Morgenandacht über Lukas 14,25-35 (1935)
Von Hans Joachim Iwand
Wir hören das Wort Gottes, das für den heutigen Tag festgelegt ist, aus dem Evangelium des Lukas im 14. Kapitel vom 25. bis 35. Vers: Es ging aber viel Volks mit ihm; und er wandte sich und sprach zu ihnen: So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob er’s habe, hinauszuführen? auf daß nicht, wo er den Grund gelegt hat, und kann’s nicht hinausführen, alle, die es sehen, anfangen, sein zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hob an zu bauen und kann’s nicht hinausführen. Oder welcher König will sich begeben in einen Streit wider einen anderen König und sitzt nicht zuvor und ratschlagt, ob er könne mit zehntausend begegnen dem, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? Wo nicht, so schickt er Botschaft, wenn jener noch ferne ist, und bittet um Frieden. Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absagt allem, was er hat, kann nicht mein Jünger sein. Das Salz ist ein gut Ding; wo aber das Salz dumm wird, womit wird man’s würzen? Es ist weder auf das Land noch in den Mist nütze, sondern man wird’s wegwerfen. Wer Ohren hat zu hören, der höre.
Wenn wir diese Worte Jesu hören, dann wissen wir: Hier wird ein Halt! geboten. Nicht das „Halt“, mit dem uns das heilige Gesetz Gottes zurückreißt von dem Wege, auf dem uns unsere Leidenschaften ins Verderben treiben. Auch nicht das „Halt“, mit dem Gott seinen Verächtern entgegentritt, das „Halt“, das aus dem Saulus einen Paulus machte. Sondern das schwerste „Halt“, das der Mensch erfährt in der Begegnung mit der Gnade Gottes, das „Halt“, das Jesus seiner Gefolgschaft zuruft. Es ist die unüberschreitbare Schranke, die Jesus aufrichtet zwischen sich und denen, die ihm folgen wollen. Es ist, als ob Jesus allen, die ihm in seine Kämpfe und Anfechtungen nachfolgen wollen, zuriefe: Täuscht euch nicht über das Ziel meines Weges. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Täuscht euch nicht darüber. Ich bin nicht gekommen, um ein Führer zu sein, wie Menschen Führer sind für die, die ihnen folgen. Ich bin gekommen, eine Schar zu sammeln, daß sie für mich streite.
Das ist die große Ernüchterung, die keinem erspart bleibt, der sich auf den Weg macht, um Jesu nachzufolgen. Es mögen mancherlei Zeichen und Wunder sein, die Leute aus allerlei Volk um ihn scharen, damals wie heute. Es mögen mancherlei Hoffnungen und Wünsche sein, die uns an ihn binden und in seine Gefolgschaft einreihen. Aber das alles wird hinfällig, wenn er sich umwendet und offenbar wird, wer der ist, dem wir die Nachfolge geloben. Wenn er im Zeichen des Kreuzes nach diesem Zeichen fragt bei jedem, der sein Jünger sein will. „Wer nicht sein Kreuz trägt — der kann nicht mein Jünger sein.“ Das heißt doch wohl, wer nicht unter das ihm geltende, ihm zugedachte Gericht Gottes tritt, wer darin nicht gleichförmig mit Jesus Christus wird, der weiß noch nichts davon, was Jüngerschaft Jesu heißt.
Und damit niemand im Zweifel sei, was damit gemeint ist, sagt Jesus mit klaren Worten: „Wer nicht hasset seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu sein eigen Leben, der ist mein nicht wert.“ Es wird wohl niemanden unter uns geben, der nicht wüßte, wie die Antwort auf diese Bedingung lauten muß, die wir geben können. Die Antwort darauf kann nur lauten: Unmöglich. Unmöglich kannst du das von uns verlangen, unmöglich können wir das erfüllen. Wer so mit uns redet, der spricht zu uns nicht als ein Heiland, sondern wie ein Verführer. Wenn wir das können sollten, was Jesus hier von uns fordert, dann müßte das Blut in unseren Adern rückwärts fließen, dann müßten wir von neuem geboren werden, von neuem geboren, nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern geboren aus einem anderen, neuen Geist.
Verstehen wir nun, was es für eine unmögliche Sache um die Nachfolge dieses Herrn ist? Verstehen wir nun, daß er uns warnt, so, wie wir sind, an den Turmbau zu schreiten? So, wie wir sind, in den Kampf zu ziehen? Hütet euch, sagt uns der Herr, daß ihr mit eurer Aktivität und eurer Einsatzbereitschaft meine Sache nicht zum großen Weltgelächter macht! Hütet euch, daß ihr nicht Dinge anfangt, die ihr dann nicht so zu Ende führen könnt, wie diese Dinge — Gottes Dinge — zu Ende geführt werden müssen. Hütet euch, daß es nicht einmal von euch heiße: Um euretwillen wird der Name Gottes geschmähet unter den Heiden.
