Greti Caprez-Roffler, Die Pfarrerin. Lebenserinnerungen der ersten Bündner Theologin (1980): „Gestern wurde ich ins Kantonsspital gerufen zu einer Frau, die am Morgen in einem Anfall von Schwermut Salzsäure getrunken hatte und nicht mehr zu retten war. Nie werde ich dieses Sterben vergessen. Eine junge Frau, erst 33 Jah­re alt, eine schöne Frau, mit wunderbaren dunk­len Augen, krausem schwarzem Haar, schön ge­wachsen, geliebt von Mann und Kind. «Es ist niemand schuld, mein Mann war immer, immer lieb zu mir», das waren ihre ersten Worte. Sie war ganz gelöst vom Leben, es war keine Reue über ihre Tat da, nichts vom Willen, ins Leben zurückzukehren. Nur die Schuld ihrer Tat lag auf ihr, das Verlangen nach Vergebung. Sie litt furchtbare Schmerzen und quälenden Durst und konnte nicht mehr trinken. Ich nahm sie in meine Arme. So beteten wir, bald sie, bald ich; sprachen wir, bald sie, bald ich. Meine Tränen hinderten mich oft am Sprechen. Sie weinte nicht. Sie freute sich zu gehen.“

Die Pfarrerin. Lebenserinnerungen der ersten Bündner Theologin

von Greti Caprez-Roffler

Vom Hüschergada zur Universität

«Im Sommer 1906 gingen meine Eltern zu zweit in die Ferien und kehrten zu dritt wieder zurück.» So beginnt mein curriculum vitae, das wir elf Schüler der Maturaklasse 1925 zu schreiben hatten. Ich war am 17. August im sogenannten Hüschergada in St. Antonien zur Welt gekommen. Eine alte Base amtete als Hebamme. Mein Vater, damals Lehrer an der Kantonsschule, kehrte fünf Jahre später zu­rück ins Landpfarramt. Deshalb übersiedelten wir nach Igis. Igis wurde mir das, was dem Menschen irdische Heimat ist. 21 Jahre lebte meine Familie an diesem schönen Ort im Churer Rheintal. Viel fröhliches Spiel verband mich mit den Dorfkindern, die sich hüteten, mir, dem Pfarrerskind, Schmutz und Rohheit zuzutragen. Auch lebte ich vielfach in einer Welt für mich, beständig neue Geschichten erfindend, deren Heldinnen dann mit mir identisch waren. Der Eintritt in die Schule riß mich aus diesem Paradies heraus. Wir hatten einen Lehrer, der Tatzen austeilte und uns an den Haaren aus den Bänken riß. Darum war es für mich ein Geschenk, am Schluß der ersten Klasse in die dritte versetzt zu werden und damit den Lehrer wechseln zu können.

Zwei Erlebnisse in meinen frühen Kindheits­jahren bewiesen mir aber, daß das Böse gar nicht nur etwa von außen kommt. Sie wurden für meine Entwicklung, das heißt, für mein Verständnis des Menschen wichtig. Ich habe sie in meinem curriculum vitae so beschrie­ben:

Wir wurden sehr streng erzogen. Ich fürch­tete mich entsetzlich vor Schlägen. Obgleich wir wußten, daß unser Vater den Zank nicht leiden konnte, stritten wir Geschwister oft und hartnäckig. Einst waren wir im heftigsten Streit, als der Vater uns hörte, mich hinein­rief und mir befahl, zugleich das Stecklein zu bringen, das im Korridor auf dem Spiegeltisch liege. Zitternd vor Furcht gehorchte ich. Das gefürchtete Stecklein war aber nicht an dem angegebenen Ort. Vor der Tür des Studier­zimmers blieb ich stehen und betete heiß und voll Vertrauen, Gott möchte geben, daß ich nicht geschlagen werde. Dann trat ich in das Zimmer und wartete der Dinge, die da kommen sollten. «Bringst du die Rute nicht, dann geh auch wieder; ohne sie kann ich dich nicht brauchen.» So erfuhr ich tatsächlich Gebetserhörung.

Das zweite wichtige Erlebnis fällt in meine Sekundarschulzeit. An einem Landsgemeinde­sonntag ging ich auf den Festplatz und ver­weilte auf der Wiese, wo die Männer für die Wahlen zusammentreten. Aber bald lockten das Karussell und die Verkaufsbuden. Ich hatte von den Eltern eine kleine Geldsumme erhalten. Nun werweißte mein begehrliches Flerz hin und her: «So und so viele Mal kann ich mit der Reitschule fahren, aber dort, von den wunderschönen künstlichen Blumen an jenem Stand hätte ich gar zu gern einige ge­kauft.» Und plötzlich geriet ich in einen Bann. Eine Stimme flüsterte mir zu, lockend und schmeichelnd: «Geh hin und kauf dir eine, aber nimm zwei, das merkt niemand.» Kaum vernommen, war es auch geschehen. Ich be­gab mich wieder auf die Wiese. Dann aber fiel der Bann wieder von mir ab. Die ganze Er­kenntnis der Tat kam über mich. Ich verfiel in tiefste Verzweiflung. Eilends ging ich wie­der hinüber zu den Buden, um gutzumachen. Aber der Stand war wie vom Erdboden ver­schwunden, und ich fand mich allein mit mei­ner Verzweiflung. Was sollte, was konnte ich tun? Nun, da ich nicht mehr gutmachen konnte, blieb mir nur die Reue. Ich lief dort­hin, wo ich noch Hilfe und Zuflucht erhoffte: zur Mutter. Sie nahm mich zwar in die Arme und ließ mich ausschluchzen, aber sie war so überrascht von der Sachlage, daß sie mir auf die Beichte antwortete: «Hoffentlich hat es niemand gesehen.» Dabei hatte ich in diesem Augenblick das wichtigste und größte Erleb­nis: die Erkenntnis der Lage des Menschen, die Erfahrung von Schuld und Reue. Meine Mutter hätte mir davon sprechen dürfen, daß ich nun nicht da stehen bleiben müsse, son­dern daß wir mit einander zum himmlischen Vater gehen, ihm die Schuld bringen und von ihm Vergebung und völlige Befreiung emp­fangen dürfen.

Aber so wie in diesem Augenblick meine Mutter an mir schuldig wurde, so wurde ich Jahre später in genau gleicher Weise an einem andern Menschen schuldig, als ich ihm, einer Schuld gegenüber, mit der er nicht fertig wurde, nicht zur Seite stand und die Brücke bildete zur Erkenntnis unserer menschlichen Verlorenheit und Gottes rettender Hilfe. Viel­leicht kann man diesen Dienst gerade den Al­lernächsten am wenigsten tun.

Mein Vater hatte mich zum Besuch der Kantonsschule bewogen schon im Blick auf ein späteres Theologiestudium. Mir selbst wurde dieses Ziel immer fraglicher. Der Geist der Churer Kantonsschule war allem Religiö­sen gegenüber rein negativ. Einer unserer Leh­rer ließ es nicht fehlen an beißendem Spott. Ich war ein sehr scheues Wesen und fürch­tete mich, wenn ich einen Vortrag halten mußte. Der Deutschlehrer quittierte meinen letzten Vortrag mit den Worten: «Wählen Sie ja nie einen Beruf, da Sie ein einziges Wort öffentlich sagen müssen.» Da ich schon jahre­lang unter der Angst gelitten hatte, den Auf­gaben, die sich einem Pfarrer stellen, nicht ge­wachsen zu sein und zugleich Mathematik und alte Sprachen mir sehr lagen, wurde mir der Gedanke immer vertrauter, alte Sprachen zu studieren. Die Entscheidung zu treffen, aber fiel mir sehr schwer. In einem Brief an meinen Vater vom 31. Mai 1925 noch schrieb ich: «Die alten Dichter aufzählen poieo, tithemi usw. ohne Fehler konjugieren, macht das das Glück aus? Ich weiß schon, was mir Befriedi­gung bringen würde: ein Lebenskamerad, sechs Kinder und Arbeit für beide Hände.» Mein Herz aber hatte sich bis jetzt nie für die ent­schieden, die mich gern hatten, sondern tö­richterweise immer andere geliebt. So schien es wahrlich nicht darnach auszusehen, als ob mein Wunsch sich je erfüllen würde.

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Die Studentin.

In den letzten Jahren der Kantonsschulzeit wurde ich reich beschenkt durch die Freund­schaft mit Mädchen, die etwas älter waren als ich: Hildi, die Gymnasiastin, und Stiny, ein Mensch mit vielerlei Interessen. Stiny las mit Vorliebe philosophische Schriften. Mit ihr wanderte ich alle Sonntagnachmittage über die Felder und durch den Wald. Dabei spra­chen wir über die tiefsten und letzten Dinge. Die Woche durch aber war ich immer wieder mit ihrem Gegenpol, der Gymnasiastin, zusam­men. Sie bekämpften sich in mir leidenschaft­lich, und ich anerkannte sie beide. Wahr­scheinlich war das Zusammensein mit ihnen das Wesentlichste und Wichtigste für meine Entwicklung in der ganzen Kantonsschulzeit. «Und was man ist, das blieb man andern schuldig.» Der Abschied von den Freundinnen wurde allen schwer. Davon zeugt ein Gedicht der Gymnasiastin:

An Greti

An reicher Städte buntbelebten Toren
Im stillen Blumenblühn der Frühlingsau
Hat ich der Freunde heitre Schar verloren
Und war allein, die Straße öd und grau.
Wie lang ich einsam so gewandert sei
So fern den Menschen, weiß ich nicht zu sagen.
Einst führte mich mein Weg am Wald vorbei
Und tief im Grün hört ich die Drossel schlagen.
Ich setzte mich auf eines Brunnens Rand
Und lauscht’auf einer Fliege hell Gesumm.
Ich hätte weinen, jauchzen mögen in das Land
Vor wilder Sehnsucht, — doch mein Mund blieb stumm.

Da kamst Du. Erst nur hör ich Deine Schritte
Seh das Gezweig, wie es sich raschelnd bog.
Dann warst Du da, just in der Lichtung Mitte
Wo Sonnengold und Laub Dich grün umwob.
Und ohne viel zu wundern, viel zu fragen
Bist Du auf meiner Straße mitgezogen
Vorbei an Bergen, die zum Himmel ragen.
Vorbei an breiter Ströme schweren Wogen.
Du warst so rein, fast hat ich Scheu zu sprechen
Zu Dir, wie sonst zu Irdischen wir tun.
Ich fürchtete, den holden Bann zu brechen
Und ließ das Schweigen auf den Lippen ruhn.
Doch Du, Du schenktest mir Dein voll Vertrauen.
Du sprachst von Deinen Träumen, Deinem Gott
Und ließest mich in Deine Seele schauen,
Und ich — und ich verschwieg Dir jeden Spott.
Nein, ich nahm Dein Vertraun wie stille Blüten
Und schützte sie vor meiner Lippen Hauch:
Die Knospen möchten ein Geheimnis hüten,
Das Dir selbst unbekannt, Dich schreckte auch.
Nur seiger Träume flügelleichter Trug,
Ja, das allein nur wollt ich Dir vertrauen,
Auf daß Du gleichsam nur in Spiel und Flug
Die Welt durch bunte Gläser mögest schauen.

Nun wirst Du gehn. Nun zweigen unsre Wege
Unmerklich auseinander, mehr und mehr.
In andre Lande führen unsre Stege
Und meine Bahn wird wieder öd und leer. —
Hab ich den Märchenschleier Dir zerrissen?
Hab ich zu viel gesagt, zu oft geschwiegen? —
Nein, sprich die Antwort nicht! Ich will nicht wissen,
Warum die Wege auseinanderbiegen.

Im Oktober 1925 immatrikulierte ich mich an der Philosophischen Fakultät der Univer­sität Zürich. Im Augenblick bestand zwar mein sehnlichster Wunsch darin, in Bern stu­dieren und dort mit meiner geliebten Freundin zusammen sein zu dürfen. Mein Vater ent­schied aber anders. Auch hier stand im Grunde Gottes führende Hand dahinter und dies sogar in doppelter Hinsicht. Der Hörsaal der altphilologischen Wissenschaft lag neben denen der theologischen Fakultät. Die trockene Wissenschaft der alten Sprachen, das doch immer noch mühsame Übersetzen wurde meinem lebenswarmen und lebenshungrigen Herzen immer langweiliger. Nebenan aber wurde über das Woher und Wohin des Men­schen, über letzte und tiefste Fragen gespro­chen. Ich verirrte mich deshalb dann und wann einmal hinüber in die andere Fakultät. Und als ich in den Weihnachtsferien nach Hause kam, stellte ich so ganz nebenbei die Frage: «Was würdet Ihr sagen, wenn ich im nächsten Semester zur Theologie hinüber­sattelte?»

Nun galt es zunächst, das versäumte He­bräisch nachzuholen. Fast zu gleicher Zeit, am 26. Januar 1926, kam die große Liebe. Wir Bündner Studenten fanden uns am traditio­nellen Bündnerball in den «Kaufleuten» ein. Als ich das große Los in Gestalt einer Flasche Cherry Brandy gezogen hatte, saßen wir Studenten alle am gleichen Tisch. Unter ihnen wurde mir einer nun zum richtigen großen Los. Wir kannten uns flüchtig von Chur her. Jetzt studierte er an der ETH. An diesem Abend aber wurde daraus eine Liebe, die nie mehr aufhörte. Ein für Menschen fast zu großes Glück, ein stetig wachsender Reichtum an Liebe und Gemeinschaft nahm da seinen Anfang. Es schien mir im Verlauf der Jahre immer wieder, als hätte es Gott gefallen, zwei einfache, kleine Menschen hier mitten in dieser dunkeln Welt mit diesem großen Glück zu beschenken, gleichsam als Ausdruck seiner unendlichen Liebe, die gibt ohne Verdienst. Wie oft in meinem folgenden Leben konnte ich nur staunend danken und es zugleich nicht fassen, daß es immer noch so weiter ging.

Nur, die Zweifel, die Angst blieben: ich würde nie auf einer Kanzel stehen können. War ich auf dem rechten Weg mit meinem Theologiestudium? Nun kam aber noch diese zweite Schwierigkeit dazu: würden Ehe und der Beruf einer Theologin sich vereinen lassen? Ich hatte dafür keine Vorbilder. Es schien auch, daß Gian sich darüber keine Ge­danken machte. Er war einfach froh über un­sere Kameradschaft. Ich sah mich so in einer unklaren Situation, die meinem Leben durch­aus nicht lag. In dieser Schwierigkeit tat ich das eine einzig Richtige, das man einem Caprez gegenüber tun kann, um doch wenigstens Klarheit zu bekommen in der Beziehung zu ihm. Ich schrieb ihm, daß es mir schiene, un­sere Freundschaft hätte ihr Ende erreicht. Das schlug ein und brachte selbst den ruhigen Bündner in Bewegung.

Es bestand da aber noch eine andere mir sehr liebe Bindung, um deretwillen ich auch Klarheit schaffen wollte. So kam es denn, daß ich eines Abends spät mit bekümmertem Herzen, im Bewußtsein, einem Menschen weh zu tun, einen wirklichen, ernstgemeinten Ab­schiedsbrief schrieb. Und damit war wenig­stens dieser Weg klar.

Doch die Zweifel an meiner Berufung und Eignung wichen damit nicht. Aber eine Hand lag auf mir. Ich konnte nicht anders als diesen Weg gehen. Am 10. Mai 1928 schrieb ich für mich nieder: «Immer noch weiß ich nicht, wonach meiner Seele Sehnen und meines Her­zens Bangen verlangt. Ich suche nach dem Leben, ich suche nach Gott, ich suche mich selbst. Alles ist eitel und Haschen nach Wind. Cor meum inquietum est, donec requiescat in te. Ich weiß es nicht, noch nicht. Ich habe Licht und Schönheit, das Gute und dich, Gott, gesucht, und doch ist mein Herz nie still ge­worden. Vielleicht aber wäre sein Stillwerden sein Tod?»

Kurz vorher, Ende März, hatte ich das pro­pädeutische Examen vor der Zürcher Fakultät bestanden, und anfangs Mai wiederholte ich dasselbe vor der bündnerischen Prüfungsbe­hörde. Diesem bündnerischen Examen war viel Anfeindung und Auseinandersetzung in den Colloquien und auch in den Zeitungen vor­ausgegangen. Denn ich war die erste bündnerische Theologin. Schon meine Großmutter, eine Furner Bäuerin, hatte sich entsetzt, als wir ihr erzählten, daß ich studieren wolle: «Mach das ja nicht, denn ein studiertes Frauenzimmer gibt nie eine gute Hausfrau», sagte sie. Bis an mein Lebensende muß ich ihr nun beweisen, daß das nicht wahr ist, und muß mir Mühe geben, einen mustergültigen Haushalt zu führen! Als es aber nach außen ruchbar wurde, daß sich eine Frau sogar un­terfing, Theologie zu studieren, ereiferten sich allenthalben die Gemüter und vertraten ihre verschiedenen Standpunkte unter dem Titel: «Gehört die Frau auf die Kanzel?» Am 24. September 1927 erschien zum Beispiel der Be­richt über die Verhandlungen im Colloquium Oberengadin-Bergell. In ihm wurde anerkannt, daß die Frau sich wohl auch als Pfarrerin eignen dürfte, wie sie sich ja bereits als Lehre­rin, Ärztin und Rechtsanwältin durchzusetzen wußte. Dann hieß es weiter: «Die einstweilen noch nicht stark zu befürchtende Konkurrenz darf auf diesem Gebiet keine Rolle spielen, denn ausschlaggebend ist nicht das materielle Wohl des Pfarrers, sondern das höhere ideelle Interesse der Kirche.» Der Bericht hielt ab­schließend fest, die Mehrheit spreche sich für die Zulassung aus unter der Bedingung, daß die Theologin in einer Gemeinde neben einem Pfarrer amte und bei ihrer Verheiratung zu­rücktrete. Die Petentin soll im Mai zum pro­pädeutischen Examen zugelassen werden, aber ohne Präjudiz für ihre Aufnahme in die Syn­ode.

Unter dem Datum vom 16. Juni 1928 steht in meinem Tagebuch:

Zu meinem Erschrecken fand ich mich wie­der einmal dort, wohin ich nicht habe gelan­gen wollen. Der Kampf der Theologin um ihren Weg ließ die Frau in mir ihre Gebunden­heit — trotz der Freiheit der Schweizer — er­kennen. Und ich sah verwundert den Um­schwung meiner Ansichten, als Folge dieser Erkenntnis. Als es sich nicht mehr zudecken ließ, machte ich mich schweren Herzens auf den Weg zu Gian. Ich trat in seine Bude und setzte mich neben ihn. In großem Bangen fing ich an zu erzählen und schloß zaghaft: Siehst Du, daß ich auf dem Weg zur Frauenrechtle­rin bin? Kannst Du mich auch so noch lieb haben? Er lachte leise, nahm mich tröstend in seine Arme und sagte: Du hast ja recht. Glück­lich antwortete ich: Als ob ich je Deine Groß­zügigkeit ausschöpfen könnte.

Aber immer noch war ich überzeugt, daß ich nie auf einer Kanzel würde stehen und spre­chen können. Doch lag die Hand Gottes auf diesem Weg, den ich nicht gesucht und nicht gewollt und führte mich weiter. Am 24. Juni 1928 hielt ich meine erste Predigt in Brütten bei Winterthur. 20 Stunden hatte ich an dieser Predigt geschrieben, 20 Stunden sie auswendig gelernt. Ein Mitstudent und Freund hatte mir dabei Bürge gestanden: wenn es nicht gehen sollte, würde er einspringen. Im Augen­blick jedoch, da ich die Klinke der Kirchen­türe in der Hand hielt, wich alle Angst von mir. Gian Caprez aber hatte mich in einem Auto hingeführt und saß in meiner Predigt.

Am 28. Juni 1928 wurde dann in der Syn­ode zu Klosters der Antrag des Kirchenrates auf Zulassung der Frau zum vollen Pfarramt mit der Einschränkung, daß sie bei ihrer Ver­heiratung zurücktrete und daß die endgültige Entscheidung dem Volk zur Abstimmung vor­gelegt werde, mit 51 Ja zu 4 Nein angenom­men. Damit ging die Bündner Synode weiter als die Berner Kirche, wo die Theologin nur als Gemeindehelferin amten durfte, das heißt, sie hat die Aufgabe in Fürsorge, Armenpflege und Unterricht den Pfarrer zu unterstützen, ist aber von Predigt, Taufe und Abendmahl aus­geschlossen. In Basel bestand noch keine Re­gelung. In Zürich wurden die Theologinnen als Gemeindehelferinnen neben einem Pfarrer gewählt, waren aber tatsächlich dem Pfarrer fast gleich gestellt. Elise Pfister und Rosa Gutknecht amteten bereits seit einigen Jahren als Pfarrvikarinnen mit großem Erfolg am Neu- und Großmünster.

Der Beschluß der Synode zu Klosters löste begreiflicherweise nicht eitel Freude aus. Die Auseinandersetzung in der Presse wurde ein­geleitet durch einen Pfarrer, der vor allem be­tonte, daß die Verkündigung eine objektive Größe sei. «Nun ist aber gerade Objektivität», so dieser Pfarrherr, «nicht die Stärke der Frau. Die Frau gehört dorthin, wo sie ihre persön­lichen Eigenschaften am besten entfalten kann. Und darum: schweige die Frau in der Ge­meinde!» Diese Stellungnahme rief entrüste­ten Widerspruch. Der Jurist Paul Thürer berief sich andererseits in seiner Antwort auf die «Acta Theclae», eine Abhandlung eines um 120 n. Chr. lebenden Presbyters (Vorsteher der Gemeinde). Dieser schreibt unter anderem: «Thecla lehrte und taufte auf Befehl des Pau­lus.» Tatsache ist, so bemerkte mein Vertei­diger, daß der Presbyter in dieser Zeit ohne ein erklärendes oder entschuldigendes Wort von einer taufenden Frau erzählt. Noch im 6. Jahrhundert ist das amtende Wirken der Frau in der irischen Kirche erwiesen. Im übrigen kam die Kanzel erst im 13. und 14. Jahrhun­dert auf. Soweit Paul Thürer.

An meine Stellvertretung in Brütten reihten sich noch andere: Seuzach, Brüttisellen, Igis-Landquart, Furna. Dann folgte das Examens­semester von Gian an der ETH. Ich wanderte für diese Zeit aus nach Marburg, wo ich etliche Bündner Theologiestudenten traf, mit denen ich gute Kameradschaft fand. Einer un­ter ihnen wurde später mein Schwager. Mitten in diese Zeit fiel meine Verlobung. Sie ging ganz anders vonstatten, als wir erwartet hat­ten. Gian anerkannte doch so sehr meine Selbständigkeit, daß es ihm unmöglich wurde, nach altem Brauch «um meine Hand anzu­halten». Es wäre ja auch ohnedies eine Komö­die gewesen, da unsere Eltern schon lange um unsern Willen wußten. Wir saßen beim Mittagstisch und redeten von den Verlobungs­formalitäten. Mein Vater wurde auffallend still. Plötzlich stand er auf und verließ uns mit den Worten: «Ich bin denn noch nicht gefragt worden.« Gian ging ihm nach. Was würde geschehen? Was sollte mein Ver­lobter um meine Hand anhalten und ich nicht um seine! Ich begriff das alles nicht. Schon wieder eine Demütigung meines Geschlechts. Und diesmal kam es nicht von der Seite obrig­keitlicher Behörden, sondern von der Seite meines Vaters. Und gerade von ihm begriff ich es nicht. Er hatte mich doch selber zur Selbständigkeit erzogen und auch in meinem Studium mir völlig freie Hand gelassen. Auch Gian war der Ernst der Lage noch nicht deut­lich geworden. Deshalb fragte er scherzeshalber: «Hast Du mir vielleicht einen offiziellen Briefbogen, um die offizielle Anfrage zu stel­len?« Das aber genügte. Mein Vater ließ ihn stehen, kam zu meiner Mutter und zu mir und erklärte zornig: «Wenn Du diesen hochmü­tigen Engadiner heiratest, bekommst Du kei­nen roten Rappen und brauchst nie mit ihm ins Haus zu kommen.» Sprach’s und verreiste nach Chur. Leider fiel es mir erst viel später ein, was ich hätte antworten sollen: «Ich will auch keine Rappen, sondern Franken.» Meine Mutter weinte. Aber ich blieb unbewegt wie in den meisten dramatischen Szenen meines Le­bens. Ich konnte es nicht ganz ernst nehmen, sondern hatte das Gefühl, das erlebe gar nicht ich, das stehe irgendwo in einem Roman. So fand uns Gian. Mit dem nächsten Zug ver­reiste auch er — ins Engadin.

