1
Und dünk ich einsam euch zu sein:
Ich gehe keinen Weg allein.
Unmerklich fast ein leiser Tritt
Rührt an das Pflaster. Gott geht mit.
Sein Auge hab ich nie geschaut.
Nie hört ich seiner Stimme Laut.
Kaum daß ich einst, in hoher Stunde,
Den Atem spürt’ von seinem Munde.
Und dennoch weiß ich: er ist nah.
Sobald ich lausche, ist er da.
Unmerklich fast ein leiser Tritt
Rührt an das Pflaster. Gott geht mit.
2
Er schien ein Schatten, schien bescheiden,
Als er die Straße zu mir kam.
Er ward mir längst ein bitter Leiden,
Und oft ist ihm mein Herze gram.
Er heißt mich nichts, nicht wohl, nicht wehe,
Er spricht kein armes kleines Wort.
Und drückt mich doch. Die stumme Nähe,
Die heischt und redet immerfort.
Und stürm’ ich weithin ins Gelände,
Dem Zügel trotzend, der mich lenkt,
So fühl’ ich, daß es wie zwei Hände
Sich schwer auf meine Schultern senkt.
Dann muß ich stille stehn, und sinnen,
Und rückwärts lenken meinen Schritt.
So wendet er all mein Beginnen.
Er tut nichts Großes. Er geht mit.
Emanuel Hirsch, Zwiesprache auf dem Wege zu Gott. Ein stilles Buch, Düsseldorf-Köln: Eugen Diederichs, 1960, S. 15f.