Zur Phänomenologie des Verlierens: „Damit verschärft sich die Frage, wie mit bleibenden Verlusten umzugehen ist, für die es in­nerhalb der eigenen Lebenswelt keine Auflösung mehr gibt. Verdrängung oder Kompensation können den Schmerz des Vermissens lindern, bleiben jedoch innerweltlich im menschlichen Bewältigungsrahmen gefangen. Phänomenologisch zeigt sich hier, dass der Mensch nicht nur verlierend handelt, sondern wesentlich verlustfähig ist: Er steht in einer Welt, in der alles ihm Entgangene prinzipiell entzogen bleiben kann.“

Zur Phänomenologie des Verlierens

Verlieren ist eine grundlegende Erfahrung menschlichen Lebens, die in sehr unterschiedlichen Formen auftritt. Nicht alles, was verschwindet, wird als Verlust erlebt, und nicht jedes Entschwinden ruft Vermissen hervor. Um diese Unterschiede begrifflich zu klären, ist es sinnvoll, den Vorgang des Verschwindens bzw. des Verlierens phänomenologisch zu betrachten. Auf diese Weise lässt sich zeigen, unter welchen Bedingungen aus dem Verschwinden ein Verlust wird und welche Konsequenzen sich daraus für den Umgang mit temporären und bleibenden Verlusten ergeben.

Verschwinden bedeutet für sich gesehen noch kein Problem. Nicht nur Menschen, sondern auch Gepflogenheiten, Traditionen, Praktiken und Gewohnheiten können mit der Zeit verschwinden, ohne dass ihnen nachgetrauert wird. Veränderungen in Raum und Zeit bedingen, dass Dinge aus dem Blick geraten. Wo sie nicht vermisst werden, scheint alles gut zu bleiben. So vieles, was verschwunden ist, wird gar nicht vermisst. Um es an einem drastischen Beispiel darzustellen: Dem Hausmüll, der sich über zwei Wochen hinweg in der eigenen Mülltonne angesammelt hat und der schließlich durch die Müllabfuhr entsorgt worden ist, trauert niemand hinterher. „Aus den Augen – aus dem Sinn“ heißt es. Etwas oder jemand verschwindet aus dem eigenen Blickfeld, worüber man sich keine Gedanken macht und wo auch eigene Gefühle nicht davon betroffen sind.

Anders sieht es jedoch bei Dingen aus, deren Verschwinden mit eigenem Vermissen begleitet wird und damit zum Verlust wird. Was einem entgangen ist, findet sich im eigenen Bewusstsein wieder, ohne dass es einem verfügbar bleibt. Die intentionale Ausrichtung auf Entschwundenes zeitigt den Verlust. Hinsichtlich deren Konsequenz lässt sich noch einmal unterscheiden.

a. Man verlieren etwas, was sich (doch noch) wiederfinden oder wiedergewinnen lässt. In diesem Fall erweist sich der Verlust nur temporär. Das Vermissen hat zu einer erfolgreichen Suchbewegung geführt. Einiges, was einem verlorengegangen ist, muss eben nicht auf Dauer vermisst werden, so es sich wiederfinden lässt.

b. Der Verlust ist Teil eines Spiels bzw. eines Wettkampfs und – so Spielregeln nicht auch ein Unentschieden zulassen – von Beginn an für Teilnehmende vorgesehen. Verlieren in einem Wettbewerb generiert in der Regel kein bleibender Verlust. Erst am Ende der Saison lässt sich sagen, was eine Mannschaft tatsächlich verloren hat. Die Tragik hält sich in Grenzen, fängt doch schon bald eine neue Wettkampfsaison an, die selbst in Falle eines Abstiegs in der unteren Klasse von neuem bestritten werden kann. Nur da, wo im Spiel Geld oder Körperlichkeit eingesetzt sind, können sich Verluste geben, die aus dem Rahmen des jeweiligen Spiels fallen.

c. Anders hingegen verhält es sich mit Verlusten, die sich mit der Zeit als definitiv erweisen. Das war’s … Was uns vermissterweise verlorengegangen ist bzw. was man selbst verloren hat, gibt es nie mehr wieder.

Strategien der Verlustvermeidung – etwa das Erhalten, Konservieren oder Restaurieren – sind Ausdruck menschlichen Bemühens, dem Verschwinden zuvorzukommen oder es zumindest aufzuhalten. Sie setzen dort an, wo sich Verluste abzuzeichnen scheinen, und versuchen Vergänglichkeit unter Kontrolle zu bringen. Spätestens angesichts des Todes erweist sich jede Form des Bewahrens als vergeblich. Der Tod entzieht sich konservierender Praxis und markiert jene Grenze, an der Verlust nicht mehr abzuwehren ist, sondern erlitten werden muss.

Damit verschärft sich die Frage, wie mit bleibenden Verlusten umzugehen ist, für die es in­nerhalb der eigenen Lebenswelt keine Auflösung mehr gibt. Verdrängung oder Kompensation können den Schmerz des Vermissens lindern, bleiben jedoch innerweltlich im menschlichen Bewältigungsrahmen gefangen. Phänomenologisch zeigt sich hier, dass der Mensch nicht nur verlierend handelt, sondern wesentlich verlustfähig ist: Er steht in einer Welt, in der alles ihm Entgangene prinzipiell entzogen bleiben kann.

Theologisch tritt an dieser Stelle die eschatologische Hoffnung hinzu, die den endgültigen Verlust weder leugnet noch relativiert, sondern ihn dem Handeln Gottes überantwortet. Was verloren ist, wird nicht einfach restituiert, als ließe sich das Vergangene zurückholen; vielmehr zielt die Verheißung auf Neuwerdung. Im Buch der Offenbarung des Johannes enthüllt sich zu Beginn des 21. Kapitel eine Wirklichkeit, in der Gott selbst die Geschichte des Verlustes abschließt, indem er „alles neu macht“ (Vers 5). Das Ende des Vermissens gründet nicht in menschlicher Versöhnungsleistung, sondern in der schöpferischen Treue Gottes, der in seinem Sohn Jesus Christus den Tod als Letztmacht überwindet: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“ (Offb 1,17f). So wird der bleibende Verlust nicht aufgehoben, sondern verwandelt: Er bleibt Teil der erlittenen Geschichte, wird jedoch in eine Zukunft hineingenommen, in der Gott selbst „alle Tränen von ihren Augen abwischen“ wird (Offb 21,4).

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