Abends trat ich zu meinem Vater ins Stu­dierzimmer, und wir sprachen uns aus, ruhig und sachlich. Ich erklärte ihm, daß das Ganze ja gar nicht die Schuld meines Verlobten sei, sondern die seiner Tochter. Weil ich die Wer­bung beim Vater als einen Rest des ehema­ligen Brautkaufes und überhaupt als einen Ausdruck der Inferiorität der Frau ansehe, hätte ich immer nur Spott dafür übrig gehabt, und durch mich sei Gian so geworden, wie er nun eben sei. Einen Fehler hätte ich insoweit gemacht, als ich nicht zuvor mit meinem Vater darüber gesprochen. Wir verstanden uns, und ich hoffte damals, daß auch meine Schwestern einmal nicht «erfragt» werden müßten, son­dern ihr Wort gelte gleich dem eines Mannes.

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Die Petitionsschreiberin.

Am 30. Dezember 1928 verlobten wir uns dann doch. Großes Aufatmen im Land der «Grauen Puren». Nun war das leidige Pro­blem des Frauenpfarramtes nicht mehr aktuell, und der Evangelische Große Rat brauchte sich nicht mehr damit zu befassen.

Von Igis über Brasilien nach Zürich

Am 2. August 1929 steht in meinem Tage­buch:

Wie ein Wunder ist es mir. Gian schreibt aus Paris, daß er von einem Ingenieur, den er kaum kennt, aus Brasilien ein Telegramm er­halten habe, da er ihm eine gute Stelle an der Technischen Hochschule von Sao Paulo an­bietet. Ob ich mit ihm kommen möchte? Es wird schwer halten. Ich habe zwar nun die erforderlichen Semester, aber ich bin noch nicht bereit für das Schlußexamen. Ich soll zuerst Examen machen und dann hinüber­gehen, verlangen meine Eltern billigerweise. Er solle zuerst hinübergehen, drüben sich um­sehen, dann nach einem Jahr wiederkommen und mich holen, verlangen seine Eltern gebräuchlicherweise.

Am 24. August heißt es dann weiter:

Ich wundere mich, daß ich so viel in so kurzer Zeit habe durchsetzen können. Daß wir an einem Sonntag Hochzeit haben kön­nen, denn wir wollten die Gemeinde dabei haben. Auch der von uns gewählte Text gefiel meinem Vater zuerst nicht: Lukas 20. 34—36. Er wollte den andern: Wo du hingehst, da gehe ich auch hin. Dann habe ich versucht, ihm zu erklären, weshalb ich diesen: «denn sie werden nicht freien und sich freien las­sen» wünsche. Das andere: ‚Wo du hin­gehst …‘ das tue ich schon von selber, habe ich schon gewählt, aber dies Eine, das wir nie vergessen dürfen, daß unsere Liebe geschenkte Gnade Gottes ist und daß wir nie vergessen dürfen, daß unsere Ehe nicht das Letzte und Höchste sein darf. Sie ist nur eine Lehngabe Gottes, letztlich gehören wir ihm: «… im ewigen Reich wird nicht sein freien und sich freien lassen …» Ich nehme die Aufgabe mei­nes Examens mit mir und die Aufgabe, nie zu vergessen, daß ich Theologin bin. Wäre ich katholisch, wäre ich Nonne, «Gottgeweihte». Aber als Protestantin habe ich die evangelische Freiheit, mich zu verehelichen. Unsere Ehe wird nicht leicht sein, aber ich hoffe zuver­sichtlich, daß sie reicher und schöner sein werde als viele andere.

Massilia, Atlantischer Ozean, 14. Septem­ber 1929. Der erste ruhige Augenblick nach der Hochzeitshasterei und dem Abschied. Wir sind nun allein, Gian und ich. Es ist auf ein­mal selbstverständlich, daß wir zusammen sind. Aber eine neue Beschämung meines Ge­schlechts ist mir doch nicht erspart geblieben: ich erkannte, daß die Frau keinen eigenen Namen und keinen eigenen Bürgerort hat. Wir wechseln beides wie die Gewänder, je nach dem Mann, dem wir zugerechnet werden. Hatte ich bis jetzt den Namen meines Vaters, so trage ich nun den Namen meines Ehekame­raden. Genauso beim Bürgerort. Wie sollte das möglich sein? Mein Herz und meine Art sind doch verwurzelt in Furna. —

Im festen Vorsatz, nach einem Jahr zurück­zukehren und Examen abzulegen, verwendete ich den größten Teil meiner Zeit in Brasilien daraufhin. Im September 1930 trat ich die Rückreise an, allein, unser erstes Kind erwar­tend. Als ich in Barcelona an Land ging, traf mich die Meldung, daß in Brasilien die Revo­lution ausgebrochen sei. Ich wußte meinen Ehekameraden mitten drin. Vor mir lag das Examen. Es war keine leichte Zeit, aber es kam mir alles wie ein Traum vor. Es war auch wie im Traum, daß ich auf steifem Sessel im würdigen Zimmer der ehrwürdigen Universi­tät im Examen saß. Gian und sein Kind waren weit weg von mir, nur daß ich mit seinem Na­men angeredet wurde. Und einmal, als ich in der Ethik über die Berechtigung der Revolu­tion gefragt wurde, habe ich es schmerzhaft empfunden, daß Gian drüben war, mitten drin.

Aus dem Tagebuch:

Igis, 24. Januar 1931. Ein kleiner, süßer Sohn ist uns geworden. Doch wage ich nicht zu sagen, daß er mein ist. Es ist aber ein unfaßbares Glück, daß diese Lehngabe uns zu­teil geworden ist. Die beiden Großmütter ge­ben sich nun Mühe, mir die Seligkeit des Kin­derhabens und die Seligkeit des Windelnwaschens klar zu machen, und die Pflicht, dies selber zu tun. Und ich habe es fast geglaubt. Abends, als ich dann allein war, hatte ich «Moralischen», weil ich dachte, ich werde wohl keine gute Mutter sein.

Pontresina, 1. Juni 1931. Wir sind schon eine Weile hier. Gian ist zu uns gekommen. Ich bin froh, hier zu sein. Freilich, was mit uns werden wird, das sehen wir noch nicht deutlich. Wir haben uns ein bißchen eingerich­tet. Gian arbeitet im Baugeschäft seines Va­ters. Ich habe Freude an der Hausarbeit und an der Pflege «Fegerleins». Aber es dünkt uns beide, daß dies hier nicht lange Bestand haben könne, daß dies hier nicht «das Unsere» ist. Wir wissen freilich nicht, wie dieses Andere sich denn gestalten sollte. Ich bin froh, mit ihnen beiden, meinem Ehekameraden und un­serem kleinen Sohn, sein zu dürfen. Dann ist es wohl gleichgültig, ob dies hier oder dort ist.

Pontresina, 1. September 1931. Ich bin ge­fragt worden, ob ich eine Vikarinnenstelle in Bern annehmen könnte. Aber ich vermag es nicht über mich zu bringen, zuzusagen, denn ich sehe keine Möglichkeit, Fegerlein bei mir zu behalten. Ich war in großer Bedrängnis. Aber plötzlich wußte ich es: Meine ehemalige Heimatgemeinde Furna suchte den ganzen Sommer über einen Pfarrer und hat noch kei­nen gefunden. Ich selber habe mich fast mit einem Studienfreund überworfen, weil ich ihn durchaus dorthin haben wollte und er nicht einwilligte. Wenn es aber überhaupt in Frage kommt, daß ich von meinem Ehekameraden weggehe, dann kann es doch nur Furna sein. Wenn Furna will!!! Ich habe es so plötzlich gewußt, daß ich dies versuchen müsse. Und doch hoffte ich heimlich, weder der Ge­meindevorstand noch die Gemeinde selber werden so etwas Gewagtes unternehmen. Denn ich fürchtete mich noch immer und nicht minder vor dem Amt,

Pontresina, 13. September 1931. Sie haben es doch gewagt. Der Zwang steht wieder über meinem Leben und stärker als je. Nun gibt es wohl nichts anderes mehr als hindurch, und wenn es auch noch so schwer werden sollte.

Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen

Furna, 5. Oktober 1931. Du mußtest heute gehen. Du hast ja Deine Arbeit fern von uns. Ich aber ging unverwandt den Berg hinauf und stand im ersten leisen Dämmer einen Augen­blick still, als ich auf den Fußweg kam. Leise sagte ich in den Wald hinein: Brüderlein, Lie­bes, Du. — Und siehe, ich stand neben einem großen Baum, in dessen Rinde ein schön ge­schnitztes Herz eingegraben war. Ich freute mich über den Zufall.

Die Gemeinde ersuchte den Kirchenrat um die Bestätigung ihrer Wahl. Ein Sturm brach los! Nicht nur beim Kirchenrat, in der Synode, sondern im ganzen «Blätterwald» Graubün­dens und über die Grenzen des Kantons hin­aus. Die Gemeinde stand zu mir, denn «wir wohnen hier schon so nahe dem Himmel, daß es uns vollkommen genügt, wenn uns ein femininum den Weg dazu weist», wie ein Furner Bauer schrieb. Mir schien es, das ganze «Gestürm» gehe eine andere an, mich wenig­stens nicht. Aus zwei dicken Heften, gefüllt mit Zeitungsausschnitten über den Fall Furna, sind wohl einige wert, festgehalten zu werden. So heißt es da:

«Die Furner haben in ein Wespennest ge­griffen. Nach der Verheiratung der Petentin legte sich der erste Sturm, ein Säuseln noch im Blätterwald, und die «lex Greti» schlief fried­lich ein. In diese Ruhe schlug die Furner Bom­be ein. Das intelligente, aufgeweckte Völklein am Berg oben weiß natürlich ganz genau, warum es so gehandelt hat. Ich habe den Ein­druck, diese Wahl war nur bei den fortschritt­lichen Furnern möglich.»

Furna hatte schon fast 200 Jahre früher eine ähnliche Rolle gespielt. Das Ereignis wird in der Sprache jener Zeit erzählt:

«Noch eine ganz unerhörte neue Art des Copulierens fallt mir hier ein, die sich erst vor circa einem Jahr auf Furna im Prettigeu folgender masen zugetragen. Es hat ein Witwer ein Mensch geheurathet, die mit seiner verstorbenen Frau im zweiten oder dritten gradu consanguinitatis verwandt wäre. Er wollte copulirt seyn, der Pfarrer schlagts ihm ab, die leges synodales vorschüzende. Die Bauten wurden unwillig über ihn, ihm drohende, wann er nicht copuliren wolle, wollen sie ihn ab dem Berg jagen. Der Pfarrer sagte: er wolle von sich selbsten gehen. Ihnen zu gefallen wolle er sein Capitels-Gelübd nicht brechen, und sich censuriren lassen, doch weile sie interim kein anders Subjekt wußten, mußten sie ihm noch gute Wort geben, daß er bleibe. Endlich imponirte ihm die Obrigkeit, er solle copuliren, er aber wollte nicht, schriebe deßhal­ben an die Herren Decanen, die ihn rechtfertigten. Da erfanden sie dieses Expedient: daß eines Sonntags so bald der Pfarrer nach der Predig ab der Kanzel ge­stiegen, der Gerichtsweibel sich an das Ort hingestellt, wo die Leuth ordinari copulirt werden, zöge einen Brief aus der Taschen, und rufte mit vollem Halß aus, es solle jedermann noch ein wenig in der Kirchen war­ten, indessen traten der Brätigam und die Braut auf in ihrem hochzeitlichen Habit, und stellte sich für den nagel neuen Hrn. copulatorem hin, der eröffnet den Brief, und läse aus selbigem mit erhabener Stimm aus: es seye Jedermann bekant, daß diese zwei Menschen N. N. von einer ehrsamen und wohlweisen Oberkeit als rechtmäßige Ehe-Leuth erkennt worden, und Jeder­mann soll sie auch dafür erkennen, und verläse noch ein paar Segens-Wort über sie, und allso war der geist­liche Actus mit Jedermanns Gelächter vollendet, und seithero wohnen diese beide als Ehe-Leuth beysam- men. Diese Sach ist auf lezterm Synodo proponiert worden, und wird eine Klag- und Bittschrift im Na­men unsers Synodi auf einstehenden Bundstag vor dem weltlichen Stand einlangen, daß sie bey ihrem legibus synodalibus manutenirt werden, und dergleichen Miß­bräuchen ins künftige gesteuret werden möge. Zweifle nicht an willfähriger Erhörung.»

Was uns besonders interessiert, ist die Tatsache, daß also die erste geschichtlich vermeldete schweizerische Ziviltrauung im Kanton Graubünden stattgefunden hat, und zwar im Jahr 1748 in Furna.

Im Abwehrkampf gegen die heftigen und emotional geladenen Angriffe spielte der da­malige Furner Lehrer und spätere Regierungs­rat Konrad Bärtsch eine wesentliche Rolle. Wie emotional die Haltung eines Gegners war, der stets anonym unterzeichnete, mag aus folgen­dem Ausspruch ersichtlich werden: «Solange ich etwas zu sagen habe in meiner Gemeinde, wählen wir keine Lehrerin. Ich will lieber ei­nen schlechten Lehrer als eine gute Lehrerin.» Es ging vor allem um die rechtliche Seite der Wahl, aber auch um die Unvereinbarkeit von Amt und Ehe. Jener Gegner, ein Pfarrer, erhob den Vorwurf, die Furner Pfarrerin sei gar nicht wählbar gewesen, da sie kein gültiges Examen abgelegt habe. Darauf die Erwiderung:

«Die Synode hat sich schon im Juni 1927 für die Zulassung der Frau zum Pfarramt ausge­sprochen, unter der Voraussetzung, daß sie 1. unverheiratet ist, 2. daß das evangelische Bündnervolk, dazu Ja sagt. Es wäre wohl möglich gewesen, in den gut vier Jahren, die seither verflossen sind, diese Frage zur Erledi­gung zu bringen. Doch wollte man das offen­bar nicht, denn — so sagte man — die Frage ist erst dringlich, wenn eine Gemeinde eine Theologin wählt. Dabei setzte man im Stillen voraus: Es gibt doch keine Gemeinde, die das tut. Jetzt aber, da eine Gemeinde gewählt hat, heißt es: Halt, die Gemeinde hat kein Recht, eine Theologin zu wählen. Im Mai 1928 wurde die Theologin zum propädeutischen Examen in Chur zugelassen «ohne Präjudiz für das Schlußexamen». Also da schon ein Aber. Es hatte wohl den Sinn, daß man sie zum Schlußexamen zulassen wollte, wenn der Volksentscheid bejahend ausgefallen wäre. Aber der Volksentscheid wurde hinausgescho­ben. Unterdessen beendete die Theologin ihre Studien. So blieb ihr nichts anderes übrig, als das zweite Examen vor der Fakultät der Uni­versität Zürich zu machen. Bei aller Hoch­achtung vor dem bündnerischen Examina­tionskollegium darf sicher gesagt werden, daß dieses Examen, bei dem sämtliche Professoren der Theologie anwesend sind, hinter dem bündnerischen Examen nicht zurücksteht und auch nicht leichter ist. Es ist also nicht die Schuld von Frau Caprez, wenn sie nicht das bündnerische Examen abgelegt hat.

Schon das propädeutische Examen gibt al­lenthalben, so auch im Kanton Graubünden, das Recht zur aushilfsweisen Predigt. Frau Caprez hatte dieses Examen im Kanton Grau­bünden bestanden, aber als sie daraufhin um die Erlaubnis bitten ließ, einzelne Predigten halten zu dürfen, wurde sie abgewiesen.

Was aber die angedrohte Sperrung des Pfrundvermögens der Gemeinde Furna an­geht, so ist dazu wohl folgendes zu sagen: Stiftungen sollen nach dem Willen des Stifters verwendet werden. Stifter des Pfrundvermögens ist die politische Gemeinde Furna. Nach­weislich ist der Pfrundfonds von dieser ge­äufnet worden, nachweislich hat diese die Gebäulichkeiten unterhalten. Es kann gar keine Frage sein, daß der Wille des Stifters nicht der war, daß diese Gelder und deren Erträgnisse den Einwohnern durch irgend je­mand solle entzogen werden können. Es scheint mir eine sonderbare Logik, im glei­chen Atemzug zu behaupten, die Gemeinde Furna habe sich außer den Rahmen der Lan­deskirche gestellt, und doch noch die Gesetze auf sie anwenden zu wollen.»

Ähnlich erging es mir, als ich die Kinder­lehre vom Sonntag als «Wochenschluß» auf den Samstagvormittag vorverlegte, in der Überlegung, wenn die Kinder unserer Walsersiedlung schon werktags einen so weiten Weg von den zerstreuten Höfen zurücklegen müs­sen, so möchte ich ihnen das sonntags erspa­ren. Als die kirchliche Oberbehörde mir das verwehren wollte, antwortete ich: «Wenn Ihr sonst nichts von mir wissen wollt, so tue ich hierin auch wie es mich gut dünkt.» Die Kin­derlehre wird noch heute, 46 Jahre später, am Samstag erteilt.

Das andere Anliegen, das jener Gegner zum Vorwand seines Angriffs nahm, war unser angeblich schlechtes Beispiel als Familie.

«Nicht darum», so schrieb er, «handelt es sich, ob die Ehe dadurch Not leide, daß der Mann genötigt ist, als Matrose, Forschungsreisender oder dergleichen fern von Frau und Kindern seinem Beruf und Erwerb nachzugehen, son­dern darum, ob von einem richtigen Familien­verhältnis geredet werden kann, wenn die Frau, deren Mann einen voll auskömmlichen Beruf betreibt, ihn im Stiche läßt, um einer Liebhaberei zu folgen und ohne zu bedenken, daß sie durch ihr gesetzwidriges Verhalten der Sache des Frauenpfarramtes weit über Graubündens Grenzen hinaus schwer scha­det.»

In einem späteren Artikel schrieb er: «Eine gesund denkende Gemeinde würde sich für das Vorbild eines solchen Pfarrhauses bedan­ken.»

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Als Hochzeitsgast auf der Au.

Da dieses Problem immer wieder erörtert wurde, versuchte ich selber eine Richtigstel­lung:

Ich weiß nicht, aber das Faktum an sich, daß verheiratete Frauen einen Beruf ausüben, dürfte es wohl nicht sein, das Anstoß erregt, denn die Schweiz allein zählt 210 000 berufs­tätige, verheiratete Frauen. Ich habe aber noch nie einen Zeitungsartikel gelesen, der sich ge­gen die Arbeit dieser Frauen ausgesprochen hätte, obwohl hier sicher die soziale Fürsorge ein weites Arbeitsfeld hätte, den vielgeplagten, arbeitenden Frauen zu mehr Zeit, Energie und Frohmut für ihre Familien zu verhelfen. Es muß also die Verbindung dieser einen speziel­len Berufsart mit der Ehe sein, deren Möglich­keit fraglich erscheint. Hierzu ist zu sagen, daß dies von Familie zu Familie wieder anders zu lösen ist. Es kommt auf die Zahl der Kin­der und vor allem auf die Größe der Ge­meinde an. Ich kann also nur von meinem, dem einen praktischen Fall sprechen, und ich möchte das einmal gründlich tun. Meine Ge­meinde zählt 216 Einwohner. Ich habe jeden Sonntag zu predigen, montags 3 Unterrichts­stunden zu erteilen, donnerstags 2 und sams­tags 2, jeweilen vormittags. Furna ist also eine kleine Gemeinde und dazu noch ohne Frak­tionen.

Sämtliche Haushaltungssorgen sind mir ab­genommen. Ich habe eine überaus tüchtige, selbständige Haushälterin, und wir fühlen uns wohler, als wenn ich selber kochen, waschen und nähen würde. Bleibt also einzig die Sorge um das Wohlergehen unseres kleinen Sohnes. Ich freue mich jeden Tag, daß er keine Ah­nung hat, daß man sich sogar in den Zeitun­gen um sein Wohlergehen kümmert, dann wäre er vielleicht nicht so vergnügt, kräftig und gesund, wie der kleine 10 Monate alte Bub es ist. Ich bade ihn jeden Morgen um 7 Uhr selber. Während der Unterrichtsstunden ist er in der Obhut meiner Haushilfe oder schläft. Die übrige Zeit spielt er im Kinderhag in einer sonnigen Ecke meines Studierzimmers. Ich bin von klein auf an Kinder gewohnt, und ihre Anwesenheit stört mich gar nicht im Ar­beiten. Mein Söhnlein ist gewohnt, allein für sich zu spielen, und liebt es nicht, wenn man seine Kreise zu oft stört. Über Mittag kommen die Schulmädchen und streiten sich darum, mit ihm spazieren zu gehen. Um 6 Uhr abends bringe ich ihn selber zu Bett und habe den ganzen stillen Abend für mich. — Das wäre die Lösung des Problems. Ich bin überzeugt, wenn ich den Hausfrauen- statt den Pfarrerin­nenberuf ausüben würde, müßte mein Söhn­lein öfter sich selber überlassen sein. Es soll mir niemand sagen: Hausfrauen geben ihren Kindern nie die Antwort, «Ich habe jetzt kei­ne Zeit».

Und die Gemeindearbeit? Wie schon gesagt, ist sie nicht sonderlich streng, und die Theo­login wird schon von selber eine solche Ge­meinde vorziehen, solange die Kinder klein sind. Ich darf mit bestem Wissen und Ge­wissen sagen, daß um unseres Kindes willen bis jetzt noch keine Konflikte mit der Ge­meindearbeit entstanden sind. Bei Besuchen haben die Leute schon selber gewünscht, ich möchte den Kleinen doch mitbringen, und ich stand andern Müttern dann sofort nahe. Graubünden hat viele vakate Gemeinden und kann sich nicht den Luxus leisten, Theologin­nen an staatlichen Anstalten auszubilden und sie nachher im Haushalt verschwinden zu las­sen. Ich für mich erachte dazu die Verbunden­heit mit der praktischen Arbeit am Kinde als einen Segen für den geistig arbeitenden Men­schen. Es bedeutet größere Lebensnahe.

