Von Walter Dirks
Die beiden Glücksfälle, die möglicherweise meinem Leben Richtung gaben, hängen eng miteinander zusammen. Es war eine Menschengruppe, und es war ein Mensch.
Als Junge und Heranwachsender habe ich gestottert. Schon deshalb kann meine Jugend nicht ganz glücklich gewesen sein, trotz großartiger Mutter, sehr geliebtem Vater und wohl noch mehr verehrten Großvater, trotz drei älteren Geschwistern, die zusammen mit vielen Freunden das Haus oft mit fröhlichem Leben erfüllten. Ich weiß nicht, welche Ursache das Stottern gehabt hat. Obwohl ich in der Schule der Zweite in der Klasse war und meinen Ruf als Musterschüler bis zum Abitur behalten habe, konnte ich mir nicht vorstellen, daß ich einen der üblichen akademischen Berufe würde ausfüllen können. Richter, Rechtsanwalt, gar Arzt: daran war nicht zu denken; trotz meinem sehr gründlichen Bildungs-Interesse traute ich mir auch das Lehren und Unterrichten nicht zu. Ich war ein frommer, wenn auch durch Gewissensnöte schlimm geplagter gut-katholischer Junge, und es lag nahe, Priester werden zu wollen, sozusagen ein bißchen entfernt vom anspruchsvollen Kampf ums Dasein; aber selbst auf diesem friedlicheren Feld würde ich kaum je auf einer Kanzel stehen und predigen, – allenfalls für einen wissenschaftlichen Kirchenmusiker, in der stillen Klause, so schwebte es mir vor, werde es reichen können. Alles in allem; wenn das nicht wirklich Lebensschwäche war, so habe ich es jedenfalls empfunden.
Im ersten Semester des Studiums, 1920, stieß ich im Konvikt auf eine Gruppe des Quickborns, eines Jugendbundes, der sich gerade aus einer Vereinigung abstinenter katholischer Studierender zu einem Bund der Jugendbewegung mauserte. Die Gruppe hatte schon viel von dem neuen Geist mitbekommen, und sie begann die Lebensform des Wandervogels anzunehmen: Wandern, Singen, Tanzen – natürlich Volkstänze -, die „zünftige Kluft“ – bunte Fahrtenkittel; aber auch der Geist der Freiheit, der Rebellion gegen die bürgerliche Konvention, gegen eine Autorität, die in Herrschaft verfälscht worden war, haben wir nach der Kriegskatastrophe von der klassischen Jugendbewegung der Jahrhundertwende übernommen. Wir konnten sogar im „Kasten“ viel davon ausleben, weil die Kriegsteilnehmer unter den Studenten sich die frühere Askese und Disziplin nicht mehr hätten gefallen lassen, und der amtierende Direktor Paul Simon wußte das; auch war er ein Mann der Erneuerung der Kirche, dazu feinsinnig, hoch gebildet und ganz und gar menschlich. (Ich durfte ihm zuweilen abends auf dem Flügel vorspielen.)
Zu meinem fassungslosen Erstaunen wählten mich ein gutes Jahr später die als ziemlich wilde Horden geltenden westfälischen Quickborn-Pennäler zu ihrem Boß. („Gaugraf“ hieß das.) Wodurch der lebensschwache Intellektuelle, als den ich mich fühlte, ihr Herz oder ihren Kopf gewonnen hatte, weiß ich auch heute noch nicht recht. Diese harten Burschen aus dem Ruhrgebiet, und ich konnte nicht einmal schwimmen! Bei ihnen habe ich es dann rasch gelernt, und wenn ich mir auch im übertragenen Sinn des Wortes „ins Wasser geworfen“ vorkam, so habe ich offenbar auch in diesem Strom zu „schwimmen“ gelernt. Auch Mädchen gab es im Quickborn: unerhört, daß in einem katholischen Bund allem Üblichen zum Trotz – sogar die katholischen Lehrerinnen und Lehrer waren in zwei getrennten Verbänden organisiert – Jungen und Mädchen spielend und diskutierend mit einander umgingen: auch dies offenbar hat gelöst, befreit. Wir Westfalen hatten in unschuldiger Frei- und Frechheit gegen geheiligte Statuten (und Vorträge mit dem Bruderbund „Jungborn“) Lehrlinge und Jungarbeiter in die Gruppen und in den Gau aufgenommen. Das sollten wir, so verlangte es die Bundesleitung, in Ordnung bringen. Wir weigerten uns. Warum? Ganz einfach, weil es sich so ergeben hatte, und weil man gelebte Gemeinschaft nicht aufknacken kann, und weil wir im Ruhrgebiet die jungen Arbeiter der Hand als eine großartige Ergänzung empfanden und erfuhren, – und noch einfacher: weil es da für uns um ganz bestimmte Einzelne ging, deren Vor- und Spitznamen wir kannten -, die konnte man doch nicht einem anderen Verein überweisen! Nun, kurz und gut: Einer, der gerade sein Stottern zu verlieren begann, mußte auf dem „Bundesthing“ vor ein paar Tausend Jugendlichen und hundert gewichtigen Erwachsenen die gute Sache der Westfalen gegen die nicht von der Industrie geprägten Gau in einer langen Redeschlacht vertreten –, bis zum Erfolg.
