heiland der Heiden ist. Das alttestamentliche Zeugnis (von Jahve und seinem Israel) und das neutestamentliche Zeugnis (von dem einen Jesus Christus mit den Seinen) stimmen darin überein: in dieser Begegnung des gnädigen Gottes mit dem sündigen Menschen ist die Geschichte, ist das Werk, das die Mitte aller geschaffenen Dinge bildet, das das Geheimnis auch ihres Anfangs und ihres Endes, ihres Ursprungs in Gottes Schöpfung und ihres Zieles in einer neuen Schöpfung ist, Ereignis geworden. Diese Begegnung ist der Ratschluß und Wille Gottes mit seinem Geschöpf, der Sinn alles Seins in der Zeit. Die Bibel spricht das aus, indem sie von Jesus Christus [7] redet. Daß Gott und die Menschen so — nämlich in der Kraft der freien Gnade Gottes, den Sündern zugewendet — zusammengehören wie Jahve und Israel, d. h. aber wie Jesus und die Seinen, das ist der Trost und die Mahnung, mit der sich die biblischen Zeugen an die andern Menschen wenden. Indem ihr Zeugnis diesen Mittelpunkt, Gegenstand und Inhalt hat, hat es eine besondere Wahrheit, Kraft und Würde gegenüber andern — in anderer Hinsicht vielleicht bedeutsameren — Menschenworten. Die Gemeinde ist der Ort, wo das Besondere dieses Zeugnisses, wo die Erwählung und Berufung dieser Menschen verstanden und beachtet wird.

IV.

Indem dieser Gegenstand und indem das Verhältnis dieser Menschen zu diesem Gegenstand einzigartig ist, ist ihr Zeugnis in dieser Zeit die einzige für die Gemeinde und für die Welt maßgebliche Gestalt des Wortes Gottes.

Das prophetisch-apostolische Zeugnis, durch das die Gemeinde Jesu Christi begründet ist, ist für sie die einzige maßgebliche Gestalt des Wortes Gottes. Es gibt viele Dinge im Himmel und auf Erden, aber nur einen Gott, und viele Ideen von Gott, aber nur eine wahre, weil auf seiner Selbstbezeugung beruhende Erkenntnis des einen Gottes. Denn es gibt zwar viele für uns Menschen wichtige, wertvolle und unentbehrliche Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten, aber nur ein Wort Gottes, nur einen Jesus Christus, in welchem die Begegnung des gnädigen Gottes mit dem sündigen Menschen ein für allemal Ereignis wurde. Und so gibt es, weil nicht alle, sondern bestimmte, die erwählten und berufenen Menschen die prophetischen und apostolischen Zeugen Jesu Christi sind, wohl viele verborgene, aber nur diese eine offenbare Gestalt des einen Wortes des einen Gottes. Und letztlich und entscheidend maßgebend, verbindlich und autoritativ ist das Wort Gottes nur in dieser Gestalt. Die Gemeinde Jesu Christi erkennt des einzigen Gottes einziges Wort in dieser seiner einzigen offenbaren und also einzigen maßgeblichen Gestalt. In dieser Er-[8]kenntnis fixiert sie den biblischen Kanon. Die Kanonsbildung ist ihr Bekenntnis zu Gottes Auswahl und Berufung seiner Zeugen. Indem ihre Erkenntnis hier wie sonst eine menschliche und also eine beschränkte, vorläufige und vielleicht der Ergänzung und Korrektur bedürftige ist, kann ihr Bekenntnis hier wie sonst keinen endgültigen Charakter haben, keinen mehr als vorläufigen Abschluß vollziehen wollen. Die konkrete Grenze des Kanons ist tatsächlich in alter und neuer Zeit als eine grundsätzlich offene Grenze angesehen und behandelt worden. Die grundsätzlich offen zu lassende Möglichkeit künftiger besserer Belehrung über den konkreten Umfang des Kanons ändert aber nichts daran, daß die Gemeinde in dem ihr bis auf bessere Belehrung erkennbaren Umfang des biblischen Kanons die für sie allein maßgebliche Gestalt des Wortes Gottes erkennt, daß sie also mit andern für sie maßgeblichen Gestalten des Wortes Gottes praktisch nicht rechnen kann. Die menschliche Vernunft und ihre geschichtlichen Hervorbringungen, die Bewegungen und Entscheidungen der allgemeinen Welt- und Geistesgeschichte, der Geist und die Tendenzen der verschiedenen Zeiten, aber auch die Geschichte der Gemeinde selbst (ihre geschriebenen und ungeschriebenen Überlieferungen und Ordnungen, die Stimmen ihrer älteren und jüngeren Väter, ihre in der Vergangenheit zu Dogmen erhobenen allgemeinen und besonderen Überzeugungen und die sie heute beherrschenden Gewißheiten und Bestrebungen) das Alles hat ja seine eigene Wahrheit, Kraft und Würde. Die Wahrheit, Kraft und Würde des für die Gemeinde maßgeblichen Wortes Gottes kann das Alles nicht haben. Pari pietatis affectu ac reverentia mit dem biblischen Zeugnis kann das Alles von der Gemeinde nicht ausgenommen werden. Sie steht unter keinem Zwang, sie macht sich auch keiner willkürlichen Auswahl schuldig, sondern sie handelt im Gebrauch der ihr durch ihre Erkenntnis gegebenen Freiheit, wenn sie sich letztlich und entscheidend allein durch das Zeugnis der Propheten und Apostel und so durch ihren Herrn Jesus Christus regieren läßt. Und es ist ihre Aufgabe und Sendung, der Welt zu sagen, daß es ein anderes offenbares, ein anderes im strengen Sinn autoritatives Wort Gottes, eine andere absolut verpflichtende Gestalt der göttlichen Regierung außer der heiligen Schrift auch für sie nicht geben kann. [9]

