Christel Schmid/Mater Felizitas (1892-1970)
Von Walter Spam
Das überdauernde, spirituell und pädagogisch auch heute weit ausstrahlende Lebenswerk von Christel Schmid ist die Communität Casteller Ring, eine Ordensgemeinschaft evangelischer Christinnen in benediktinischer Tradition, die sie im Jahr 1950 gründete und bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1970 geleitet hat. Hier verwirklichte sich als Lebensgemeinschaft, was Christel Schmid in ihrer bewegten Lebensgeschichte und in ihrer Person zu verknüpfen vermochte: bodenständige fränkische Frömmigkeit, den Geist der bündischen Jugendbewegung, insbesondere in Gestalt der Christlichen Pfadfinderinnen, und die kirchlich-liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts. Die charismatische, ebenso durch Führungsvermögen wie durch Gemeinschaftsfähigkeit geprägte Persönlichkeit von Christel Schmid verkörpert in besonderem Maße die Lebensaufgaben und Zielsetzungen einer christlichen Frau in Zeiten politischer Katastrophen, sozialer Verwerfungen, religiöser Verunsicherung und des Wandels im Verhältnis der Geschlechter.
I.
Anna Christine Babette Schmid wurde am 1. Dezember 1892 in Mörlbach (Mittelfranken) als jüngstes von dreizehn Kindern des Ehepaares Johann Andreas und Elisabeth Barbara Schmid geboren und am 9. Dezember in der Dorfkirche getauft. Der Vater war, wie seine Vorfahren, ein angesehener Bauer mit Braurecht, zeitweilig auch Bürgermeister. Die Familie pflegte nach dem Zeugnis der Tochter eine selbstverständlich evangelische, biblisch orientierte und kirchentreue Frömmigkeit. Im Konfirmandenunterricht erhielt Christel überdurchschnittlich gute Noten und wurde als »sehr brav« gelobt; sie wurde am 22. April 1906 mit dem Spruch konfirmiert: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben« (Apk 2,10). Im Jahr darauf wurde sie in die Hauswirtschaftsschule des Diakonissenhauses Frankfurt a. M. geschickt, absolvierte aber auch eine kaufmännische Ausbildung. Im Winter 1910 begann sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin in der Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Das dortige, von Wilhelm Löhe geprägte Diakonissentum beeindruckte sie tief, im Blick sowohl auf das Leben in einer verbindlichen Gemeinschaft als auch auf das hohe Selbstbewusstsein der Diakonissen als Braut Christi. Nach einem halben Jahr Theorie begann sie das Praktikum in Vohenstauß (Oberpfalz), wo sie bald die Leitung des Kindergartens übernahm.
In dieser Zeit tritt ein zweites Moment in Christel Schmids Lebensgeschichte: die bündische Jugendbewegung. Diese den bürgerlichen Konventionen gegenüber kritische Bewegung zog »aus grauer Städte Mauern«, um unverbildet natürliches, innerlich freies und wahrhaftiges, gemeinschaftlich verpflichtetes Leben wiederzufinden, wandernd, zeltend, singend und am abendlichen Feuer lagernd. Die Anziehungskraft der Jugendbewegung bestand wie für viele so auch für Christel Schmid in ihrer bewussten Naturnähe, in ihrer poetischen Kreativität und in ihrer expressiven, religiös tendierenden Inbrunst (die sich jedoch nur selten konfessionell definierte). Die Kindergärtnerin war tief beeindruckt vom Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913, der wirksamsten Selbstdarstellung der deutschen Jugendbewegung vor dem Krieg.
1914 kehrte Christel Schmid nach Mörlbach zurück, um ihrer inzwischen verwitweten Mutter zu helfen; hier besucht sie mehrere Bibelkurse. Eine erste Umsetzung dessen, was sie bislang aufgenommen hatte, brachte die Zeit in Kitzingen am Main, wo sie 1921 ihrer Schwester half, die einen Lebensmittelladen betrieb. Sie wurde bald Jugendleiterin in der Landeskirchlichen Gemeinschaft vor Ort; übernahm auch die Kindergottesdienstarbeit in der Ortsgemeinde und die »biblische Betreuung« der konfirmierten Jugend. Ihre Fähigkeit, erzählend für die Bibel und für Jesus Christus zu begeistern (und überhaupt Geschichten zu erzählen und Märchen zu erfinden), wird seither und durch die gesamten Lebensjahre von allen berichtet, die sie gehört haben. Dieses Charisma entfaltete sie aber auch zusammen mit befreundeten Frauen; die erste enge und die folgenden Entwicklungen verlässlich begleitende Freundin war Hanna Burck, ebenfalls Mitglied der Landeskirchlichen Gemeinschaft und Gründerin einer bündischen Gruppe »Blau-Weiß«, zu deren Führerin Christel Schmid gewählt wurde. Die Gefühlslage dieser Gruppe kennzeichnet ein Gedicht, das Christel Schmid im Jahr 1923 schrieb:
[…]
Im Wiesengrunde blüht es tausendfach –
Wie ausgeschüttet liegt die Schönheit da;
Der Menschen Augen schaun sich müd‘ und wach,
der Himmel ist der Erde nah, ganz nah.
Wie, wenn am Ende hier die Brücke wäre,
Die Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit?
Und Feierabendfüße schritten sacht
Aus aller Heimat ferne in die Herrlichkeit?
Noch ist sie’s nicht, doch einmal wird es sein,
daß erderlöste Schwingen frei sich breiten aus
in’s Himmelsland, wo letzte Schönheit ruht –
wo alles Sehnen mündet im Zuhaus.[1]
Nicht nur mit Frauen, sondern auch mit Männern pflegte Christel Schmid – unverheiratet und auch nicht bürgerlich gekleidet, sondern bündisch mit Rock und Bluse – gute Beziehungen, besonders in den abendlichen Gesprächen auf Fahrt. Eine enge, dauerhafte Freundschaft verband sie zumal mit dem (jüngeren) Ortspfarrer Hermann Schlier. Die Kitzinger Gruppe »Blau-Weiß« baute Verbindungen zu den Christlichen Pfadfindern in Sachsen auf, die das Erbe der Jugendbewegung mit den Idealen des Pfadfindertums verbinden wollten, und zwar nicht mehr nur für Männer, sondern auch für Mädchen, die sich eigenständig entwickeln können sollten. Die im Jahr 1923 dort gegründete »Tatgemeinschaft Christlicher Pfadfinderinnen« (TCP) wurde von Christel Schmid und Hanna Burck übernommen, die 1929 eine Kitzinger Gruppe der TCP gründeten. Diese Gruppe nahm auch den örtlichen Mädchenbibelkreis in sich auf und mäßigte das militärische Element des Pfadfindertums. Damit stabilisierte sich eine für Christel Schmid wichtige Verknüpfung: intensive Bibelfrömmigkeit und Christusliebe mit geordnetem bündischem Leben und charismatischer Führerschaft. Schon zu Pfingsten 1933 wurde Christel Schmid auf dem Bundesthing aller TCP-Führerinnen in Seesen (Harz) zur »Reichsführerin« gewählt.
