Brief an Karl Barth in Sachen Caprez-Roffler
Von Veronika Pfenninger-Stadler
Brig, Tunnelstraße 9,
31. VII. 32
Herrn Prof. Dr. Karl Barth,
Bonn
Sehr geehrter Herr Professor,
Aus einem Brief von Trudel Herrmann an Aenne Schumer, welche augenblicklich hier bei mir in Brig zu Besuch weilt, vernehme ich, Sie hätten aus „zuverlässiger Quelle“ unter anderem gehört, daß ich Ihren offenen Brief an Kolfhaus bereits zur Rechtfertigung von Frau Caprez zu benutzen scheine. Nun habe ich Ihren offenen Brief nur in einem Privatbrief an Elisabeth Zellweger in Basel erwähnt, die das also an Prof. Thurneysen weitergegeben zu haben scheint. Zum Glück finde ich eben den Durchschlag und will Ihnen die Stelle abschreiben, damit Sie über die „Zuverlässigkeit“ dieser Quelle im Bilde sind.
Elisabeth Zellweger hatte uns im „Aufgebaut“, dem Organ der Freundinnen junger Mädchen, in der Weise angegriffen, daß sie alle Familieninstinkte der christlichen Hausfrauen gegen uns verheiratete, berufstätige Theologinnen mobil machte. Dagegen hatten sich nun Freundinnen von uns gewehrt, und in diesem Zusammenhang kam ich auf die Bitte meiner Freundin, Frau Pfarrerin Näf, dazu, E. Z. einen an Frau Pfr. Näf gerichteten Brief über diese Sache selbst zu beantworten. Ich habe mich in meinem Briefwechsel mit E. Z. einzig und allein darum bemüht, ihr klar zu machen, daß, wenn jemand, wie es Frau Caprez von Anfang an getan hat und immer noch tut, sich auf den Glaubensgehorsam beruft, d. h., behauptet, sein Handeln sei Gehorsam gegenüber Gott, man ihn dann nicht vom Haushalt oder von der christlichen Familie oder irgendeinem ähnlichen Gesichtspunkt her angreifen könne, sondern nur in der Weise, daß man ihn fragt, ob er sich denn etwa in seinem Glauben, im Gehorsam zu handeln, nicht irre. In diesem Zusammenhang also habe ich Ihren offenen Brief erwähnt, und die betreffende Stelle lautete wie folgt:
„In der Reformierten Kirchenzeitung (folgt Angabe über den Verlag) ist die Auseinandersetzung über den Fall Furna auf dieser Höhe geführt worden. Karl Barth hat dort in einem offenen Briefe für unsere Einstellung Stellung genommen, und zwar nicht etwa für die Sache in Furna, sondern dafür, daß gegenüber allem, was sich auf den Gehorsam des Glaubens beruft, von Christen äußerste Zurückhaltung geübt werden muß. Es gibt da nur noch die Frage an den Andern, ob er sich nicht etwa in seinem Gehorsam täuscht, und nur noch den Hinweis darauf, daß die letzte Entscheidung nicht bei uns liegt.“
Ich überlasse es Ihnen, zu entscheiden, ob Sie diese Worte als ein Mißverständnis Ihres offenen Briefes ansehen wollen, hoffe aber, es wird Ihnen dies auch einiges Mißtrauen gegenüber allem übrigen, was aus dieser Quelle stammt, einflößen.
Ich bin persönlich mit Greti Caprez befreundet. Auf ihren damaligen Entschluß in der Sache Furna habe ich, trotzdem, keinen Einfluß ausgeübt. Ich weiß aber, 1. daß Greti Caprez sich von jeher in die Arbeit gerade im Kt. Graubünden gewiesen fühlte, und 2. daß der Moment und die ganze Art, wie die Sache an sie herantrat, ihr die Gewißheit gab, daß sie diesen Weg gehen müsse. So hätte ich selber nie gewagt, ihren Glauben in Frage zu ziehen; ich habe ihr freilich auch nicht zu gehen geraten. Hingegen einmal bin ich aus meiner Zurückhaltung herausgetreten, als die vielen Angriffe von allen Seiten sie zeitweise an ihrem Glauben irre machten. Da habe ich ihr geschrieben, daß, wenn sie diesen Schritt im Glauben getan habe, ich es nun für Anfechtung halte, wenn sie meine, zurückweichen zu müssen vor den äußeren Angriffen. Wenn wir etwas im Glauben unternommen haben, sollen wir auch darin ausharren, bis wir gewiß ebenso sehr im Glauben wiederum wissen, daß wir nun einen andern Weg – oder allenfalls zurückgehen sollen.