V.

Das Zeugnis dieser Menschen erweist sich dadurch als Gottes Wort, daß es die Gemeinde tatsächlich im Namen des auferstandenen und wiederkommenden Jesus Christus aufruft, tröstet und ermahnt und damit ihrer Verkündigung an die Welt tatsächlich Freiheit, Richtung, Fülle — den Charakter eines ersten und letzten Wortes — gibt.

Die Erkenntnis, daß die Propheten und Apostel die Zeugen — die einzigen Zeugen! — des offenbaren und darum maßgeblichen Wortes Gottes sind, kann wohl bewiesen werden. Sie wird aber nur dadurch bewiesen, daß die Propheten und Apostel mit ihrem menschlichen Wort das Wort Gottes tatsächlich reden, daß Gottes Wort durch das Menschenwort ihres Zeugnisses tatsächlich vernommen wird. Die alte Theologie hat diesen tatsächlichen Selbstbeweis der biblischen Autorität mit Recht das „Zeugnis des Heiligen Geistes“ genannt. Man redete aber mißverständlich, wenn man es als ein „inneres“ Zeugnis bezeichnete, als ob es nicht auch äußerlich wäre. Man hat damit oft versäumt, diesen Selbstbeweis der biblischen Autorität klar genug von einer magischen Inkantation zu unterscheiden. Es handelt sich sehr nüchtern darum, daß das biblische Zeugnis von Gottes Gnade gegen den sündigen Menschen im Namen des auferstandenen und wiederkommenden Jesus Christus als Aufruf an die Menschen tatsächlich ergeht und tatsächlich der Menschen Gehör und Gehorsam findet, daß Menschen durch seine Friedensbotschaft tatsächlich getröstet, durch sein Gebot tatsächlich ermahnt werden. Und es handelt sich wieder sehr nüchtern darum, daß diese Menschen eben damit ihrerseits tatsächlich zu Boten dieses Wortes gemacht, daß, von ihm erweckt, auch ihre eigenen Worte tatsächlich Freiheit, Tiefe, Fülle, Leben, die eine bestimmte biblische Richtung auf Gottes Ehre und sein Reich und auf des Menschen Dankbarkeit bekommen, daß sie tatsächlich in die Lage versetzt werden, der Welt als die überlegenen Träger eines erst- und letztgültigen Wortes gegenüberzutreten. Das Zeugnis des Heiligen Geistes ist das Ereignis, in dem das Alles geschieht. Das Alles geschieht aber in der christlichen Gemeinde. Indem das Alles geschieht, entsteht, ist [10] und besteht ja die christliche Gemeinde. Und das ist das Zeugnis des Heiligen Geistes, der Selbstbeweis der biblischen Autorität: daß das Alles tatsächlich geschieht, daß die Gemeinde wird und als solche leben darf. Auf die Frage, ob die Bibel wahrlich und wirklich Gottes Wort sei, kann eigentlich nur die Gemeinde kompetent antworten, und sie kann auf diese Frage nur damit antworten, daß sie der Bibel selbst Gehör und Gehorsam schenkt und zu demselben Gehör und Gehorsam durch ihr eigenes Tun auch die Welt einladet. Sie kann nur den Beweis des Geistes und der Kraft führen. Es liegt immer an ihrer eigenen Untreue — nämlich daran, daß sie selbst noch nicht oder nicht mehr die Gemeinde unter dem Wort der Bibel ist — wenn dieser ihr Beweis so einleuchtend und überzeugend nicht wirkt, wie er wirken könnte und müßte. So entscheidet sich die Erkenntnisfrage in dieser Angelegenheit an den Tatsachen und nur an den Tatsachen, wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit, und wo Freiheit ist, da ist die Stadt auf dem Berge, die als solche nicht verborgen sein kann — das Licht, das allen denen leuchtet, die im Hause sind.