II.
Patriotisch eingestellt, aber politisch naiv, wurde die TCP von der »Revolution von rechts« des NS-Regimes überrollt und wie die gesamte bündische Jugend ohne weiteres vereinnahmt; der Zusammenschluss der christlich orientierten Jugendbewegung im »Bund Christdeutscher Jugend« half da wenig. Obwohl sich Christel Schmid, unterstützt von Hermann Schlier, gegen die örtliche NS-Propaganda wandte, so in einem mutigen und klar bekennenden Protestbrief an den Oberbannführer in Würzburg[2], wurde schon im März 1934 die Kitzinger Gruppe in die (an Mitgliedern viel kleineren) NS-Jugendorganisationen HJ und BDM »eingegliedert«; und das auch noch im Rahmen eines Gottesdienstes. Christel Schmid ließ sich nicht beirren, trotz Überwachung, Verhöre und Hausdurchsuchungen durch die Gestapo: Sie führte eine »Gruppe der Evangelischen Jugend«, verteilte Flugblätter der Bekennenden Kirche und organisierte statt der nun unmöglichen Fahrten mit Wimpeln und Gesang Bildungsausflüge im Rahmen des Jugendunterrichts, in den Pfarrer Schlier auch verlässliche Konfirmandinnen schickte. Allerdings wurde es aus Gründen der persönlichen Sicherheit unvermeidlich, dass Christel Schmid und Hanna Burck Kitzingen verließen. Sie gingen 1935 nach Weißenburg (Mittelfranken), erstere als Dekanatsjugendleiterin, letztere als Pfarrhaushälterin nahebei. Christel Schmid schloss eine lebenslange Freundschaft mit Pfarrer Balther Dyroff, Hanna Burck heiratete Pfarrer Haffner – wichtige Förderer in der Folgezeit.
Diese bedrängten Jahre bringen einen dritten Faktor in Christel Schmids Lebensgeschichte zum Austrag: die liturgische Bewegung. Schon auf die werdende Kindergärtnerin hatte die reichere Liturgie in Neuendettelsau, im Unterschied zur »liturgischen Armseligkeit« der Landeskirche, großen Eindruck gemacht, und die Nähe der rituellen Gestaltung des Pfadfindertums, das sich als »großes Spiel« verstand, zum »heiligen Spiel« der Liturgie wurde von der TCP bewusst gepflegt. Nun lernte Christel Schmid die Hochkirchliche Vereinigung und den Berneuchener Kreis kennen, auch die ökumenische Dimension der liturgischen Erneuerung, die der Marburger Religionswissenschaftler Friedrich Heiler, katholischer Herkunft und evangelischer Konfession, eindrucksvoll verkörperte. Am 3. August 1937 legte Christel Schmid in dem von Heiler gegründeten Dritten Orden der Franziskaner die Gelübde als evangelische Franziskaner-Tertiarin ab.
Nur wenige Tage später, am 17. August, verschlechterte sich ihre äußere Lage noch einmal entmutigend. Die TCP wird als unzulässig kirchlich und bündisch verboten; der zuständige Landesjugendpfarrer muss sie wohl oder übel entlassen und verbietet ihr den Kontakt mit der kirchlichen Jugend. Christel Schmid wird Leiterin im Jugenderholungsheim »Martinsruh« in Kasberg (Fränkische Schweiz), wo sie aber Hedwig Döbereiner kennen lernt, eine wichtige Gefährtin der kommenden Jahre. Nach zwischenzeitlicher Arbeit im Jugenderholungsheim »Weggenossenhaus« in Riederau (Ammersee) erhielt die im April 1941 wieder eine Stelle als Jugendleiterin, jetzt an St. Lorenz in Nürnberg – einer Gemeinde, in der Pfarrer Otto Dietz die Matutin und die Vesper als Stundengebete einführte; das Pfarrhaus-Zimmer von Christel Schmid wurde passend »Klosterstube« genannt. Auch die Kontakte zu den Pfadfinderinnen brachen nicht ab, weil das Ehepaar Haffner (Hanna Burck) sich inzwischen im Witwenschlösschen des Fürsten Castell in Castell (Unterfranken) eingemietet hatte und Christel Schmid, die regelmäßig hinfuhr, dort einen geistlichen Treffpunkt der gleich gesinnten Frauen und Mädchen aufbauen konnte. Hier nahmen, angeregt durch den jetzigen Militärpfarrer Hermann Schlier, die Bestrebungen Christel Schmids, wieder eine verbindliche christliche Gemeinschaft von Frauen zu bilden, erste Gestalt an.
Ostern 1942 versammelten sich etwa zwanzig Pfadfinderinnen in Castell, die eine neue Bundesordnung entwarfen und sich zehn Lebensregeln gaben. Sie verpflichteten sich unter der »Zucht des Herrn Jesus Christus« zu eindringender Bibelarbeit, täglicher Gebetsstille, Liebe zur Mutter Kirche, dankbarer Hilfs- und Opferbereitschaft, Ehrfurcht vor der Schöpfung und Warten auf das Kommen Christi; trotz oder gerade wegen des Leidens am »christuslos« gewordenen, seiner materiellen und geistigen Zerstörung entgegengehenden deutschen Volk gehörte als neunte der Einsatz für den Sieg des deutschen Volkes zu den zehn Regeln[3]. Sieben von den jungen Frauen, die schon in näherer Verbindung mit Christel Schmid standen, stiegen in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag mit dieser und Hermann Schlier, bewacht von Hanna Haffner, aus dem Garten des Schlösschens über die Mauer in den Friedhof der Fürstenfamilie und legten, um ein großes steinernes Kreuz versammelt, ein Gelöbnis ab: Ich sage zu eurer Gemeinschaft Ja und verspreche euch meine Treue[4].
