Karl Barth im Gespräch mit Heinrich Vogel über die ewige Vollendung in Gottes Reich: „»Ist es nicht eine viel schönere und kräftigere Hoffnung, dass dort das offenbar wird, was wir jetzt so gar nicht verstehen – nämlich dass dieses Leben nicht vergeblich war, weil Gott nicht umsonst zu ihm gesprochen hat: Gerade dich habe ich geliebt!?« Und er fügte hinzu: »Sicher, das wird dann schon etwas ändern. In diesem Licht wird sie dann gewiss ganz oben sitzen am Tisch, während wir« – er deutete auf sich und den Freund –, »während wir dann, wenn wir überhaupt zugelassen werden, ganz unten zu sitzen haben werden.«“

Ganz oben am Tisch

Ich muß vorausschicken, daß es von der folgenden Geschichte zwei Fassungen gibt. Ich erzähle sie so, wie sie mir aus einem Bericht Karl Barths in Erinnerung ist.

Er war sich mit seinem Freund Heinrich Vogel nicht einig im Verständnis der ewigen Vollendung in Gottes Reich. In einem Gespräch unterhielten sie sich einmal über ihre verschiedene Erkenntnis in dieser Sache.

Der Freund wollte von einer völligen Neuschöpfung reden, während Barth hier anders dachte: Es werde dort herauskommen, daß Gottes Werk in Christus für die Menschen, so wie sie waren, doch nicht vergeblich gewesen sei.

Die Diskussion konnte nicht »akademisch« bleiben. Denn ihnen geriet dabei das Rätsel des Leidens vor Augen, das einer schwer behinderten, hilflosen Tochter Vogels aufgebürdet war.

Und der Vater rief nun aus – als Zusammenfassung und Anwendung seiner Hoffnung: Sie, die Behinderte, werde dort keine Behinderte sein. »Sie wird laufen!«

Barth, von jenem rätselhaften Leid mitbetroffen, griff das Stichwort auf: »Sie wird laufen?« Nein, das töne in seinen Ohren doch zu sehr so, als habe Gott in diesem Fall einen Fehler gemacht, den er dann dort eingestehen und korrigieren müsse.

So sagte er: »Ist es nicht eine viel schönere und kräftigere Hoffnung, daß dort das offenbar wird, was wir jetzt so gar nicht verstehen – nämlich daß dieses Leben nicht vergeblich war, weil Gott nicht umsonst zu ihm gesprochen hat: Gerade dich habe ich geliebt!?«

Und er fügte hinzu: »Sicher, das wird dann schon etwas ändern. In diesem Licht wird sie dann gewiß ganz oben sitzen am Tisch, während wir« – er deutete auf sich und den Freund –, »während wir dann, wenn wir überhaupt zugelassen werden, ganz unten zu sitzen haben werden.«

Quelle: Karl Barth – Erfahrungen und Begegnungen erzählt von Eberhard Busch, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1986, S. 92f.

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