Die Schwierigkeiten mit jenem mehrmals erwähnten Gegner aber fanden noch ein Nachspiel und wurden auf unerwartete Weise gelöst. Als ich Jahre später meinen Schwager, der sein Amtsnachfolger war, im Sonntags­gottesdienst vertrat, hatte sich seine Witwe zum Kirchgang aufgemacht. Unter der Kir­chentür aber, als sie meiner ansichtig wurde, machte sie kehrt mit dem Ausruf: «Aber nein, auf der Kanzel meines Mannes!» — Und wie­derum Jahre später hielt ich einen Vortrag an der Jahresversammlung der bündnerischen Pfarrfrauen, deren Mitbegründerin jene Pfarr­frau gewesen. Nach dem Vortrag kam sie zu mir und gestand: «Nun habe ich eine andere Einstellung zu Ihnen.» Ich war so überwältigt von der Größe dieser Frau, die es in ihren alten Tagen noch über sich brachte, nicht nur eine Meinung zu ändern, sondern das auch zu äußern, daß ich sie umarmte und küßte.

Am 24. April 1932 erfolgte dann die Volks­abstimmung über die Zulassung der unverheirateten Frau zum Pfarramt. Die Vorlage wurde abgelehnt mit 11111 Nein gegen 6482 Ja. Da Graubünden das kirchliche Stimmrecht der Frauen schon 1918 eingeführt hatte, waren auch Frauen mitbeteiligt an diesem Nein.

Der Pontresiner Kurdirektor wurde über dieser Sache sogar zum Dichter und schrieb:

Der Kampf um Furna

(Wilhelm Busch redivivus verlangt ebenfalls das Wort und versucht den Standpunkt der beiden Lager auf seine Weise, das heißt in fröhlicher Übertreibung zu zeichnen.)

Großer Sturm im Bündnerlande,
Bringet außer Rand und Bande,
Uns’rer Christen gläubige Schar
Kämpft für Kanzel und Altar,
Weil in Furna, kühn vermessen,
Wie vom bösen Geist besessen
Man ein Weib, dazu vermählt,
Dort zur Pfarrerin gewählt.
Und die Väter der Synode
Schütteln ob der neuen Mode
Tief betrübt das Haupt und meinen,
Solches läßt sich schlecht vereinen
Mit der Hausfrau, Mutterpflicht,
Wenn sie von der Kanzel spricht,
Währenddem im Pfarrers Heim,
Hungrig schrei’n die Kinder klein.
Wütend blickt der Mann zur Uhr,
Da vom Essen keine Spur,
Denn vor allem kommt die Predigt,
Erst wenn diese dann erledigt,
Wird sie wieder Frau und Mutter,
Dazu würd’ selbst Martin Luther
Sagen: «Liebste, bis hieher,
Weiter aber geht’s nicht mehr.»
Groß ist die Demokratie,
Denn ihr Urteil irret nie,
Und sie wacht mit scharfem Blick,
Was für uns ein großes Glück,
Daß die Freiheit der Person
Immer bleibt des Mannes Lohn.
Wenn er aus Prinzip stimmt «Nein»,
Denn dann bleibt die Frau daheim.
Stolz auf dieses Privileg,
Sperrt er ihr den Fortschrittsweg,
Und das Volk, das souveräne
Schüttelt seine Löwenmähne.
Sogar Frauen stimmten «Nein»,
Stillvergnügt und ganz geheim.
Darum wird in ganz Graubünden
Keine Frau die Schrift verkünden,
Und der Mann ins Fäustchen lacht,
Doch zu Haus’ hat sie die Macht!     Ks.

Das Ärgernis Furna aber wäre geblieben auch bei einem positiven Ausgang der Ab­stimmung. Das Colloquium Prättigau-Herr- schaft erhielt den Auftrag, mit der Gemeinde Furna zu verhandeln wegen einer Provision. Ich war offiziell nicht da, Furna offiziell va- cat. Die drei Kirchenvorstände wurden aufge­fordert, sich an einem bestimmten Tag in Jenaz einzufinden. Ihre Antwort lautete, sie hätten an dem angegebenen Tag keine Zeit, sie würden berichten, wann sie einmal alle Zeit hätten. Das hieß nun, sie würden sich überhaupt keine Zeit nehmen, da sie ja ver­sehen seien.

Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt

In der Sitzung vom 17. Mai 1932 beschloß dann der Evangelische Kleine Rat, die Sper­rung des Pfrundvermögens durchzuführen; sollte aber der ungesetzliche Zustand in Furna trotz dieser Maßnahme weiter bestehen, so würde der Rat sich weitere Schritte Vorbe­halten.

Daneben aber lief ein Vermittlungsvor­schlag. In meinem Tagebuch steht:

Furna, 23. Mai 1932. Es ist etwas Seltsames geschehen. In all dem Streit für und wider Furna habe ich so sehr auf ein Zeichen gewar­tet, ob wir nachgeben oder festbleiben sollten. Vielleicht ist das Zeichen nun da. In der letz­ten Sitzung des Kirchenrates hat ein Mitglied den Antrag gestellt, durch meinen Nater, der auch Mitglied ist, mit uns zu unterhandeln. Nun hat mein Nater versucht, einen Vermitt­lungsvorschlag auszuarbeiten. Danach würden 1. der Kirchenrat und die Synode dafür sor­gen, daß Furna einen tüchtigen Seelsorger erhält; 2. die kirchlichen Organe den Theolo­ginnen ohne Rücksicht auf ihren Zivilstand die Möglichkeit eröffnen, im Kanton aushilfs­weise unserer Landeskirche zu dienen. Den bündnerischen Theologinnen wird die Mög­lichkeit geboten, Examen in Graubünden ab­zulegen. Diese Examen sollen aber nicht zur Aufnahme in die Synode berechtigen; 3. das derzeitige Verhältnis in Furna wird bis nach Erledigung dieser Petita durch die kirchlichen Organe und bis nach Ablauf der von da lau­fenden Kündigungsfrist toleriert.

Auszug aus meinem Brief an jenes Mitglied des Kirchenrates, das den Vorschlag zu einem Vergleich machte:

… Ich meine, soviel Ernsthaftigkeit könntet Ihr uns Theologinnen denn doch zutrauen, daß wir unsere Pflichten sowohl als Mutter als auch als Pfarrerinnen nicht unterschätzen oder gar leicht nehmen, und daß wir vermö­gen zu merken, wenn es über unsere Kräfte geht. Ich weiß im Grunde nichts Besseres zu sagen als Sie einzuladen, diese wirklich gewor­dene Möglichkeit anzusehen. Das weiß ich: noch jeder, der hier war, fand es nicht nur möglich, sondern unmöglich, es abzulehnen, so zum Beispiel Vater Rupflin aus dem Kin­derheim «Gott hilft». Auch stand eines Tages unerwartet Professor Gut von der Uni Zürich vor unserer Haustüre und besah sich alles gründlich. Er schied mit Befriedigung: «Doch, es ist ein gut bürgerlicher Haushalt.»

Den Vermittlungsvorschlag, den mein Vater aufgestellt hat, finde ich gerecht und anstän­dig. Die Furner sind zwar gar nicht fürs Nach­geben, aber ich bin überzeugt, daß ich sie zum Nachgeben überreden könnte. Unzugänglich sind wir aber, wenn man mit Gewaltmitteln kommt, nicht aus Trotz, sondern weil wir dafür halten, dies sei innerhalb einer christ­lichen Kirche kein Boden, miteinander zu ver- kehren.Ich bin im Glauben hieher gekommen, und ich habe mir immer Mühe gegeben, zu hören in welchem Augenblick und ob über­haupt Gott mein Nachgeben wolle. Es sind sehr ernsthafte und sehr religiöse Stimmen, die mich heißen zu bleiben. Die Forderung der aushilfsweisen Arbeit ist im Grunde das Minimum, es ist nur das, was andere Kantone längst haben. Und wenn man daran denkt, daß ich nie begriffen habe, warum das volle weibliche Pfarramt nicht selbstverständlich sei, so kann man sich denken, wie wenig diese Erlaubnis zur aushilfsweisen Arbeit für mich bedeutet.

Was Sie sagen von dem Sieg des hohem Rechtes dadurch, daß es stirbt, verstehe ich nicht, das heißt, ich meine, Sie denken, wenn wir Theologinnen geduldig wie Lämmer wä­ren, würde uns das Pfarramt mit der Zeit in den Schoß fallen. Die Entwicklung vor dem Fall Furna erhärtet das aber kaum. Und wir können uns doch diese jahrelange Geduld mit der Aussicht, als Großmütter im weißen Haar vielleicht, vielleicht einmal arbeiten zu dür­fen … ich sage nicht: das Pfarramt ausüben, ich sage nur: überhaupt arbeiten, gar nicht leisten. Denn wir leben auch nur einmal. Wenn ich auch nur die leiseste Möglichkeit zur Arbeit gehabt hätte … ich bin ein paar Mal um diese Erlaubnis zum aushilfsweisen Dienst eingegangen … dann wäre ich heute nicht in Furna. Letzten Sommer fiel in Pontresina mangels einer Aushilfe die Predigt aus. Ich wäre dort gewesen. Ich weiß nicht, wie leicht Sie das ertragen und wie stark Sie solche Zustände als guten Willen der Kirche gedeu­tet hätten.

Für mich steht es so: wenn die Vermittlung im Sinne meines Naters — aber in allen Punk­ten — möglich wird, dann ist diese Möglich­keit mir Verpflichtung. Seid Ihr aber nicht einmal diesen geringen und gerechten Forde­rungen gegenüber geneigt, dann kämpfen wir weiter. Der Vermittlungsvorschlag ist für mich keine leichte Sache, aber ich sehe ein, daß Ihr jetzt nicht mehr geben könnt als die Erlaubnis zur aushilfsweisen Arbeit; aber das könnt Ihr, hättet Ihr längst können. Und ich hoffe, wenn es jetzt geschieht, kann es viel­leicht so werden, daß ich manchem Pfarrer, der oft Mühe hat, eine Aushilfe zu finden, ei­nen Dienst tun kann. Am besten könnte ich dies wohl, wenn die Synode mich als kanto­nale Aushilfe anstellen würde. Obschon diese Arbeit viel schwerer ist für mich als verhei­ratete Frau als ein Pfarramt in einer kleinen Gemeinde, würde ich mich doch freuen, auf diese Art zum Frieden zu gelangen.

Während dieses Briefwechsels aber wurde die angedrohte Strafmaßnahme Wirklichkeit. Kurz zuvor stand eines Tages ein kleines Mäd­chen mit einem Rucksack an der Pfarrhaus­türe: das Töchterlein unseres Kassiers. Es brachte mir den Gehalt eines Jahres zum vor­aus — 2400 Franken. Dann kam das Telephon des Standesbuchhalters des Kantons, er werde am Tag darauf in Furna erscheinen, um uns das Kirchenvermögen wegzunehmen, ich solle den Kirchgemeindepräsidenten orientieren. Ich lud den Standesbuchhalter zum Tee ein. Als er in meiner Stube saß, bekannte er mir, daß er eine «göttliche Freude» an den Furnern habe und daß er als Nachfolger meines Großvaters mütterlicherseits sehr bedaure, mir dies antun zu müssen.

Wohl hatte uns dieser Schritt der Über­nahme des Pfarramtes in Furna das schwere Opfer einer Trennung auferlegt, denn mein Eheliebster arbeitete zunächst in Pontresina, dann in Zürich. Die Reise nach Furna war weit. Am Samstagabend punkt Mitternacht entstieg er auf der Station dem Auto, das damals zu dieser Zeit das Tal bediente, und langte dann nachts um 1.30 Uhr bei Frau und Kind an. Aber mehr als ein halbes Jahr ver­langte Gott dieses Opfer nicht von uns. Seine Arbeit als Ingenieur entwickelte sich so, daß ihr größter Teil in Furna ausgeführt werden konnte.

Wie oft in diesen drei Jahren lag ich dann des morgens, wenn die Kirchenglocken riefen und ich auf die Kanzel steigen sollte, auf den Knien und bat Gott, das Amt von mir zu nehmen. Denn immer noch erschien es mir eine zu große und zu erhabene Aufgabe, als daß ich schwacher und armseliger Mensch ihr hätte genügen können!

Wir wünschten uns noch mehr Kinder. Ich besprach unser Anliegen mit dem Kirchge­meindepräsidenten. Er antwortete schalkhaft: «Dann ziehst Du halt einen Talar an, und dann sieht es niemand.» Natürlich ließ sich das nicht geheim halten. Da im Prättigau der Pfarrer als «dr Heer» bezeichnet wird, soll ein Furner im Tal drunten gesagt haben: «Ünscha Heer ist schwanger.»

Die Bernerin Dora Nydegger vertrat mich die letzte Zeit vor und die erste Zeit nach der Geburt unserer Elsbeth Cilgia, die uns am 28. Dezember 1933 im fahlen Schein einer Petrollampe geschenkt wurde. Ist es nicht selt­sam, daß die Berner Kirche Dora Nydegger die Zeit bei uns als Lernvikariat anrechnete, obschon mein Pfarramt ja nicht anerkannt war? Für uns bedeutete es eine beglückende Zeit. Dann stand ich wieder in der Arbeit. Sonntag für Sonntag stillte ich das Kindlein in seliger Freude und stieg dann ängstlichen Herzens auf die Kanzel.

Auch in Deutschland ist man um Furna besorgt

Aber immer noch waren viele Gemüter be­sorgt um uns, das heißt um das, was sich da oben in diesem Bergdorf abspielte. So schrieb ein Zürcher Pfarrer am Ende eines längeren Artikels: «Das Kirchlein von Furna, wo weib­licher Prädikantentrotz unbekümmert um Ge­setz und Volksabstimmung sich eingehorstet hat, lacht hoch über den Dächern von Jenaz.» Ein anderer Pfarrer aus Zürich meinte: «Es ist überaus zu bedauern, daß Du nicht ganz ruhig in Deiner Gemeinde, die zu Dir steht, vom Kirchenregiment anerkannt worden bist, damit die Bündner Kirche hätte sehen können, wie das nun tatsächlich geht. Da wäre Erfahrung alles. Das Kirchenregiment hätte einer Ge­meinde dankbar sein müssen, die es einmal wagt, auf Erfahrung abzustellen.»

Eine deutsche Theologin schrieb in der ,Deutschen Reformierten Kirchenzeitung’ ei­nen Artikel zugunsten der Furner, worauf ihr von deren Herausgeber, Pastor Kolfhaus in Vlotho, heftig widersprochen wurde. Er schrieb unter anderem: «Was nun den Fall der Frau Caprez in Graubünden betrifft, so wird hier doch niemand von einem Handeln im Gehorsam gegen Gott reden, lediglich von ei­nem Gehorsam gegen die eigenen Wünsche und einer nur bei Frauen sich findenden Hart­näckigkeit.»

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Im Pfarrgarten Kilchberg.

Nun griff aber niemand Geringerer als Karl Barth ein:

Ich bin aufrichtig bekümmert wegen der Antwort, die Sie in Sachen der Pfarrerin im allgemeinen und des im fernen Graubünden spielenden Falles Caprez im besonderen der Darlegung von G. H. haben folgen lassen. Fräulein H. hatte zu erwägen gegeben, ob es nicht gefährlich sein möchte, die Haltung und Entscheidung anderer (in diesem Fall: der pre­digenden Frauen im allgemeinen und jener renitenten Graubündnerin im besonderen), wie Sie es zuvor getan hatten, eindeutig als Ungehorsam gegen Gott zu qualifizieren? Ob man das Urteil: Ungehorsam! nicht besser Gott überlassen sollte? Auf diese Frage haben Sie schroff mit der ‚Wiederholung Ihres Urteils geantwortet… Sollte Renitenz gegen eine Kirchenbehörde nicht auch zu den Dingen ge­hören, die nach der Schrift gelegentlich höchst geboten sein können? Welche Bibelstellen wollten Sie, wenn es darauf ankäme, als gött­liches Verbot der Renitenz gegen eine Volks­abstimmung anführen und welche als Verbot eines räumlichen Getrenntlebens von Mann und Frau? Und ist es Ihnen andererseits nicht erinnerlich, mit welcher strammen biblischen Begründung einst die Theologen der amerika­nischen Südstaaten die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Sklaverei zu verteidigen wußten? Sind Gottes Gedanken nicht immer wieder höher als unsere Gedanken? Wer wird also des Menschen Richter sein, wer wird über seinen Gehorsam oder Ungehorsam zu befin­den haben? Er selber nicht, aber wir andern sicher auch nicht! Im Ganzen machen mir unsere Theologinnen den Eindruck von Men­schen, denen es nicht nur mit ihrer Arbeit mindestens ebenso ernst ist wie ihren männ­lichen Kollegen, sondern die sich auch des besonderen Ernstes gerade ihrer Stellung be­wußt sind, die nicht persönlichen Wünschen, sondern einem Auftrag zu folgen meinen und wollen. Ob diese Mädchen und Frauen Gott gehorsam oder ungehorsam sind, wie sollte ich — und, verehrter Herr Pastor, wie sollten Sie darüber entscheiden können? Wiederum kenne ich Frau Caprez nicht. Es gibt in meiner schweizerischen Heimat (unter Männern und Frauen) viele harte Köpfe und in Graubünden nach Ausweis der Geschichte dieses Landes noch besonders. Ich will es einmal so anneh­men, daß ich meinen ebenfalls etwas harten Kopf in dieser Sache ganz bedenklich schüt­teln müßte. Aber selbst, wenn ich alles wüßte und dann das Verhalten von Frau Caprez noch so scharf kritisieren müßte: zum Urteil, daß dort jemand im Ungehorsam gegen Gott stehe, würde es auf keinen Fall langen, und ich kann auch mit dem besten Willen nicht einsehen, wie man in Vlotho wissen will, daß in Furna das Gebot Gottes übertreten wird.

Und Basel nimmt es wunder

Ende April 1933 wurde ich zu einem Vor­trag über meine Arbeit nach Basel eingeladen. Er sei hier — gekürzt — wiedergegeben:

Alle Dorfbewohner, jung und alt, duzen einander. Sie unterhalten sich gern und lange mit dem Fremden. Sie freuen sich, etwas von der Außenwelt zu vernehmen. Und mancher Besucher wird sich dadurch zu dem Eindruck verleiten lassen, in ihnen Menschen von einer seltenen Aufgeschlossenheit zu begegnen. Es ist aber gar nicht das Bedürfnis, sich zu geben, denn mehr als Oberflächliches wird der Fremde nicht von ihnen erfahren. Sie wollen vielmehr seine andere Art zu leben kennen lernen, dieses Vielgestaltige, Gefährliche, das jenseits ihres abgegrenzten, gleichmäßigen Le­bens liegt. Ich selber erlebe es jedes Mal fast körperlich, diesen Unterschied eines Lebens in einer Welt mit wenigen, überlieferten, or­dentlichen Möglichkeiten und eines Lebens in der Welt der Karriere, der schillernden, unbe­rechenbaren Möglichkeiten, des Sprunghaften. Jedes Mal, wenn ich vom Berg hinuntersteige in irgend eine Stadt, spüre ich diesen Unter­schied als etwas schmerzhaft Beunruhigendes. Das Interesse der Bergbauern für das Anders­geartete schließt aber nicht aus, daß sie sich selber sorgfältig vor den andern verbergen. Auch den Furnern eignet die Schwerfälligkeit aller Bergler, über ihr Gefühls- und Seelen­leben zu reden. Was sie wirklich bewegt, das bekommt der Fremde nicht zu wissen, so daß er geneigt ist, zu behaupten, dieser Menschen Interessen und Empfinden sei so karg wie der Boden, auf dem sie wohnen. Das stimmt aber nicht. Sie sind gesammelter als der Durch­schnitt der Stadtbewohner. Sie brauchen ja keine Zeit für all das Getriebe und die Ver­gnügungen, die den Menschen in der Stadt oft so oberflächlich machen. Die Furner haben an einem früheren Pfarrer kritisiert, daß er ihnen in seinen Predigten alles bis ins Kleinste auslege und erkläre, «so als ob wir noch kleine Kinder wären. Wir können doch auch selber denken».

Aber auch untereinander haben sie eine eigene Art der Zurückhaltung. Sie sagen oft das Gegenteil von dem, was sie denken. Wer sie kennt, weiß, daß dies nur eine ihrer Um­gangsformen ist. Eine Anekdote gibt es deut­lich wieder: Ein Furner ging über den Berg ins Schanfigg zu Besuch. Wie er dort ankommt, sitzen die Bekannten eben bei einer Mahlzeit. Sie laden den seltenen Gast aufs freundlichste ein mitzuhalten. Dieser aber lehnt dankend ab und setzt sich aufs Ofenbänklein. Die Einla­dung wird wiederholt und beantwortet mit der Ausrede: «Ich habe eben gegessen, bevor ich zu Hause wegging.» Die Bekannten nöti­gen ihren Gast zum dritten Mal. Dann lassen sie davon ab. Nach einiger Zeit tönt es etwas kläglich vom Ofenbänklein her: «Bin ünsch nöt ma lengar.» (Bei uns nötigt man länger.)

Nun ist das zweite Schuljahr zu Ende, und ich hatte große Freude an meinen Schülern. Sie sind fast durchwegs intelligent und mach­ten zum Teil so lebhaft mit, daß ich oft Mühe hatte, ihrem Eifer gerecht zu werden. Zu An­fang waren die Kinder sehr neugierig und einige mißtrauisch, wie das nun mit mir wer­den sollte. Ich werde es wohl nie vergessen, wie einer in seiner Ecke saß und es auf seinem Gesicht geschrieben stand, was er dachte: Warten wir das einmal ab. — Und dann machte er mit. Ich kam nach einer der ersten Stunden völlig erschöpft aus dem Schulzim­mer. Ich war es einfach noch nicht gewohnt, einen Stoff souverän zu behandeln und doch fortwährend jedes einzelne der Kinder im Auge zu behalten. Ich mußte es erst lernen, den Stoff so in meiner Gewalt zu haben, daß ich jeden Augenblick daraus eine Frage for­men und an einen richten konnte, der gerade so abwesend dasaß. Aber ich habe nachher keine zweite solche Stunde mehr erlebt. Ich mußte selten ermahnen oder strafen. Sie brach­ten ein einziges Mal eine Jelmoli-Uhr, die sehr laut tickte, legten sie auf die Bank und war­teten gespannt, was nun geschehen werde. Ich schaute sie an, wartete auch, lächelte, die Uhr verschwand und kam nie mehr zum Vor­schein.

In der Arbeit ist kaum ein Unterschied zwi­schen Männern und Frauen, Mannavolch und Wibavolch. Die ganze Familie, Mann und Frau und Kinder, stehen miteinander in der Arbeit. Die Kinder wachsen in die Gemein- und Kameradschaft der Eltern hinein. Frauen und Mädchen besorgen manchmal einen ganzen Stall Vieh, fahren mit Roß und Wagen. Die Frauenfrage ist hier längst gelöst, in idealer Art will ich nicht sagen. Es lastet zu viel auf ihnen. Aber die Frauen lieben die Arbeit auf dem Feld. Wo kleine Kinder sind, da wird ein noch schulpflichtiges Mädchen zu deren Wartung angestellt, die sogenannte Gäumeri. Ich habe nirgends ein so großes Verständnis gefunden wie bei diesen Bauernfrauen, viel mehr als bei den Frau­en in der Stadt. Als ich diesen einmal sagte, ein Kind könne sicherlich auch gedeihen, wenn die Mutter nicht selber seine Windeln wasche, verschrien sie mich als verrücktes Weibsbild. Die Furnerinnen lächel­ten nur dazu. Sie können durchaus nicht ver­stehen, daß da überhaupt ein Wort zu verlie­ren sei über die Möglichkeit oder Unmöglich­keit, Ehe und Pfarramt zu vereinen.

