Christine Lavant, Gott zieht in seinem großen Garten: „Gott zieht in seinem großen Garten / die wunderlichsten Armut-Arten … / Da sind die fahlen Hungerhügel, / die schwarzen Falter Schmerzensflügel, / die Beete mit dem Diebessamt, / die Büsche, die grellrot geflammt / von irrer Liebe tief sich neigen, / und Bäume, die an ihren Zweigen / unausgetragne Früchte haben.“

Gott zieht in seinem großen Garten

Gott zieht in seinem großen Garten
die wunderlichsten Armut-Arten …
Da sind die fahlen Hungerhügel,
die schwarzen Falter Schmerzensflügel,
die Beete mit dem Diebessamt,
die Büsche, die grellrot geflammt
von irrer Liebe tief sich neigen,
und Bäume, die an ihren Zweigen
unausgetragne Früchte haben.
Von kleinen, abgewiesnen Gaben
sind alle Wege blass bestreut;
sie haben niemanden erfreut
und wurden so zu harten Steinen.
Darüber geht das Kinderweinen,
begießt die Blumen aller Arten.
Die Mütterschmerzen stehn auf zarten
und hohen königlichen Stielen;
in ihren Blütenkelchen spielen
die weißen Falter Gottessegen.
In manchen Nächten fällt ein Regen
von Muttergottestränen lind.
Und leise weht am stillen Morgen
um die Gesträuche Angst und Sorgen
der große Schutzgeistgotteswind …

Christine Lavant

Quelle: Christine Lavant, Werke in vier Bänden, Band 3: Gedichte aus dem Nachlass, herausgegeben von Klaus Amann und Doris Moser, Göttingen: Wallstein Verlag, 2017.

Hinterlasse einen Kommentar