Johannes Hamel, Evangelische Christenheit unter der marxistisch-leninistischen Diktatur 1945–1989. Bewährung und Versagen: „Neben Bewährung stand vielfaches Versagen, wie bei den zwölf Jüngern Jesu, aber das entschuldigt uns nicht, im Gegenteil. An einem Versagen, das ich hier als Beispiel für vieles Versagen in solchen Sachen bringe, bin ich selbst schuldhaft beteiligt. Es spielte sich ab zwischen einem Bischof und einem Mitglied des Politbüros. Mitte der sechziger Jahre fanden etwa sechs bis acht Gespräche statt, zu denen beide Häupter jeweils fünf bis zehn Begleiter mitbrachten. Selbst die Tatsache dieser Gespräche, über drei Jahre hinaus haben sie sich erstreckt, kam auf entschiedene Bitte des Bischofs nicht in die Presse. Es wurde sehr offen geredet. Über die nun zu erzählende Begebenheit schäme ich mich, als wenn sie gestern passiert wäre.“

Evangelische Christenheit unter der marxistisch-leninistischen Diktatur 1945–1989. Bewährung und Versagen (1993)

Von Johannes Hamel

„Evangelische Christenheit unter der marxi­stisch-leninistischen Diktatur 1945-1989, Bewährung und Versagen“ – ich habe mir gestattet, meinen Titel zu ändern. Ich habe ganz bewußt den Lutherschen Ausdruck „Christenheit“ aufgegriffen. Der Blick soll also nicht gerichtet werden auf die Sprecher der Kirche, die Gremien der Kirche, die Verwaltung der Kirche, sondern auf uns selbst. Wir sind die Kirche, die evangelische Christenheit.

Vor einigen Monaten hielt der bekannte anglikanische Pfarrer Paul Oestreicher einen Vortrag über die Kirche in der DDR und erwähnte für diesen östlichen Teil Deutschlands die Bezeichnung „Gottes geliebte Ostzone“. Eine wohl jüngere Journalistin kommentierte in der Kirchenzeitung, offenbar habe der Redner einen Witz machen wollen. Aber das Wort ist viel älter. Im Januar 1951 erschien im „Schweizer evangelischen Pressedienst“, der in der DDR weit verbreitet war, ein Bericht aus der Ostzone von einem dort nicht genannten Pfarrer. Er habe neulich von einem Theologiestudenten in Basel, der für ein Jahr außerhalb der Ostzone studiere, einen Brief erhalten, in dem er dankbar von jener anderen Welt erzähle, in der er für ein Jahr sorgenfrei leben dürfe. Es sei ihm aber gerade dort aufgegangen, welche Gaben Gott uns in der Ostzone dauernd schenke, und er meine, man solle nicht mehr von „Ostzone“, sondern von „Gottes geliebter Ostzone“ reden.[1]

Der Briefschreiber kehrte nach einem Jahr in die DDR zurück, wurde dort Pfarrer, ein fröhlicher Pfarrer, und lebt jetzt als Pensionär in Chemnitz. Aber wie konnte die Sowjetzone, wie der Bonner Kanzler Ostdeutschland bis in die sechziger Jahre zu bezeichnen pflegte, von jenem Studenten „Gottes geliebte Ostzone“ genannt werden? Sie war ein Staat, in dem jedermann rund um die Uhr Menschen begegnete, begegnen mußte, die in irgendeiner Form offene, mitunter verdeckte Repräsentanten der Machthaber waren, sein wollten oder sein mußten. Jedermann hatte es, wenn auch indirekt, täglich, laufend mit dem Politbüro und der von ihm eingesetzten, geleiteten und kontrollierten Regierung und ihren Behörden zu tun, die bis in die örtlichen Staatsorgane von den Sekretären der SED kontrolliert und manipuliert wurden.