Die Furner sind bekannt als Spötter, aber über die Religion und durch sie gebundene Sitte spotten sie nicht. Ich habe das stark an mir selber empfunden. Vor meiner Wahl ha­ben mich alle geduzt. Jetzt duzen mich nur mehr die nahen Verwandten. Und wenn an­dere mich auf mein Geheiß duzen, reden sie mich doch mit dem Titel an. Sie haben mich einmal zur Pfarrerin gemacht, und nun soll ich auch den Titel tragen. Sie haben mir nun die neue Würde verliehen, und nun wollen sie, daß ich sie auch in Ehren trage. Daß ich in Hosen Ski fahre, dagegen haben sie nichts, aber Besuche soll ich im Rock machen, wegen der Autorität, wie sie sagten. Sie wollen im Pfarrer eine Autorität sehen. Daß ich eine Frau bin, das macht nur, daß sie mir ihre Pro­bleme von Schwangerschaft, Kinderstillen etc. erzählen können. Sie bringen auch noch eine Art Tribut ins Pfarrhaus. Ich habe vom No­vember bis im April kein Fleisch kaufen müs­sen, weil sie mir von ihren Hausmetzgeten brachten. Sie schicken mir Butter und Eier. Gegen Frühling wird das Holz für Kirche, Schul- und Pfarrhaus im «Gmeiwerch» gerü­stet und von den Schulkindern versorgt. Es war ein eigentümliches Gefühl: dieses Ge­räusch der Sägen und Äxte, diese Reihen ar­beitender Männer aus der Gemeinde — für eine Frau. Es war mir den ganzen ersten Win­ter über ein merkwürdiges Gefühl, wenn am Samstagabend das erste Räuchlein aus der Kirche in die blaue Luft stieg, dieser Gedanke, daß eine ganze Gemeinde einfacher, gerader Menschen, Bauern den Mut gehabt hatte, so etwas ganz Neues zu unternehmen.

An der Arbeit in meiner Gemeinde habe ich große Freude. Das Predigthalten ist schwer und schön, doch teile ich diese Freude und diese Angst, verworfen zu werden, mit jedem ernsthaften Pfarrer. Die Furner finden nichts Sonderliches mehr dabei, daß eine Frau das Amt ausübt. Das Abendmahl habe ich nun schon oft ausgeteilt, und auch daran haben sie sich gewöhnt. Nach dem ersten Mal hörte ich eine Frau sagen: «Prezis wia an Pfarrer hedschas gmachad.» Man siebt den Maßstab, den sie anfänglich anlegten. Ich bin überzeugt, dieses Vergleichen hat längst aufgehört. Unvergeßlich ist mir, wie der Vater des ersten Täuflings bei mir in der Studierstube saß in Besorgnis, ob die von mir vollzogene Taufe dann auch später anerkannt würde. Diese erste Taufe hat für die Eltern sicher noch ein Wagnis bedeutet. Seither habe ich etliche an­dere Kinder in unsere «ungehorsame» Ge­meinde aufgenommen, und auch diese Angst ist längst vergessen. Beerdigungen hatte ich bis vor zwei Monaten keine. Dann starb der Sohn eines frühem Furner Pfarrers, nun selber ein alter Mann. Ein langer, langer Zug bewegte sich den Berg heraus. Die schwarzen Gestalten hoben sich feierlich von dem weißen Schnee ab. Es war ein strahlender Tag. Im Turm fing es an zu läuten, und ich ging dem Zug entge­gen, soweit die Sitte es vorschrieb. Vor dem Zug schritten zwei Männer aus dem Ge­meindevorstand. Sie zogen die Hüte, dann ging ich allen voran, im Gedanken einer fast untragbaren Belastung, im Gedanken, daß es in einem Zeitungsartikel geheißen, das Un­möglichste sei eine Frau am offenen Grab.

Vor Schulanfang habe ich die Eltern zu einer Besprechung eingeladen. Es kamen aber nur die Mütter. Es entwickelte sich dann dar­aus ein ständiger Mütterabend. Zuerst disku­tierten wir, anschließend las ich ihnen Kristin Lavranstochter vor. Aber ich mußte es näch­sten Winter wieder anders machen. Denn es sei zu wenig erbaulich, lautete ein Urteil über Kristin Lavranstochter. Ich hatte doch meine Freude an diesem Urteil. Wenn man in der Stadt Angst haben muß, zu erbaulich zu sein, so ist man dies hier nicht so bald. Sie wollen mit einem gehobenen Gefühl oder angeregten Gedanken nach Hause gehen. Sie wollen wirk­lich ein wenig weiter sein, wenn sie gehen, als sie waren, da sie kamen. Diesen Winter haben wir jeweilen zuerst aus Herfurts «Le­benstüchtige Kinder — glückliche Mütter» und aus M. Steigers «Mutter und Kinder» einen Abschnitt gelesen und dann darüber diskutiert. Die Diskussionen waren oft sehr lebhaft. Darauf lasen wir noch ein kurzes Lebensbild. Ich habe sie gerne, diese Mütter­abende. Sie hatten auch praktische Folgen. Der weite Schulweg war im Winter für die Mädchen in ihren langen Röcken beim Waten durch den tiefen Schnee beschwerlich. Sie wurden naß und saßen dann so in den Schul­bänken. Ich rief die Mütter und die Arbeits­lehrerin zusammen. Wir ließen gemeinsam Stoff kommen, die Lehrerin schnitt daraus Skihosen, und die Mütter nähten sie.

Dann gab es einmal so etwas wie eine «Jungschar», aber sie sei in sich zusammen­gebrochen, weil keine Disziplin möglich war. Ich habe dann mit einem der beiden Lehrer, einem jungen Aroser, wieder damit angefan­gen. Wir nannten unsere Zusammenkünfte aber nicht Jungschar, sondern Ledigenabende. Wir diskutierten zuerst jeden Abend: über Freundschaft, Freiheit und ähnliche Themata. Es galt, jede Diskussion wieder in einen an­dern Rahmen zu bringen. Das eine Mal ver­suchten wir es mit Thesen und Antithesen, das andere Mal mit Zetteln, da jedes eine De­finition geben mußte, das dritte Mal mit Par­teienbildung. Nach der Diskussion wurde vor­gelesen: Wilhelm Schäfer, Gottfried Keller. Und zum Schluß wurde gespielt. Es ging nicht immer alles glatt, ich mußte ihnen einmal zureden, um einer Schwätzerei willen. Ich fürchtete mich sehr, nicht die richtigen Worte zu finden. Aber dies wurde der schönste Abend; sie blieben bis Mitternacht.

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Züglata auf Furna.

Mein Vorgänger hatte versucht, eine «Ge­meindestube» einzurichten. Es kam aber niemand. Denn es ist Brauch, daß die Männer abends in ihrer Familie bleiben. Der Ge­meindepräsident selber war sehr gegen diese Gemeindestube, aus der Erwägung heraus, daß sie die Männer gewöhne, von zu Hause fort zu sein, und wenn fetzt zu einem guten Zweck, so könne daraus auch die Gewohnheit des ‚Wirtshausbockens werden. Ich versuchte darauf den umgekehrten Weg. Ich band mit den Schülern zusammen soviel Mappen als Haushaltungen sind und lasse nun die Map­pen zirkulieren, mit der Garbe, der Elternzeit­schrift, Leben und Glauben, Heimatstimmen, Schweizerspiegel und Schweizer Hausfrau, je nachdem, was wir geschenkt erhalten. Aber auch das ist nicht einfach, denn es braucht die Disziplin der einzelnen Familie, die Mappe zur Zeit und vollständig weiterzugeben.

Dies ist meine Arbeit in der Gemeinde. Sie ist eigentlich nicht anders als die eines Pfar­rers. Ein Furner hat darum einmal mitten in unserm Kampf kurz und bündig erklärt: «Wenn unser Pfarrer keinen andern Fehler hat als daß er einen Rock trägt, so behalten wir ihn.»

Furna ist gar nicht der erste Fall von Ge­horsamsverweigerung. Die beiden Gemeinden Bondo und Untervaz sind schon diesen Weg gegangen. Bondo hatte einen Waldenserpfarrer gewählt, der damals auch nicht in die Synode aufgenommen werden konnte. Die Gemeinde gab ihren Austritt aus der Landeskirche, kehrte aber wieder zurück, als sie sich mit dem Pfarrer überworfen hatte. Im Fall Untervaz handelte es sich um einen Zürcher, der im Gefängnis gesessen — meiner Meinung zwar zu Unrecht — und darum vom Zürcher Mi­nisterium ausgestoßen war. Ihn wollte die Bündner Synode auch nicht aufnehmen. Unter­vaz trat nicht aus der Kirche aus, sondern ließ sich das ‚Vermögen wegnehmen. Zwei Jahre später wurde der Pfarrer angenommen, und noch später wurde er gar synodaler Stellen­vermittler!

Im Fall Furna begnügte sich die Oberbe­hörde nicht mit der Konfiskation des Kirchen­vermögens. Der Kleine Rat drohte: «Sollte aber der ungesetzliche Zustand in Furna trotz Sperrung des Pfrundvermögens weiter beste­hen, so würde der Rat sich weitere Schritte vorbehalten.» Gemeint war offenbar die Ver­siegelung der Kirchentüre. «Wenn das ge­schieht», so meinte ein Furner, «dann wird unsere Pfarrerin ihre Predigten einfach von Stube zu Stube halten.»

Mit verschlossener Kirchentüre wäre aber auch das nicht möglich gewesen, was sich zu Großvaters Zeiten zugetragen haben soll:

Z’Liseli uf äm Bord hätti scho lang gärän ä Liebstär ghan wiä andär Meidjen au. Schi iscbt all Suntig ins Chor in und hed asiä heimli zu dän Buobän dürgäblinzgät, abär äs hed alls nüd gnützt. Schi heds ämal gmeind. Hans usäm Bodän tue anderer Meinig gsin, abär hedäräs äswiä niä zeichän törfän. Är ischt ä Rota gsin und drum hedär gmeint, är gfalli däm Liseli gwüß nid. Aes ob di Rotan nid grad sä vil weänd as di andärän.
Z’Liseli ischt duo ä lengäri eltär wordän. Jetzt ämal äs Ab ätsch hetsch in dä Ladän undär där Chilcha um äs Päktli Franck söllän. Wiäsch bi där Chilchätür värbi will, är- stelld schä schieb än Augänblick und luogät ummär. Schi hed niämät gsehn und springt duo gschwind in. Aber Hans hedschä gsehn und hed gädeicht: Was will diä ammä Wärtig in där Chilchä? Aer geid zum Hindärtürli in in dä Turän und losät.
«Liäbä Gott, gib mär au einä, wa i gärän ha chan», ghörd är z’Liseli halbä lut bättän.
«I han nu meh ä Rota» tönds da usäm Turän ussär mid ärä merkwürdig teufä Baß­stimm.
«Sä gib, was d’hescht», duo gschwind z’Li­seli.
Am sälbän Abät hed schi duo däbeimät zimli früö uf Lichtärlöschän ghebt, und rich­tig — kaum ischt das gschehn, sä heds klöpf- lät. Z’Liseli hed gschwind übär d’Laubän ab grüöft: i chummän, und hed dasmal värgässä zfregän, wär dunnä si. Am Morgät hed duo z’Liseli ir Liebstär ghan; abär wär im Turän gsi si, hedärä Hans erseht na äm Hochzit gseid.

[Das Liseli vom Hof hätte schon lange gerne einen Freund gehabt wie andere Mädchen auch. Sie ist jeden Sonntag in den Chor gegangen und hat heimlich zu den Jungen rübergeblinzelt, aber es hat alles nichts genützt. Sie hat es einmal gedacht. Hans vom Boden sei anderer Meinung gewesen, aber er habe ihr so etwas nie zeigen dürfen. Er war ein Roter (sozialdemokratisch/sozialistisch) und darum hat er gedacht, er gefalle dem Liseli bestimmt nicht. Als ob die Roten nicht genauso viel wollen wie die anderen.
Das Liseli ist dann etwas älter geworden. Jetzt einmal an einem Abend hätte sie in den Laden unter der Kirche gehen sollen, um ein Päckchen Franck (Zichorienkaffee) zu holen. Als sie an der Kirchentür vorbeigehen will, hält sie plötzlich einen Augenblick an und schaut sich um. Sie hat niemanden gesehen und springt dann schnell hinein. Aber Hans hat sie gesehen und gedacht: Was will die an einem Wochentag in der Kirche? Er geht zum Hintertürchen in den Turm hinein und lauscht.
«Lieber Gott, gib mir auch einen, den ich gern haben kann», hört er das Liseli halblaut beten.
«Ich habe nur einen Roten», tönt es da aus dem Turm heraus mit einer merkwürdig tiefen Bassstimme.
«Dann gib, was du hast», sagt das Liseli schnell.
Am selben Abend hat sie dann daheim ziemlich früh Lichtlöschen gehabt, und richtig – kaum ist das geschehen, da hat es geklopft. Das Liseli hat schnell über die Laube hinab gerufen: Ich komme, und hat dieses Mal vergessen zu fragen, wer unten sei. Am Morgen hatte das Liseli dann ihren Freund; aber wer im Turm gewesen sei, hat ihr Hans erst nach der Hochzeit gesagt.]

Was würdest Du sagen?

Eines Abends — wir kehrten eben von ei­nem Gang durch die Gemeinde zurück — stellte mich mein Ehekamerad vor die Frage: «Was würdest Du sagen, wenn ich auch Theo­logie studieren würde?» Meine Antwort war wiederum eine Frage: «Was für Aufsätze hast Du an der Kantonsschule gemacht?» «Schlech­te», bekannte er, worauf ich erwiderte: «Dann kannst Du nicht Pfarrer werden.»

Das schlug bei ihm ein. Er begann mit dem Theologiestudium! Es war also wieder einmal so: einem Caprez muß man das Gegenteil dessen sagen, was man will. Als er mich wie­der einmal in einer wichtigen Entscheidung um meinen Rat fragte, sagte ich ihm: «Wozu soll ich Dir raten, Du machst ja doch das Gegenteil.» «Aber ich muß doch wissen, was das Gegenteil ist», gab er zur Antwort.

So begann mein Ehekamerad mit dem Stu­dium der lateinischen Sprache, dazu noch der griechischen und hebräischen und bestand dar­in schon nach einem Jahr die Ergänzungs­maturität, um Thelogie zu studieren. Auch hierin sollten wir nun Gefährten werden. Da im Augenblick kein Pfarrermangel mehr be­stand und ein Zürcher gesundheitshalber gern nach Furna gekommen wäre, und da wir nicht noch einmal die Trennung der Familie auf uns nehmen wollten, siedelten wir nach einer Tätigkeit von 3V2 Jahren in Furna nach Zü­rich über, in der Aussicht, nach dem Studium wieder irgendwo zusammen anfangen, ge­meinsam in der Arbeit stehen zu dürfen.

Beglückender Bürgenstock

Gott aber läßt keine Zeit ungenützt ver­streichen. Nicht weniger wichtig als das Stu­dium für Gian wurde für mich die Begegnung mit der Oxford-Gruppenbewegung. Durch sie lernte ich, wessen ich in meiner ersten Ge­meinde ermangelt hatte: Seelsorge und ge­meinsames Beten. Nie werde ich die beiden Erlebnisse vergessen: wie ich zum ersten Mal an das Bett eines alten, sterbenden Mannes gerufen wurde und keine Ahnung hatte, was ich da tun sollte, denn auf der Universität waren uns wohl einzelne Kommata der Bibel erläutert worden, aber was man am Bett eines sterbenden Menschen tun sollte, sagte uns nie­mand. Und daneben das andere Erlebnis: wie ich zusammen mit ein paar Leuten aus Aka­demikerkreisen im Gebet verharrte, um nach­her mit ihnen zusammen davon Zeugnis ab­zulegen, was Jesus Christus für uns bedeute. Oder: wie wir gelehrt wurden, in einer Aus­sprache mit einem Menschen mit dem einen Ohr auf diesen Menschen, mit dem andern Ohr aber auf Gott zu hören.

Ein besonders wichtiges Anliegen der Grup­pe waren die großen Tagungen. Mein Tage­buch berichtet darüber:

In den Vorbereitungen auf die drei gleich­zeitigen Tagungen: Bürgenstock, Eglisau, Heinrichsbad kam immer wieder die Freude auf das bevorstehende Geschehen zum Aus­druck. Nur ich freute mich nicht. Ich hatte Schwierigkeiten mit meinen Kindern und mei­nem Dienstmädchen und fand, daß es stark an mir selber liege. Da ich aber nicht imstande war, die Sachlage zu ändern, gab ich die Gruppe auf: was soll ich unter andern von der Gruppe als Werkzeug für Gott zeugen, wenn es in meinen engsten Beziehungen nicht klappt‘. In dieser Haltung der Absage und des Unglaubens stellte ich mich trotzdem am Frei­tagmittag zusammen mit meinem Mann auf dem Zürcher Hauptbahnhof ein.

Es regnete in Strömen, als wir über den Vierwaldstättersee fuhren. Die ganze Tagung stand im Zeichen dieses strömenden Regens, aber es war so gleichgültig, außer für die Stu­denten, die aus dem Norden Deutschland ge­kommen waren, um von der Gruppe zu hören, und die doch auch gern etwas von den Schweizerbergen gesehen hätten. Wir verwickelten uns gleich zu Anfang mit einem von ihnen in eine heftige politische Debatte. Es kam nichts dabei heraus, als daß wir uns um so mehr freuten, daß gerade Nationalsozialisten nun etwas von dem Geist der Gruppen­bewegung spüren sollten.

Der Freitagabend brachte die erste Zusammenkunft. Wir wurden zur «Gemein­de» zusammengeschlossen und in unsere Auf­gabe hineingestellt. Wir sollten in unseren Zeugnissen nicht diskutieren, sondern davon sprechen, was an uns geschehen. Wenn wir von Wundern berichten, dann sollen dies nicht Krankenheilungen, nicht irgend welche mysti­sche Sachen sein, sondern Wunder, die unter uns passiert sind. Und vor allem sollte deutlich werden: Wir brauchen nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben. In der gemein­samen «stillen Zeit» wurde mir sehr deutlich, daß ich in Untreue gelebt, daß ich so oft keine stille Zeit gehalten und darum in vielen Schwierigkeiten so versagt hatte. Aber: ich brauchte ja nicht so fort zu leben.

Am Samstagmorgen begann der Tag für die Arbeitsgruppenleute mit einer ge­meinsamen stillen Zeit als gemeinsame in­nere Vorbereitung auf den Tag hin. Mich ewig von einer Arbeit besessenen Menschen traf das Wort: Jesus war nie in einer Hetze. Das Geheimnis besteht darin, sich ganz auf einen Augenblick einzustellen. Nach einer großen gemeinsamen Zusammenkunft, da Männer und Frauen in Unmittelbarkeit und aus einer eindrücklichen Kraft heraus gesprochen hat­ten, trennten wir uns in verschiedene Grup­pen: Männer, Frauen, Mädchen, Burschen. Wir Frauen fanden uns in einer vollkommen gelösten, einander aufgeschlossenen Haltung. Als erstes traf mich, daß die Frau, die die Führung hätte übernehmen sollen, unvermerkt durch eine andere ersetzt war und überhaupt nie hervortrat. Ich hatte mich von Anfang an so schwer darin finden können, daß kein Plan über Themata und Führung vorlag, so wie sie doch sonst bei dem, was eine ordentliche Ver­sammlung heißen will, schon tagelang in ir­gend einem Blättlein zu lesen steht. Ich mit meinem erstens, zweitens, drittens hatte so Mühe, die Leitung dem Heiligen Geist zu überlassen und das Geheimnis zu fassen, sich ganz auf einen Augenblick einzustellen. Die unerwartete Führung war ausgezeichnet! Ich möchte aber nicht von ihr sprechen, auch nicht davon, wie die vornehme und intelligente Frau eines Großindustriellen da vorn vor al­len Zeugnis ablegte, wie ihre Ehe durch die Gruppe eine ganz andere geworden, oder davon, wie ein dreißigjähriges Mädchen über das Problem der Unverheirateten und ihre persönliche Lösung in offener, erschütternder Art sprach, oder gar davon, wie ich mich plötzlich in Verfügung gab und davon er­zählte, wie ich an einem Fehlschlag meine fal­sche Einstellung erkannt hatte. Ich möchte von einer älteren, ganz einfachen Frau erzäh­len, die am Schluß aufstand und davon sprach, wie sie, so ganz und gar in ein Laster versun­ken, Mann und Kinder unglücklich gemacht hatte, daß sie auswegslos nur mehr den frei­willigen Tod vor sich gesehen. Sie wurde ganz offen und sagte, daß sie getrunken, daß sie zum Blauen Kreuz gekommen und dort wohl gehalten worden sei, durch ein Gesetz gehal­ten: sie hatte nicht mehr trinken dürfen. Durch die Gruppe aber war sie frei geworden: sie hatte nun nicht mehr trinken müssen. Das Laster war von ihr abgefallen wie ein schmutziger Mantel. Dabei waren ihr Vater und ihr Großvater schon diesem Laster ver­fallen gewesen. Gott erweist sich stärker als erbliche Belastung. Dieses Zeugnis hatte uns alle sehr erfaßt; einer jungen, mondänen Zür­cherin aber wurde es der Weg. Sie klagte am Abend in einem Einzelgespräch: «Wenn ich doch auch so etwas hätte, ein Laster, es wäre für mich ja viel leichter, einen Bruch zu voll­ziehen, einen völlig neuen Weg einzuschla­gen.» Die mit ihr sprach, erhielt das Wort für sie: «Aber Du bist hart und in Dir verschlos­sen, das ist Dein Suff.» Die Umwandlung voll­zog sich bei diesem Menschen noch in der gleichen Nacht.

Mir selber erwuchsen aus dieser Frauen­gruppe noch zwei Aufgaben: Ich hatte mich zur Verfügung gestellt und wurde nun ge­braucht. Zwei Schwestern von Solothurn fragten mich um ein Einzelgespräch. Es wur­den mir beide zu einem Geschenk. Aber zu­nächst spürte ich erst mein Ungenügen; ich bat darum eine Gruppenfreundin um ein «Shearing». Sie sollte mir helfen, mich weg­zustellen und ganz bereit zu sein, bereit für den andern Menschen und bereit für das, was mir Gott für ihn geben würde. Dieses Shearing wurde mir wichtig. Ich sah dadurch, daß ich wohl manchen Versuchungen, die ich so gern endlich einmal überwunden gesehen hätte, noch länger würde gegenüber stehen müssen, weil für mich etwas anderes viel wichtiger war: warten lernen, auch warten lernen, wann es Gott gefallen würde, mich von ihnen frei werden zu lassen. Sofort nach dieser Ausspra­che und einem gemeinsamen Gebet traf ich die junge Frau aus Solothurn. Der Regen hatte etwas nachgelassen, und wir gingen einen schmalen Weg längs einer steilen Wand. Sie war mir ganz offen, und ich war ganz ihr bereit. Sie sprach davon, daß sie ja nichts mit Gefühl zu tun haben wolle, sie möchte rein überlegen. Sie glaube an keine Ewigkeit und keinen persönlichen Gott. Gott sei das Gute im Herzen, und Norm für Gut und Bös sei das Nützliche. Ich versuchte, sie an die Gren­zen zu führen, die uns Menschen gesteckt sind und ihr davon zu sagen, daß Grenze ja nur sein kann zwischen einem Hüben und Drüben und daß die Kategorien, die wir nur als uns fehlend erkennen können, uns auf den und das Drüben weisen. Dann bat ich sie noch, sich ganz offen zu halten und in allem Kommenden zu fragen, ob die Menschen, die da bezeugen, von einem Gott sprechen, den sie in ihrer Brust tragen und über den sie verfügen, oder von einem persönlichen Gott, der über sie verfügt. Aber als sie davon sprach, daß sie im Rückblicken auf ihr bisheriges Le­ben nicht anders könne als ein geplantes, ge­führtes Leben zu erkennen, da erhielt ich für sie das Entscheidende. Ich hieß sie, ihr Gesicht zu wenden, nach vorwärts zu sehen, sich in Gottes Plan einzuordnen und versuchen, ihn zu vernehmen, nach vorwärts aus der Freude dieses über ihr stehenden Planes heraus zu leben.