Der „Erfolg“ war es denn wohl auch, der mich nicht nur vom Stottern geheilt, sondern auch aus der Lebensangst befreit hat – der Erfolg nicht nur in jener Sache. Heute ist uns in der Leistungsgesellschaft das Wort „Erfolg“ verdächtig geworden, und nach dem Zweiten Krieg sagte uns Martin Buber in Frankfurt: „Der Erfolg ist keiner der Namen Gottes“; heute ist es mir klar geworden, daß nur eine besondere Sorte „Erfolg“ diese lösende und befreiende Wirkung haben kann: das ist der nicht gewollte, nicht angestrebte Erfolg. Der Erfolg in dem erregenden Feld lebendig vereinter Jugend war mir geschenkt geworden, er war mir allenfalls „gelungen“, offenbar weil ich, ohne es zu ahnen, für die Freunde, die einen Boß suchten, der Richtige zu sein schien. Wahrscheinlich wären sie auf einen Ehrgeizigen nicht hereingefallen. Geschenkter Erfolg: schade daß man so etwas anderen nicht verordnen kann. (Allenfalls kann man vor dem angespannten Erfolgsstreben warnen.)
Nach der Gruppe nun der Einzelne! In Rothenfels, auf der Burg jener Quickborner lernte ich in der gleichen Zeit (1921) Romano Guardini kennen. Auch er, der junge Priester und Gelehrte, der in Mainz der Inspirator einer eigenen Jugendgruppe („Juventus“) gewesen war, wurde von dem, was er im Quickborn sah, erlebte und erfuhr, so fasziniert und bewegt, daß er sich, obwohl kein Jugendlicher, zusammen mit seinen Mainzern in den Bund aufnehmen ließ. Er hat dann die verdienten und unseres Dankes werten älteren Führer faktisch abgelöst und viel zur Klärung und Reifung des ungebärdigen Bundes beigetragen, ohne dessen Kraft und Frische zu mindern. Über unsere Kontakte im Bund hinaus wurde ich mit ihm vertraut, befreundet. Da war ein Priester und theologischer Doktor, der im nächtlichen Gespräch, wenn ich meine Glaubenszweifel vor ihm ausbreitete, dieselben Zweifel (und gewiß noch tiefer und schärfer empfunden) in sich trug und doch Gott und der Kirche treu sein konnte; da war der ältere überlegene Freund, ein Mann des Gesprächs, an den ich mich halten konnte, Vetrauen gebend und Vertrauen empfangend. Vielleicht hat es mir auch seine Italienität erleichtert, aus dem Wirrsal allzu deutscher Romantik herauszufinden.
Anderseits mag Ernst Michel, der andere ältere Lehrer und Freund Jener Jahre, auch ein kritischer Kopf und Kritiker des Katholizismus, durch seine in vielem ganz andere härtere Sichtweise dafür gesorgt haben, daß ich Guardini nicht verfiel, – dieser aber verhütete, daß ich ein Michelianer wurde. So verschieden waren die beiden Mentoren jener Jahre der ersten Männlichkeit, daß mir nichts anderes übrigblieb, als mir, beiden Lehrern nahe und verpflichtet, meinen eigenen Weg zu suchen.
Haben sie und die brennende Erfahrung des Jugendbundes meinem Leben also die Richtung gegeben? Insofern nicht, als ich schon vorher als ein junger Mensch, der in einer geistig und politisch offenen katholischen Familie „sozialisiert“ worden war, wie man sich heute ausdrückt, kräftig vorgeprägt war. Nach Guardini und Michel hat die von ihnen unabhängige intensive Begegnung mit Karl Marx ein übriges getan: Was ich vom Marxismus lernen konnte, gab meiner Kultur- und Kirchenkritik soliden Grund, so wie mein guardinisches und michelisches katholisches Christentum mich davor bewahrte, auf den kompletten Marxismus hereinzufallen. Aber der Impuls der Jugendbewegung und der Einfluß jener beiden Männer, besonders Guardinis, befreiten mich aus schwer erklärbarer Lebensschwäche.
Und mehr: aus jener kräftigen Verwandlung und dem Dialog mit jenen Männern ergab sich unmittelbar die erste und sehr produktive Phase des (journalistischen) Berufs, der mir bis auf den heutigen Tag treu geblieben ist. Die Welt ist schrecklich, aber ich habe Grund, zu danken. Und auch meine fragwürdigen, nicht immer einfachen Versuche, mich jener Welt zu stellen und in ihr für den Menschen Gottes Werk zu tun, setzen die Ansätze der Jahre 1920 bis 1925 fort. Über ein halbes Jahrhundert durfte ich dankbar sein, und ich bin es noch, den Kameraden und jenen Männern.
Quelle: Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen, Herderbücherei, Bd. 940, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 34-38.