Dietrich Bonhoeffer, Christus und der Friede (1932): „Es geht Christus vielmehr darum, dass wir Gott lieben, dass wir in der Nachfolge Jesu stehen, in die wir mit der Verheißung der Seligpreisungen gerufen sind, und dass wir so Zeugen des Friedens sind. Diese Nachfolge Christi kommt aus und steht ganz auf einfältigem Glauben und es ist umgekehrt auch der Glaube nur in der Nachfolge wahr. So sind also die Gläubigen angeredet, die Welt aber durch das Friedenszeugnis Christi gerichtet. Der Glaube muss aber einfältig sein, sonst wirkt er Reflexion, nicht Gehorsam; sonst weiß auch die Linke, was die Rechte tut, und ist keine Nachfolge, die von Gut und Böse nichts weiß. Nur in solcher Nachfolge bekommen wir auch die rechte Stellung zu denen, die ihr Leben im Krieg hingegeben haben.“

Christus und der Friede (1932)

Von Dietrich Bonhoeffer

Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich. Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. [Matth. 22, 37-39]

Jetzt haben wieder menschliche Autoritäten, die versuchten, einen Frieden auf politischer Grundlage aufzurichten, Schiffbruch erlitten. Und es wäre gut, darüber nachzudenken, und dies doch nicht allzu verwunderlich zu finden, denn weltliche Instanzen sind eben doch von Menschen gebaut und darum nicht absolute Autorität.

Es gibt nur eine Autorität, die zu diesen Fragen bindend geredet hat, das ist Jesus Christus.

Christus hat zwar nicht für alle möglichen im politischen, wirtschaftlichen oder sonstigen Leben der Menschen auftretenden komplizierten Einzelsituationen Verhaltungsmaßregeln [sic!] gegeben. Das bedeutet aber nicht, daß die Botschaft Jesu Christi nichts Eindeutiges zu den vorliegenden Problemen sage. Für den einfältigen Leser sagt die Bergpredigt ganz unmißverständliche Dinge.

Wir wollen vom zentralen Punkt des Neuen Testaments ausgehen, und darum diese Fragen unter das vornehmste und höchste Gebot stellen und unter das, was der Herr dazu gepredigt hat. Wir wollen nicht ein einzelnes Wort von weltlicher Obrigkeit aus dem ganzen Zusammenhang des Neuen Testaments herausreißen, und damit verkennen, daß Christus das Reich Gottes verkündet hat, gegen das die ganze Welt, und auch die Obrigkeit, in Feindschaft lebt.

Lassen Sie mich zuerst auf einige Punkte eingehen, die gern zu Mißverständnissen Anlaß geben:

1. Christus ging es nicht darum, um der Sicherheit und Ruhe willen die Zustände auf dieser Welt abzuändern. Noch viel weniger sollen wir meinen, durch politische Verträge die äußere Sünde, die Schrecken des Krieges abschaffen zu können. Solange die Welt Gott los ist, werden Kriege sein.

Es geht Christus vielmehr darum, daß wir Gott lieben, daß wir in der Nachfolge Jesu stehen, in die wir mit der Verheißung der Seligpreisungen gerufen sind, und daß wir so Zeugen des Friedens sind.

Diese Nachfolge Christi kommt aus und steht ganz auf einfältigem Glauben und es ist umgekehrt auch der Glaube nur in der Nachfolge wahr. So sind also die Gläubigen angeredet, die Welt aber durch das Friedenszeugnis Christi gerichtet. Der Glaube muß aber einfältig sein, sonst wirkt er Reflexion, nicht Gehorsam; sonst weiß auch die Linke, was die Rechte tut, und ist keine Nachfolge, die von Gut und Böse nichts weiß. Nur in solcher Nachfolge bekommen wir auch die rechte Stellung zu denen, die ihr Leben im Krieg hingegeben haben.

So gibt es keine menschlichen Möglichkeiten, den Frieden aufzurichten, zu organisieren. Ja, solcher menschliche Versuch auf politischem Wege kann gerade wieder Herrschaft des selbst­herrlichen Menschen, Sünde sein. Es gibt keinen gesicherten Frieden. Der Christ kann nur den Frieden wagen aus dem Glauben. So gibt es keine direkte Menschenverbrüderung, es gibt nur den Zugang zum Feind über das Gebet zum Herrn aller Völker.