Dann traf ich ihre jüngere Schwester. Der Regen hatte wieder eingesetzt, wir gingen auf unser kaltes Hotelzimmer, aber es war auch dies gut so. Sie hatte Schwierigkeiten mit der stillen Zeit und wollte darüber mit mir spre­chen. Ich hatte ihr gegenüber einerseits menschlich einen viel leichteren Stand, da sie stark gefühlsmäßig eingestellt war und alles an mir wundervoll fand, andererseits auch schwerer, weil ich durch diese ihre Haltung weit mehr in der Gefahr stand, mich wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Ich erzählte ihr von mir, und dann hielten wir miteinander praktisch stille Zeit. Mit Tränen in den Au­gen ging sie weg.

Während dieses Nachmittags kam ein neuer großer Zuzug. Wir zählten nun ungefähr sechshundert. Zwischen unser hartes Deutsch trat nun das weiche, dem Lebensstrom so viel nähere Französisch der Welschschweizer: nun wurden wir zur schweizerischen Gemeinde.

Die Samstag-Nachmittagszu­sammenkunft stand unter der Leitung Professor Spörris, des Romanisten an der Uni­versität Zürich. Es waren drei ausgewählte Zeugnisse da, die der Reihe nach unter fol­genden Thesen standen:

  1. Wenn Menschen ehrlich werden, wird Gott wirklich.
  2. Wenn Menschen horchen, spricht Gott.
  3. Wenn Menschen gehorchen, geschehen Wunder.

Als erster sprach der Maler H. W., als zweite die Frau eines Nervenarztes, als dritter der Gemeindepräsident von Morges. Die Abendversammlung aber ließ uns in das Le­ben möglichst vieler hineinsehen. Männer und Frauen sprachen, spontan und gehorsam der Aufgabe des Augenblicks, von neugestalteten Familien, neugestaltetem Geschäftsgang, über­all von völlig Neuem, völlig Unerhörtem.

Der Pfingstsonntag -Morgen brachte nach der gemeinsamen stillen Zeit der Arbeitsgruppe den Gottesdienst mit ei­nem Laiengebet von einer Frau, einer Lektion von einem Laien, einer kurzen Ansprache des schon erwähnten Bürgermeisters von Morges und der Predigt von Professor Brunner. Dieser Gottesdienst allein war ein Erlebnis. Nach dem Essen fragte mich Rektor Enderlin, ob ich mit einer Ungarin zusammen ihr Zeugnis vorbereiten würde, da diese wenig deutsch könne. Wir saßen zwei Stunden zusammen, leb fand mich klein und beschämt dieser jün­geren, fabelhaften Frau gegenüber, die keinen Schritt aus eigener Kraft geht. Sie hat Mathe­matik und Physik studiert, dann einen Pfarrer geheiratet und leitet nun mit ihm zusammen ein Diakonissenhaus. Sie hat zwei Kinder und steht voll und ganz in der Arbeit ihres Dia­konissenhauses. Aber sie ist bereit zu hören, wenn sie diese Arbeit weglegen müßte. Wir fanden uns über dieser uns beiden so anlie­genden Frage als zueinander gerufen. In der Arbeit an ihrem Zeugnis aber erkannte ich, daß ich ihrem ungarischen Temperament nicht die Form meiner bündnerischen Art aufzwin­gen durfte. Dieses Sich zusammenfinden unse­rer beiden, so ganz und gar verschiedenen Temperamente war für mich auf rüttelnd und beglückend. Ich verließ diese Frau voll er­staunter, bewundernder Freude.

Ein Bild, das Baum, draußen, Schwarzweiß, Fotopapier enthält.

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Furner Kirche in Sicht.

Um 5 Uhr leiteten und sprachen die Jungen. Sie sprachen schnell und eines am andern, mit Temperament und Fröhlichkeit. Aber viele von uns Altern waren enttäuscht — es er­weckte so sehr den Eindruck von Szene und Schauspiel. Aber gerade nach dieser von uns mißbilligten Jugendgruppe geschah es, daß von den Neuen eines nach dem andern in dem überfüllten Saal aufstand und sprach, wahr­scheinlich offen geworden durch die fröhliche Haltung der Jugend. Ich aber erkannte es wieder einmal deutlich: was hatte ich Gott vorzuschreiben, in welcher Art es zu gesche­hen hätte, es brauchte vielleicht gerade das, was ich für verunglückt hielt.

Meine eigentliche Aufgabe hatte ich in ei­nem Zeugnis in der Sonntagabend­gruppe gesehen, denn sie sollte unter dem Thema stehen: Die Gruppe in ihrer Auswir­kung auf die Welt. Als ich aber daran ging, meine Gedanken zu ordnen, zerfloß mir alles unter den Händen, es blieb mir rein nichts. Ich hatte zu schweigen. Eine Viertelstunde Zeit blieb für die gemeinsame Vorbereitung auf diesen Sonntagabend. Diese war aber so ge­hetzt und unglücklich, daß ich dachte, dieser Abend könne nicht geraten — und er wurde ganz hervorragend. Der die Führung hatte, sprach von der Gruppe als einer Armee, die marschiert. Wir können entweder mitmar­schieren oder am Trottoir stehen und zusehen, wie die andern in Löcher trampen, denn wir selber trampen ja nicht in Löcher, wenn wir nur da stehen und nicht marschieren. Mich persönlich traf das Wort von der Haushalter­schaft mit der Zeit, und in meinem Notizheft steht die Reaktion: Ich habe immer Zeit!!

Etwas vom Größten waren die Worte der Ungarin. Sie sprach gebrochen deutsch, aber gerade dadurch war sie uns so menschlich nahe. Sie sprach davon, daß der Pfingstgeist an keine Landesgrenzen gebunden sei, daß die Gedanken der Gruppe durch Bücher und ein­zelne Menschen nach Ungarn gekommen und wie ein Feuer in eine dürre Heide gefallen sei. Allenthalben begegne man nun diesem neuen Leben, diesem Feuer. Am Schluß erzählte sie, wie sie mit andern Pfarrfrauen auch äußerlich eine Gruppe gebildet hätte. Das Große daran sei nun nicht, daß sie sich zusammengefunden als solche, die einander vorher fremd, sondern als Frauen von Pfarrern, die einander vorher kirchenpolitisch völlig widerstreitend gewesen, «Nun sitzen wir zusammen, mit unserer kir­chenpolitischen Vergangenheit behaftet, in ei­ner neuen Gegenwart.»

Da gerade ein Telegramm von einer Tagung in Budapest eingetroffen war, sprach sie noch voll Freude von den Hoffnungen, die sie für ihr Land hat. Als sie geendet, schaute ich zu Professor Carrard, dem Leiter des Psycho­technischen Institutes, hinüber: er hatte die Augen voll Tränen. Diese Mannestränen gal­ten der doch schon verloren gegebenen Mög­lichkeit, dem uns von allen Seiten her drohen­den Sturz in den Abgrund zu entrinnen. Diese Hoffnung leuchtete in dem Geschehen in Un­garn so hell auf. Und sie leuchtet ja auch in andern Ländern auf! In über 50 Ländern ha­ben sich die Menschen durch die Gruppe rufen lassen.

Noch anderthalb Tage blieben uns hier, dann galt das Wort von Emil Brunner: «Es bleibt nicht Bürgenstock, sondern es wird wieder Basel und Zürich, es wird wieder Ge­schäft und Alltag, Steuer und Sorgen.» Der Montagmorgen brachte ein Wort, das mir später immer wieder die Kraft gab, in Versuchungen lächelnd zur Seite zu blicken und damit sie schon abzutun. Der Teufel wurde genannt: der Freund zur Linken, so­lange wir im Glauben stehen. Dieser Vor­mittag brachte eine gemeinsame stille Zeit für Arbeitsgruppenleute und «Neue». Sie war eine überwältigend schöne Stunde, da das Suchen und Sehnen des Menschen immer wieder neu aufbrach, aber auch immer wieder jubelnde Freude über die Güte unseres Gottes, der sich da finden läßt.

Der äußere Rahmen dieser stillen Zeit war folgender:

  1. Fürbitte.
  2. Danken. (Es war so überraschend, daß nach der Stille über diesen Punkt eine Frau aufstand und freudig zeugte: «Ich danke Gott, daß er mir meine freche Gesundheit genommen.»)
  3. Buße tun und neue Übergabe.
  4. Was ist der nächste Schritt?
  5. Was habe ich wieder gutzumachen?

Folgende Thesen gaben mir für die Zukunft große Freude:

Wenn wir von Gott etwas erwarten, gibt er uns etwas.

Wenn wir von Gott viel erwarten, gibt er uns viel.

Wenn wir von Gott alles erwarten, gibt er uns alles.

Der Montagnachmittag brachte die Abreise sehr vieler. Wir blieben zurück mit einem leisen Bedauern: Es war so schön, schöner kann es nicht mehr werden. Nun wird es wohl abflauen. Der Abend aber versam­melte die um so viel kleinere Gemeinde in einer unendlich dankbaren Stimmung, dank­bar für das Empfangene, dankbar für die uns noch bleibende Zeit.

Am Dienstagmorgen fanden wir alles bereit zum Abendmahl. Ein kleines Tischlein mit einem weißen Tuch und ein paar blaue Blumen, ein paar Römer und glä­serne Krüglein dienten uns. Wir begannen mit einer stillen Zeit. Starke Männer und vor­nehme Frauen standen auf, zeugten von dem, was an ihnen geschehen und was draußen von ihnen aus neu gestaltet werden mußte. So mancher Mann kehrte völlig neu zu Frau und Kindern, in seine Arbeit zurück. So man­che Frau hatte einen nie gekannten Mut, eine ganz neue Hoffnung für ihr Leben erhalten. Neben mir saß eine junge Arztfrau. Die Trä­nen liefen über ihr Angesicht. Wir waren nun alle diese Tage über, alle 600, so ganz eine Familie gewesen, daß ich doch nun diese junge Frau nicht allein lassen konnte. Aber was konnte ich denn tun? Ich nahm still ihre Hand, die eiskalt war, umfaßte sie mit mei­nen beiden, die ausnahmsweise und mir zum Geschenk diesmal voll Wärme waren, hielt die ihre, bis meine Wärme auf sie übergegangen, und legte sie dann still auf ihren Schoß zu­rück. Ein leises «Dankeschön» wurde mir zuteil. Es war ja nur ein kleiner winziger Bruchteil von dem, was uns allen da oben von der Möglichkeit der Gemeinschaft im Geist aufgegangen war.

Beim Mittagessen saßen wir nur mehr an einer langen Tafel zusammen. Wir waren alle müde und alle glücklich. Uns gegenüber saß eine ältere, sogenannt bessere Frau. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Und sie sprach es auch aus: «So zufrieden wie jetzt war ich in meinem ganzen Leben noch nie, und ich bin doch schon 54 Jahre alt.» Es war so packend, daß gerade sie so sprach. Heute war Dienstag, und am Donnerstag hatte diese Frau vor, zu der Rabbinersfrau ihrer Stadt zu gehen, ihr zu bekennen, daß sie alle Juden verachtet und gehaßt habe, daß sie aber wisse, wie falsch dies gewesen, sie möchte es in einer Versammlung von Judenfrauen kund tun. Sie hatte vor der Tagung schon einen ähnlichen Schritt getan. Sie hatte eine Jüdin persönlich aber grundlos beleidigt. Nun fragte sie telephonisch an, ob sie vorbeikommen kön­ne. Der Mann stand ihr Red und Antwort, er sagte, daß seine Frau schwer krank sei, er aber sicher sagen könne, daß sie ihr verzeihe. Daraufhin geschah es ihr, daß sie auf der Straße ver­schiedentlich unerwartet von Juden gegrüßt wurde. Als wir so dieser Frau gegenüber sa­ßen, die so überströmte von Freude, und wir doch wußten, was ihr Hintergrund war, hatte ich eine Art Gesicht. Ich sah, wie Paulus gelitten hatte um sein Volk und dessen Ver­stockung, wie er sich dann an die Verheißung klammerte, das Volk der Juden bleibe ver­stockt, auf daß die Fülle der Heiden eingehe, dann aber werde auch es durch die Türe ein­gehen. Und nun wurde diese Frau dazu ge­braucht, mitzuhelfen, diese gewaltige Ver­heißung des Apostels zu erfüllen! Denn die so von uns geschlagenen, so von uns zertretenen Juden hatten schon und würden noch mehr aufhorchen: was geschieht da unter den Chri­sten, daß sie so zu uns kommen? Und sie würden anfangen auch Ausschau zu halten nach dieser Türe. Die Verheißung Gottes wür­de sich erfüllen an Heiden und Juden!

Nachmittags verließen auch wir endlich «den Berg der Verklärung» und fuhren über den See. Die ganze Zeit aber, da wir vom Bürgenstock herunter und über den See fuh­ren, da wir in Luzern verweilten, mit dem Zug nach Zürich reisten und dort eine Stunde auf unsere Kinder warteten, die aus dem Bündner­land kamen, während dieser ganzen Zeit stand ich in einem Strom von Glück: daß es so etwas auf dieser Erde gab!

Am Heinzenberg

Am 15. Dezember 1937 wird uns das dritte Kind geschenkt: Christina Turitea (das romani­sche Dorothea). Im Juli 1938 ziehen wir an den Heinzenberg. Flerden, Urmein und Tschappina haben meinen Ehekameraden zum Pfarrer ge­wählt. Da er aber erst im Oktober mit dem Stu­dium fertig ist, bekomme ich vom Kirchenrat die Erlaubnis zur Provision dieser drei Kirchge­meinden. Anfang November sitzen die Vorstän­de der drei Gemeinden zusammen, um über un­sern Vorschlag: Predigt an allen Sonntagen in allen drei Gemeinden zu halten, zu beraten. Wir sahen die Vorstände Weggehen, aber keiner kam, uns Bericht zu geben. Wir warteten bis am Mittwoch und erkundigten uns dann bei einem der Präsidenten. Seine Antwort war deprimie­rend: die Opposition gegen mich sei in seiner Gemeinde so gross, dass ich nicht mehr arbeiten könne. – Die Führung Gottes war für uns nicht mehr zu erkennen. Warum bis hieher, und nun dieser Abbruch?

In der stillen Zeit anderntags wurde uns deut­lich: Christus selber hatte so viel Opposition. Was brauchte ich da zu meinen, keine haben zu sollen. Ich sprach noch mit unserm Lehrer. Er sagte, hier in Flerden habe es von Anfang an die Opposition der alten, konservativen Familien gegen das Frauenpfarramt gegeben. Anderntags sass ich beim Urmeiner Vorstand und seiner Frau in der Küche. Er tröstete mich, er habe in Urmein noch kein Wort der Opposition gehört, im Gegenteil: es kommen solche in die Kirche, die ihr vorher fern geblieben. Wir wanderten dann miteinander nach Tschappina hinauf und fanden den Kirchgemeindepräsidenten im Maiensäss. Auch er erzählte, er wisse von keiner Opposition. So durfte ich also in diesen beiden Gemeinden doch weiter mitarbeiten.

Ich hatte noch nie gewünscht, nicht eine Frau zu sein. Nicht einmal als eine alte Base von mir starb und wir ihr Bild für die Seite der Verstor­benen an den «Freien Rätier» schickten. Es er­schien nicht, mit der Begründung, sie nähmen prinzipiell keine Frauen. — Nicht einmal als To­te sind wir genehm!

Vom Colloquium «Nid dem Wald» wurde ich zu seinen Zusammenkünften geladen, aller­dings ohne Stimmrecht, da ich ja nicht Mitglied der Synode war. Als dann ein Pfarrer aus einem andern Colloquium seinen Alterssitz in unserer Gegend nahm, entrüstete er sich, dass ich zu den Sitzungen eingeladen werde und sagte: «Es ist doch gut, dass ich gekommen und den Deckel von diesem stinkenden Topf genommen habe.» Ich musste dann für die Beratung in Ausstand treten. Das Colloquium beschloss aber, mich weiterhin einzuladen.

Die Geburt unseres vierten Kindes, Margreth Ursula, fiel in diese Zeit. Sie kam am 30. De­zember 1939.

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Unser Badezimmer am Heinzenberg.

Flerden, im Mai 1940. An Dora Nydegger:

Ich habe die kleine Margreth im Arm. Sie ist ein so strahlend fröhliches Kindlein, dass ich sie immer wieder als ein Geschenk aus anderer Welt ansehe und doch immer wieder mit der bangen Frage: was wartet seiner hier. Es ist nun gut fünf Monate alt und hat seine Händlern ent­deckt. Die erste Entdeckung im Leben des Men­schen überhaupt. Es ist etwas vom Schönsten, das es gibt. Die Wiesen, die sich von uns bis ins Tal hinunter erstrecken, sind in voller Blüte und wogen im Winde hin und her. Dass es das noch gibt! Und daneben den Menschen! So wie er ist. Wir haben Krieg. Dabei ist ja klein Margreth auch schon «so ein Mensch». Denn wenn es mittags den Gemüseschoppen gibt, geraten wir immer in Streit. Sie will nicht, was sie soll. — Dein Brief beschäftigt mich unaufhörlich. Man kann nur jeglichen Glauben an den Menschen aufgeben. Den Gedanken, dass es sich um ein Weltgericht handle, habe ich wohl oft auch. Aber führt es zur wirklichen Besserung? Gott muss uns umschaffen, anders kann es nicht ge­schehen. Aber das wäre dann wohl das Reich Gottes, unsere tiefste Sehnsucht.

Die Meinung Gottes ist aber wohl nicht die, dass wir die Last der Welt zu tragen hätten. Denn es wird dadurch nichts anders, nicht im Leben der Völker, wohl aber in unserm eigenen Leben, da aber nicht zum Guten. Denn wir be­lasten uns nur damit. Wir sind ja beide Mütter; ich habe vier Kinder, und Du bereitest ein Le­ben vor. Diesen Kindern wünschen wir eine an­dere Zukunft als die Gegenwart jetzt ist. Wie aber, wenn wir selber ihren Anfang dunkel ma­chen durch unsere Schwermut, durch den Druck, der uns würgt? Wir dürfen nicht die Last der Gegenwart auf uns nehmen, wenn uns diese Aufgabe gegeben ist, die in die Zukunft hineinreicht.

Eines Tages fragte mich ein Nachbarpfarrer um eine Predigtstellvertretung. Ich sagte zu. Am Samstagabend läutete er nochmals an: es wäre denn noch in der zweiten Gemeinde ein Feldgot­tesdienst zu halten, der Hauptmann werde mich abholen. So kam ich zu meiner ersten Feldpre­digt. Der Hauptmann entpuppte sich als einer meiner liebsten Mitschüler vom Gymi, der mit dabei war, als unser Deutschlehrer mir den Rat gab: «Wählen Sie ja nie einen Beruf, da Sie ein einziges Wort öffentlich sagen müssen.»

Vom Verbot zum Aufgebot

Im Sommer 1941 geschah das Seltsame: die gleiche Behörde, die neun Jahre zuvor meiner Gemeinde das Kirchenvermögen fortgenommen hatte, fragte uns beide, Gian und mich, an, ob wir die neugeschaffene Stelle an den Kantonalen Anstalten übernehmen wollten. Das war nicht ein «Gang nach Canossa» des Regierungsrates, sondern die nüchterne und lobenswerte Überle­gung, dass eine Frau den Frauen gute Seelsor­gerin sein werde. Ob die andere Überlegung mitspielte, dass ein Pfarrerehepaar den Kanton billiger zu stehen komme als zwei Pfarrer, ent­zieht sich meiner Kenntnis. Gian erhielt das Ge­halt eines Landpfarrers und ich einen Monatslohn von 120 Franken, in der Meinung, ich könnte dafür eine Hausangestellte einsetzen. Arbeit aber war wahrhaftig für zwei Pfarrer: Zu dem eben fertig erbauten Kantonsspital das Frauenspital Fontana, die Kliniken Waldhaus und Beverin, das Gefängnis Sennhof und die Korrektionsanstalt Realta.

Da geschah es auch, dass ich zum ersten Mal das erlebte, was sich später noch mehrmals wie­derholte und das ich «eine Zeitungsführung» nenne. Als Gian eines morgens nach Chur fah­ren sollte, trat ich noch ganz kurz vor seiner Ab­reise ins Schlafzimmer, fand auf der Kommode eine Zeitung liegen, da mir ein Inserat auffiel: Haus in Chur zu verkaufen, in unverbaubarer Lage, 8 Zimmer usw. Als ob es nicht viele ähnli­che Inserate gäbe! Aber es war etwas an diesem einen, das mich aufmerksam machte. Lachend reichte ich es meinem Ehekameraden, der eben ins Zimmer trat, um sich zu verabschieden, und sagte: «Hier hat Gott uns schon das Haus gerü­stet.» Er traf im Zug mit seinem Vater zusam­men. Sie besichtigten das Haus und wurden gleich schlüssig, es zu kaufen.

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Am Calunaweg.

Am 18. September zogen wir nach Chur in das wunderschöne Haus am Calunaweg. Es wurde uns sechs Jahre Heim und Zuflucht, wenn unsere Herzen schwer geworden waren ob all den vielen, dunkeln Schicksalen, die uns anvertraut worden sind.

Mit unserer Berufung an die Kantonalen An­stalten wurde die Stellung für den Kirchenrat schwierig. Denn seine Oberbehörde, der Evan­gelische Regierungsrat, war es nun, der uns in diese Arbeit berufen hatte. Der Kirchenrat fand die salomonische Lösung, es handle sich ja um eine Arbeit hinter geschlossenen Türen. Ein Pfarrer wurde beauftragt, mit uns das «Pflich­tenheft» aufzustellen. Er wollte mir die Sakra­mente vorenthalten. Dessen war ich aber nicht willig. So einigten wir uns auf das Wörtiein «aushilfsweise». Aber wie hätte Gian an einem Sonntag an vier Orten, zum Teil noch entlege­nen — ein Auto konnten wir uns nicht leisten — und im Kantonsspital in verschiedenen Einzel­zimmern allein Abendmahl austeilen können! Da war ihm meine Beteiligung wahrhaftig eine Hilfe aus einer Überforderung.

In der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember 1942 kam der kleine Christian Josias auf die Welt. Ich hatte bis fast zuletzt mit ihm zusam­men in all die Dunkelheiten, denen wir in unse­rer Arbeit begegneten, hineingehen müssen; und dann war es doch so ein Sonnenkind.