VI.

Das biblische Zeugnis als Wort Gottes erklärt sich selbst. Es entspricht aber seiner Menschlichkeit, daß es, indem es sich selbst erklärt, den Dienst menschlicher Auslegung in Anspruch nimmt.

Wo es geschieht, daß das biblische Zeugnis seine Autorität dadurch beweist, daß es sich tatsächlich Gehör und Gehorsam verschafft, da hat es offenbar verständlich geredet, da ist es offenbar verstanden worden, da hat offenbar Bibelerklärung stattgefunden. Es entstand da ein Bild dessen, wovon die biblischen Zeugen reden. Es wurde da nachgedacht, was die biblischen Zeugen laut ihrer Worte begriffen haben, es kam da zu einer selbständigen Wiederholung des in ihren Worten angezeigten Bildes und der mit ihren Worten bezeichneten Begriffe. Das Wort Gottes in ihrem Menschenwort ist dann denen, die dieses Menschenwort hören, gleichzeitig, es ist ihnen dieses Menschenwort trotz und in seiner Ungleichzeitigkeit durchsichtig gewor-[11]den. Wie sollte es sonst geschehen sein, daß die Worte dieser Zeugen andern Menschen anderer Zeiten gerufen, sie getröstet und gemahnt, daß sie andere Menschen anderer Zeiten zu Boten des von ihnen vernommenen, von ihnen verkündigten Wortes Gottes gemacht haben. Geschah das, dann sind die Worte der biblischen Zeugen diesen andern Menschen offenbar klar geworden. Wer „Zeugnis des Heiligen Geistes“ sagt, der sagt: „Bibelerklärung“. Wer aber erklärt die Bibel? Wir antworten mit dem alten Grundsatz, der der Grundsatz aller Hermeneutik sein müßte: scriptura scripturae interpres. Das will hier, im Blick auf die heilige Schrift, sagen: als Gotteswort im Menschenwort ist diese Schrift ihr eigener Erklärer, ist sie in sich selbst, d. h. in dem ihr von ihrem Gegenstand her gegebenen Zusammenhang ihrer so differenzierten und komplexen Wirklichkeit überall vollkommen deutlich und durchschaubar. Aber diese in ihrer Autorität begründete Durchsichtigkeit (perspicuitas) der Bibel ist keine ihr inhärierende Eigenschaft, sondern ein Moment, eine besondere Bestimmung jenes Ereignisses, in welchem vermöge des tatsächlichen Lautwerdens und Vernommenwerdens des biblischen Zeugnisses christliche Gemeinde entsteht und besteht. Die Bibel erklärt sich also nicht in der Weise, daß die Menschen, denen sie sich erklärt, dabei müßige Zuhörer sein könnten. Sie erklärt sich in der Weise, daß diese Menschen — ihrem allgemeinen und individuellen Vermögen, ihrer geschichtlichen Situation entsprechend und letztlich und entscheidend „nach dem Maß ihres Glaubens“ — zum Dienst an dieser Erklärung herangezogen werden. Das im Menschenwort der Propheten und Apostel zu ihnen gesprochene Gotteswort steht freilich nicht zu ihrer Verfügung, sondern es ist die Durchsichtigkeit dieses Menschenwortes Gottes freie Gabe. Aber eben diese Gabe wird in ihre Hand gelegt und ist ihnen insofern zu eigen gemacht, als sie selbst davon Gebrauch machen dürfen. So wird die Erklärung des prophetisch-apostolischen Zeugnisses zu einer menschlichen Aufgabe und Tätigkeit. So wird auch die Bemühung um die biblischen Texte, um die Reproduktion der laut dieser Texte gesehenen Bilder und der in diesen Texten verwendeten Begriffe, so wird schließlich die Bemühung um deren Vergegenwärtigung durch selbständige Wiederholung zu einem Dienst, ohne dessen Erfüllung die Gemeinde die Autorität des biblischen [12] Zeugnisses nur mit den Lippen ehren, aber nicht wirklich wahrnehmen, ohne dessen Erfüllung sie also gar nicht Gemeinde werden und sein könnte, wo Gemeinde wird und ist, da ist sie entsprechend der Menschlichkeit des biblischen Zeugnisses bestimmt auch in diesem Dienst, im Dienst von dessen menschlicher Auslegung begriffen.