Welch schrecklicher Staat! Aber welch riesengroße Chance für die Christen­heit! Wie ist das zu verstehen? Als Paulus inhaftiert wurde, jammerten und sorgten sich die Philipper. Und er schreibt im Brief an die Philipper: „Meine Lage hat aber eher zum Fortschritt des Evangeliums geführt. Meine Fesseln wurden in Christus offenbar im ganzen Gerichtsgebäude und bei allen übrigen. Und die Mehrzahl der Brüder, die im Herren Zuversicht gewannen durch meine Fesseln, wagt immer mehr, furchtlos das Wort zu reden.“ [1,12-14] Soweit Paulus. Unter dem Auftrag, Gottes Freudenbotschaft weiterzugeben an alle, erkennt er und schreibt den anderen: „Meine Situation, Euer aller Situation, ist ganz ganz anders als Ihr meint.“ Gottes rettende Botschaft schreitet voran. Das laßt uns nutzen, darüber laßt uns Gott danken, bitten, anbeten und mit Freuden, ganz neu und besser als bisher in Liebe zu den vielen Menschen gehen, denen wir unter einer Weltanschauungsdiktatur begegnen, die Herrgötter spielt, wie oftmals die Kirchen aller Spielarten früher – vielleicht möchten sie es heute wieder –, und darum Menschen entmenscht wie auch zum Entmenschen verführt oder erpreßt. Unter dieser nicht zu beschönigenden Zwangsherrschaft wurde vielen das Ohr geöffnet für Gottes Gnade unter seinen Gerichten, für Jesus Christus, der uns rettet vor dem kommenden Zorn, für seine unverdiente Haltung und tägliche Bewahrung im großen und im kleinen, und für die Öffnung auf eine Zukunft hin, in der wir schauen werden, worauf wir heute gegen allen Augenschein schauen dürfen. Er macht alles neu, wie er alles schon neu gemacht hat. Viele wurden so mit einer neuen Exis­tenz beschenkt, hinfort in Wort und Tat das Evangelium zu bezeugen, koste es, was es wolle. Diese neue Existenz überraschte sie, denn sie hatten sie nicht für möglich gehalten, geschweige denn gesucht.

In den fünfziger Jahren fand im Deutschen Bundestag eine mehrstündige Debatte über den Marxismus statt. Diese Sitzung war einer der Höhepunkte dieses Gremiums, wie damals Kommentatoren verschiedener politischer Richtungen urteilten. Ein Abgeordneter formulierte den Satz: „Jesus Christus ist nicht gegen Karl Marx, sondern für uns alle gestorben.“[2] Denn auch die Mächtigen sind, ob sie das wissen oder nicht, Adressaten dieses Evangeliums, wie alle Menschen. Das haben sich nicht wenige Christen, wenn auch gewiß keine Mehrheit, seit 1945 immer wieder, in allen Anfechtungen durch diese marxistischen Mächtigen von der Heiligen Schrift sagen lassen. Ich zitiere nur eine Stelle, ich habe da sehr viele aufgeschrieben. Im ersten Petrusbrief heißt es sehr merkwürdig: „Alle ehret, die Brüder liebet, Gott fürchtet, den Kaiser ehret.“ Der Kaiser, der Repräsentant der Mächtigen, kommt zum Schluß. Und er kriegt dasselbe Verbum „ehret“, was für alle gilt. „Alle ehret“, und nun hört man zwischen den Zeilen förmlich: Aber bitte überseht nicht, daß auch der Kaiser zu den „allen“ gehört, auch der Kaiser Adressat des Evangeliums ist. Und wie man nun auch Staatstheorien entwickelt: Zuerst und zuletzt bleiben die Mächtigen, auch die marxistisch Mächtigen, Adressaten des Evangeliums, dessen Kern heißt: „Christus ist für uns alle gestorben“, also für die Boten Jesu und für die Angeredeten, die ihn noch nicht oder nicht mehr kennen und glauben wollen. Entsprechend ermahnt Paulus in Römer 13, in den vielfach als grundsätzliche Staatstheorie mißverstandenen und mißbrauchten Versen, eine übermütige, stolze und allzu selbstgewisse Christengemeinde in Rom. Er mahnt sie, die heidnischen Amtsinhaber und Mächtigen wie alle anderen Menschen zu ehren und sich ihnen unterzuordnen, denn sie sind Gottes Dienstleute mit dem Auftrag, das Gute zu fördern, das Böse aber zu verurteilen. Zitat aus einer Synode der evangelischen Kirche der Union von 1957: „Wir werden uns wohl mit Ernst fragen müssen, ob wir das Ja zum Staat als dem guten Werk Gottes und das Nein zu jedem falschen Anspruch laut und glaubwürdig gesagt haben, oder ob wir in allzukluger Taktik Entscheidungen ausgewichen sind, die von uns gefordert waren. Wenn wir unseren Herrn nicht verraten wollen, werden wir die folgenden Weisungen beachten müssen: 1. Christus selbst verpflichtet uns, Menschen zu rufen, daß sie seine Jünger werden. Nach evangelischem Verständnis ist das keine Zutat zu dem, was die Kirche sonst noch zu tun hat. Dieser Auftrag macht ihr Leben aus. In jedem Falle und allen Menschen gegenüber sind wir an Jesu Wort gebunden: ‚Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen. Bittet für die, die Euch beleidigen und verfolgen.‘ Unsere einzige Sorge hat zu sein, daß wir beim Ausrichten der guten Botschaft unserem Herrn die Treue halten. Den Raum für sein Wort wird er uns geben, soweit und solange es ihm gefällt. Nur unser Unglaube, Ungehorsam, Menschenfurcht und Menschengefälligkeit könnten uns von dieser seiner Fürsorge und Treue ausschließen.“ Soweit die Synode.