Wir haben ja niemals von unseren Mitchristen, von den christlichen Redaktorinnen unseres Landes und nicht einmal von unseren Kirchenbehörden verlangt, daß sie das Wagnis, das wir im Glauben unternehmen, mit uns wagen. Wir haben uns gefreut über jeden, der mit uns ging, aber verlangt haben wir nur das Eine, daß man uns nehme und allenfalls bekämpfe als das, was wir sind: Menschen, die vielleicht irren, aber jedenfalls meinen, im Glauben gehandelt zu haben und daher von da allein angegriffen werden müssen.
Wir haben aber – mit der einzigen Ausnahme Ihres offenen Briefes – nichts, rein gar nichts von dieser doch wohl allein christlich möglichen Art des Kampfes gegen uns zu spüren bekommen. Man hat uns bekämpft als die, die gegen die Kirchengesetze auftreten und also die gute, friedliche bürgerliche Ordnung stören, die die Familie gefährden, den Haushalt vernachlässigen und ähnliche schöne Dinge. Das Beste war doch noch immer der Angriff vom Bibelbuchstaben her. Darum haben wir uns von all diesen Angriffen niemals getroffen gefühlt, sie haben uns in unserem Weg nicht behindert, aber sie haben uns im Gedanken an unsere Kirche tief traurig gemacht. Man scheint für unser Anliegen keinen Raum zu haben – man scheint uns nicht einmal ernst nehmen zu wollen, es ist niemand da, der ein Wort spräche, durch das wir uns ernstlich von Gott her gefragt wissen könnten (ich meine von denen, die öffentlich zu dieser Sache reden).
Noch etwas: Pfr. Koffler hatte auf den Wunsch einiger Wohlgesinnter einen Vermittlungsvorschlag ausgearbeitet, und G. Caprez wäre daraufhin bereit gewesen, zu verzichten. Die Kirche hat überhaupt nicht verhandelt. Sie scheint es auf Biegen oder Brechen ankommen lassen zu wollen, so sicher ist sie ihrer Sache – der beste Beweis dafür, wie wenig ernst sie unser Anliegen nimmt. Die Bedingung bestand darin, daß man ihr Arbeit verschaffe und überhaupt den andern Theologinnen aushilfsweises Arbeiten ermögliche! Es wäre dem Kirchenrat des Kt. Graubünden von Anfang an leicht möglich gewesen, dann hätte es nie zum Fall Furna kommen müssen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre
gez. Veronika Pfenninger-Stadler
P.S. Ich vermute, daß Sie nächstens in die Schweiz kommen. Dürfte ich da wohl einmal, evtl. zusammen mit Frau Caprez, mündlich mit Ihnen über diese Angelegenheit reden? Ich werde Ihnen auch gerne mein Material zur Verfügung stellen, sobald ich Ihre Schweizer Adresse weiß.
Quelle: Karl-Barth-Archiv (KBA), Nr. 9332.398.
Hier das Antwortschreiben Karl Barths:
Brief an Veronika Pfenninger-Stadler in Sachen Caprez-Roffler (1932)
15. August 1932
Bergli, Oberrieden (Kt. Zürich)
Liebe Frau Pfarrer!
Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht früher geantwortet habe. Gegen das, was Sie mir aus Ihrem Brief an Frl. Zellweger mitteilten, ist wirklich nichts einzuwenden, und ich freue mich, zu hören, dass die Dinge zwischen ihr und Ihnen auf dem Wege sind, in Ordnung zu kommen. Ich glaube ja, dass es dem Anliegen der Theologinnen am besten bekommen wird, wenn es möglichst wenig als Anliegen privat oder öffentlich vertreten und verteidigt wird, sondern wenn die Theologinnen überall da, wo ihnen tatsächlich irgendwie Raum gegeben ist, durch ihre Leistungen Tatsachen schaffen, die dann für sich selber und damit automatisch gegen alle bloß grundsätzlichen Angriffe sprechen. Die bloß theoretische Debatte wird, wie mein Streit mit Kolfhaus gezeigt hat, doch nicht weiterführen, als dass, wenn der Pulverdampf sich verzogen hat, alle Teile wieder schön in ihren Ausgangsstellungen sitzen. Wenn es sich einmal in so und so vielen Gemeinden durchgesprochen haben wird, dass die ganzen, halben oder Viertels-Pfarrerinnen ihre Sache eben so gut und vielleicht in diesem und jenem Stück besser als die Pfarrer machen, dann wird der Acheron sich bewegen.
Ich werde zwischen dem 15. und 20. September jedenfalls in Bern sein (Bellevuestraße 152, Bern).
Mit freundlichem Gruß an Sie und Ihren Mann und mit den besten Wünschen für Ihre Tätigkeit
Ihr
gez. Karl Barth
Quelle KBA Nr. 9232.237