Im Jahre 1944 bat mich die Zeitschrift «Re­formierte Schweiz», einen Bericht über meine Arbeit zu schreiben und schickte zu diesem Zweck einen Photographen, der mich durch die verschiedenen Anstalten begleitete. Der Bericht gibt ein anschauliches Bild von Freud und Leid, das wir erlebten. Er stand unter dem Titel: «Aus dem Tagebuch einer Anstaltspfarrerin»:

Chur, 21. Februar 1944

Die Sirenen heulen durch die Nacht. Oder ist es schon Morgen? Nein, es ist erst vier Uhr. Welch Geschenk, noch einmal einschlafen zu dürfen! Wir denken einen Augenblick an die Städte in den Ländern ringsum, da die Men­schen von der Sirene aufgeschreckt aufstehen und in den Keller flüchten müssen. Wir seufzen, dann schlafen wir auch schon wieder ein. Eine Stunde darauf aber gilt es mir, denn es ist Waschtag — alle vierzehn Tage einmal. Wir ha­ben schon ein gut Stück der Arbeit beiseite ge­schafft, bis die Kinder rufen und damit der Tag mit seinen übrigen Ansprüchen beginnt. Die beiden Grossen sollen zur Schule, das Kleinste muss gebadet werden, und unterdessen will der Älteste den Augenblick benutzen: das Brüder­lein soll während des Badens still sein und Mut­ter seine lateinischen Sätze abhören. Dann sind sie fort, die beiden kleinen «Maitla» sitzen am Frühstückstisch, und wir stehen wieder am Waschtrog. Meine Gedanken sind weit fort, bei einem Menschen, der heute zu Grabe getragen werden soll. 95 Jahre alt wäre sie im Mai ge­worden, die gebückte, schmale Frau, mit dem klugen, jungen Gesichtlein. Und nun ist sie in der Heilanstalt gestorben. Vielleicht wird nie­mand an ihrem Grabe stehen als die vier Träger der Stadt und ich. Was soll ich ihr mitgeben als letztes Wort? Sie war oft freundlich, und oft hat sie über meine Frömmigkeit gescholten. Ich habe so wenig erfahren aus ihrem Leben. Und doch waren es 95 Jahre, und doch hat sie auch einmal einen Hochzeitstag erlebt und mitten in einer grossen Arbeit gestanden. Was ist davon geblieben? Ich weiss nur, dass wir hier im Leben schon so vieles ganz falsch werten, wie ganz an­ders werden unsere Massstäbe versagen im jen­seitigen Leben!

Wir haben sie zu Grabe gelegt, in aller Stille, in Reih und Glied mit denen, die beweint und vermisst werden. Droben in der Stadt haben die Glocken geläutet, und sie läuten noch, da wir schon wieder vom Grab Weggehen. Das kleine Geleite zerstreut sich, und ich wandere hinaus zu dem grossen neuen Bau, der so viel Schmer­zen und so viel Kummer beherbergt. Auf mei­nem Plan steht heute die chirurgische Frauenab­teilung des Kantonsspitals. Ich stehe vor der er­sten Türe, die zwei neue Namen trägt. Darum zögere ich einen Augenblick: wer hm ich denn, dass ich diesen Frauen soll Seelsorgerin sein! In dem hellen, modernen Zimmer liegen ein junges Mädchen, das auf einer Skitour ein Bein gebro­chen, und eine ältere Frau, die vielleicht, viel­leicht — o sie hofft sehr — nicht operiert werden muss. Es gilt, der einen, der jungen davon zu sa­gen, dass auch Wochen, die im Spital zuge­bracht werden, nicht sinnlos sind, dass es über­haupt nichts Sinnloses gibt im Leben, sobald wir anfangen überall nach diesem Sinn zu fra­gen, uns zu allem positiv zu stellen. Der andern gilt es, das Vertrauen in den Arzt zu stärken: er wird nicht operieren, wenn es nicht nötig ist, und dann wird er es recht machen.

Im nächsten Zimmer finde ich die Frau, die langsam, fast unmerklich die Wandlung durch­macht, die so unmöglich schien. Vor vielen Mo­naten war sie in eine unserer Heilanstalten ein­geliefert worden. Der Fall hiess: Selbstmordver­such wegen schwieriger Familienverhältnisse. Sie klammerte sich sofort an mich. Nach und nach fange ich an zu verstehen. Dieses Schicksal ist wie unser aller Schicksal das Spiegelbild un­seres Eigensinns, unserer selbstgesuchten Wege. Sie hat sich den Mann ertrotzt, den ihre Eltern nicht wollten, und ist enttäuscht worden. Aus dem Schiffbruch ihrer Ehe rettet sie einen Sohn. Ihren zweiten Mann hat sie sich wieder ertrotzt, und er wird durch einen Unfall gelähmt. Dann geht der Sohn seine eigenen Wege. Als sie ihn nicht zurückholen kann, will sie dem Leben selber den Trotz ansagen. In dieser ganz ver­krampften Haltung habe ich sie angetroffen. Wenn ich all die Monate zurückschaue, die wir nun miteinander durchgerungen haben, kann ich nur froh und dankbar sein. Ist das dieselbe Frau, die jetzt so heiter und frohgemut im Bette liegt? Aber es ist nun wohl auch deutlich, war­um sie immer und immer wieder nicht gesund werden konnte. Sie musste zuerst lernen, ihren Trotz daran zu geben. Wie viele Wege durch Mahnen, Spotten, Trösten und Tränen und nicht zuletzt durch das gemeinsame Gebet ha­ben wir gehen müssen, bis sie das lange Kran­kenlager in Geduld annehmen konnte. Auch an diesem Bett war ich froh, eine Frau zu sein und die andere Frau einfach in die Arme nehmen zu können.

Im nächsten Zimmer — welch ein Gegensatz — eine junge, mondäne Frau. Wird mein Besuch ihr irgend etwas bedeuten können? Sie hat ein modernes Buch in der Hand, und wir sprechen über verschiedene Neuerscheinungen. Die Bü­cher, die wir einst geliebt, werden nicht mehr gelesen: wie schnell geht doch auch das vor­über. Schon während des Gesprächs überlege ich die Frage: «Kann ich an diesem Bett wie bis jetzt in allen Zimmern etwas lesen und beten?» Aber ich weiss es aus Erfahrung: ich kann es nicht oder nur selten zum voraus wissen. Ich denke an jene alte Frau, die mir auf meine Fra­ge, ob ich ihr einen Psalm lesen dürfe, antworte­te: «Oh nein, ich habe in meinem Leben noch nie etwas Unrechtes getan.» Ich musste ihr dann natürlich sagen: «Ja, dann sind Sie viel weiter als ich, denn mir passiert es jeden Tag, dass ich etwas falsch mache.» Sie erzählte mir dann noch, dass sie mit ihrer Schwiegertochter zusammen wohne. Da es anzunehmen ist, dass dies nie ohne Schwierigkeiten abläuft, fragte ich sie danach, in der Hoffnung, vielleicht hier ein Türlein aus dieser Selbstgefälligkeit heraus zu finden. «Oh, das geht sehr gut. Wir machen ein­fach immer das, was ich will.» Da war nun wohl weiter nichts auszurichten. Aber ich dachte auch an verschiedene moderne Frauen, die mir mit Tränen für das Gebet gedankt. Und ich weiss, ich bin gar nicht gefragt, ob die Bot­schaft wohl aufgenommen wird oder nicht.

Chur, 22. Februar 1944

Der Zug fährt um 10 Uhr und ist kurz vor 11 Uhr in Rodels-Realta. Realta ist eine grosse Doppelanstalt: das ältere Gebäude der Korrek­tion und das neuere der psychiatrischen Klinik liegen etwa fünf Minuten von einander entfernt. Sie stehen unter gleicher Direktion eines Ner­venarztes und unter gleicher Verwaltung. Was hat dieser Name Realta nicht schon an Herze­leid, auch an Verachtung in sich getragen im ganzen Kanton, auch da und dort in der übrigen Schweiz. Und doch, es ist, wie es halt nicht viel anders sein kann. Was an Üblem da ist, das kommt doch von den Insassen selber. Wieviel gute Wünsche, wieviel guter neuer Wille ist schon an diesem Realta gescheitert! Ich wande­re zuerst das schnurgerade lange Strässlein zur Korrektion hinüber. Mein Herz ist schwer, mei­ne Gedanken sind bei den Frauen und Mäd­chen, zu denen ich nun kommen und mit denen zusammen ich dann essen werde. Wie wird es heute sein? Ich denke an jede einzelne und seuf­ze für sie. Warum darf ich ein so ganz, ganz an­deres Leben erfahren als sie? Und wie könnte ich die Brücke finden von mir zu ihnen? Wie waren sie doch so dankbar, als ich zum ersten Mal kam und doch, wie logen sie! Dann sagte ich ihnen, dass das ja keinen Sinn habe, denn ich erfahre es ja doch, und es erschwere uns nur den Weg zueinander. Wir gehörten ja doch zusam­men und hätten jedes eine Last zu tragen: sie, die einen haben mit dem Trinken, die andern mit einem unguten Verhältnis zu den Männern und ich mit sonst etwas zu tun. Das hat mir wohl ihr Vertrauen gegeben, aber wir wissen uns im Tiefsten verschieden: sie wollen ihr Le­ben nicht anders, sie wollen nur eins: sobald als möglich fort von hier und wieder den Weg gehen, für den sie sich entschieden. Und ich möchte ihnen doch sagen von dem, was uns Menschen allein glücklich machen kann. Aber so viel spüren sie aus all dem, was ich ihnen sage oder vorlese, deutlich genug heraus, dass dies für sie ein Verzicht bedeutet, ein Verzicht auf das, was sie Glück nennen. Und warum sollen sie nicht? Ja, warum nicht! Die «draussen» le­ben ja so viele auch so.

Wir sitzen miteinander an dem langen Tisch, sie haben alle einen Blechteller und einen Blech­löffel, aber das Essen ist gut. Das Gespräch der Mädchen dreht sich heute wieder um das eine: wann können wir gehen, vielleicht bald. Ich wünsche ihnen: «Ach, dass ihr dann draussen den Weg finden könntet und nicht wieder kom­men müsstet!» Ihrer zwei lachen: «Das soll uns nicht passieren, dass wir wieder erwischt wer­den.» Eine Dritte schaut zornig zu uns herüber: «Meinetwegen würde es doch Krieg im Land geben und alles drunter und drüber gehen, dann kämen wir doch aus dieser Bude heraus!» Aber den einen Schlüssel zur Freiheit: ein ordentli­ches Leben führen, diesen einen Schlüssel wol­len sie nicht benutzen. Und wenn sie auch dann und wann einmal von einer Umkehr sprechen, eine Viertelstunde darauf ist alles in alle Winde verblasen. Und ich weiss es wohl, dass alle Zu­sprache vom Boden der Moral aus sie vielleicht für einen Augenblick zu begeistern, aber nicht zu tragen vermag. Es gibt da nur eine Hilfe: die vollkommene Auslieferung an Christus.

Meiner wartet noch eine andere Aufgabe, und ich wandere hinüber zum Asyl. Beim Portier hole ich den Schlüssel, tausche ein Scherzwort mit ihm und suche zuerst die Pflegeabteilung auf. Es sind meist pflegebedürftige, alte Frauen und frisch eingelieferte Fälle, die einer Kur un­terzogen werden, Schlaf-, Schock- oder Insulin­kur. Die Patienten klagen etwa darüber, aber es hilft doch da und dort. Welche Freude ist es für uns alle, wenn eine Frau, die zuvor so geplagt war, als ein ganz anderer Mensch entlassen wer­den und heimkehren kann. Einige der alten Frauen sind bettlägrig: sie warten aufs Sterben. Manchmal können wir auch miteinander davon sprechen, und dann ist es gut und still um uns und in uns. In einem Einzelzimmer finde ich ei­ne Frau: Mutter von vier Kindern, die der Schwermut verfallen ist. Ich versuche all das, was mir Freude, Halt und Zuversicht gibt in meinem Leben in das ihre hinüberzuschütten. Aber das ist schwer, so dass ich manchmal ver­zage und mich dann halte an den Satz aus dem Brief einer Heimgekehrten: «Den Sonnenstrahl, den Sie mir damals in meinem Zimmer gezeigt, habe ich nicht wieder vergessen.»

Drüben in der Nähstube lese ich eine Ge­schichte, auf die sich alle freuen. Dieses oder je­nes spricht noch allein mit mir. Auch hier wie­derholt sich die Bitte: «Helfen Sie mir hinaus in die Freiheit.» Dann aber geht es von Abteilung zu Abteilung immer mehr in die Dunkelheit. Immer erloschener und der Welt ferner blicken die Augen der Frauen. Es ist da viel Elend und Verirrung beisammen. Der Beruf der Irrenpfle­gerin ist sicher etwas vom Schwersten. In der Zellenstube sitzen sie an zwei langen Tischen, vier Reihen von Frauen, die zum Teil doch viele Jahre draussen im Leben gestanden, Mann und Kinder gehabt haben. Jetzt sitzen sie tagaus, tagein am gleichen Platz, abwesend, stumpf oder beschäftigt mit ihren Wahnideen. Einige wenige können noch stricken oder Lumpen zupfen. Es ist seltsam: fast vor jeder einzelnen von ihnen würden wir uns draussen fürchten, nun aber, das so viele beieinander sind, fürchten wir uns gar nicht. Wir gehören zu ihnen, lieben sie und hören uns all ihre Klagen an.

Am Abend fährt mein Zug wieder in Chur ein. Müde und doch voll fröhlicher Erwartung trete ich den Heimweg an. Ich freue mich so auf mein Zuhause, das ich wohl versorgt weiss von meiner guten und treuen Haushälterin, die nun schon fünf Jahre bei uns ist und ohne die ich mir meine Arbeit gar nicht denken könnte. Ich freue mich auf die Kinder, die sich bet meinem Kom­men mit einem wahren Indianergeheul auf mich stürzen werden und vor allem auf meinen Ehe­gefährten, der heute seine Besuche im Gefäng­nis gemacht. Aber zunächst freuen wir uns bei­de einfach, wieder bei einander zu sein. Zuerst werden die Kleinen zu Bett gebracht, während ihre Mäulchen unaufhörlich laufen und sie dann noch eine Weile ausgezogen um den Tisch her­um tanzen dürfen, wobei das Allerkleinste auf seinen wackligen Beinchen beständig in Gefahr ist, überrannt zu werden. Und ich schaue zu und freue mich ihrer. Dann werde ich mit den beiden Grossen am Stubentisch sitzen — wir ha­ben uns schon den ganzen Tag darauf gefreut. Jedes, auch der Bub, wird ein Stück weiterstricken, und wir werden weiterlesen, wie es Bambi, dem Reh oder auch Gotthelfs Uli dem Knecht ergangen ist. Dann beschliessen wir den Abend mit dem Bibellesebund. Sie haben noch ein paar Fragen, und der unvermeidliche Rückzug ist da. Dann werden wir beide, mein Ehekamerad und ich, noch etwas Zeit haben zum Austausch des­sen, was uns freut, dessen, was uns Kummer macht.

Chur, 23. Februar 1944

Von den Türmen der Stadt hat es soeben 10 Uhr geschlagen, wie die Türe des Gefängnisses und Zuchthauses sich hinter mir schliesst. Aber es sind hier immer viel weniger Frauen als Män­ner, die ihre Strafe verbüssen. Ihrer zwei werde ich heute antreffen. Die eine, die schon monate­lang da ist, lässt mich teilhaben an all ihren Fa­miliensorgen, an ein gut Stück ihrer Schuld; aber ich muss es auch annehmen, dass es be­stimmte Dinge gibt, die sie nicht preisgeben will, und dass ich auch nie weiss, wieweit ihre Annahme der Botschaft Christi ehrlich ist oder nicht. Vielleicht weiss sie es selber nicht immer. Ich muss da sehr oft säen auf Hoffnung hin und das Gedeihen dem übergeben, der Regen und Sonne auf alles Ackerfeld spendet.

Mit der andern aber, die erst seit ein paar Ta­gen eingeliefert ist, gilt es, zuerst die Verbin­dung herzustellen. Und sie singt schon das erste Mal das alte Lied, das sie alle singen: Sie ist ganz unbegreiflicherweise in diese Sache hinein­geraten: hingen da an einem Waschseil ein paar Socken, die hat sie halt mitgenommen, sie weiss eigentlich nicht warum. Und nun muss sie dafür einen Monat absitzen. Ich frage vorsichtig, ob sie denn das erste Mal hier sei. «Ach nein», gibt sie zu, dann besinnt sie sich lange. «Das letzte Mal, das war vor etlichen Jahren, da wurde Werkzeug vermisst, aber das fanden sie nicht, und ich hatte es auch nicht.» Auf meine weitere Frage antwortet sie: «Nein, ich war noch ein anderes Mal da.» Und wieder zögert sie lange. «Ja, da fehlte ein Koffer, aber sie fanden ihn nicht, und ich hatte ihn auch nicht.» Eines Ta­ges, da ich wieder mit ihr zusammensitze, bringt die Frau Verwalter ein Körblein Sachen, die die Frau selbst noch im Gefängnis zusammenge­stohlen. Ich bin ein wenig bestürzt über die Aus­sichtslosigkeit meiner Bemühungen. Da ich weiss, dass sie Grossmutter ist, frage ich sie: «Was sagt denn auch Ihre Familie zu so einer Grossmutter? » Sie antwortet ungerührt: «Oh, etwas hat man in jeder Familie.»

Ein Bild, das Schwarzweiß, Tür, Wand, Im Haus enthält.

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Tür zur Gefängniskapelle.

So sind sie das erste Mal fast immer, nach und nach aber sehen wir hinein in Schicksale mit viel Dunkel und Ratlosigkeit, deren Fäden oft eng verschlungen sind mit Männern und Frauen der «besseren Gesellschaft». Es sind nicht immer die im Gefängnis, die die grössere Schuld tra­gen.

Dann bleibt mir noch eine Spanne Zeit, um mit der Frau Verwalter zusammen weiter in ei­nem angefangenen Buch zu lesen. Sie hat immer Fragen, die sofort in die Tiefe führen. Die Ge­meinschaft mit ihr, auch die gemeinsame Für­bitte, ist für mich von unschätzbarem Wert. In dieser Frau besitzt das Gefängnis eine Kraft, die nicht mit Gold aufgewogen werden kann.

Chur, 24. Februar 1944

Die Abendglocken sind längst verklungen. Die letzten Fenster im Frauenspital werden ver­dunkelt, dann eilen die Schwestern in den Tag­raum, jenen prächtigen, ehrwürdigen Raum, wo auch die Taufen stattfinden. Ich habe einen letz­ten Blick über die verschneite, erleuchtete Stadt geworfen, die zu Füssen des Spitals liegt, steige die Treppe hinauf und finde die Schwestern schon vollzählig um den langen Tisch versam­melt. Wir singen und sitzen dann in Frag und Antwort über einen Bibelabschnitt zusammen. Sie sind oft müde, diese tapferen Schwestern, von des Tages Anspruch, und ich muss mir Mühe geben, lebendig und frisch zu sein. Aber sie sind für jede anregende und frohe Auslegung dankbar und freuen sich auch über ein Scherz­wort. Die kleine und von allen geliebte Ober­schwester steht neben mir, wie die Schwestern eine nach der andern Gutnacht wünschen, und ich beobachte heimlich, ob der etwas ängstliche Zug in der Oberschwester Gesicht heute auch da sei. Sie hat sich in ihrer jahrelangen Arbeit an unserem Frauenspital durch vieles hindurchrin­gen müssen, das manchmal fast über ihre Kraft gegangen, bis sie das geworden, was sie heute ist. Und wer ihr gegenübertritt, fühlt in sich die Möglichkeit zu Gutem und Liebem.

Chur, 25. Februar 1944

Etwas ausserhalb der Stadt steht das schöne, gepflegte Gebäude, das den Namen Waldhaus trägt und schon so viel Leid beherbergt hat, das Leid, dem der Mensch in den meisten Fällen doch immer noch ratlos gegenübersteht. Es ist die ältere «Irrenanstalt» unseres Kantons. Sie birgt mehr ältere, hoffnungslose Fälle als Realta. Ich nehme auch hier den gleichen Gang vor, wie am andern Ort. In der besten Abtei­lung gibt es Tage, da ein uneingeweihter Besuch an eine gewöhnliche Nähstube denken und vor allem die Frauen bewundern würde, die es so gut verstehen, aus den verlöchertsten Männer­hosen wieder ein tragbares Kleidungsstück zu machen. Dann aber gibt es Tage, da man es schon spürt, sobald man über die Schwelle der Nähstube tritt, dass da ein unguter Geist weht. Mit mürrischen Gesichtern sitzen sie da, und es gilt viele Klagen anzuhören. Dann sitzen sie rings um mich, und ich lese ihnen eine Ge­schichte vor, die ihre Gedanken auf Anderes, Besseres lenkt. Auch in der andern Stube, es ist wieder eine helle, freundliche Flick- und Strick­stube, kann ich noch etwas vorlesen, manchmal einen Psalm und ein Gebet oder ein Lied. Dann aber geht es immer tiefer in die Dunkelheit.

Noch drei Tagebuchberichte aus der Churerzeit:

Gestern wurde ich ins Kantonsspital gerufen zu einer Frau, die am Morgen in einem Anfall von Schwermut Salzsäure getrunken hatte und nicht mehr zu retten war. Nie werde ich dieses Sterben vergessen. Eine junge Frau, erst 33 Jah­re alt, eine schöne Frau, mit wunderbaren dunk­len Augen, krausem schwarzem Haar, schön ge­wachsen, geliebt von Mann und Kind. «Es ist niemand schuld, mein Mann war immer, immer lieb zu mir», das waren ihre ersten Worte. Sie war ganz gelöst vom Leben, es war keine Reue über ihre Tat da, nichts vom Willen, ins Leben zurückzukehren. Nur die Schuld ihrer Tat lag auf ihr, das Verlangen nach Vergebung. Sie litt furchtbare Schmerzen und quälenden Durst und konnte nicht mehr trinken. Ich nahm sie in meine Arme. So beteten wir, bald sie, bald ich; sprachen wir, bald sie, bald ich. Meine Tränen hinderten mich oft am Sprechen. Sie weinte nicht. Sie freute sich zu gehen. Was ich zur Gruppenzeit gelernt, das kam mir auch hier zu­gute: ich sprach ihr die Vergebung zu, und völli­ger Friede kam über sie. Sie betete darum, dass ihr Mann eine andere Frau finden möchte, ihr Kind eine andere Mutter, die nur heb zu ihnen wäre. Es war ein Sterben im Gebet, in der Hin­gabe, in der Liebe, getragen von einem grossen Frieden. Wer diesen Menschen so sah, der konnte es nicht fassen, dass es in seinem Leben solche Augenblicke gegeben, da er so der Dun­kelheit wehrlos verfallen gewesen.

Ihre Schmerzen nahmen zu. Der Arzt musste ihr Morphium geben. Abends starb sie, ohne noch einmal erwacht zu sein.

Chur, 9. Januar 1942

Ich ging den verschneiten weg vom Bahnhof Rodels dem Asyl Realta zu. Langsam wurde mein Schritt, das Bangen war wieder da. Der Organist in Realta, ein Lehrer, der wegen Epi­lepsie da war, hatte am Sonntag gestreikt, weil er mich ablehnte. Nun war es auch hier so, das alte Lied, dass immer wieder dieser oder jener mich ablehnte, weil ich eine Frau bin. Warum ging ich nach Realta, was sollte ich da? Die vie­len geisteskranken Frauen, die Korrektionellen. Was konnte ich da tun! Es blieb mir nur das Eine: gehorsam zu sein.