2. Es wird umgekehrt oft das Verhältnis von Gesetz und Evangelium mißverstanden. Da wird das Evangelium als Botschaft der Sündenvergebung verstanden, welche an die bürgerliche, überhaupt die ganze irdische Existenz des Menschen nicht rührt. Da wird zwar noch dem Menschen berichtet, daß er Sünder ist, er wird aber nicht herausgerufen aus Sünde und sündigen Bindungen. Wie sollen wir, die wir den Weg des Gehorsams nicht gehen, wenn wir auf Gnade hin sündigen, die Gnade der Sündenvergebung und überhaupt das Gebet zu Gott noch ernst nehmen und an ihn von reinem Herzen glauben? Da machen wir die Gnade billig, da vergessen wir mit der Rechtfertigung des Sünders durchs Kreuz Christi den Schrei des Herrn, der niemals Sünde rechtfertigt. Das Gebot: Du sollst nicht töten, das Wort: Liebet eure Feinde, ist uns gegeben zum einfältigen Gehorsam. Dem Christen ist jeglicher Kriegsdienst, es sei denn Samariterdienst, und jede Vorbereitung zum Krieg verboten. Der Glaube, der die Freiheit vom Gesetz in der willkürlichen Verfügung über dies Gesetz sieht, ist menschlicher Glaube und trotzt Gott. Der einfältige Gehorsam weiß nicht von Gut und Böse, er lebt in der Nachfolge Christi und tut die Werke als etwas, das sich von selbst versteht.

3. Wir Christen sind nach dem Gebot der Liebe zunächst daraufhin angeredet, daß wir selber Frieden mit jedermann haben, wie auch Christus, wenn er der Gemeinde den Frieden predigte, den Frieden am Bruder, am Nächsten, am Samariter exemplifizierte. Ohne daß wir diesen Frieden haben, können wir nicht den Völkern Frieden predigen. Und die meisten, die sich am Wort vom Frieden der Völker ärgern, stellen schon die Feindesliebe gegen den persönlichen Feind infrage. Wenn wir also von Dingen des Friedens reden, werden wir immer im Auge behalten, daß die Beziehungen zweier Völker eine tiefe Analogie haben mit den Beziehungen zweier einzelner Menschen. Die Dinge, die sich dem Frieden entgegenstellen, sind hier wie dort Machtgier, Stolz, Drang nach Ruhm und Ehre, Hochmut und Minderwertigkeitsgefühle, Menschenfurcht, dann Streit um Lebensraum und ums Brot. Was aber im einzelnen Menschen Sünde ist, ist für ein Volk nimmermehr Tugend. Was der Kirche, der Gemeinde und damit den einzelnen Christen als Evangelium verkündigt ist, das ist der Welt zum Gericht gesagt. Wenn aber ein Volk dies Gebot nicht hören will, dann sind Christen als Zeugen aus diesem Volk herausgerufen. Haben wir aber acht, daß wir elende Sünder aus der Liebe heraus den Frieden verkündigen, nicht aus Eifer um die Sicherheit, um ein politisches Ziel.

4. Friede mit wem? Der wahre Friede ist nur in Gott und aus Gott. Dieser Friede ist uns mit Christus geschenkt, das heißt, der Friede ist mit dem Evangelium unzertrennlich verbunden. Friede kann also nie bestehen in Aussöhnung des Evangeliums mit religiösen Weltanschauungen. So spricht Jesus: Ich bin nicht gekommen Frieden zu senden, sondern das Schwert (Matth. 10, 34). Dem Reuigen und dem in die Irre gegangenen Sünder gilt die Vergebung der Sünde, wir sollen ihn lieben, nicht richten. Dem trotzigen Sünder wird das Gebot zum Gericht. Mit der Sünde aber wie mit der falschen Lehre gibt es keine Aussöhnung. Im Kampf des Evangeliums mit diesen irdischen Mächten wird der Christ geschieden von Vater und Mutter. Der Kampf des Christen ist also ein Kampf um die Sache. Die Waffen aber in der Auseinandersetzung mit dem Feind des Evangeliums sind der Glaube und die Liebe, die im Leid geläutert werden. Wie viel mehr beim Streit um nur irdische Güter.

Vortrag, gehalten im Dezember 1932 im ökumenischen Arbeitskreis der DCSV (nach einer Mitschrift Jürgen Winterhagers).

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 12: Berlin 1932-1933, Gütersloh: GVH, 1997, S. 232-235.

Hier der Text als pdf.

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