Im Jahre 1959 nahm dieselbe Synode der Evangelischen Kirche der Union eine Handreichung entgegen: „Das Evangelium und das christliche Leben in der DDR“ und beauftragte den Rat, dieses Schriftstück in Zusammenarbeit mit den Gliedkirchen allen Pfarrkonventen und kirchlichen Organen aller Art als Grundlage und Ausgangspunkt verantwortlicher Prüfung und Stellungnahme zuzuleiten. Auf über 70 Seiten – Westfalen druckte es gleich nach – wurde versucht, ausgehend von der Anfechtung der Gemeinde und ihrer Glieder, die Botschaft der Königsherrschaft Gottes in Jesus Christus zu entfalten und anschließend Richtpunkte im einzelnen für das Leben der Christen in der DDR unter neun Stichworten zu skizzieren: Die Umkehr – unser politischer Gehorsam unter einer Diktatur, im sozialistischen Weltanschauungsstaat, unter einer deutschen Teilregierung – unser Beruf in der sozialistischen Gesellschaft – unsere Mithilfe bei der Aufrichtung und Findung des Rechtes – Republikflucht – unser Stehen in der Kirche – unser Trauen auf den Geist der Wahrheit – die besondere Verantwortung der Pfarrerschaft und die christliche Gemeinde und der Atheismus. Diese Ausarbeitung, im Auftrag in der kirchlichen Hochschule Naumburg verfaßt, beginnt mit folgenden Sätzen: „Unter dem Worte Gottes finden wir uns als Menschen vor, die in höchster Gefahr stehen, ihrem Herrn und dem Schöpfer abzusagen und damit unter den Zorn des Allmächtigen zu geraten, aus dem es keine Rettung gibt. Das ist die Situation der Anfechtung oder Versuchung, die sicher zu allen Zeiten, darum aber nicht weniger aktuell in der jetzigen Stunde besteht. Mit ihr ist die wahre Dimension angezeigt, in der wir leben und auch heute zu handeln haben. Mag uns die Welt der sozialistischen Gesellschaft noch so fremdartig und unheimlich sein, so gibt es doch heute wie je nur jene einzige, wirklich tödliche Bedrohung. Ihr Ausmaß für Zeit und Ewigkeit aber wird gerade erst dann recht erkannt, wenn uns unter dem gleichen Wort Gottes bewußt wird, daß wir sogar mit Freuden genau diese so bedrohte Existenz als den Boden annehmen sollen, auf dem wir unseren Gehorsam einüben dürfen.“

Keine Rede also davon, daß wir den Ansturm gottfeindlicher Mächte übersehen oder verharmlosen dürften. Ebensowenig aber auch Raum dafür, angesichts der übermächtigen Verführung zum Abfall zu resignieren oder in dieser Situation voller Absturzmöglichkeiten zur Rechten und zur Linken etwas anderes als die Lage zu sehen, die uns ohnehin vom Evangelium als die dem Weg unseres Herrn und seiner Gemeinde in der Fremdlingschaft dieser Welt entsprechend verkündigt wird.