VII.

Rechte Auslegung des biblischen Zeugnisses findet da statt, wo die Feststellung, das Bedenken, die Aneignung seiner menschlichen (literarisch-historischen) Gestalt bestimmt ist durch die dankbare Erinnerung an das schon gehörte und durch die freudige Erwartung des neu zu hörenden Wortes Gottes.

Die Aufgabe der Bibelerklärung ist zunächst dieselbe wie die aller Exegese: sie hat eine literarisch-historische Gestalt als solche festzustellen, zu bedenken, anzueignen, d. h. sie hat den Wortlaut und Wortsinn ihres Textes herauszuarbeiten, sie hat die in diesem Text sichtbare Anschauungs- und Begriffswelt aus ihrem engeren und weiteren Kontext zu erläutern, sie hat sich als Erklärung dieses Textes darin zu bewähren, daß sie seine Meinung und Absicht zu übersetzen, d. h. in entsprechenden Anschauungen und Begriffen der jeweiligen Gegenwart des Exegeten wiederzugeben versucht. Erklären heißt Kommentieren. Es ist selbstverständlich, daß ein ehrlicher Kommentar auch der Bibel keine andere Absicht haben kann, als die biblischen Texte aufs neue zum Sprechen zu bringen. Und es ist ebenso selbstverständlich, daß er dem Text dabei in seinem ganzen Umfang und also Wort für Wort zu seinem Recht zu verhelfen hat: „biblizistisch“ in diesem Sinn ist alle rechte Exegese. Aber nun wollen die biblischen Texte nicht als historisch-literarische „Quelle“ irgendwelcher Erkenntnisse, sondern als gemeindebegründende und gemeinderegierende Zeugnisse von Gottes Wort verstanden sein. Eben zur rechten Auslegung dieser Texte gehört also das Achten auf Gottes Wort, von dem sie einer entstehenden oder schon bestehenden Gemeinde und durch diese der Welt Kenntnis geben wollen. Zur rechten Auslegung dieser [13] Texte gehört also dies, daß der Ausleger in der Lage ist, sich mindestens hypothetisch an den Ort der diese Texte vernehmenden Gemeinde zu versetzen. Von diesem Ort aus ergibt sich nämlich die ganz bestimmte Haltung, in der diese, die biblischen Texte, allein zu verstehen und zu erklären sind. Es wird wahrscheinlich dem, der diesen Ort nur hypothetisch bezieht, praktisch nicht möglich sein, sich wirklich auch in diese Haltung zu versetzen und also eines echten Verstehens und Erklärens fähig zu werden. Aber wie dem auch sei: die Haltung, die von diesem Ort aus einzunehmen ist, ist nun nicht etwa die eines Vorauswissens um ein im menschlichen Textwort „vorhandenes“ Gotteswort. Das war der naturalistische Irrtum der Inspirationslehre des ausgehenden siebzehnten Jahrhunderts und ihrer Vorläufer in der alten Kirche. Gottes Wort ist nie und nirgends „vorhanden“, sondern Gottes Wort ist Gottes Geist, der weht, wo er will; Gottes Wort geschieht, indem es von Gott gesprochen wird: ubi et quando visum est Deo. Daß Gott es im Bereich des kanonischen Zeugnisses schon gesprochen und daß er eben damit verheißen hat, es in demselben Bereich aufs neue zu sprechen, das weiß die Gemeinde, die unter diesem Zeugnis lebt. Die von ihrem Ort aus gebotene Haltung des Auslegers ist darum die Erinnerung, und zwar die dankbare Erinnerung an das schon gehörte und die Erwartung, und zwar die freudige Erwartung des aufs neue zu hörenden Wortes Gottes. Diese Erinnerung und diese Erwartung ist das Achten auf das Wort Gottes. Und daß der Ausleger, indem er im übrigen tut, was alle sonstige Exegese auch tut oder tun sollte, in diesem Sinn auf Gottes Wort achte, ist die einzige Regel einer „theologischen“ oder „pneumatischen“ Exegese. Deren Besonderheit kann doch nur darin bestehen, daß der Ausleger sich, wenn er es mit den biblischen Zeugnissen zu tun hat, in dem durch diese Texte gebotenen Raume bewegt. [14]