Dieses von allen Beteiligten als außerordentlich bewegend und schlechthin bindend erfahrene Gelöbnis konstituierte einen »inneren Ring«, der sich bald auch, wegen des Verbots anderer Zeichen, durch das Tragen einer Art Siegelring kenntlich machte, auf dem zwei Ringe ineinander eingraviert waren. Der Austausch dieser Kerngruppe, die sich heimlich bis Januar 1945 etwa halbjährlich treffen konnte, mit dem »äußeren Ring«, d. h. mit den Pfadfinderinnen vor Ort in Kitzingen, Nürnberg, Augsburg und auch München oder Stuttgart, wurde mit den wohl schon 1941 eingeführten sog. »Urselbriefen« aufrechterhalten, die teils untereinander, vor allem aber von Christel Schmid vertraulich verschickt und weitergegeben wurden. In diesen Briefen waren die Mitglieder des »inneren Ringes« und einige andere Vertraute für Informationen über Personen und Ereignisse wie die Luftangriffe, aber auch für bestimmte Sachgebiete zuständig, von christlicher Symbolik, Liturgik oder Lyrik bis hin zu praktischen Erfordernissen in der Kriegszeit; Christel Schmid behandelte vor allem seelsorgerliche Fragen und Themen der Gemeinschaft. Als Deckname für die mit »liebe Ursel« angesprochenen Adressaten kam der Name »Casteller Ring« in Gebrauch; er wurde festgeschrieben in der Bundesordnung von 1942. Die konspirative Tarnung – ein Punkt der neuen Ordnung lautete »Schweigen gegen jedermann« – war so gut, dass noch im September 1944 ein 22-seitiges »Gebetbüchlein« Hermann Schliers und Christel Schmids verteilt werden konnte, das abgeschrieben und gebunden für viele ein langjähriger Begleiter wurde. Schlier hatte Ende 1943 immerhin den Landesjugendpfarrer Hans-Martin Helbich über den Casteller Ring und seine zehn Regeln informiert, ohne jedoch um ein förmliches Placet einzukommen; Helbich begrüßte die »revolutionäre Kraft« dieser Jugend[5].
Die neuerliche Intensivierung christlicher Gemeinschaft durch Christel Schmid bezog sich verstärkt auch auf deren liturgisches Leben. Dieses Motiv erhielt nun eine eigentümliche und für die Folgezeit entscheidende Prägung durch die Begegnung mit der benediktinischen Spiritualität. Im Sommer 1943 – ihr Dienstort, das St. Lorenzer Pfarrhaus, war schon im August 1942 zerstört worden – zog Christel Schmid ganz nach Castell um, in den Dachboden des Witwenschlösschens. Eher zufällig begegnete sie dem Benediktinerpater Theophil Lamm, der als Cellerar der nahe gelegenen Abtei Münsterschwarzach auch in dem geschlossenen und für Kriegszwecke beanspruchten Kloster unentbehrlich war. Vermittelt durch eine Kitzinger Pfadfinderin ergab sich im November 1943 für Christel Schmid, begleitet von einem Mitglied des »inneren Rings«, Elisabeth Decker, und Hanna Haffner, ein erstes Gespräch mit Pater Theophil. Dieses Gespräch über das »zweckfreie Sein für Gott« in der sakramentalen Liturgie, im Stundengebet und in der verpflichteten Lebensgemeinschaft als Abbild der einen wahren Kirche erschloss Christel Schmid eine mögliche Realisierung ihrer tiefen Sehnsucht nach völliger Hingabe an Christus in einer ihn abbildenden Gemeinschaft. Nachdem sie eben noch dem letzten Bombenangriff auf Nürnberg am 1./2. Januar 1945 entkommen war, wurde ihr am 2. Juli 1945 die Gewissheit zuteil, dass der gottesdienstliche Reichtum der benediktinischen Tradition auch in der evangelisch-lutherischen Kirche verwirklicht werden könne. Dieses Datum, das Fest der Begegnung Marias und Elisabeths, war fortan ein wichtiger Gedenktag[6].
III.
Nach dem Krieg ging Christel Schmid zielstrebig auf die Verwirklichung des nun klaren Lebenszieles zu. Die technisch natürlich schwierigen Kontakte der Pfadfinderinnen wurden wieder öffentlich, mit Billigung der Militärregierung und des Landesjugendpfarrers: Christel Schmid und Hermann Schlier leiteten vom 10.-16. September 1945 in der Markusklause bei Augsburg ein erstes Pfadfinderinnen-Lager. Hinsichtlich der Anreise, des Essens usw. war es abenteuerlich genug, doch wurde hier der TCP erweitert und unter dem neuen Namen »Bund Christlicher Pfadfinderinnen« mit dem (auf Bayern bezogenen) Unternamen »Casteller Ring« mit allen Aktivitäten, Bräuchen und Zeichen unter der Leitung der Genannten in seine Rechte eingesetzt. Nach heißen Diskussionen wurde nicht nur der Übergang zu Abstimmungen und Mehrheitsbeschlüssen festgelegt, sondern auch, am 13. September, die Annahme des kirchlichen Stundengebets als Gemeinschaftsgebet des Bundes. Mehr noch, dieser Bund sah nun das höchste Ziel … bündischen Strebens im christlichen Orden[7].
Das Ziel der »Gestaltung einer Ordensgemeinschaft« wurde in der Bundesordnung von 1946 festgeschrieben und mit der Absicht verbunden, dem Sehnen der jungen Menschen nach Kirche entgegenzukommen und die alten, oft vergrabenen und versteinerten Schätze der Kirche wieder (zu) heben. Der Weg dorthin: Im Vorfeld des Ordens steht die straffe Zucht der pfadfinderischen Arbeit. Dadurch wird der junge Mensch aus seiner Vereinzelung und Sonderlichkeit erlöst und in eine feste Erziehungsform hineingestellt, die er von sich aus bejaht. Darum baut der Bund vom Pfadfinderischen aus seine Arbeit auf. Die Bibel ist die selbstverständliche geistige Ausrichtung in der pfadfinderischen Arbeit[8].