Eine Nebenbemerkung: Als im Jahre 1953 siebzig Amtsträger der Kirchen verhaftet waren – meistens für fünf Monate –, habe ich mit einer ganzen Reihe dieser Leute gesprochen. Und es war einhellig, bis auf ganz wenige Ausnahmen, daß sie alle, als sie verhaftet wurden – mit völlig ungewissem Ausgang natürlich –, den Gedanken hatten, daß wir uns nur als Boten dieses Evangeliums bewähren, ohne das wir verloren wären, ohne die andere verloren sind. Verständlich, daß diese Ausarbeitung von seiten der SED äußerst mißfällig als Angriff auf den sogenannten Sozialismus aufgenommen wurde. In Pfarrkonventen und kirchlichen Gremien war von der anderen Seite die Aufnahme umstritten. Viele wollten sich ja nicht auf eine vor Gott verantwortliche Existenz als Freudenboten des Evangeliums einlassen, was einem ja nur zusätzliche Schwierigkeiten machte.

Ein Gegenbeispiel: Ungefähr ein halbes Jahr vorher, am 21. Juli 1958, hatten fünf Mitglieder der leitenden Gremien evangelischer Landeskirchen in der DDR – es waren zwei Bischöfe, ein Generalsuperintendent, ein Propst und ein Synodalpräses – ein sofort publiziertes Dokument unterzeichnet, das als das „Kommunique“ von seiten der Partei bzw. der Regierung hochgespielt wurde und viele Jahre später von einem der beiden Bischöfe dem Staat gegenüber als Beweis seiner Loyalität angeführt wurde. Was es heißt, trotz bester Absichten in der Stunde der Versuchung zu versagen, wird durch Entstehung und Wortlaut dieser gemeinsamen Erklärung staatlicher und kirchlicher Vertreter deutlich. Nach der Publizierung war für mich Gelegenheit, mit vier der fünf Sprecher eingehend jeweils unter vier Augen zu sprechen. Drei von ihnen schämten sich dieses Tages. Aber wer will sie richten? Sie unterzeichneten, um vor allem vielen Katecheten zu helfen, die beschuldigt, angeklagt, zum Teil verurteilt in Gefängnissen saßen, und um Kindern und Eltern die Möglichkeit der Christenlehre zu erhalten bzw. wiederzugewinnen. Die Behandlung der Fünf durch den Ministerpräsidenten war wohl absichtlich demütigend, um sie einzuschüchtern. Als die Mittagspause kam, schlug die kirchliche Seite vor, sich nach West-Berlin zurückzuziehen und mit den Mitgliedern der sogenann­ten Ost-Kirchen-Konferenz die Regierungsvorlage dieses Kommuniques und eventuelle Abänderungsvorschläge in diesem Gremium zu beraten. Grotewohl antwortete, heute müsse man zu einem Abschluß kommen, denn das nächste halbe Jahr habe er keine Zeit mehr für diese Angelegenheit. Sie könnten sich ja hier in diesem Raum unter sich beraten. Er werde sich mit seinen Mitarbeitern zum Mittagessen zurückziehen. Sie könnten hierbleiben, Kaffee würde ihnen hier gereicht. Und so geschah es: Die fünf Gotteskinder stellten sich in einer Ecke zusammen mit den Kaffeetassen in der Hand und berieten flüsternd, denn die Abhörge­räte waren allzu sichtbar, was an der Regierungsvorlage unbedingt abzuändern wäre. Als die andere Seite wohlgestärkt zurückkam, einigte man sich auf den Text. Der kirchliche Entwurf, Grotewohl vorher zugesandt, fiel unter den Tisch, und die fünf unterschrieben folgende Zweideutigkeiten. Ich lese jetzt wörtlich vor: „Die Vertreter der evangelischen Kirchen in der DDR erklären, daß die Kirche“, nicht die fünf, sondern die Kirche, „mit den ihr gegebenen Mitteln dem Frieden zwischen den Völkern dient und daher auch grundsätzlich mit den Friedensbestrebungen der Deutschen Demokratischen Republik und ihren Regierungen übereinstimmt. Ihrem Glauben entsprechend erfüllen die Christen ihre staatsbürgerlichen Pflichten auf der Grundlage der Gesetzlichkeit. Sie respektieren die Entwicklung zum Sozialismus und tragen zum friedlichen Aufbau des Volkslebens bei. Der gegen den Staat erhobene Vorwurf von Ihnen des Verfassungsbruches wird nicht aufrecht­erhalten. Die Regierung erklärt: Jeder Bürger genießt volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsausübung steht unter dem Schutz der Republik.“ Jeder verlesene Satz ist vollendet zweideutig. Sie ist bewußt zweideutig formuliert. „Gesetzlichkeit“ in der DDR, das waren ja nicht einfach Gesetze, sondern Gesetzlichkeit war ein ganzer Komplex, zu dem sämtliche Verordnungen, Auslegungen und Polizeiverfügungen gehörten.