VIII.

Die in diesem Sinn «autoritative» Existenz des biblischen Zeugnisses ist die heilsame Garantie dafür, daß es im Leben der Gemeinde und in ihrer Verkündigung an die Welt immer aufs neue zur wirklichen Begegnung zwischen dem gnädigen Gott und dem sündigen Menschen kommen kann.

Wo die Autorität des biblischen Zeugnisses in Geltung steht, da ist dafür gesorgt, daß es im Leben der Gemeinde selbst und im Verhältnis der Gemeinde zur Welt immer aufs neue zu einem lebendigen Gegenüber und Gespräch kommt, in welchem die Bibel der Gemeinde und durch die Gemeinde der Welt etwas zu sagen hat, sowohl Fragen stellen als auch Antworten geben, in welchem sie die Gemeinde und durch die Gemeinde die Welt „an Christi Statt“ lehren, richten und regieren kann. Das bedeutet aber: es kann dann in der Gemeinde selbst und in ihrem Verhältnis zur Welt zu einer wirklichen Begegnung zwischen dem gnädigen Gott und dem sündigen Menschen kommen und also zu einer Wiederholung der alttestamentlichen Situation: Jahve und Israel, und der neutestamentlichen: Jesus und die Seinen — und in dieser Wiederholung zur „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“. Die Garantie dieser Begegnung, dieser Wiederholung und also die Garantie der „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ fällt aber überall da dahin, wo die besondere und überlegene Autorität des biblischen Zeugnisses verschwunden ist, durch dessen Gleichstellung mit der kirchlichen Tradition und folgerichtig durch dessen Unterordnung unter die Verfügungsgewalt des kirchlichen Lehramtes, gleichviel, ob als dessen Träger eine geordnete Hierarchie oder irgendwelche, das große Wort führende Theologen oder aber die Menge der Gläubigen in Frage kommen. Der im Vaticanum gipfelnde Weg der römischen Kirche und der in der Proklamation der Souveränität des allgemeinen frommen Bewußtseins gipfelnde Weg des Neuprotestantismus sind in dieser wichtigen Sache wie in andern Zwillingswege. Wer modernistischer Protestant ist, kann morgen auch katholisch werden und umgekehrt. Denn es macht keinen prinzipiellen Unterschied aus, ob Christus hier in der Figur des unfehlbaren Nachfolgers des Petrus oder ob er dort in der [15] allgemeinen Gotteskindschaft des Menschen als solchen verschwindet. Er hat hier wie dort aufgehört, der Herr zu sein, wir haben es hier wie dort mit einer Herde ohne Hirten zu tun: mit einer Gemeinde, die kein Gegenüber, keinen Lehrer, keinen Richter, keinen König hat, die nichts zu hören bekommt und die sich auch nichts sagen lassen kann — mit einer Gemeinde, die alles besser weiß und die auch niemand hat, der sie eines Besseren überführen könnte — mit einer sich selbst und ihren eigenen Einbildungen überlassenen Gemeinde und darum auch mit einer Welt, der diese Gemeinde nichts zu sagen, die von ihr bestimmt keine Botschaft entgegenzunehmen hat und die darum ganz recht hat, wenn sie sich die Ansprüche dieser Gemeinde verbittet. Zur Begegnung zwischen dem gnädigen Gott und dem sündigen Menschen kann es da, wo die besondere, überlegene Autorität des biblischen Zeugnisses nicht in Geltung steht, nur in Durchbrechung der daselbst in Kraft stehenden Regel kommen. Gerade damit die Gemeinde in ihrem eigenen Leben und in ihrem Verhältnis zur Welt nicht so dran sei, hat Jesus Christus seine Apostel eingesetzt und damit auch die Propheten bestätigt: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ Gemeinschaft zwischen Gott und Menschen heißt Begegnung zwischen beiden: die charakterisierte Begegnung, in der Gott dem Menschen gnädig, der Mensch aber vor Gott ein Sünder ist. Die Überordnung der Schrift über die Gemeinde, die Unterordnung der Gemeinde unter die Schrift garantiert diese Begegnung. Darum darf diese Überordnung und Unterordnung keinen Augenblick aufhören, aktuell zu sein.

