Verena Pfenninger-Stadler, Dienst an der Sache und Weiblichkeit. Ein Beitrag zur Theologinnenfrage (1931): „Die Frau, die in das Berufsleben eintritt, muss zuerst, will sie bestehen, jedenfalls die Formen übernehmen, welche sie vom Manne vorgebildet findet. Erst, wenn die Frau die volle Freiheit und Selbständigkeit in der Ausübung ihres Berufes hat, ist die Möglichkeit gegeben, dass sie, ihrer besonderen Eigenart gemäß, vielleicht einmal an neuen Gestaltungen ihres Berufes mitarbeiten kann. Solange sie, wie heute vielerorts, noch dazu gebraucht wird, dem männlichen Kollegen Handlangerdienste zu tun, ist eine solche Entwicklung einer durch die Frau beeinflußten Form des Berufes jedenfalls nicht möglich. Und eine von Anfang an gegebene Beschränkung des weiblichen Theologinnenberufes auf die für eine Frau besonders geeigneten Seiten dieser Tätigkeit ist jedenfalls nicht möglich. Die Frau kann sich doch nicht vom Manne diktieren lassen, welches die ihr besonders naheliegenden Seiten ihres Berufes sind!“

Dienst an der Sache und Weiblichkeit. Ein Beitrag zur Theologinnenfrage[1]

Von Verena Pfenninger-Stadler

Es soll hier von der Theologinnenfrage gesprochen werden unter Verzicht auf eine ausführliche Erörterung jener Einwände, die sich aus dem Wortlaut der Bibel über das Amt und die Stellung der Frau ergeben. 1. Kor. 14, 35 ist ja nicht der einzige Vers der Bibel, dessen Wortlaut einen Widerspruch zu dem anderer Stellen enthält. Solche Stellen sollten jeden Theologen zwingen, sich mit der Frage nach dem Verhältnis vom Wort zu den Worten auseinanderzusetzen. Wir Theologinnen können nur dankbar sein, daß wir dazu durch 1. Kor. 14, 35 immer wieder mit besonderer Dringlichkeit veranlaßt werden.[2]

Aber wir wollen uns heute mit jenen Einwänden auseinandersetzen, die — wie man zu sagen pflegt — aus dem „Wesen der Frau“ abgeleitet werden, die vielleicht auch theologisch begründet werden, aber nicht mit dem Wortlaut der Bibel über das Amt, sondern mit der Schöpfungsordnung. Warum, so hält man uns entgegen, meint die Frau, daß sie es in allen Dingen dem Manne gleichtun müsse? Gewiß, auch sie soll Evangelium verkündigen, wie es ja uns Christen allen aufgetragen ist. Hat uns doch schon Luther das allgemeine Priestertum aller Gläubigen gelehrt. Aber warum soll sie es in jenen Formen tun, die männlichem Wesen entsprungen sind und männlichem Wesen entsprechen? Warum soll sie, deren Kraft doch mehr auf der Seite des Gefühls und des Herzens als auf der des Verstandes und des abstrakten Denkens liegt, dasselbe angestrengte Studium durchmachen? Warum soll sie in der Öffentlichkeit auftreten, wo dies doch ihrer Art so wenig entspricht?

I.

Allen Einwänden dieser Art gegenüber muß die Frage aufgeworfen werden, ob denn die Form unserer heutigen Berufe wirklich nur eine typisch männliche ist, ob sie nicht viel mehr in erster Linie aus der Sache herausgewachsen ist.

Am leichtesten ist dieser Sachverhalt beim Studium einzusehen, und das mag mit ein Grund sein, warum die Frau bei ihrem Streben nach Gleichberechtigung in ihrer Forderung nach dem gleichwertigen Studium am wenigsten angefochten wird. Da, wo man für die Frau ein besonderes Studium einrichten will, handelt es sich doch regelmäßig um eine Herabsetzung der Anforderungen. Niemand aber, weder Mann noch Frau, wird sich, wenn es ihm im Ernst um eine Sache geht, mit etwas Halbem zufrieden geben können. Also nicht um die Nachahmung männlicher Wege handelt es sich, wenn die Frau den Weg des vollen Theologiestudiums geht, sondern darum, sich dasjenige Maß von Bildung anzueignen, das nötig ist, um die Sache zu beherrschen. Die Frau geht, um zur Sache zu gelangen, den ihr vom Manne gewiesenen Weg, den er im Laufe der langen Jahre, während welcher er allein sich mit der Sache beschäftigte, als den richtigen zu erkennen glaubte. Sollte es sich für die Theologin ergeben, daß dieser Weg der Sache nicht genügt, so wird sie sich durch die Tatsache, daß es der männliche Weg ist, nicht davon abhalten lassen, ihrerseits, vielleicht zusammen mit denjenigen ihrer männlichen Kollegen, die die Mängel ebenfalls empfinden, einen neuen Weg zu suchen.