Obwohl Christel Schmid erst im Alter von fast vierzig Jahren Pfadfinderin wurde, vertrat sie sehr überzeugt diese »Erziehungsform«; sie blieb Bundesmeisterin des BCP von 1945 bis 1961. Sie prägte ihr nun aber auch ihre christliche Frömmigkeit auf, vor allem den besonderen Auftrag, »den liturgischen Weg« zu gehen und auf das Leben in einer Ordensgemeinschaft hinzuwirken; der »Innere Ring« des BCP, vor allem die geweihten Kreuzpfadfinderinnen, sollten schon eine Ordensgemeinschaft darstellen[9]. Von der Gründung eines angedachten Dritten Ordens rieten allerdings sowohl Hermann Schlier, dem der BCP die Einführung der Einzelbeichte verdankte, der eine Spaltung des Bundes befürchtete, als auch Pater Theophil, der zunächst einen Ersten Orden für nötig hielt, deutlich ab. Christel Schmid ging daher ihren Weg als Bundesmeisterin des BCP, in der Organisation vieler Freizeiten und Lager weiter, sowie, auch zum bescheidenen finanziellen Unterhalt über die Unterstützung durch das Ehepaar Haffner hinaus, im Reisedienst des eher misstrauischen Evangelischen Jugendwerkes und im Bayerischen Mütterdienst, hier ermutigt von dessen Leiterin, Dr. Antonie Nopitsch. In ihre persönliche Nähe trat jetzt ihre Nachfolgerin in der CCR, Maria Pfister, die sie wohl nach ihrem Umzug nach Castell kennen gelernt hatte, seit 1942 Kindergärtnerin und Katechetin in Kitzingen.[10] Für die liturgische Arbeit des Inneren Rings, der sich regelmäßig traf, gewann sie den Pfarrer, späteren Theologieprofessor in Neuendettelsau und bayerischen Konventsältesten der Michaelsbruderschaft, Lic. Eduard Ellwein. Durch ihn wurde die lutherische Ausrichtung Hermann Schliers, des »Bundestheologen«, weiter ins Ökumenische entwickelt, verstanden als Dienst am Mysterium der Ecclesia[11].
Für die Einübung in diesen Dienst beanspruchte Christel Schmid weiterhin auch den Pater Theophil, der mit Billigung des Abtes von Münsterschwarzach und mit dessen Weisung, ja keine Proselyten zu machen, regelmäßig nach Castell kam und dort mit Christel Schmid, den vom Casteller Ring Anwesenden und mit Pfarrer Haffner die Ordensregel des Hl. Benedikt diskutierte – wozu die Frauen ihre Gebets- und Beichtpraxis und ihre starke Bibelkenntnis beisteuern konnten. Im Dezember 1946 hielt Pater Theophil die ersten Exerzitien in Castell, unter dem marianischen Titel »virgo – mater – sponsa« und in Anlehnung an »Die ewige Frau« von Gertrud von Le Fort. Der Abschluss gestaltete sich nach Aussage Christel Schmids dramatisch:
Fiat – mir geschehe. Es muss dieser Augenblick gewesen sein, in dem sich die Augen der Ekklesia voll Spannung in diese Dachkammer richteten. Es stockte das Rad einen Flügelschlag – und dann: fast zornig diktierte ein junger, für das Gottesreich glühender Mönch das Fiat, ein Formular, den Rahmen einer Profeßurkunde und eine Verpflichtung zu Schriftlesung, Gebet, Teilnahme an der liturgischen Bewegung, Güte und Bindung an die Schwester – eine Verbindung unserer Welt und der Welt des Mönches. Nun wurde die Stube umgeräumt. Alle legten mit brennenden Kerzen ihre Bindung ab, der Priester löschte die Kerzen: ›So ist mir die Welt in Christus gekreuzigt und ich ihr‹[12].
Christel Schmid stand nun allerdings neuerlich in der Versuchung, zur römisch-katholischen Kirche zu konvertieren – zu einer Kirche, die sich ihr bislang trotz alles Suchens und »wund« Mühens nicht »entschleiert« hatte[13], die sie nun aber ihr Mysterium so mächtig und beglückend erleben ließ. Sie fuhr, ebenfalls mit dem Fahrrad natürlich, oft den umgekehrten Weg nach Münsterschwarzach, um an der Matutin, den Laudes und der Messe der Mönche teilzunehmen. Dennoch, sie kommunizierte nicht, und sie konvertierte auch nicht. Ein wichtiges Motiv dafür war ihrer häufigen Aussage nach ihr Konfirmationsspruch, den sie als sakramentalen Schwur verstand und auf die Treue zu ihrer evangelischen Kirche bezog; Friedrich Heiler war da eine wichtige Stütze. Gleichwohl litt sie nun noch schwerer an der Trennung der Kirchen, die doch der Feier des Altarsakraments der Einen Kirche Christi widersprach. Dieses Leiden äußerte sich auch in einer gesundheitlichen Krise, einer Angina pectoris, die bis zum Lebensende nicht wieder heilte.
Die Alternative zur Konversion war ein evangelisches Ordensleben, wie Christel Schmid intuitiv wohl längst wusste. Am 4./5. Oktober 1947 empfing sie durch Friedrich Heiler die Firmung (analog zur Konfirmation); der in Haggai 2,23 Serubbabel geltende Firmspruch für sie lautete: Ich will dich wie einen Siegelring halten, denn ich habe dich erwählt. Ihr neuer Name, zufällig der der Patronin der Abtei Münsterschwarzach, wurde »Felizitas«. Jährlich wurde das »Fiat« in Castell erneuert, zusammen mit Eduard Ellwein wurde es, auf dem Boden der Confessio Augustana und im Dienst an der Ökumene neu formuliert[14].