Ich ging von Abteilung zu Abteilung, überall durfte ich spüren, dass sie mich lieb hatten. Ich kam immer mehr in die Dunkelheit, immer er­loschener und der Welt ferner blickten die Au­gen der Frauen. Dann stand ich vor der Abtei­lung der Zellen. Wie viele arme Wesen würden heute wohl eingesperrt sein? Die Pflegerin be­gleitete mich von Zelle zu Zelle. Ihrer vier wa­ren es: ein wirres Antlitz — ein Menschenkind nur in Stroh, ohne Kleidung – ein aus verlore­nen Tiefen fragendes Angesicht — und die Vierte im Hemd am Boden kniend. Sie stieg auf ihren Strohsack, deckte sich mit ihrer Steppdecke, ich sprach ein paar Worte zu ihr, dann bat sie kurz: »Bet mit mir!»

Als wir aus den Zellen traten, sagte die Pfle­gerin: »Es geht seit einiger Zeit so viel besser, ich weiss nicht, ob man es sagen darf, aber wir meinen, seit Sie da sind.» Dann bat sie mich noch zu einer bestimmten Patientin. Auch diese sagte: »Sie können helfen. Fräulein V. ist nur durch Sie so schnell besser geworden. Sie haben eine Kraft.» Ich erinnerte mich an Fräulein V., die im Dauerbad und dann isoliert gewesen, die mich sehr geliebt und mit der ich gebetet. Aber nicht mir war es zuzuschreiben, dass sie nun ins vordere Haus versetzt worden, auch nicht, dass da und dort in den Zellen eine Besserung spür­bar wurde. Die Kraft des Gebetes hatte gerade bei diesen Ärmsten der Armen geholfen und sich als Macht erwiesen.

Auch Gian hatte heute im Gefängnis so viel erlebt. Die Gefangenen hatten sich ihm anver­traut. Er sah hinein in Grauen und Verlorenheit und doch wieder in das Suchen Jesu Christi nach dem Menschen, ein Erleben, das uns fast unfassbar war.

Chur, 13. Juli 1944

Nach dem Essen sitze ich am Schreibtisch und bin daran, eine besondere Liturgie für das Spitalabendmahl auszuarbeiten, als ein alarmie­render Telephonanruf der Abwartsfrau des Kre­matoriums kommt: im Krematorium warten die Leute schon eine halbe Stunde, und kein Pfarrer sei da. Warum niemand komme? (Der Zivilstandsbeamte war krank, und sein Vertreter hatte vergessen, uns zu benachrichtigen) – »Mein Mann ist im Fontana», gab ich zur Ant­wort, »aber ich werde sofort kommen.» »So kommen in Gottesnamen Sie!» «Aber, wer ist denn gestorben?» «Das weiss ich nicht. Ich schicke Ihnen ein Taxi.» «Dann schicken Sie aber auch einen der Verwandten mit, damit er mir sagen kann, wer der Verstorbene ist.» In­zwischen kleide ich mich in fliegender Eile in Schwarz und überlege mir die Liturgie, dann steht das Taxi da. Und jetzt weiss ich: nun kann nur das Wort der Abwartsfrau sich in einem an­dern Sinn erfüllen: nun muss ich in Gottes Namen gehen. Sobald ich auf der Kanzel stehe, bin ich ganz ruhig: es muss recht werden. Wäh­rend des Vorspiels nummeriere ich die Liturgie. Und dann geht alles gut: die Liturgie, die An­sprache und auch der besagte Moment, da ich auf den Knopf drücke und dann der Sarg ver­schwindet. Aber eines gelingt mir nicht, mit der Trauerversammlung mitzufühlen. Als dann Gian abends aus dem Fontana kam, bemerkte er zu meiner Berichterstattung: «Weisst Du, wer das war? Jener Gestapo-Agent aus Deutschland, der von Arosa ins Churer Kan­tonsspital gekommen! Die Trauergemeinde war die deutsche Kolonie.» Diesem hatte ich also heute die Grabrede gehalten und davon gespro­chen, dass Gott andere Grenzen ziehe als wir Menschen.

Chur, 27. Februar 1944

Der Wecker geht ab, es ist halb sechs Uhr morgens, Sonntag. Das Eine von uns muss nach Realta, um dort zu predigen. Zu gleicher Zeit, da wir in der einen, schönen Kapelle den Got­tesdienst halten, liest der katholische Pfarrer drüben in der andern, ebenso schmucken Ka­pelle die Messe. Beides ein Tun des Menschen zu Ehren des gleichen Gottes! Und vielleicht ist er ja doch so ganz, ganz anders, als wir ihn zu fassen und in Worten auszudrücken vermögen!

Nachher gilt es, den Zug zu erreichen, der um 10 Uhr in Chur anlangt, um dann im Turnsaal des Kantonsspitals noch einmal das Wort zu verkünden. Das vor drei Jahren erbaute Spital ist ein Zeichen unserer «vorurteilsfreien» Zeit. Einen Raum für den Gottesdienst zu erbauen, wurde vergessen, aber wenn wir den schmalen Gang, der zum Tunnel führt, durchschreiten, sind dort die Badkabinen wohl eine an die andere gereiht; aber zwischen der Nummer 12 und 14 fehlt die Zahl 13. Die Kranken achten sich dessen nicht. Sie sind zu Fuss und auch in Betten gekommen. Wir versuchen, durch unsere Pre­digt einen Wall aufzurichten gegen alle Knecht­schaft, auch die Knechtschaft des Aberglaubens, und allein Jesus Christus als den Herrn zu prei­sen.

Unterdessen hat das Andere von uns im Waldhaus begonnen und im Gefängnis die Bot­schaft weitergetragen. Durch eine mit schweren Eisenriegeln kunstvoll beschlagene Türe treten wir in eine seltsame kleine Kapelle, deren Wän­de marmorimitiert angemalt sind. Ein Weihräuchlein hängt noch im Raum und mahnt an die Messe, die eben hier gelesen worden ist. Das einzig Schöne an dieser Kapelle ist ein Heiligen­bild, da Maria mit ihrem Kind auf dem Arm, ge­tragen von einer Mondsichel, sich fein und zart von einem blauen Himmel abhebt. Die Gefan­genen kommen einer um den andern. Wir rei­chen ihnen die Hand, der eine oder andere schaut uns verwundert an. Dann aber ist es gut, diesen erwartungsvollen Gesichtern gegenüber die Botschaft von der einzigen Hilfe und Ret­tung zu sagen. Denn sie kennen die Vorausset­zung dazu: den gestrauchelten Menschen. Und sie ahnen etwas von der Aussichtslosigkeit alles menschlichen Selberwollens.

Nach dem Gottesdienst bleibt oft noch einer zurück, um mit uns zu sprechen. Einer unter ih­nen hatte zwar eine Familie, war aber in ein Verhältnis mit einer andern Frau hineingeraten. Deswegen kommt man ja nicht ins Gefängnis, wohl aber, wenn man dann mehr Geld braucht, als man selber hat. Nun erwartete er, dass wir ihm sagen würden, er müsse zu seiner Frau zu­rückkehren. Es war uns ganz deutlich, dass wir das nicht tun sollen. Aber er sprach immer wie­der davon und verschwor sich, nicht zu seiner Frau zurückzukehren, denn auch sie sei schuld, dass es so weit gekommen.

Eines Sonntags, als wir wieder mit einander sprachen, das heisst er sprach, und ich hörte zu, wurde es mir deutlich, was ich ihm sagen solle. «Sie waren bis jetzt ein Abenteurer der Frauen, aber es gäbe etwas viel Interessanteres: nämlich ein Abenteurer Gottes zu sein.» Er stutzte und schwieg, denn er wusste wohl, was ich sagen wollte. Vierzehn Tage darauf wurde er entlas­sen. Einige Wochen später kam ein Brief von ihm: «Ich bin zu meiner Frau zurückgekehrt und ein Abenteurer Gottes geworden.» Viele Jahre später traf ich ihn, als er zusammen mit seiner Frau in einem andern Kanton bei mir in der Predigt gesessen! Ich freute mich.

Heruntergekommene Bündner

Im Herbst 1944 verlässt uns unsere Haushäl­terin, um Diakonissin zu werden. Auf mein Rücktrittsgesuch an den Regierungsrat bittet er mich, doch noch zu bleiben. Ich versuche es den Winter über mit einer kleinen Hilfe. Dann bin ich am Ende meiner Kraft. Die Erkrankung zweier Kinder zeigt uns deutlich, dass Gott mich eine Zeitlang wieder aus dem Amt nehmen wol­le. Auf die Eingabe des Hausvaters von Realta, der sich der Direktor vom Beverin und der Ver­walter vom Sennhof anschliessen, wird im Herbst 1945 wieder eine Frau gewählt.

Am 11. März 1946 gesellt sich Gaudenz Cur­din als Sechster zu seinen Geschwistern. Im Frühling 1947 wurde auch mein Ehekamerad aus seiner Arbeit in Chur gelöst und folgte ei­nem Ruf nach Kilchberg. Auch hier war Gottes führende Hand deutlich erkennbar. Im Mai zo­gen wir in das grosse und schöne Landpfarrhaus nahe der Stadt Zürich, In dieser reichen und schönen Gemeinde begegneten wir viel Liebe und Entgegenkommen. In den ersten Wochen litten wir zwar alle an Heimweh, wurden aber überwunden von der Liebe, die wir erfahren durften.

Ein Bild, das Kleidung, Person, Mann, Menschliches Gesicht enthält.

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Familienbild zur Konfirmation.

Dieses Glück wurde aber bald überschattet von den Schwierigkeiten, die der Amtskollege uns bereitete. Er war nicht gegen die Theologin an sich, aber gegen die in seiner Gemeinde. So erklärte er: «Ich will nicht, dass das Ackerfeld Caprez mehr bearbeitet wird als mein Acker­feld.» Er verwehrte mir selbst die Vorbereitung der Sonntagsschullehrerinnen: «Denn ich will nicht, dass Frau Pfarrer Caprez überhaupt in Erscheinung tritt.»

Am 23. Oktober schrieb ich die kurze Eintra­gung:

Ich hätte nie gedacht, dass es für mich so schwer werden könnte — einem brennenden Feuer gleich – nicht predigen zu dürfen. Aber Johannes 3. 27 tröstet mich:

«Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel.» — Die Hal­tung des Kollegen hatte zur Folge, dass ich frei wurde für die Mütterarbeit und immer wieder für Vorträge und Predigtstellvertretungen im ganzen Kanton Zürich und darüber hinaus ge­rufen wurde.

Im Sommer 1948 heisst eine Eintragung im Tagebuch:

Noch zwei Ferientage, dann werden wir wie­der alle in Kilchberg sein. Ich freue mich darauf. Auf alles. Auf unsere Kinderschar, auf die Ar­beit im Haus, am allermeisten aber auf meinen Liebsten. Unsere Liebe wird immer reicher, rei­fer und grösser. Ich meine oft, nun könne es so nicht mehr weiter gehen. Es sei zu reich und zu schön für zwei Menschen auf Erden. Wir sind nur mehr Eines: im Glauben, im Gebet, in un­sern Lebensgewohnheiten, in unserer Liebe, es ist alles zu einer grossen Harmonie geworden. Ich kann nur danken und danken.

Ich habe immer mehr gesehen, wie sehr mein Geliebter meiner bedarf, auch in der Arbeit, in der gemeinsamen Vorbereitung. Fast in jedem Gottesdienst, den er gehalten, waren wir beide da, sei es in der Predigt, da er mich um meine Meinung gefragt, sei es, dass ich ein Gebet oder die Taufliturgie verfasst. Ja, als er die Unser-Va­ter-Predigten durchnahm, die wir gemeinsam am Heinzenberg gehalten, da wussten wir beide nicht mehr, welche er und welche ich geschrie­ben. Ich fing an zu verstehen, dass ich versuchen müsste, ihm Kraft zu geben und immer wieder zu geben und dass ich so sein müsste, dass ich ihm keine Kraft nehme. Und das Merkwürdige geschah, dass ich darob immer glücklicher wur­de. Ich dachte, dass Gottes Wille uns so sehe: gemeinsam in der Vorbereitung, aber unser ge­meinsames Werk von Gian nach aussen getra­gen.

Auf eine Rundfrage «Wie fühlen Sie sich als Nur-Hausfrau?» antwortete ich:

Als ich vor 10 Jahren das Pfarramt an den Anstalten meines Heimatkantons aufgab, fragte mich einige Wochen später der katholische Pfarrer, der mit mir zusammen seinen Teil unse­rer «Herde weidete»; «Und nun, wie gefällt es Ihnen ohne Amt, nur auf Kinder und Haushalt beschränkt?» Ich antwortete: «Nun predige ich zu Hause, und es nützt auch nichts.»

Diese Frage ist es eigentlich, die mich bei mei­nem steten Wechsel zwischen dem Pfarrerin­nenberuf und dem Nur-Hausfrauenberuf um­trieb: « Was nützt es eigentlich», das heisst «was hat im Grunde einen Sinn»? Und ich habe nun — im fahre meiner silbernen Hochzeit – die Meinung, dass der Hausfrauenberuf schwieri­ger, aber auch schöner ist, als alle andern Beru­fe. Welch anderer Beruf ist so reichhaltig!

Des Morgens schlage ich die Betten der Kin­der auf. Die Wärme ihres kleinen Körpers, die Wärme ihres Schlafes ist noch darin. Sie sind hierhin und dorthin von mir weggegangen, aber von ihrer Wärme haben sie mir zurückgelassen. Und ich freue mich darüber. Menschliches Le­ben, das unterwegs ist auf dieser Erde, ist nur anvertraut, es zu hegen und zu pflegen. Was Grösseres könnte mir geschenkt sein!

Ich stehe in der Küche und bereite das Mit­tagessen für meine grosse Familie. Auf dem Tisch liegen die Zutaten: Reis, Lauch und To­maten. Und plötzlich weiss ich es: welch ein Reichtum und welche Schönheit ist in meine Hände gegeben. Dieses starke Grün, dieses leuchtende Rot und der weisse Reis, dies alles darf ich nun zuerst einmal ansehen und mich daran freuen und dann zu einem Essen bereiten, das meinen Lieben Kraft und Leben gibt.

Dann kommen sie nach Hause und rufen nach mir. Dieser Ruf: «Marni» hängt nun eine Zeitlang in der Luft bis alle wieder fort sind. Nun sitze ich an der Maschine und nehme Stück für Stück aus dem grossen Flickkorb. Es ist nur ihr Gewand, das noch bei mir ist. Aber dass ich es wieder instand stellen darf in seiner Zweckmässigkeit, aber auch in seinem Hübschsein, das gibt mir Freude.

Und nachts gehe ich noch einmal von Bett zu Bett. All das Fragen und Rufen, auch das Spie­len und Streiten, das Fröhlich- und Traurigsein ist zur Ruhe gelangt. Ich sehe ihre Gelöstheit im Schlafe und danke, dass ich sie haben darf, dass ich sie hegen und hüten darf. Woher und war­um und für was sollte ich da Minderwertigkeits­gefühle haben, dass ich eine Hausfrau bin? Es geht nicht darum, dass ich etwas anderes, Dane­benliegendes suche, sondern, dass ich all das entdecke und mich darüber zu freuen verstehe, was darin hegt, Hausfrau, Ehekameradin und Mutter zu sein.

Im Jahre 1958 wurde uns von meiner Mutter das Haus meines Grossvaters in Furna übertra­gen. Wir bauten es ein Jahr später um zu un­serm Alterssitz, obschon Furna noch ohne elek­trischen Strom war.

Gott verfuhr mit seinen Führungen auch etwa humorvoll mit uns: Unsere Älteste hatte einen Tierarzt im Thurgau geheiratet, obschon sie ein­mal sagte: «Ich heirate nur einen Bündner und nur einen, der droben bleibt.» Sie wollten ihr zweites Kind durch mich in Pfyn taufen lassen. Der Thurgau war aber immer noch ein Kanton, da die Theologin nicht amten durfte. Darum wurde ihr Gesuch vom Regierungsrat abge­lehnt. Zu gleicher Zeit aber erging die Anfrage an mich, ob ich im Thurgau an den grossen Bäuerinnentagungen die Vorträge halten wür­de. So kam es, dass ich fast auf den Tag genau, zwar nicht als Pfarrerin auf der Kanzel in Pfyn stehen durfte, aber als Referentin auf den Kan­zeln in den weit grösseren Kirchen von Frauen­feld und Weinfelden.

Im Januar 1964 aber wurde auch das mög­lich: ich durfte in Pfyn die Predigt und die Taufe des dritten Enkelkindes halten. Vorausgegangen war freilich die Annahme des kirchlichen Frauenstimmrechtes im Kanton Zürich am 7. Juni und darauf folgend am 17. November 1963 im Grossmünster die Ordination der Theologinnen, die einmal an der Zürcher Fakul­tät abgeschlossen hatten. Wir waren unser zwölf, die Zahl der Apostel! Meine viereinhalb­jährige Enkelin aus Pfyn sass mit dabei im Fest­gottesdienst. Der Kirchengeschichtler, Professor Blanke, stellte erfreut fest: «Das ist ein Novum in der Kirchengeschichte, dass eine Grossmutter ordiniert wird.»

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Ordination im Grossmünster.

An den Quellen des Rheins

Beinahe 20 Jahre waren wir nun schon in Kilchberg, unsere Kinder flügge geworden und in aller Welt zerstreut. Noch gut vier Jahre bis zur Pensionierung von Gian. Da geschah es, dass die ersten Fäden zum Rheinwald geknüpft wurden: Marie Speiser, eine pensionierte Basler Theologin, versah während der Sommermonate die beiden schon zwei Jahre verwaisten Gemein­den Nufenen und Hinterrhein. Sufers, Splügen und Medels waren schon drei Jahre ohne Pfar­rer. Der Baslerin Anliegen, eine Lösung zu fin­den, machte sie erfinderisch: was lag näher als der Gedanke an uns beide, die wir Bündner wa­ren und jedes ein Pfarramt übernehmen konn­ten. Die Voraussetzung dafür war nun gegeben: am 14. Februar 1965 hatte sich das evangeli­sche Bündnervolk für die Zulassung der Frau zum Pfarramt entschieden. Zulassung ohne jede Einschränkung. Interessant ist der Vergleich mit der Volksabstimmung von 1932:

1932: 6 482 JA           11 111 NEIN

1965: 11 083 JA         1 302 NEIN

Das immer ein wenig latente Heimweh nach Graubünden, die Aussicht, meine ausgebildete Kraft noch einmal in Dienst stellen zu können — oder eher, weil es so sein sollte — veranlassten mich zu einem Ja zum Rheinwald. Anders bei meinem Ehekameraden. Er ging nicht gern von Kilchberg weg. Am 21. September 1965 schrieb ich an Marie Speiser: «… ich trage Deinen Brief nun schon eineinhalb Tage in meinem Schosssack herum. Er knistert von Zeit zu Zeit. In meinem Herzen knistert es aber noch mehr. Eigentlich schon lange. Aber bei Gian knistert es nicht. Und ich habe seinerzeit in der Kirche zwar nicht versprochen, dass es bei uns gleich knistere, aber dass ich ihn nicht verlasse. Unser Jüngster hat heute die Matura bestanden und geht Ende Oktober nach Taize, um dort einzu­treten. Das ist es ja, wir sind nun bald ganz al­lein. Aber ich kann nicht einen Ruf für mich al­lein haben.»

Noch im Oktober sagte Gian: «Ich würde den Abschied von Kilchberg nicht überstehen.» Dann schwieg er. Er schwieg einfach. Ich ver­zweifelte schier, denn ich meinte, ein Nein wäre besser als dieses Schweigen. Später wurde es mir klar: er durfte nicht Nein sagen, und er konnte nicht Ja sagen. Er versuchte es darum auf einem Umweg, indem er dem Bündnerischen Kirchenrat Bedingungen stellte: Erstens, dass seine Frau in Nufenen diesmal ein anerkanntes, volles Pfarramt ausüben könne. Zweitens, dass wir je­den Sonntag Kanzeltausch halten dürfen. Gian hoffte, dass seine Bedingungen nicht angenom­men würden und damit die Sache erledigt wäre. Aber der Kirchenrat war froh, die Sorge um das Rheinwald los zu sein und ging auf die Forde­rungen bereitwillig ein.

So erfolgten im Rheinwald die Wahlen am 21. Dezember 1965. In drei Gemeinden gingen 80 %, in einer Gemeinde 95 % und in Medels 100 % der Stimmberechtigten an die Urne. Es fand sich kein einziges Nein. Noch in derselben Nacht berichteten uns die Kirchenvorstände, worauf wir nicht mehr einschlafen konnten. In Kilchberg aber gab es einen wahren Sturm. Das war noch nie vorgekommen, dass ein Pfarrer von hier fortgegangen sei, ausser denn ins noch bessere Jenseits. Marie Speiser schrieb uns dazu: «Sollte das nicht die Freude des Reichen sein, der da dem Armen von seinem Reichtum gibt und diesmal nun nicht nur Schlüttli, Äpfel, Bir­nen, Bilderbücher und abgetragene Kleider, sondern was sie auch und dringender brau­chen.»

«Heruntergekommene Bündner» kehren zurück

Manche Bündner Berggemeinden haben Mühe, freiwerdende Pfarrstellen zu besetzen — nicht zuletzt darum, weil bündnerische Pfarrer im Un­terland recht gesucht sind. Zu diesen gehört Gian Caprez, früher Ingenieur, seit vielen Jahren Pfarrer von Kilchberg ZH, und seine Frau, früher selbständige Pfarrerin von Furna im Prättigau. Aber Graubünden ist ihnen lieb geblieben, und die Sorgen der Bündner Kirche liess sie nicht kalt. So kamen sie überein, nach Abschluss der Ausbildungszeit ihrer Kinder wieder in die Berge zurückzukehren. Gleich zwei benachbarte Gemeinden werden die Gewinner sein: Splügen-Sufers-Medels hat den Mann, Nufenen-Hinterrhein seine Gattin zum Pfarrer gewählt.

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Aus dem Zürcher Kirchenboten 1966.

Es erreichten uns auch viele Briefe von Leu­ten, die unsern Entschluss bewunderten. Wir ge­rieten ob all dem Gestüm in Verwirrung. Ganz schlimm wurde es, als am 10. Juni 1966 — 4 Tage vor dem Abschiedsgottesdienst mit grossem Essen und vielen Geschenken — vom Bünd­ner Kirchenrat der Widerruf seiner Zusagen kam. Denn, so hiess es, es bestehe die Bedin­gung, dass ein Pfarrer sich in seiner Gemeinde niederlassen müsse. Eine verheiratete Frau aber besitzt keinen eigenen Heimatschein und kann sich darum auch nicht an einem andern Ort als dem Wohnsitz ihres Mannes anmelden. Kan­zeltausch komme auch nicht in Frage.

Gian befand, nun könne ich alles wieder aus­packen. Dabei hatte ich in wochenlanger, müh­samer Arbeit das grosse Haus mit 11 Zimmern und 20 Nebenräumen entleert und zum Verteilen: Furna, Splügen, Nufenen gerüstet. «Schla­fen wir noch eine Nacht darüber», bat ich. An­derntags aber wurde uns deutlich, dass wir nun doch die 5 Rheinwaldner Gemeinden nicht im Stich lassen könnten.