Die Friedenspolitik der DDR. Dazu brauche ich überhaupt nicht zu sagen, was das für eine Friedenspolitik war. Ein führendes Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland [Lothar Kreyssig (1898–1986)] hat nach Bekanntgabe dieses Kommuniques unter Protest seinen Sitz im Rat der EKD aufgegeben. Er könne die Verantwortung nicht übernehmen, denn diese Unterschrift sei nicht zurückzunehmen. Es war derselbe Mann, der 1939/40 wohl als der einzige Jurist im NS-Staat „Mordanzeige gegen Unbekannt“ bis zum Justizminister einreichte, als er feststellen mußte, daß mehrere seiner Mündel, er war Amtsrichter, unter verdächtigen Umständen verstorben waren. Damals wurde er fristlos entlassen, weil er Hitler angeklagt habe. Der Minister, ein Nichtnazi, sagte ihm dabei: „Es ist mir gelungen, Sie vor dem KZ zu bewahren. Sie haben ja, und das wissen Sie genau, den Führer des Mordes angezeigt.“

Das war damals der Präses. Die führenden Sprecher in den westdeutschen Kirchen, angeführt vom Berliner Bischof, schwiegen amtlich. Auch der Rat der EKD sah sich nicht in der Lage, die Unterschrift der Fünf für null und nichtig zu erklären. Die Folgen dieses zweideutigen Redens waren in den folgenden Jahren, ja Jahrzehnten zu spüren. Wer dachte hier nicht an den Apostel Petrus, der aus Angst vor Menschen mit vielen anderen Christen in Antiochia heuchelte (Gal 2), was ihm Paulus damals öffentlich vorhielt.