Unter den Beteiligten wuchs der Wunsch, ihr Leben und ihre Arbeit monastisch zu teilen. Allerdings war Christel Schmid klar, dass die faktische evangelische Kirchlichkeit dies nicht akzeptieren würde, dass die Möglichkeit eines Dritten Ordens fraglich war und dass der Zusammenhang mit dem BCP ein Problem werden könnte. So impulsiv Christel Schmid sein konnte, hier war es die um einunddreißig Jahre jüngere Maria Pfister, die diese Schwelle schließlich überschritt. Diese Pfarrerstochter war seit 1947 Gemeindehelferin, Organistin und Dekanatsjugendleiterin in Schweinfurt und hatte dort eine lebendige Pfadfinderinnengruppe aufgebaut; nach vielen, auch späteren Zeugnissen war sie zugleich ausgezeichnete Seelsorgerin und vorzügliche Organisatorin. Sie nun erwirkte im Juli 1949 in Münsterschwarzach – dort, wo sie mit Christel Schmid die Osternachtfeier erlebt und die Sprache der liturgischen Gebärden wie das Kreuzzeichen, das kniende Beten und die Verneigung gelernt hatte – die Zustimmung Christel Schmids zum gemeinsamen Leben. Sie gab ihre Schweinfurter Stelle auf und zog im Januar 1950 nach Castell in ein zweites Zimmerchen auf dem Dachboden des Schlösschens um. Ohne dass die Tätigkeiten im BCP aufhörten (Maria Pfister wurde im selben Jahr Gaumeisterin und später auch stellvertretende Bundesmeisterin) und ohne dass der BCP zunächst davon überhaupt Kenntnis erhielt, begannen die beiden Frauen am 15. Februar 1950 um 6 Uhr früh mit den Laudes die monastische Gemeinschaft.
Maria Pfister beschreibt im Jahr 1980 diesen nach Gen 12,1 interpretierten »Auszug« aus der Pfadfinderromantik, diesen »Bruch« mit dem bisherigen Lebensstil:
Mit diesem 15. Februar 1950 wurde aus der »Christel« eine »Mater«. Ich weiß nicht, ob ihr das schon einmal erlebt habt, dass mit ein- und demselben Menschen plötzlich eine ganz neue Phase beginnen muss. Zwischen uns, die wir uns menschlich sehr nah und vertraut waren, trat plötzlich Kapitel 2 der Regula St. Benedikts, das Bild des Abtes, das Bild von der Repräsentanz Christi in einem Menschen. Ich sehe noch das zögernde Lächeln, mit dem wir uns an diesem Morgen begrüßten, eigentlich ratlos, wie wir jetzt miteinander umgehen sollten. Wir waren sehr vorsichtig und sehr behutsam! Es war eine strenge Ordnung, mit der wir in Castell begonnen haben, sehr streng. Und das nach dem Stil einer bündischen Weite – es war ein ganz anderer, ein neuer Lebensstil, der da oben unterm Dach begonnen hat. Das Wort Gehorsam spielte eine große Rolle, die Abtötung, Askese hatte einen wichtigen Klang für mich. Und wir hatten es wahrlich nicht schwer, uns darin zu üben. Es war eine Zeit, in der wir fast kein Geld und auch sonst wenig zum Leben hatten …[15].
IV.
Die neue Ordensgemeinschaft begann in der Tat unter sehr schwierigen persönlichen, finanziellen und organisatorischen Bedingungen. Zunächst erkrankten die beiden Frauen ernstlich und brauchten lange Zeit, sich zu erholen. Zu ihrem Lebensunterhalt musste das schmale Gehalt Christel Schmids und die Unterstützung durch das Ehepaar Haffner reichen; in der folgenden Zeit konnte nur aufgenommen werden, wer im Umkreis Castells Geld verdiente, und von einem Gehalt mussten jeweils zwei Frauen leben. Der Dachboden bot (sehr engen) Platz, in der Apfelkammer sogar für eine kleine Kapelle. Das organisatorische Problem war die Beziehung zum BCP, dessen Bundesmeisterin Christel Schmid ja war und dessen Bundesbüro sich seit 1950 ebenfalls im Dachboden des Schlösschens befand. Dabei handelte es sich freilich zugleich um ein grundsätzliches theologisches und institutionelles Problem.
In einer Grundsatzrede vom Juni 1948 in Stein bei Nürnberg hatte Christel Schmid noch einmal bekräftigt: Der Weg des Bundes führt vom Feuer der bündischen Jugend zum Altar der Kirche. Das alte »Lebenspfadfindertum«, das auf der erlebten und daher bindenden und gestaltenden Kraft der Fahrt und des Feuers beruhte, sei für die neue Jugend kein wirkliches Ziel mehr; die Sehnsucht gehe vielmehr vom Subjektiv-Individualistischen zum Objektiven, d. h. nach der Mutter Kirche … nach dem Objektiven der Kirche.
Ein Bund beantworte die Frage: Was kann ich werden?, der Orden, die höchstmögliche Erziehung des Einzelnen, die Frage: Was kann ich wirken? Christel Schmid ist überzeugt, dass die alte, vom Evangelium schon erfasste TCP nicht nur Prägung, sondern Sendung hatte, und so sei der Übergang vom Bund zum Orden hier nur ein wachstümlicher Schritt. Es ist ihr andererseits klar, dass jeder Orden in einem Mysterium verankert ist und von metaphysischen Quellen gespeist wird und dass er seine Dämonie (hat), die ja widergöttlich sein kann (und sie nennt nicht nur NS-Orden als Beispiele). Weil in diesen chaotischen Zeiten teuflische Verirrungen so nahe liegen, muss sich der BCP durchschlagen zu den Urquellen der Kirche und sich an der lange verdunkelten Herrlichkeit Christi für seine christliche Sendung stärken. Christus muss das Mysterium unserer verschworenen Gemeinschaft werden. Das ist der Weg der christlichen Pfadfinderschaft zum Orden …[16].
Wie Christel Schmid in dieser Rede zu Recht bemerkte, waren Orden und ordensmäßige Bindung 1947 aus der Bundessatzung wieder verschwunden, um der Schwachen willen, wie sie sagte, sprich: um der Aufnahme in die Landesjugendkammer der bayerischen Landeskirche willen. Denn in der Perspektive der im Orden verschworenen Gemeinschaft von Menschen besonderer Art konnte die Arbeit in der Gemeinde, in der Landeskirche und der EKD nur ein Unterziel sein; das Hochziel war das Mysterium Christi, wie es sich seiner Kirche geoffenbart hat, … die Mutter Kirche. Ihr gehört der junge Bund. Ihr gehört eine verschworene Gemeinschaft junger Menschen. Ihrer Macht und ihrer Schönheit und ihrem Leiden und ihrem Kreuzweg sind wir zugeteilt[17].
