Brief an den Kurfürsten Johann den Beständigen zur Kirchenreform vom 31. Oktober 1525
Von Martin Luther
An den Durchlauchtigsten, Hochgeborenen Fürsten und Herrn,
Herrn Johann, Herzog zu Sachsen, Kurfürst etc.,
Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meißen,
meinen gnädigsten Herrn.
Gnade und Friede in Christus!
Durchlauchtigster, Hochgeborener Fürst, gnädigster Herr!
In aller Untertänigkeit bitte ich Eure Kurfürstliche Gnaden, mir freundlich nachzusehen, dass ich mit meinen Schriften so oft Mühe und Beschwernis an den Hof bringe – obwohl ich selbst dabei nichts gewinne, sondern ebenso Mühe und Unlust genug habe. Gerne würde ich Eure Kurfürstliche Gnaden davon verschonen, aber da ich in diesem Stand und Beruf bin, kann ich mich dem nicht entziehen.
Zunächst, gnädiger Herr, möchte ich mich entschuldigen, dass ich so dringlich auf eine Ordnung der Universität gedrängt habe. Ich habe vernommen, dass es Eure Kurfürstliche Gnaden verwundert hat, wie eifrig ich daran festhielt, als hätte ich Eurer Zusage nicht recht vertraut. Doch so war es nicht. Hätte ich gezweifelt, hätte ich mein Drängen unterlassen. Weil ich aber keinerlei Zweifel an Eurer Zusage hatte, drängte ich umso mehr, damit durch andere Geschäfte keine Verzögerung entstände – wie es leider häufig unter früheren Fürsten geschehen ist. Denn an Fürstenhöfen gibt es viele Aufgaben, und man muss beständig daran erinnern. Auch wurde ich von anderen gedrängt, weil sich bereits die Personen zerstreuten und die Schule sich auflöste, sodass Eile geboten war.
Doch selbst wenn ich mich in meiner Sorge gegen Eure Kurfürstliche Gnaden verfehlt hätte, so müsste mich diese Sünde nicht allzu sehr reuen, angesichts des guten Werkes, das daraus erwachsen ist – ein Werk, das solcher Verfehlung wohl wert ist. Und ich würde mich gerne noch öfter so verfehlen, wenn ich dadurch solch Gutes bewirken könnte – im festen Vertrauen, dass Eure Kurfürstliche Gnaden mir nicht nur verzeihen, sondern auch Freude daran haben werden. Denn es ist gewiss: Ihr müsst im Herzen empfinden, dass dies ein gutes Werk ist, das Gott gefällt. Und auch wenn Ihr darin keinen Lohn oder Ruhm sucht, wird sich doch Euer Gewissen freuen und im Glauben gestärkt werden, dass Gott Euch zu seinem Werkzeug gemacht hat – und es weiterhin tun wird, wie wir es herzlich bitten und wünschen. Amen.
Nachdem nun, gnädiger Herr, die Universität in Ordnung gebracht ist und auch Gottesdienst und kirchliche Ordnung wiederhergestellt werden, bleiben zwei Angelegenheiten, die Eurer kurfürstlichen Obrigkeit zur Einsicht und Regelung vorgelegt sein möchten:
Erstens: Die Pfarreien stehen vielerorts elend da. Es gibt kaum Einkünfte, niemand zahlt etwas. Opfer- und Seelenpfennige [Abgaben, die für das Seelenheil Verstorbener entrichtet wurden] sind weggefallen, Zinsen sind kaum oder gar nicht vorhanden. Der gemeine Mann achtet weder Prediger noch Pfarrer. Wenn hier nicht durch Eure Kurfürstliche Gnaden eine kraftvolle Ordnung und nachhaltige Sicherung der Pfarreien und Predigtsstühle erfolgt, so wird es bald weder Pfarrhöfe noch Schulen oder Schüler geben – und das Wort Gottes und der Gottesdienst werden verkümmern. Darum bitte ich Euch, dass Ihr Euch weiterhin von Gott gebrauchen lasst als ein treues Werkzeug – zum Trost für viele, auch zum Frieden Eures eigenen Gewissens. Denn Ihr werdet durch uns wie durch die Not selbst, gewisslich von Gott, dazu aufgerufen. Ihr werdet Mittel finden: Klöster, Stifte, Lehen, Spenden – es ist genügend da, wenn Eure Kurfürstliche Gnaden nur den Befehl geben, dies zu prüfen, zu ordnen und zu verwalten. Gott wird seinen Segen dazu geben, dass die geistliche Ordnung – besonders was Seelsorge, Schule und Gottesdienst betrifft – nicht durch Mangel und Vernachlässigung leiblicher Bedürfnisse verhindert werde. Dazu bitten wir seine göttliche Gnade, Amen.
Zweitens: Wie ich einst mit Eurer Kurfürstlichen Gnaden in Wittenberg sprach, sollte auch das weltliche Regiment besucht und überprüft werden – wie die Räte in den Städten und alle Amtsträger regieren und dem Gemeinwohl dienen. Denn es gibt überall Klagen über schlechte Verwaltung, sowohl in Städten als auch auf dem Land. Es gebührt Euch als dem Landesfürsten, hierin einzusehen. Vielleicht wären dann auch viele Beschwerden und Eingaben am Hofe überflüssig, wenn solche Visitationen und gute Ordnung eingeführt würden.
All dies bitte ich in untertäniger Treue, dass Eure Kurfürstliche Gnaden es gnädig annehmen, da Ihr erkennt, dass ich es wohl meine. Gott gebe Euch dazu seinen Geist, mit vollem Licht und Kraft, zu tun, was ihm wohlgefällt. Amen.
Wittenberg, am Dienstag nach Simon und Judas, 1525.
Eurer Kurfürstlichen Gnaden
untertäniger
Martinus Luther
WA.Br. 3, Nr. 937, S. 594f.