Im Laufe des Jahres 1960 flüchteten immer mehr Bürger aus der DDR in den Westen. Die Synode der Evangelischen Kirche der Union richtete daher am 11. November 1960 an die Gemeinden eine Kanzelabkündigung, in der sie alle zum Bleiben in der DDR unter dem Zuspruch des Evangeliums, das in sieben Worten Jesu entfaltet wurde, anhielt. Der Brief wurde in einer geschlossenen Sitzung beschlossen; eine der Enthaltungen stammte von einem der Unterzeichner des Kommuniques von 1959. In diesem Brief an Grotewohl, den Ministerpräsidenten, heißt es: „Unser Ruf zum Bleiben in der DDR verpflichtet uns, in dieser Lebensfrage unseres Volkes für viele Menschen einzutreten, die in Angst und Sorge geflohen sind oder sich mit bitteren Fluchtgedanken tragen. Die gegenseitige Propaganda mißbraucht oder entstellt die eigentlichen Gründe der verhängnisvollen Fluchtbewegung. Es ist einfach wahr, daß Bürger der DDR flüchten, weil sie es nicht aushalten, weiter heimliche Zuträger des Staatssicherheitsdienstes zu sein, zu dessen Gehilfen sie sich, sei es leichtsinnig oder angstvoll, gemacht haben oder machen sollen. Gott, der nicht will, daß der Mensch zum Verräter an seinem Nächsten wird, fordert sie auf, ihrem Teil dieser Zerstörung aller menschlichen Gemeinschaft ein Ende zu machen. Darum halten wir auch unsere Gemeindemitglieder und Pfarrer an, solche Zuträgerdienste zu verweigern.“ Nun geht es genau darum, warum so viele Bauern flüchten, so viele Handwerker, Kaufleute, Unternehmer, Rechtsanwälte usw. Der Brief schließt: „Alle diese Gründe zur Flucht vieler Menschen und ihre Flucht selbst schaffen eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit. Macht und Würde des Amtes, in dem Sie und Ihre Regierung stehen, sind von Gott. In diesem Amt ist Ihnen von Gott der Auftrag zugewiesen, allen Staatsbürgern ein geordnetes Zusammenleben zu sichern und darin Würde und Recht des einzelnen zu achten. Wenn Sie und Ihre Regierung unter Einsatz der Macht und Autorität des Staates bei allen Bürgern den Marxismus-Leninismus als Grundlage aller Lebensformen zusetzen wollen, so überschreiten Sie die Grenze Ihres gottgegebenen Amtes. Damit aber gefährden Sie die echte staatliche Ordnung. So aber schaffen Sie selbst die allgemeine und hauptsächlichste Ursache für die oben erwähnten einzelnen Gründe zum Weggehen vieler. Tun Sie um Gottes und der Ihnen anbefohlenen Menschen diesem Mißbrauch staatlicher Gewalt Einhalt …“ Dieses Schreiben wurde durch einen Boten an das Innenministerium in der DDR gebracht – mit der Unterschrift eben dieses erwähnten Juristen – und zwei Tage später ohne Kommentierung der Kanzlei der EKU in Berlin durch einen Boten zurückgereicht, allerdings geöffnet und mit dem Eingangsstempel des Innenministeriums versehen. Kurze Zeit später rief das Staatssekretariat die EKU-Kanzlei an und erbat sich weitere 30 Exemplare dieses Briefes. Wochen später antwortete der Staatssekretär auf eine entsprechende Frage eines Bischofs: „Wenn wir mit Ihnen über diesen Brief überhaupt diskutieren würden, würden wir die Grundlage unseres Staates preisgeben.“ Es hieß, das Politbüro habe nur deshalb den Präses nicht verhaftet, weil man fürchtete, in der Westpresse mit Hitler und seinen Schergen parallelisiert zu werden.

Neben Bewährung stand vielfaches Versagen, wie bei den zwölf Jüngern Jesu, aber das entschuldigt uns nicht, im Gegenteil. An einem Versagen, das ich hier als Beispiel für vieles Versagen in solchen Sachen bringe, bin ich selbst schuldhaft beteiligt. Es spielte sich ab zwischen einem Bischof und einem Mitglied des Politbüros. Mitte der sechziger Jahre fanden etwa sechs bis acht Gespräche statt, zu denen beide Häupter jeweils fünf bis zehn Begleiter mitbrachten. Selbst die Tatsache dieser Gespräche, über drei Jahre hinaus haben sie sich erstreckt, kam auf entschiedene Bitte des Bischofs nicht in die Presse. Es wurde sehr offen geredet. Über die nun zu erzählende Begebenheit schäme ich mich, als wenn sie gestern passiert wäre.