IX.

Die praktische Bedeutung der Autorität des biblischen Zeugnisses besteht darin, daß die Gemeinde es sich gefallen läßt, ihr ganzes Leben, ihre Ordnung und ihren Gottesdienst, ihr Bekenntnis und ihre Lehre, ihre Predigt und ihren Unterricht und so auch ihre Stellungnahmen im Leben der Völker und Staaten letztinstanzlich vor ihm zu verantworten, ihm als der Quelle und Norm aller Erhaltung und Erneuerung jederzeit Raum zu geben.

Wo Autorität gilt, da gilt Gehorsam. Die Autorität des biblischen Zeugnisses ist die Autorität Jesu Christi, des Herrn [16] der Gemeinde und des Kosmos, der der Gegenstand dieses Zeugnisses ist. Die Bibel ist also kein „papierener Papst“ und ihre Autorität ist keine gesetzliche, sondern eine geistliche Autorität. Aber eben Jesus Christus ist der, den die Bibel so nennt und der in der Bibel als der Herr bezeugt wird, und es ist eben der Geist der Bibel, der in der Gemeinde selbst und durch die Gemeinde in der Welt Autorität ausübt und Gehorsam fordert. Daß das biblische Zeugnis Autorität hat, das schließt also in sich, daß die Gemeinde willig und bereit ist, ihr Eigenleben in den Dienst dieses Zeugnisses zu stellen. Es gibt in der Gemeinde keine solchen Gestalten von Verfassung, Ordnung und Amt, von Gottesdienst und Gemeinschaftsleben, von Bekenntnis und Dogma, von Theologie und Unterweisung, die durch ihr Alter, durch ihre besonders geweihte Überlieferung, durch die Erinnerung an irgendwelche Personen, durch diese und jene mit ihr gemachten Erfahrungen, durch lokale oder nationale Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten, durch einen gerade herrschenden Zeitgeist oder durch ihre politische oder soziale Brauchbarkeit dem entzogen wären, daß sie sich vor dem Zeugnis der Bibel verantworten, an ihm messen, von ihm her auch in Frage stellen lassen müssen. Die Gemeinde kann viele und gute Gründe haben, es in diesen Dingen so oder so zu halten; sie wird sich aber nie und nirgends dagegen verwahren dürfen, sich vom Zeugnis der Bibel her fragen zu lassen, warum sie es gerade so halte und ob sie es nicht etwa besser anders halten würde. Unter dieser Regel stehen dann auch und erst recht ihre Entscheidungen und Stellungnahmen nach außen: in ihrer Verkündigung an die Welt, in ihren Beziehungen zur allgemeinen menschlichen Gesellschaft und ihrer Kultur, zum Leben der Völker und Staaten. Sie bedenke wohl, daß sie in dem allem letztlich niemandem als ihrem Herrn Jesus Christus, wie er in der heiligen Schrift bezeugt ist, ihm aber streng und genau, verantwortlich ist. Sie hüte die Freiheit, die ihr damit gegeben ist! Und was noch wichtiger ist: sie lasse ihm seine Freiheit, sie zu lehren, zu richten und zu regieren, wie es ihm gefällt! Sie störe ihn durch keinen eigenmächtigen Konservativismus und auch durch keine eigenmächtigen Revolutionen! Sie gebe ihm nach beiden Seiten Raum! Was in ihrem eigenen Leben und in ihrem Verhältnis zur Welt fallen und durch ein Neues ersetzt werden oder aber [17] erhalten und bewahrt werden muß, das bestimmt er und nicht die sie umgebende Welt und auch nicht sie selbst. Er aber tut es durch die Stimme des in jedem Jahrhundert und sogar jeden Morgen neuen und neu zu hörenden prophetisch-apostolischen Zeugnisses. Wieder können für die Gemeinde nach beiden Seiten auch viele andere gute Gründe ins Gewicht fallen. Entscheidender Grund, letzte Quelle und höchste Norm aller Erhaltung und Erneuerung ist er ganz allein, er, der ein für allemal gesagt hat: „Wer euch hört, der hört mich!“ Die praktische Bedeutung der biblischen Autorität besteht darin, dass das Hören auf die, zu denen Jesus das gesagt hat, in der Gemeinde nicht aufhört, sondern immer in Übung bleibt.