Begreifen wir nun, was es mit diesem Verhältnis von Meister und Jüngerschaft, von Führer und Nachfolge auf sich hat, begreifen wir, daß da, wo Jesus zur Nachfolge aufruft, sich alles umkehrt, was wir sonst über Gefolgschaft und Nachfolge zu hören gewohnt sind? Hier ist der, der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen. Hier ist der, den niemand einen Herrn nennen kann, es sei denn durch den Heiligen Geist. Hier ist der, für den sich niemand aus eigenen Kräften und aus eigenem Entschluß entscheiden kann, es sei denn, er nehme die Entscheidung an, die Jesus für ihn, für uns alle vollzogen hat. Hier wird deutlich, was Jesus an andrer Stelle zu seinen Jüngern sagt: „Ich habe euch erwählt.“ Wehe uns, wenn eine andere Erwählung als diese, die in Gottes ewigem Ratschluß beschlossen liegt, die Grundlage bildet für das, was wir Jüngerschaft und Nachfolge nennen. Es kann nicht anders sein, alle, die auf dem trügerischen Grunde ihrer eigenen Entscheidungen und ihrer eigenen Einsatzbereitschaft Jesus nachfolgen, werden und müssen an ihm irre werden.
Nicht, als ob wir nicht wüßten, daß es auch eine menschlich-irdische Art gibt, diese Worte Jesu zu deuten und zu erfüllen. Es gibt Menschen, die um Jesu willen alles verlassen, was sie an diese Welt und in dieser Welt bindet, Eltern und Freundschaft, Ehe und Vaterschaft, es gibt diese immer wieder verlockende Möglichkeit des heroischen Einsatzes für Jesu Herrschaft. Und doch — auch wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, wenn ich meinen Leib im Feuer brennen ließe, wenn wir Opfer auf Opfer und Martyrium auf Martyrium häuften, die Kirche, die darauf baute und davon lebte, wäre doch auf Sand gebaut. Es wäre doch ein Herumgehen um die enge Pforte, eine Verleugnung des Kreuzes, ein Überhören des eigentlichen Sinnes der Forderung Jesu, die er an uns stellt. Es gibt nur eine Antwort darauf, die Antwort des Nikodemus, diese scheinbar so törichte und in Wahrheit doch einzig mögliche Antwort auf die uns gestellte Bedingung: „Kann ein Mensch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“
Wohl uns, wenn wir bei allem, was wir in der Nachfolge Jesu tun und sagen, das eine nicht vergessen: Jesus Christus steht nicht darum als Herr vor uns, weil wir uns zu ihm bekennen, er lebt und wirkt nicht, weil Menschen ihn als ihren Heiland und Erlöser anerkennen, sondern weil sich Gott selbst zu ihm bekannt hat, als ihn alle verrieten, weil eine Stimme von oben ihn als den Herrn der Welt bezeugt hat, als die Menschen meinten, nun sei es aus mit ihm. Alles, was wir Bekenntnis und Nachfolge nennen, ist nichts anderes als ein demütig-gehorsames Nachsprechen dessen, was Gott über diesen Jesus von Nazareth gesprochen und bezeugt hat: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Am Schluß unsres Textes steht das bekannte Wort: „Das Salz ist ein gut Ding. Wo aber das Salz dumm wird, womit wird man’s würzen?“ Das Salz ist das Evangelium von Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Wenn das Evangelium nichts anderes wäre als eine der vielen frohen Botschaften, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden über die Erde gehen, wenn es nichts anderes wäre als eines der vielen Erlösungsmysterien, mit denen der Mensch sich selbst aus dem Gefängnis der Sünde und des Todes zu befreien oder wenigstens in den Wahn der Freiheit hineinzuträumen sucht, wenn es um nichts anderes ginge als um die Rivalität dieser evangelisch-christlichen Weltanschauung mit irgendwelchen anderen Weltanschauungen, die um Glauben und Anerkennung ringen, dann könnte wohl die Zeit kommen und vielleicht schon gekommen sein, da dieses Evangelium von Jesus Christus verworfen wird, weil es zu nichts mehr nütze ist. Wehe denen, die es dazu gemacht haben oder machen wollen.
Denn dieses Evangelium ist nichts Menschliches. Es ist keine Schöpfung menschlichen Geistes und sein Sieg keine Sache menschlichen Einsatzes. Denn den Geist dieses Evangeliums haben wir nicht empfangen durch des Gesetzes Werk, sondern durch die Predigt vom Glauben. So ist es uns gesagt und von uns angenommen worden als das Wort vom Kreuz, das uns Gottes Kraft und Gottes Weisheit ist.
Verstehen wir nun die einzige, wahrhaft erfüllbare Bedingung der Jüngerschaft Jesu? „Wer Ohren hat, zu hören, der höre.“ Amen.
Gehalten auf der Dritten Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union in Berlin-Steglitz am Dienstag, 24. September 1935.
Quelle: Wilhelm Niemöller (Hrsg.), Die Synode zu Steglitz. Die Die dritte Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union. Geschichte — Dokumente — Berichte, AKG 23, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1970, S. 159-162.