Der Bischof stellte abrupt die Frage, ob diejenigen Bürger der DDR, die sich an den in Kürze stattfindenden Wahlen nicht beteiligten, trotzdem in den Augen des Mächtigen loyale Staatsbürger seien. Wenn ja, möge er das doch hier sagen. Der Bischof hatte sich bisher nie an Wahlen beteiligt, was seinem Gegenüber natürlich bekannt war. Dieser reagierte mit Gegenfragen, warum denn ein Bürger sich nicht an den Wahlen beteiligen könne. Die Wahlen seien doch eine gute Sache. Die Kandidaten seien gut, die Auswahl sei ordnungsgemäß erfolgt, die Wahlordnung sei gut, das Ganze sei gut. Warum also keine Beteiligung? Der Bischof ging auf diese Gegenfrage nicht ein, sondern wiederholte nur seine Bitte ohne Begründung. Der andere wiederholte, er verstünde des Bischofs Frage und Anliegen nicht. Der Bischof wiederholte noch einmal seine Bitte ohne Begründung. Der Mächtige wurde nun scharf. Er verstünde den Bischof überhaupt nicht mehr. Wir anderen schwiegen ratlos bei diesem Zusammenstoß der beiden Häupter. Warum habe ich nicht gesagt, was ich den Wahlschleppern alle zwei Jahre entgegenhielt? Nein, diese Wahlen sind keine gute Sache. Sie sind, im Widerspruch zum Wahlgesetz, nicht geheim.

Sie sind nicht frei. Es sind überhaupt keine Wahlen, denn die Wähler könnten nicht auswählen. Warum verhielt sich der Bischof so? Hinterher erfuhren wir amtlich: Er wollte dieses Mal zur Wahl gehen, mit der Begründung, die Gesprächslage zwischen Staat und Kirche nicht verschlechtern zu wollen. Aber vorher wollte er mit Rücksicht auf viele Kirchenglieder, die wieder nicht zur Wahl gehen würden, eine feierliche Erklärung über deren Loyalität durch den Mächtigen hören, denn er sah voraus, daß sein Gehen zur Wahl als propagandistische Akkla­mation des DDR-Systems und als Mißbilligung aller Nichtwähler mißbraucht werden würde, was dann auch nach den Wahlen passierte, an denen er sich aus Diplomatie, trotz fehlender Zusage des Mächtigen, beteiligte.

Warum antwortete er dem Mächtigen damals nicht? Er konnte es ja wegen seines diplomatischen Tricks nicht, den er vorhatte. Er konnte ja nicht entgegnen: „Nein, diese Wahlen sind keine gute Sache“. Schlimmer als dieses Mißlingen seiner Diplomatie war etwas anderes. Eine Sternstunde war verpaßt. Natürlich hätte ein offenes Gespräch an diesen Wahlen, an deren gesteuertem Verlauf, nichts geändert, aber die Unterredung hätte zu einem Gespräch über die Zentralfragen der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit im politischen Raum und über die Reichweite des Evangeliums bis hin in diesen Raum führen können. Aber wir waren alle in dieser Stunde nur Schwarzröcke oder nur Kirchenbeamte, die ihre Kirche und den Fortbestand ihrer Betätigung sichern wollten und damals nicht eingriffen, als ein Bischof heuchelte wie Petrus nach Galater 2. Ich kann mich am wenigsten entschuldigen, denn seit meiner Studienzeit 1933 war ich diesem Bischof wie einem väterlichen Freund verbunden. Er hätte mein kritisches Eingreifen auch ihm gegenüber respektiert und toleriert, wie er das in seiner Amtszeit mehreren seiner Kritiker gegenüber immer wieder vorbildlich getan hat. Ob als geschmähter Pfarrer unter den Nazis, ob in grauenhaften Zeiten 1945/47 unter den Schikanen der Russen in Ostpreußen, er blieb ein menschlicher Mensch auf der Jagd nach dem wirklichen Evangelium, das uns alle als verlorene Sünder entlarvt, gerade wenn wir treue Boten sind für viele.