Wenn es z. B. heute viele meiner männlichen Kollegen nicht für nötig halten, sich mit dem Studium der Philosophie oder der Arbeiterbewegung abzugeben, so sehe ich mich dadurch nicht davon entbunden, meinerseits das Studium solcher Grenzgebiete zu treiben, wenn ich glaube, daß ohne dies heute Evangelium nicht mehr wirksam verkündigt werden kann.

Viel schwieriger ist es beim praktischen Berufe, festzustellen, was aus der Sache gegeben ist und was aus der Besonderheit männlichen Wesens entspringt. Es bedarf dazu einer Besinnung darüber, was überhaupt das Pfarramt in unserer evangelischen Kirche bedeutet. Die Lehre vom allgemeinen Priestertum, wie Luther die Erkenntnis von der grundsätzlichen Gleichheit aller Christen vor Gott und dem Evangelium bezeichnete, ist eine der grundlegendsten Lehren evangelischen Glaubens. Es gibt in unserer Kirche keinen geistlichen „Stand“, daß es überhaupt Pfarrer gibt, ist allein in einer — freilich notwendigen — Arbeitsteilung begründet. Um der Ordnung willen, so sagt Luther, trägt die Kirche bestimmten Menschen auf, öffentlich in der Gemeinde das Wort Gottes zu verkündigen. Wir würden vielleicht näher begründen: Weil es bei der Verkündigung des Evangeliums um eine so ernste Sache geht, müssen wir — ob wir gleich wissen, daß wir es mit unserer Kraft nicht tun können — dennoch alle unsere menschlichen Kräfte einsetzen. Darum verlangen wir von unseren Pfarrern eine besondere, gründliche Ausbildung, der sich nicht jeder Christ unterziehen kann. Grundsätzlich aber kann und soll jeder Christ durch sein Wort und sein Leben Evangelium verkündigen.

Die besondere Aufgabe des Pfarrers ist also gerade die öffentliche Wortverkündigung, in der Predigt und im Unterricht. Dann auch die Wortverkündigung im Einzelnen, die Seelsorge in schwierigen Fällen, da, wo es vielleicht besonderer Kenntnisse bedarf (z. B. für die Auseinandersetzung mit den Sekten). Sonst ist gerade die Seelsorge das Gebiet, das ein jeder Christ am andern üben sollte. Denn über die Dinge des alltäglichen Lebens können wir am besten mit denen reden, die mit uns im täglichen Leben stehen. Die Schwierigkeit, daß heute so viele Menschen von der Kirche gar nicht mehr erreicht werden, kann nicht dadurch behoben werden, daß wir die Theologen von der Kanzel heruntersteigen lassen und sie etwa in die Fabriken und Büros schicken. Unsere Not besteht vielmehr darin, daß wir keine Laien mehr haben, keine lebendige Gemeinde, die für die Kirche arbeitet. Es gibt Dinge, die der Pfarrer nicht tun kann. Das heißt aber nicht, daß wir keine Pfarrer brauchen, sondern es heißt, daß wir auch der Mitarbeit der Gemeinde bedürfen.

Wer Pfarrer sein will, sei es Mann oder Frau, der darf sich jedenfalls der zentralsten Aufgabe des Pfarramtes, der Verkündigung des Evangeliums in der Gemeinde, nicht entziehen. Einwände gibt es hier nicht von der Person des Amtsträgers her — wer sich dazu nicht fähig fühlt, der soll eben diesen Beruf nicht ergreifen —, sondern höchstens von der Sache her. Man kann seine Zweifel haben, ob die spezielle Art, wie wir heute das Evangelium von der Kanzel her verkünden, noch wirksam ist, ob die Gemeinde das so verkündigte Wort überhaupt noch hören kann, ob wir nicht nach anderen Formen der öffentlichen Verkündigung suchen müssen. Aber man darf nicht um seiner Weiblichkeit willen noch aus irgendwelchen andern menschlichen Gründen die Forderung der Verkündigung umgehen. Wir brauchen heute, neben der lebendigen Gemeinde, auch Männer und Frauen, die zu predigen, zu unterrichten, zu leiten vermögen, die die Auseinandersetzung des Evangeliums mit den Mächten der Zeit vollziehen, indem sie es verkündigen so, wie es uns, gerade uns, gesagt ist, und wie wir es hören müssen. Und wer dazu die Gaben und die Mittel und die Fähigkeit besitzt und tut es nicht, einerlei, ob Mann oder Frau, dem ist es Sünde.

Von den andern Aufgaben des heutigen Pfarramtes, die nicht Unterricht, Predigt und Seelsorge sind, gilt dasselbe. Es ist zuerst einmal von der Sache her zu fragen, ob sie nötig sind. Erst wenn von da her das Arbeitsgebiet umgrenzt ist, läßt sich dann allenfalls fragen, in welcher besonderen Weise nun der Mann oder die Frau die Arbeit gestalten.

II.