X.

Die Gemeinde und mit ihr ihr Auftrag an die Welt steht und fällt mit der Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi in der Gestalt der so bestimmten Autorität der Bibel.

Die drei letzten Thesen wollen darauf aufmerksam machen, daß die Sache, von der die Rede war, nicht neutralen Charakter hat, daß sie nicht ebenso gut verneint wie bejaht werden kann, daß es hier vielmehr ums Ganze geht, um Sein oder Nichtsein. Mit der Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi in der Gestalt der nun bestimmten Autorität des biblischen Zeugnisses steht, lebt und existiert die Gemeinde: in der ihr zukommenden Niedrigkeit und Höhe, in der sie allein stehen kann. Es kann nach allem, was nun gesagt wurde, keine Frage sein, daß die Gemeinde, wenn die Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi in der Gestalt der Autorität des biblischen Zeugnisses dahin fiele, ihrerseits nur fallen könnte. Deutlich gesagt: sie und mit ihr ihre Botschaft an die Welt könnte sich, wenn ihr die Autorität des biblischen Zeugnisses fehlen würde, nur in frommen Rauch und in allerlei religiöse und moralische Gerüche auflösen, was von ihr übrig bliebe, wäre ein langweiliges, ein bedeutungsloses, ein für Gott und die Welt und nicht zuletzt für alle, die mit Ernst Christen sein mochten, uninteressantes psychologisch-soziologisches Phänomen ohne alles tiefere Existenzrecht. Nie-[18]mand kann jemandem verwehren, sich anderswo hinzustellen als in die christliche Gemeinde und also von anderswoher zu denken und zu reden als von ihr her. Wer innerhalb und nicht außerhalb der Gemeinde zu stehen glaubt, der übernimmt die Mitverantwortlichkeit dafür, daß die Gemeinde stehe und nicht falle und also die Mitverantwortlichkeit dafür, daß zuerst der Grund der Gemeinde die biblische Autorität in dem nun bestimmten Sinn dieser Sache in Geltung stehe, nicht vergessen und nicht geleugnet werde.

XI.

Die christliche Theologie und mit ihr ihr Dienst in der Gemeinde, aber auch das Recht ihrer Sonderexistenz unter den andern Wissenschaften steht und fällt damit, daß sie die so bestimmte Autorität der Bibel theoretisch zu Ehren bringt und praktisch fruchtbar macht.

Um dasselbe Stehen und Fallen geht es auch in der Theologie. Es mag ihr gegebenen Falles freistehen, als Theologie abzudanken und sich in Religionswissenschaft zu verwandeln. Als solche mag sie dann auch mit der Autorität der Bibel anfangen, was sie kann und mag. Es steht ihr aber nicht frei, christliche Theologie zu sein, als solche der Gemeinde Jesu Christi dienen und als solche ein Existenzrecht unter den andern Wissenschaften in Anspruch nehmen zu wollen, um unterdessen für die Autorität der Schrift in dem nun bestimmten Sinn theoretisch und praktisch keine Verwendung zu haben. Theologie ist in dem Maß Theologie (und nicht Pseudotheologie!), als sie sich und der Gemeinde und der Welt über die Autorität der Bibel in der nun angegebenen Richtung Rechenschaft abzulegen und als sie diese Erkenntnis in allen ihren Disziplinen praktisch fruchtbar zu machen weiß. Ist sie dazu nicht in der Lage, dann ist ihr Dienst in der Kirche faktisch längst zu einer Störung und ihre Existenz an der Universität faktisch längst zu einem Schattendasein geworden. Daß das Publikum dessen vielleicht noch nicht gewahr worden ist, ändert nichts daran, daß dem so ist. Niemand muß gerade Theologe sein, wer es aber sein will, [19] der soll es recht sein. Und daß er es recht ist, hängt daran, daß er sich dem Ärgernis und der Torheit des „Schriftprinzips“ — wir sagen besser, der in der Autorität der Schrift auch der Theologie widerfahrenen Gnade und Auszeichnung — nicht entziehe, sondern die Furcht des Herrn als den Anfang der Weisheit darin konkret betätige, daß er sich diese Gnade und Auszeichnung dankbar und unverzagt gefallen läßt.