Vermutlich war die Lage richtig eingeschätzt: Die Landeskirche, aber auch die kirchlichen Jugendverbände hätten schweren Anstoß an dem Unternehmen genommen, täglich sieben Stundengebete zu halten und nach den Evangelischen Räten der Armut, des Gehorsams und der Ehelosigkeit zu leben, die Einzelbeichte zu praktizieren, die Regeln des Hl. Benedikt streng und in vollem Umfang einzuüben; zu schweigen von liturgischen Gebärden und vom Chorgewand. So musste die neue Gemeinschaft akzeptieren, noch über Jahre nirgendwo offiziell existent zu sein. Sie musste ebenso akzeptieren, dass der BCP ihren Weg nicht als ganzer mitging. Die Zielsetzung Orden hatte sich nicht dem ganzen Bund gleichmäßig erschlossen, wie Christel Schmid sagte und wie die Chronistin Hedwig Döbereiner bestätigt[18]. Erst im Verlauf langer, kontroverser Diskussionen bejahte der BCP die »Ordensleute« als neuen Stamm aus der gemeinsamen Wurzel des Bundes, allerdings ohne dies förmlich festzulegen. Immerhin wurde der Name aus der Verbotszeit, »Casteller Ring«, auf Beschluss des Bundesthings für die neue Communität beibehalten. Umgekehrt betreute Christel Schmid zusammen mit Maria Pfister und Hanna Haffner die Organisation und die Arbeit des BCP durch fortbildende Literatur (Führerinnenhilfen, Monatsweisern), mit Reisen zu den örtlichen Gruppen und auf Zeltlagern, etwa auf der nahen Burg Feuerstein in den Sommern 1949-1955.
Trotz alledem – die »Communität Casteller Ring« begann zu wachsen (seit wann diese Bezeichnung und ihre Abkürzung »CCR« gebraucht wurde, ist nicht belegt). Sie gab sich auch im Rückbezug auf den Dritten Orden der Franziskaner, dem Mater Christel ja angehörte, den Namen Arme Frauen von Castell. Unter den Frauen, die sich der Communität nun anschlossen, war besonders wichtig die von Christel Schmid und Hermann Schlier als Jugendleiterin mit ausgebildete Hedwig Döbereiner. Unbeschadet ihrer eigenen geistlichen Befähigung war sie diejenige, die nun erfolgreich für die Finanz- und Bauangelegenheiten der Communität sorgte und sie gegenüber den Institutionen des BCP, der Landeskirche, des Freistaats Bayern und des Bundes überaus klug vertrat[19]. Umgekehrt gehörte es zu den besonderen Fähigkeiten der Mater Christel, unbeschadet ihrer geistlichen Führerschaft die Charismen der Frauen in der Communität zu erkennen, die richtigen Menschen an die richtige Stelle zu setzen und so zur bestmöglichen Wirkung kommen zu lassen.
Ein letztes Mal konnte Mater Christel an ihrem evangelischen Weg irrewerden, als, vermittelt über Hedwig Döbereiner, der Abt von Niederaltaich noch im Jahr 1950 Castell besuchte, sich mit ihr besprach und nicht ohne Segen und Spende weiterreiste. Auf seine Veranlassung lud die Äbtissin von Frauenchiemsee Mater Christel auf drei Wochen in die Klausur des Benediktinerinnenklosters ein – vor dem Zweiten Vatikanum unerhört. In der rückschauenden Erzählung lässt die Eingeladene keinen Zweifel daran, dass sie dort völlig glücklich war und nichts sie gehindert hätte, katholisch zu werden; gehalten hätten sie aber, wie schon in den bisherigen Jahren, in denen sie mit der Kirche und um die Kirche rang, die Augen der fünfhundert Mädchen, die zum Bund gehörten[20]. Mater Christel kehrt zurück, mit zwei wichtigen Anregungen: Sie führt das Schweigen in der Klausur (dem Dachboden) ein und entwirft eine Lebensordnung für die Communität.
Mater Christel gelang es in den folgenden Jahren, die wachsende Communität nach innen und nach außen weiter zu entwickeln. Nach außen: Die jugendpädagogische Arbeit konnte, noch in der Organisation eines »Pfadfinderinnen-Dienstes e. V.«, 1953 eine Schule mit Internat für die hauswirtschaftlichen und erzieherischen Grundlagen sozialer Frauenberufe beziehen, die mit Spenden schwedischer Pfadfinderinnen auf dem Gelände des Witwenschlösschens in Castell gebaut wurde; auch das Schlösschen selbst konnte im April 1953 erworben werden. Nach innen: Das geistliche Wachsen der Gemeinschaft war bewegt von der mystischen Frömmigkeit Mater Christels[21] und ausgerichtet von ihrer starken religiösen Autorität. Dies lässt sich freilich, außer in den eher zufälligen Berichten der Beteiligten, nur indirekt an der stetigen Vergrößerung der Gemeinschaft ablesen, auch daran, dass nun die Profess-Feiern eingeführt wurden, beginnend mit der von Maria »Gertrudis« Döbereiner und Maria »Scholastika« Pfister an Ostern 1954. Im Jahr darauf wurden die bislang handgeschriebenen Gebetbücher durch das »Rote Buch« ersetzt, das vom liturgischen Ausschuss der VELKD 1955 (»Der tägliche Gottesdienst«) erarbeitet war.
Einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der CCR ging Mater Christel, als ein Teil der Schule auf das, nahe auf einem vorspringenden Berg des Steigerwaldes liegende, seit kurzem leer stehende Schloss Schwanberg umzog. Dieses Schloss und sein umliegendes Gelände konnte am 1. April 1957 vom Pfadfinderinnen-Dienst e.V. gemietet, neu eingerichtet und auch für Gäste ausgebaut werden; die Einweihung fand am 3. Oktober 1957 statt. Dies war vielleicht der Zeitpunkt, an dem die Frauen der Communität als Ordensfrauen öffentlich auftraten, in ihrem Ordenshabit, dem langen schwarzen Gewand mit weißem Kragen. Ihre Einladung an die Schülerinnen und an die Umwohner zur Teilnahme an den Stundengebeten und den Sakramentsgottesdiensten erfuhr zunächst die unterschiedlichsten Reaktionen, bis hin zur Angst vor Rekatholisierung. Auch davon ließ sich Mater Felizitas, die anscheinend erst jetzt von der 1949 gegründeten Selbitzer Christusbruderschaft (Pfarrer Hümmer) und von den 1948 gegründeten Darmstädter Marienschwestern Kenntnis nahm, nicht beirren.