Der erwähnte Mächtige überlebte die Wende und starb im Frühjahr 1990. Acht Tage vor seinem Tode hat er eine Botschaft hinterlassen, in Gestalt eines von ihm unterzeichneten Interviews im Spiegel, das dann kurz nach seinem Tode publiziert wurde. Aus dem Interview: Frage: „War Ihre Schuld größer als die Schuld anderer Spitzenfunktionäre der SED, denn viele haben von Ihnen mehr erwartet als von anderen?“ Seine Antwort: „Was ich mir selbst vorwerfe, ist die strikte Parteidisziplin, an der ich mein ganzes politisches Leben gehangen habe, bis zum bitteren Ende. Ich habe in den 40 Jahren immer auf Schwachstellen und auf Fehler hingewiesen, habe Verbesserungen und Reformen verlangt, aber ich habe mich allzuoft damit abgefunden, daß meine Kritik abgewehrt wurde, meine Vorschläge verworfen wurden. In der Disziplin, mit der ich diese Einstellung vor mir selbst begründete, steckt natürlich ein gehöriges Stück Opportunismus. Und weil ich mir weit mehr Kritik hätte erlauben können als andere, empfinde ich wahrscheinlich mehr Schuld als andere.“ Schon als junger Mensch hatte er sich, in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufgewachsen – sein Vater war SPD-Abgeordneter im Kaiser­reich –, dem Marxismus-Leninismus in Theorie und Praxis anvertraut und war darum als Primaner 1932 – nicht 1933 – 1932 von der Schule entlassen worden und hat das NS-Reich im wesentlichen im Zuchthaus verbracht – 12 Jahre. Nun stand er als alter Mann vor dem totalen Scherbenhaufen dessen, was er ein Leben lang glaubte und verwirklichen wollte. Wenn ein solcher Mensch sich dann so äußert – Ehre dem Andenken Horst Sindermanns.

Zum Schluß: „Es sind Letzte, die werden die Ersten sein“, sagt Jesus (Lukas 13). Wir waren uns am Anfang der siebziger Jahre ein einziges Mal begegnet. Wie mir der Bischof einer Landeskirche in der DDR schon vorher mitteilte, sollte er meinen Synodalvortrag abhören und dann seinen Oberen berichten, was der Feind der DDR, als solcher galt ich spätestens seit 1968, wie er mir viel später schrieb, gesagt habe. Wenig später forderten die Räte der Bezirke von Magdeburg und Halle von der Kirchenleitung meine Entlassung als Dozent an der Kirchlichen Hochschule in Naumburg, wenn auch ohne Erfolg. 1990 trafen wir uns zufällig bei einer Tagung wieder. Er war seit 1972 die Funktionärsleiter sehr hoch empor geklettert und 1990 entsprechend abgestiegen. Ich: „Wir kennen uns doch, Herr …“ Er: „Mensch, Johannes Hamel, daß ich Sie in diesem Leben noch einmal sehe, ist mir eine ungeheuere Freude. Ich schäme mich vor Ihnen.“ Antwort: „Und ich mich vor Ihnen.“ Und dann haben wir in den nächsten Tagen lange miteinander gesprochen, vor allem über meinen Satz, denn wie wenig, wie ungenügend, wie halbherzig habe ich gemäß dem Satz Gustav Heinemanns gedacht, gesprochen und gehandelt: „Jesus Christus ist nicht gegen Karl Marx, sondern für uns alle gestorben.“ (Beifall)


[1] Es handelt sich um den späteren sächsischen Pfarrer Friedrich Falckenberg (1925-2022), der 1950 im Brief an Johannes Hameln geschrieben hatte: „Ich habe hier gelernt, nicht mehr von ‚Ostzone‘, sondern von ‚Gottes geliebter Ostzone‘ zu sprechen.“

[2] Gustav Heinemann am 23. Januar 1958 in seiner Rede im Deutschen Bundestag: „Es geht um die Erkenntnis, daß Christus nicht gegen Karl Marx gestorben ist, sondern für uns alle.

Vortrag vor der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED- Diktatur in Deutschland“ am Dienstag, dem 14. Dezember 1993 in Erfurt im Thüringer Landtag.

Quelle: Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, Band VI/1, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, Baden-Baden 1995, S. 39–47.

Hier der Text als pdf.

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