XII.

Die ökumenische Einheit der christlichen Kirche und ihrer Theologen ist in dem Maß Wahrheit oder Illusion, als die so bestimmte Autorität der Bibel für sie in Geltung oder nicht in Geltung steht.

Dieser letzte Satz rührt unmittelbar an das Problem dieser unserer Studientagung. Wir fragen in dieser Tagung nach der „Autorität und Bedeutung der sozialen und politischen Botschaft der Bibel für die Gegenwart“. Und diese Tagung ist eine „ökumenische“ Tagung. Was aber ist die ökumenische Einheit, in der wir, um jene Frage sinnvoll miteinander zu bewegen, beieinander sein müßten? Ökumenische Einheit müßte in dieser unserer Studientagung offenbar darin bestehen, daß mindestens wir, die hier Anwesenden, auf die Grundfrage nach der Autorität und Bedeutung der Bibel an sich und als solche eine einmütige Antwort geben können. Von wo aus sollten wir sonst nach der Autorität und Bedeutung der sozialen und politischen Botschaft der Bibel für die Gegenwart auch nur einmütig fragen können? Mein Referat galt jener Grundfrage. Ich kann nun nach dem, was ich in These X über die Gemeinde und in These XI über die Theologie gesagt habe, nicht wohl fortfahren und schließen mit der erleichternden Behauptung, daß die ökumenische Einheit der christlichen Kirchen und ihrer Theologen und also unsere bei der Einberufung dieser Tagung vorausgesetzte oder in ihrem Verlauf zu gewinnende ökumenische Einheit von der Geltung oder Nichtgeltung der Autorität der Bibel unabhängig sei, daß wir hier in guter Eintracht nach der politischen und sozialen Botschaft der Bibel fragen und über den Sinn der biblischen Autorität doch ganz verschiedener Meinung sein könnten. Es hätte [20] keinen Sinn, wenn ich mir und uns die Sache zum Schluss gerade da, wo sie uns direkt angeht, in dieser Weise leicht machen wollte. Und ich brauche wohl nicht zu sagen, daß mir das auch sachlich nicht möglich ist. Auf These X und XI muß also schon die These XII folgen: ökumenische Einheit — auch die unserer Studientagung — kann Wahrheit oder Illusion sein. Ist sie Illusion, dann mögen wir uns ruhig und in der heiteren Toleranz, die wir uns auch dann nicht schuldig bleiben werden, gestehen, daß wir in Sachen der Autorität der Bibel verschiedener Meinung sind: ich der meinen, dieser und jener einer ganz entgegen­gesetzten. Nur daß ich dann freilich nicht weiß, wie es hier zu einem gemeinsamen Fragen nach der sozialen und politischen Botschaft der Bibel kommen kann. Ist die ökumenische Einheit unter uns Wahrheit, dann weiß ich keine andere Auskunft: wir müssen dann in Sachen der Autorität der Bibel in der einmütigen Erkenntnis des einen christlichen Glaubens stehen. Und eben von hier aus muß, kann und wird es dann auch zu einem fruchtbaren gemeinsamen Fragen nach der sozialen und politischen Botschaft der Bibel kommen. Was ich unter der einmütigen Erkenntnis des einen christlichen Glaubens verstehe, habe ich zu entwickeln versucht. Ich rechne damit, daß es in dieser Sache auch andere „Standpunkte“ gibt. Das kann mich aber nicht hindern, Sie allen Ernstes einzuladen, den hier angegebenen „Standpunkt“ zu beziehen. Wenn Sie diese Einladung ablehnen sollten, so müßte ich Sie ebenso ernstlich bitten, mir im Verlauf dieser Tagung zu zeigen, was unter ökumenischer Einheit dann zu verstehen ist.

Quelle: Karl Barth, Die Schrift und die Kirche, Theologische Studien, Heft 22, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1947, S. 3-20.


[1] Vortrag, gehalten am 5. Januar 1047 an einer ökumenischen Theologenkonferenz im Schloß Bossey in Genf.

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