Mit Eduard Ellwein verfasste Mater Felizitas 1958 eine verbesserte Ordnung der CRR, in der die Geltung der evangelischen Räte Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit und Selbstverleugnung erneuert wird und die, dem benediktinischen ora et labora folgend, Liturgie und Diakonie unter der Jugend als die Berufung der CCR bezeichnet. Sie stellt das nun beiderseits eigenständige Verhältnis zwischen CCR und BCP fest und regelt den meist über sechs Jahre gehenden, vierstufigen Weg in die Communität über Postulat und Noviziat bis zur Profess. Der Ganzeinsatz des Lebens wird unter die Erwartung des Einbruchs des Reiches Gottes, unter die Bitte Komm! (Apk 22,17) gestellt[22].
Nachdem die Kirchenleitung der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern diese Ordnung akzeptiert und der Landesbischof Hermann Dietzfelbinger im Juli 1959 den Schwanberg besucht und die Communität zur weiteren Arbeit ermutigt hatte, waren alle äußeren Hemmnisse beseitigt. Ein fast stürmischer Ausbau des Schwanbergs als geistliches und pädagogisches Zentrum innerhalb der Landeskirche bestimmte die folgenden Jahre. Vor dem Schloss wurden Schule und Internat des Vorseminars für soziale Berufe und das Ordenshaus mit der St. Michaelskapelle gebaut. Es wurden nun Tagungen für kirchliche, soziale und pädagogische Fortbildung aufgenommen oder auch Schulungskurse für Auslandsdeutsche oder Freizeiten für Flüchtlingskinder durchgeführt. In alledem trug die charismatische Kooperation von Mater Felizitas mit Sr. Maria Scholastika Pfister, der für die Bildungsarbeit Begabtesten, und mit der im Ökonomischen unübertrefflichen Sr. Hedwig Gertrudis Döbereiner, aber auch mit Freunden wie Balther Dyroff reiche Früchte. Aus dem »Pfadfinderinnen-Dienst e. V.« wurde die »Tagungs- und Bildungsstätte Schloss Schwanberg«, wie sie ab 1971 heißen wird.
Die Bundesleitung des BCP gab Mater Christel, fast siebzigjährig, am 28. Oktober 1961 beim Bundesthing auf dem Schwanberg an die gewählten Hedwig Döbereiner und (als Stellvertreterin) Maria Pfister ab. Ihre Abschiedsrede, die immer noch von ihrem Charisma für die Jugend getragen ist, vom 28. Oktober bringt ihre mit den Pfadfinderinnen so eng verbundene Lebensgeschichte seit 1931 in Erinnerung – von den jetzt 24 Ordensfrauen kommen 21 aus dem Bund –, die Osternacht 1942, aber auch die schmerzliche Geburt des evangelischen Ordensgedankens im Casteller Ring – langsam selbstverständlich auch für Kirchenbehörden und schwerhörige Gemeinden. Umgekehrt gibt sie freimütig zu, dass sie, in der das Bild der Pfadfinderin deutscher Prägung lebte, die großen Gaben des Internationalen wahrzunehmen lernen musste, aber auch erfuhr. Sie mahnt eine straffe Linie des Bundes z. B. in der Führerinnenausbildung an, ermutigt zur kleinen Zahl, d. h. zur Ehrfurcht vor jedem einzelnen anvertrauten Menschen, und ruft zum Widerstand gegen die Traurigkeit, die lähmende europäische Traurigkeit auf. Ich möchte so gerne Mut machen, mehr zu wagen im Hoffen, im Glauben und im Lieben. Die Zukunft besitzen nicht die Wirtschaftswunderleute. Die Zukunft besitzt eine Auslese der Askese![23]
In ihren letzten Lebensjahren konzentrierte sich Mater Felizitas, nun völlig überzeugt davon, dass die evangelischen Orden, auch der Casteller Ring, ein Zeichen der Zukunft sind, die schon begonnen hat[24], auf ihre liturgischen und pastoralen Aufgaben, begleitet von Pater Theophil und Eduard Ellwein sowie unterstützt von dem 1967 hinzukommenden Schulleiter und Pfarrer der Communität, Dr. Johannes Halkenhäuser. Ihr Verdienst um die Schwestern, die sie keineswegs zu weltfremder, ängstlicher Enge, sondern gleichermaßen zum schmalen Pfad des Verzichts um ihrer Berufung willen wie zur tatkräftigen, lebensgewandten, kultivierten Praxis auf dem weltlichen Parkett, lassen sich von den Nachgeborenen nicht wirklich ermessen[25]. Mehr als der am 13. Dezember 1965 verliehene Bayerische Verdienstorden besagen so verschiedene zufällige Äußerungen wie die einer Schülerin: Es war für uns ein ganz besonderes Erlebnis, die Schwestern beim Beten zu sehen. Diese Innigkeit kannten wir gar nicht. Und darin Christel, die strahlte vor Gott, und die Äußerung einer Schwester, die in Mater Felizitas das Vorbild einer starken, selbstbewussten Frau (erlebte), die kraftvoll in der Welt steht[26].
Gegen Ende 1968 gab Mater Felizitas ihr Amt an die vom Schwesternrat gewählte Priorin Sr. Maria Scholastika Pfister ab; die Communität zählte jetzt 31 Mitglieder[27]. Am Jahrestag ihrer Konfirmation, 22. April 1970, starb sie nach einem Herzanfall und wurde im neu angelegten Friedhof der CCR zwischen Park und Wald zur letzten Ruhe geleitet. Wie sie sich darauf vorbereitete, überliefert ein Gedicht aus dem Jahr 1969:
Weiße Hostie in goldener Schale
Nur noch um eines Flügelschlages Wehen
Bin ich vom Paradies getrennt.
Und Zeit ist aus, um ganz in ihr zu stehen.
Der Raum ist leer.
Ein neuer Weg zeigt sich, gesternt
Lichtschatten über ihm, und ich –
fast blind
hintastend
darf ihn gehen.[28]
Bibliographie
Sekundärliteratur:
Döbereiner, Hedwig: Feuer und Alter. Der Bund Christlicher Pfadfinderinnen von 1922 bis 1972. Kassel 2003.
Schridde, Katharina Klara: Zweckfreies Sein vor Gott. Skizzen zum Leben von Christel Schmid. Ms. Schwanberg 2001.
Quelle: Inge Mager (Hrsg.), Frauen-Profile des Luthertums. Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert, Gütersloh: GVH, 2005, S. 373-389.