Elf Tage nach der Züglata, am 26. Juni 1966, wurde ich dann in Samedan «laid und ungära», nach einer langen Debatte, in die Rätische Syn­ode aufgenommen und ein Jahr später unsere Tochter Margreth an der Synode zu Scharans.

Für mich war es ein Heimkommen, da die Rheinwaldner Walser sind wie die Furner. Auch die Rheinwaldner empfanden es so, hiess es doch bei unserm Weggang in einer Zeitung: «Sie waren ünschar Gattig Lüt.»

Unsere zweite Tochter hatte sich mit einem Amerikaner verheiratet. Da regelmässig und häufig Briefe gewechselt wurden, haben wir ge­naue Berichte aus jener Rheinwaldnerzeit. Gian hatte seinen Wohnsitz in Splügen und ich in Nufenen, das heisst also: wir führten zwei Haus­haltungen und wohnten abwechslungsweise einige Tage in Splügen und einige Tage in Nufenen. Wir hatten sehr viel Besuch: Kinder und Enkel, aber auch immer und immer wieder Kilchberger.

Am 3. Juli 1966 fand unsere Einsetzung im Rheinwald statt, am Vormittag meine in Nufenen. Früh um fünf Uhr wanderte ich mit meiner Predigt auf die andere Seite des jungen Rheins. Als ich zurückkam, trieb gerade der Geisshirt seine Geissen auf die Weide, und sie umringten mich. Die Kirche war sehr schön mit Lupinen und Feuerlilien geschmückt. Nachmittags folgte die Installation in der grossen Splügner Kirche, wo der Talverein dreimal sang, der Präsident uns willkommen hiess. Dann stand eine kleine Erstklässlerin in der Bündnertracht mit einem mächtigen Blumenstrauss vorn beim Taufstein und begann ihr guteinstudiertes Sprüchlein: «Liaba Herr Pfarrar», dann aber stockte das Maitli und – statt dass das Sprüchlein sprudel­te, kugelten ihr die Tränen über die Backen.

Bald darauf kam dann das, was ich als Pfar­rerskind so gehasst hatte und warum ich mich einmal verschwor, nie einen Pfarrer zu heiraten, damit meine Kinder das nicht tun müssten: ich ging in meinen beiden Gemeinden von Haus zu Haus mit dem Kirchenboten — und fand es wundervoll. Wundervoll darum, weil ich so in alle Haushaltungen kam und überall Kontakt fand.

Erneut erhielten wir vom Kirchenrat ein Schreiben mit dem Verbot des Kanzeltausches. Die Kirchenvorstände des ganzen Tales kamen zu einer Sitzung zusammen mit dem Resultat, dass sie zwei scharfe Briefe an den Rat richteten. Im Herbst wurden wir vor den Rat geladen. Nach einem anderthalbstündigen Seilziehen ge­standen sie uns unsere Bedingungen zum zwei­ten Mal zu.

Von ganz besonderer Art war ein Erlebnis, das Gian an einem Sonntag in Splügen hatte. Als er sich in einem Hausgang nahe bei der Kir­che umkleidete, das heisst den Talar anzog, fragte ihn ein fünfjähriges Maiteli, wohin er ge­he. Es schritt dann hinter ihm drein, im Arm sei­ne Puppe, die einen immensen Kopf hatte. Es folgte Gian auch, als er durchs Kirchenschiff hineinschritt, und als er sich beim Taufstein um­wandte, sah er das Maiteli neben sich stehen. Da sagte er zu ihm: «Sitz da in dia Bank.» Es setzte sich und sass still bis ans Ender der Pre­digt. Nach dem Gottesdienst, beim Weglegen des Talars, sagte Gian zu dem Maiteli: «Du bischt denn scho a Liabi gsi, dass du so lang hescht könna stillsitza.» Es antwortete: «Jo, i han scho könna, aber di Poppa hed immer plärad. Dua hanara ais uf ds nassa Füddla ge, und dua isch si schtill gsi.»

Als mein Ehekamerad zu Weihnachten er­krankte, vertrat ihn in Medels unsere Tochter. Sie hatte ihre kleine Tochter Elisabeth bei sich. Diese sass lange still. Gegen Ende der Predigt aber wurde es ihr langweilig. Sie rutschte vom Stuhl (im Winter wurden die Gottesdienste in der warmen Schulstube abgehalten) und ging hin zur Mutter. Diese reichte ihr eine Banane. Das Kind war zufrieden, und die Mutter konnte in der Predigt weiterfahren. Die Gemeinde freu­te sich noch lange über diesen Gottesdienst. Die Hinterrheiner Kirchenpflegerin schrieb uns dann zu Weihnachten: «Wie anders und wie viel schöner und traulicher ist es uns nun doch jetzt, da jemand dauernd bei uns ist.»

Aber ich hatte noch meine Feuertaufe in der Schule zu bestehen. Als ich eines Morgens zu meiner Klasse ins Zimmer trat, war da eine Wandtafelseite geschmückt mit einer nackten Frau, gezeichnet von ungelenker Hand mit roter Kreide. Die Buben kicherten, die Mädchen rie­fen: Pfui! — Ich musste blitzschnell überlegen: was sollte ich nun tun? Die Kinder waren in grosser Spannung, wussten sie doch, dass es bei ihrem alten Lehrer ein Donnerwetter abgesetzt hätte. Wie würde nun die alte Pfarrerin reagie­ren? Ich besah mir das Bild und sagte dann: «Da hat jemand, der nicht besonders gut zeichnen kann, etwas Schönes zeichnen wollen.» Ich liess das Gemälde die ganze Stunde stehen, heftete Gians Zeichnung (da ich selber nicht zeichnen kann, machte er mir für jede Stunde ein Bild) schön daneben und schrieb auch den Text dazu. Die Kinder machten sich nichts mehr daraus. In der nächsten Stunde brachte ich dann unser grosses Michelangelobuch mit und hatte mit ih­nen ein Gespräch. Ich sagte: «Es meinte einer, er mache eine unanständige Zeichnung. Aber sie war gar nicht unanständig. Was meint Ihr, war­um nicht?» Es kam die richtige Antwort: «Weil Gott den Menschen geschaffen.» Dann erzählte ich ihnen, dass Michelangelo für seinen Auf­trag, die sixtinische Kapelle zu schmücken, sich nichts Schöneres ausdenken konnte, als die Schöpfung von Adam und Eva zu malen. Dar­auf zeigte ich ihnen die Bilder. Sie waren ganz still und andächtig.

Auch in Hinterrhein hatte ich eine «Feuertau­fe» zu bestehen. Es gab da vier Schwestern, die ich nie auseinanderhalten konnte. Schon mein Vorgänger hatte damit Mühe. Nun wollte ich sie einmal alle miteinander zum Tee einladen, um sie richtig betrachten zu können. Aber sie fanden, es sei einfacher, wenn ich nach Hinterr­hein zu ihnen komme. Wir hatten es sehr lustig miteinander, obwohl wir alle alte Frauen wa­ren. Und ich kam vollbeladen mit Würsten, Plätzli, Eiern und Bindenfleisch nach Hause. Am nächsten Sonntag sassen alle vier in der Pre­digt. Aber ich kam in die grösste Verlegenheit, denn die, von der ich mir gemerkt, dass sie im­mer einen krausen «Tschuff» in der Stirn habe, hatte sich eben erst gekämmt und war darum ohne «Tschuff».

Das Klima im Rheinwald ist manchmal sehr rauh. An einem Silvester stand das Thermome­ter auf 30 Grad unter Null. Ich hatte die Alt­jahrabendpredigt in Hinterrhein zu halten, die jeweilen in der ungeheizten Kirche stattfand. Während ich wohlverpackt in einem mit Pelz gefütterten Mantel dastand, kamen die Männer alle ohne Mantel. Als ich sie fragte, ob sie denn nicht frieren, antworteten sie: «Oh, wir sind das gewohnt.» Ich habe sie überhaupt nie jammern gehört. Es heisst, das Rheinwald sei die nieder­schlagsreichste Gegend der Schweiz. Ich bewun­derte sie. Wenn es ihnen auch jeden Tag einen «Sprutz» ins Heu regnet, sind sie nie massleidig. Nicht einmal dann, wenn sie mitten im Sommer das Vieh ein- oder zweimal wieder aus der Alp holen müssen, weil es geschneit hat. Sie sagen: «Oh, dafür leiden wir auch nicht an Tröchni.» Auch sagten sie in einem Sommer: «Den Italie­nern geht es viel schlechter als uns. Wir haben doch keine Überschwemmungen.» Ich habe die Rheinwaldner nie unzufrieden gesehen. Die Walser sind gewohnt, mit der Unbill des Lebens fertig zu werden.

Den schlimmsten Sturm aber erlebte ich nach einer Predigt im Januar in Hinterrhein. Es war dunkel, fast wie zur Nachtzeit. Gian, der mich abholen sollte, konnte im Dorf selbst nicht parkieren wegen des hohen Schnees und fuhr bis ans Dorfende. Als ich dann vom Schulhaus durchzukommen versuchte bis zum Auto, wäre mir das unmöglich gewesen, wenn nicht der Mesmer mich bei der Hand genommen und ich – um überhaupt noch atmen zu können – nicht rückwärts geschritten wäre. Unterhalb Nufenen, wo ich meine zweite Predigt zu halten hat­te, lud mich Gian wieder aus und fuhr weiter nach Splügen, wo er seine zweite Predigt zu hal­ten hatte. Wie ich mich im Schulhaus einfand, war mein Kopftuch am Haar angefroren.

Als wir ins Rheinwald kamen, hatten die Nufner ein grosses Problem: «Sie soll uns aber ja nicht mit dem Frauenstimmrecht kommen.» Die Frauen selber wünschten es nicht. Es ging in den Gemeindeversammlungen manchmal so temperamentvoll und heftig zu, dass die Frauen gern auf die Teilnahme verzichteten. Natürlich kam trotzdem das Gespräch auf dieses heisse Thema. Nach der Konfirmation der beiden grossgewachsenen Burschen, die ich sehr gut lei­den mochte, war ich zum Mittagessen bei der ei­nen, zum Kaffee bei der andern Familie eingela­den. Die Lehrerin aber umgekehrt. Und beide gerieten wir beim Kaffee – jede an ihrem Ort – in eine heftige Diskussion. Ich mit einem Churer Polizisten, dem Onkel des Konfirmanden, zu­erst wegen der Beatlesfrisuren. Er sagte, er wür­de am liebsten einem Beatle jedes einzelne Haar ausreissen. Als ich die andere Partei nahm, war er entsetzt: «Was, Sie, eine so bodenständige Bündnerin!» Darauf kam das Frauenstimm­recht dran, und wir stritten heftig – die Lehre­rin am andern Ort auch. Auf alle Fälle, die Zu­hörer langweilten sich nicht, ich auch nicht.

Als ich eines abends von einem Besuch nach Hause kam und gerade ein paar Männer auf das Schul-Pfarrhaus zustrebten, fragte ich – eigentlich mehr um sie wieder einmal an diese Mög­lichkeit zu erinnern — «Darf ich auch kom­men?» Sie lachten und sagten: «Ja, kommen Sie nur.» Aber ich antwortete – meiner Sache doch nicht so sicher — «Fragt zuerst drinnen.» Sie ka­men mit der Antwort: «Es geht leider nicht.» Einige Zeit darauf hatte ich bei einer Beerdi­gung ein seltsames Erlebnis. Die vier Sargträger sollten den Sarg ins Grab hinunterlassen. Als sie nicht sogleich zurecht kamen, wandte sich einer an mich und fragte, wie sie das machen sollen. Ich erklärte ihm, dass der Sarg und auch das Grab konisch sei. Es war gut, dass die grosse Gemeinde, die dabei stand, nicht sehen konnte, wie es in mir aussah, denn ich schmunzelte, und an einem Grab schmunzelt man doch nicht, schon gar nicht ein Pfarrer und erst recht nicht eine Pfarrerin. Aber es war zu komisch. Ich darf die Kinder taufen, konfirmieren, darf die Er­wachsenen trauen und beerdigen. Sie nehmen meine Führung an und fragen oft um Rat, aber an der Gemeindeversammlung darf ich nicht teilnehmen, obschon mich das auch angeht, was sie dort verhandeln und beschliessen, wie zum Beispiel die neue Kehrichtabfuhr.

Ich ging immer noch jeden Monat mit den 60 Kirchenboten in den beiden Dörfern von Haus zu Haus und empfand es als etwas sehr Schönes, dass der Pfarrer in jedes Haus hineingehen darf, wo es ihn gelüstet, manchmal auch, wo es ihn nicht gelüstet. Es fielen mir oft allerlei Aufgaben zu, so zum Beispiel an einem einzigen Tag: einer Frau ein Medikament besorgen, einer andern musste ich versprechen, dem Popi den Mittags­schoppen zu geben, und eine dritte sollte ich in Medels vom Heuen abholen.

Dann aber fädelte das «Schicksal» – oder war es der Herrgott? – wieder etwas Seltsames ein. In Graubünden finden alle zwei Jahre am ersten Maisonntag in den einzelnen Talschaften Landsgemeinden statt. Im Rheinwald einmal in Splügen und einmal in Nufenen, wobei jeweilen der Pfarrer vom andern Ort die Ansprache hält. Nun war am 4. Mai 1969 Splügen an der Reihe, also hätte der Nufner «Pfarrer» die Ansprache halten sollen. Ich wartete gespannt, was nun ge­schehen werde. Endlich fragte der Kreispräsi­dent am Dienstag vor diesem Sonntag an: «Am nächsten Sonntag ist Landsgemeinde. Eines von Euch beiden sollte die Rede halten.» Ich war am Telephon und antwortete: «An der Reihe wäre ich» — dabei hatte ich die Rede schon fixfertig vorbereitet. Er entgegnete: «Ja, es ist recht.» Es regnete in Strömen, und die Landsgemeinde musste in die Kirche verlegt werden. Ich hatte natürlich den Schlotter, aber ich freute mich doch, wahrscheinlich die erste Frau zu sein, die an einer schweizerischen Landsgemeinde die Rede hielt. Nachher war ich auch die einzige Frau, die mit den «Honorationen» beim Fest­essen sass. Die Nacht zuvor hatte ich gut ge­schlafen, aber die Nacht darauf fast nichts.

Ein Bild, das Himmel, Schwarzweiß, draußen, Baum enthält.

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Im Rheinwald.

Gian hatte schon ein Jahr zuvor eine noch viel grössere Ehre erfahren. Genau zwei Jahre nach meiner umstrittenen Aufnahme in die Synode wurde er an der Synode zu Landquart als Kir­chenrat gewählt. Wir staunen über dieses Ereig­nis bis auf den heutigen Tag. Er versah dieses Amt mit Freude und Begeisterung. Es tat ihm leid, dass nach zwei Amtsperioden, das heisst nach sechs Jahren, seine Zeit abgelaufen war.

In unsern fünf Gemeinden spürten wir gar keine Bevorzugung entweder von Gian oder von mir. Nach einem Colloquium, das sich über ei­nen Sonntag und Montag hinzog, kamen wir erst gegen Abend heim, wo die Meldung einer Beerdigung für den nächsten Tag vorlag. Die Leute sagten dann so nett, sie hätten gedacht, entweder der Herr oder die Frau Pfarrer werde dann schon die Beerdigung halten.

Eines Sonntags im Februar hatten die Nufner Kinder ihren traditionellen Marronischmaus. Sie luden Gian und mich auch dazu ein. Im Saal hatten sie Tische gedeckt, für uns beide in der Mitte, schön mit einem Serviettli, Marroni in ei­nem Extraschüsseli. Nachher machten wir Spiele mit ihnen. Die Eltern dankten uns, dass wir mit dabei waren. Nicht dass uns an der Kin­der Sprache alles gefallen hätte. Sie brauchten immer wieder den Ausdruck Herr Jesses. Es war mir klar, ohne Ersatz zu bieten, ist es schwierig, eine so eingefleischte Gewohnheit wegzubrin­gen. So erklärte ich ihnen zunächst, warum wir diesen Namen nicht bei jeder Gelegenheit brau­chen sollten und schlug vor, dafür «Heiderabad» zu sagen. Was das sei? Eine Stadt in In­dien, der es nichts ausmacht, alle Augenblicke in den Mund genommen zu werden. Sie waren entzückt. Als ich einige Zeit darauf im Laden nach dem Preis einer Ware fragte, sagte das Fräulein: «Heiderabad, jetzt muss ich das zuerst nachsehen.» Woher sie diesen Ausdruck denn kenne? Von der Elisabeth, die erklärte, die Frau Pfarrer habe sie das gelehrt.

Da das Liederlernen vorgeschrieben war, mussten wir unsere Schüler auch damit bela­sten. Als einmal in der Oberschule ausgerechnet die drei ältesten Buben, drei grosse «Stürchel», den Liedervers nicht konnten, verdonnerte ich sie zur sogenannten Frühmesse, das heisst, sie sollten am andern Morgen schon eine halbe Stunde vor Schulbeginn erscheinen und den ge­lernten Vers aufsagen. Abends dachte ich, es wäre gescheiter, wir würden etwas Positives tun. So läutete ich ihnen an, sie sollen nicht um 7.30 Uhr kommen, aber einen grossen «Schgarnutz» (Papiersack) mitbringen. Erstaunt rück­ten die drei Sünder in der Pause an. Ich zog mit ihnen aus, um rings ums Schulhaus den Boden vom herumliegenden Unrat zu säubern. Ich er­wartete, dass die kleinen Schüler die grossen ausspotten würden. Aber statt dessen halfen sie mit.

Ein grosses Vergnügen hatten die Schüler, als ich meinen Vers nicht konnte. Für «das Christ- bäumli» am 24. Abend schrieb ich für die Schü­ler und mich ein Gespräch. Natürlich war es leicht, aber ich hatte Mühe, überhaupt etwas auswendig zu lernen. Nachdem wir es eingeübt hatten, sagten die Schüler zuhause: «Wir kön­nen es jetzt, aber die Frau Pfarrer kann es nicht.» Bei meinen beiden letzten Weihnachts­ferien in Nufenen und Hinterrhein war ich so mitgenommen, dass ich beim Erzählen der Ge­schichte in Nufenen ein Durcheinander machte. In Hinterrhein sagte ich ganz am Schluss, nach dem Segen, dies sei nun meine letzte Feier mit «meinen» Kindern. Nun hätte ich eine Bitte, nämlich, dass sie mir zuliebe das Lied von der Nachtigall wiederholen würden: drei Erstkläss­lerinnen mit den drei ältesten Schülern im Wechsel. Wie «eine Pfirra» schossen sie auf, um zu singen, kaum hatte ich meine Bitte geäussert.

Gian hatte von Anfang an erklärt: wir wer­den vier Jahre bleiben, nämlich bis zu seiner Pensionierung. Als drei Jahre unserer Amtszeit vorüber waren, fing ich an, unruhig zu werden: wird es möglich sein, einen Ersatz zu finden? Wie könnten wir fortgehen, wenn sich kein Nachfolger finden lässt! Und siehe da, ungefähr ein Jahr vor unserem Wegzug hatte ich wieder eine «Zeitungsführung». Es wurden uns drei Exemplare des «Evangelischen Pressedienstes» als Probenummern zugestellt. Eines von ihnen blätterte ich flüchtig durch und stiess auf eine Notiz: Pfarrer Urs Steinemann gedenkt 1970 von Buenos Aires wegzugehen und in die Schweiz zurückzukehren. Ich schrieb ihm, und 14 Tage, bevor wir aus dem Rheinwald wegzo­gen, kam er mit seiner Familie bei uns an. Er übernahm das ganze Rheinwald. Am 15. Juni 1966 waren wir im Rheinwald eingezogen. Am 15. Juni 1970 verliessen wir es wieder. Der Ab­schied fiel uns nicht leicht. Zeit unseres Lebens werden wir diese vier schönen Jahre nie verges­sen. Bei der Wegfahrt hielt mein Ehekamerad mitten in der Viamala das Auto an und sagte: «Ich danke Dir vielmal, dass Du mich ins Rheinwald gelockt hast.» — Es war nach dem städtischen Kilchberg noch einmal etwas ganz anderes.

Aktiver Ruhestand

Nur — mit dem Ruhestand war es trotzdem nichts. Da Furna ausgerechnet im Herbst 1970 wieder ohne Pfarrer war, fanden sie, wir beide könnten nun doch miteinander die Gemeinde übernehmen. Wir willigten ein, obschon kurz vorher ein alter Furner zu Gian gesagt hatte, er solle ja nie die Schule übernehmen. Die Kinder seien ohne jede Disziplin. Wir waren gespannt. Aber die Schüler liebten Gian und er sie. Sie ta­ten ihm zulieb, was sie nur konnten. Als er an einem Samstag, da keine Schule war, auch die Kinderlehre ausfallen lassen wollte, baten sie ihn, doch kommen zu dürfen. Als er nicht sofort einwilligte, bat einer der «schlimmsten Schlin­gel»: «Ei bis so guat.»

Zwei Jahre später aber hatte mein Ehekame­rad solche Beschwerden, dass er sich einer Herz­operation unterziehen musste. Professor Senning setzte ihm eine neue Herzklappe ein. Furna musste wieder auf die Suche nach einem Pfarrer. Wir halfen dann noch da und dort im Predigt­dienst aus. Nachdem ich aber am 31. Dezember 1976 — 70jährig — den Silvestergottesdienst in Fideris — der Gemeinde, da mein Vater als jun­ger Pfarrer angefangen hatte — gehalten, schien es mir richtig, nun wirklich in den Ruhestand zu treten. Zudem stellten sich dann allerlei Gebre­chen ein. Und nach einer schweren Operation tröstete mich mein geliebter Ehekamerad mit ei­nem Spruch aus der frommen Helene von Wil­helm Busch: «Siehst Du, geliebter Schorsch, hier dies Gemäuer, alt und morsch.» Im Vergnügen über diesen Spruch fiel es mir leichter, «dies Ge­mäuer alt und morsch» anzunehmen, besonders wenn ich ohne Schmerzen war.

Am 7. Februar 1971 wurde den Frauen das eidgenössische Stimmrecht zugesprochen. Am 5. März 1972 bekamen wir es im Kanton Grau­bünden. Furna hatte schon am 11.Juni 1971 Gian und mir zulieb das Gemeindestimmrecht eingeführt. Als drunten im Tal ein Mann seiner Frau erzählte: «Nun hat eine Gemeinde im Prättigau das Frauenstimmrecht eingeführt», ant­wortete diese: «Das kann nur Furna sein, die müssen immer etwas Extras haben.»

Im Sommer 1978 wählte Furna einen Neger aus Ghana zu ihrem Pfarrer, der dann aber eine Provision im Unterland annahm. Kurz darauf beriefen sie eine junge Zürcher Theologin, wo­mit sich ein Kreis schloss. Sie ist nun bereits die elfte Theologin, die in die bündnerische Synode aufgenommen wurde. Dass die Synode zu Castasegna unsere Tochter Margreth zur Synodalpredigerin für das Jahr 1979 wählte, war für uns ein zusätzliches Geschenk. Auch damit schloss sich für uns wieder ein Kreis.

Die beiden Folgen «Die Pfarrerin» (Bündner Jahrbuch 1980 und 1981) erscheinen auf Ostern 1981 in Buchform im Verlag Bischofberger AG, 7002 Chur.

Quelle: Bündner Jahrbuch. Zeitschrift für Kunst, Kultur und Geschichte Graubündens, Band 22 (1980), S. 110-133 und Band 23 (1981), S. 94-112.

Hier der Text als pdf.

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