[1] Abgedruckt in: Sr. Katharina Klara Schridde CCR: Zweckfreies Sein vor Gott. Skizzen zum Leben von Christel Schmid. Ms. Schwanberg 2001, S. 8, jetzt (Dezember 2003) auch gedruckt erhältlich.
[2] Abgedruckt bei Hedwig Döbereiner: Feuer und Alter. Der Bund Christlicher Pfadfinderinnern von 1922 bis 1972. Kassel 2003, S. 43-46; S. 46 ff. eine ausführliche Schilderung der Vorgänge, auch auf lokaler Ebene.
[3] Abgedruckt bei Hedwig Döbereiner, a. a. O. (Anm. 2), S. 84; eine Diskussion der neunten Regel aus heutiger Sicht, S. 84ff.; die »Bundesordnung 1942« ebd. S. 413-417, zum Vorgang vgl. S. 78ff.
[4] So bei Sr. Schridde, a.a.O. (Anm. 1), 15f.; Hedwig Döbereiner, die zu den sieben Frauen gehörte, berichtet als Gelöbnis: Ich verspreche meinem Herrn Jesus Christus Treue. Sein Evangelium soll die Richtschnur meines Lebens sein. A. a. O. (Anm. 2), S. 79.
[5] Hedwig Döbereiner, a. a. O. (Anm. 2), S. 95 f.
[6] Vgl. Sr. Edith Therese Krug noch 1993: »Seit 1945 ist für unsere Mater Christel Felizitas der 2. Juli Feier- und Gedenktag. Nach langem Ringen um die ›Eine Kirche‹, um Liturgie und Eucharistie, wurde ihr an diesem Tag die Gewissheit des ›nächsten Schrittes‹ geschenkt. Es begann der lange Weg, innerhalb der evangelisch-lutherischen Kirche Raum zu finden und zu geben für gemeinsames, liturgisches und vom Sakrament des Altars genährtes Leben.« In: Schwanbergbrief 3/1993, S. 8.
[7] Die Thing-Beschlüsse vom 16. September 1945 bei Hedwig Döbereiner, a. a. O. (Anm. 2), S. 101-104.
[8] Bundesordnung 1946, abgedruckt bei Hedwig Döbereiner a. a. O. (Anm. 2), S. 417-420, zit. S. 417. Christel Schmids Bericht von diesen Vorgängen im »Casteller Brief« von 1955 ist abgedruckt bei Sr. Edith Therese Krug CCR (Hg.): Herkunft ist Zukunft. 50 Jahre Communität Casteller Ring. Münsterschwarzach 2000, S. 15.
[9] A. a. O., S. 420, 418.
[10] Nach Hedwig Döbereiner war Maria Pfister schon beim Pfingsttreffen des »inneren Ringes« 1943 dabei, a. a. O. (Anm. 2), S. 129 f., nach Sr. Schridde erstmals in der Markusklause 1945, a. a. O. (Anm. 1), S. 19.
[11] Zu Hermann Schlier vgl. Hedwig Döbereiner, a. a. O. (Anm. 2), S. 53 ff. u. ö.
[12] Nach der Niederschrift von Sr. Edith Therese Krug CCR, bei Sr. Schridde, a. a. O. (Anm. 1), S. 23.
[13] So in einem Gedicht über die »Römische Kirche« vom Dezember 1945: … Streift mich im Heute wohl flügelschlaggleich deine Hand – / will ich im Morgen die Flüchtige fassen / – ist sie mir abgewandt. // Soll ich dich fliehen und meiden, du schönes Gebild? / Weil du ein Brunnen, dem Nahes und Fernes, / Süßes und Bittres entquillt? // Immer noch birgt sich im Rätsel mir dein Gesicht, / wie ich auch suchend und tastend dich frage, / du entschleierst dich nicht. Abgedruckt bei Sr. Schridde, a. a. O. (Anm. 1), S. 22.
[14] Die Fassungen von 1946 und 1948 sind abgedruckt bei Sr. Krug (Anm. 8), S. 10.
[15] Sr. Krug, a.a.O. (Anm. 8), S. 13.
[16] Die Rede ist abgedruckt bei Hedwig Döbereiner, a. a. O. (Anm. 2), S. 147-159; die letzten Zitate S. 159.
[17] A. a. O., S. 154, 156.
[18] A. a. O. S. 154f. bzw. S. 143-147, hier S. 145.
[19] Eine von Albrecht Sudermann verfasste Charakteristik Hedwig Döbereiners findet sich a. a. O., S. 167-169; das von ihr verfasste Buch charakterisiert sie natürlich auf seine Weise.
[20] Zitiert von Sr. Schridde, a. a. O. (Anm. 1), S. 28.
[21] Ein Zeugnis dieser Frömmigkeit ist das (undatierte) Gedicht Der Ruf Feuer kam über dich, heiliges Brennen, / nun kann dich keiner mehr welteigen nennen. II Glut fiel in dich hinein, heiliges Glühen, / nun wirst du nimmermehr welteinwärts ziehen. // Ruferwort stand am Wege, riss dich hinüber, / nun geht manches Glück an dir vorüber. // Firnenlicht über dir, schmal sind die Pfade, / der dich gerufen hat, rief dich aus Gnade. // Der dich gerufen hat, wird’s auch vollenden, // Feuer und Glut und Licht trägt Er in Händen. Zit. bei Sr. Schridde, a. a. O., S. 31.
[22] Die Ordnung von 1958 ist abgedruckt bei Sr. Krug, a. a. O. (Anm. 8), S. 19f.
[23] Abgedruckt bei Hedwig Döbereiner, a.a.O. (Anm. 2), 308-317, letztes Zitat S. 317.
[24] So im Bundesbrief 1964, zit. bei Sr. Schridde, a. a. O. (Anm. 1), S. 33.
[25] Im Archiv der CRR lagert nicht nur der schriftliche Nachlass von Mater Felizitas, sondern auch ca. zwanzig Tonbänder mit mündlichen Äußerungen und Gesprächen; sie sind erst vereinzelt ausgewertet.
[26] Zit. bei Sr. Schridde, a. a. O. (Anm. 1), S. 31.
[27] Ein Rückblick von Sr. Pfister findet sich im »Schwanbergbrief« 3/4 2000, S. 31-33.
[28] Zit. a.a. O. S. 35.