Für eine Geschlechterpsychologie ist wohl heute der Moment noch nicht gekommen. Denn mögen auch die Einwände, die Vaerting in ihrem Buch: „Männerstaat und Frauenstaat“ gegen die übliche Geschlechterpsychologie erhebt, im einzelnen noch einer genaueren Untersuchung und Begrenzung bedürfen, so ist doch immerhin ihre Gesamtfragestellung grundsätzlich richtig: Um eine einwandfreie Geschlechterpsychologie geben zu können, müßte man erst beide Geschlechter während einer längeren Zeit unter den gleichen äußeren Bedingungen beobachten können. Soweit sind wir heute noch lange nicht. Tatsächlich haben in der jüngsten Zeit da, wo die Frau sich in der gleichen Lage wie der Mann befindet, wo sie den gleichen Grad von Bildung erreicht wie er, sich schon viele der Eigenschaften, die einst als typisch weiblich galten und vielfach immer noch gelten, verloren. Ich möchte ein Beispiel anführen. (Im übrigen sei auf Vaerting verwiesen.) Niemand wird wohl heute im Ernst mehr behaupten wollen, daß die Frau mit ihrer geistigen Fähigkeit dem Manne nicht gewachsen sei. Das haben die Frauen in der kurzen Zeit, da ihnen die Wege zur höheren Bildung offen stehen, bereits widerlegt. Aber es heißt noch immer, daß eben doch das Gebiet des Fühlens, der intuitiven Schau, das Herz, das eigentliche Gebiet der Frau sei, während dem Manne mehr die Sphäre des Intellekts, des logischen Denkens, liege. Und doch ist leicht zu sehen, wie sehr gerade diese Beurteilung der Frau durch die historische Lage bedingt sein kann. Was blieb der Frau denn übrig, so lange ihr die Wege zur höheren Bildung verschlossen waren, als ihr Gefühl und ihr Gemüt zu entwickeln? Es ist wohl eher berechtigt, angesichts dieser Lage die Frage zu erheben, ob wir hier nicht einfach die Entwicklung unseres modernen Lebens, das auf die eine Seite die Häuslichkeit mit ihrer Gemütlichkeit und Wärme, auf die andere Seite das Berufsleben mit seiner „Logik“, seiner Berechnung stellt, dadurch sanktioniert haben, daß wir das eine Gebiet der Frau, das andere dem Manne zuwiesen, und ob es nicht an der Zeit wäre, die Verkehrtheit dieser Entwicklung einzusehen und nach einer neuen Verbindung des willkürlich und zu Unrecht Getrennten zu suchen.

Unter den Studierenden, wo Mann und Frau unter den gleichen Bedingungen arbeiten, finden wir bei beiden Geschlechtern beides, strenge Sachlichkeit und wissenschaftliches Denken sowohl wie Unfähigkeit zu sachlichem, wissenschaftlichem Arbeiten. Die Veranlagung zur Wissenschaft sowohl wie zu denjenigen Berufen, die eine mehr gefühls- und phantasiemäßige Einstellung verlangen, beruht nicht auf dem Geschlecht. Es berührt einen als Frau immer merkwürdig, wenn man, besonders von männlicher Seite, Eigenschaften und dann auch bestimmte Lebensgebiete als besonders weiblich preisen hört, zu denen man sich nicht hingezogen fühlt, ja, gegenüber denen man geradezu Abneigung empfindet, — und wenn dann solche Feststellungen von theologischer Seite am Ende gar noch mit der Schöpfungsordnung begründet werden. Man hat dann nur die Wahl, entweder auf seinen Anspruch, Frau zu sein, zu verzichten, oder dann, ein für allemal, gegenüber allen solchen Behauptungen — und also auch gegenüber gewissen Theologien — im höchsten Grade skeptisch zu werden. Und da man das erstere doch wohl nicht kann, wird man sich eben für das zweite entschließen!

III.

Ist es heute noch nicht möglich, eine einwandfreie, allgemeingültige Geschlechterpsychologie zu finden — und es ist fraglich, ob es jemals ganz möglich sein wird —, so ist es immerhin möglich, die tatsächliche Situation, so, wie wir sie vor uns haben, zum Wohle aller auszunützen. Wir verzichten aber darauf, festzustellen, wie viel davon historisch bedingt ist, und was wirklich auf einem auf der verschiedenen Natur der Geschlechter bestehenden Wesensunterschied beruht.

Und das heißt dann: es ist nicht notwendig, daß die Frau, die in einem bestimmten Moment der Entwicklung ins Berufsleben des Mannes eintritt, alle Fehler desselben, die sich im Lauf der Entwicklung herausgebildet haben, mitübernimmt. Sie ist z. B. dadurch, daß sich ihr Leben bis jetzt vorwiegend in der Familie abspielte, vor der falschen, einseitigen Versachlichung mehr als der Mann bewahrt geblieben. Zusammen mit denjenigen ihrer männlichen Kollegen, die diesen Mangel auch empfinden, wird sie daher, wenn sie nun ins Berufsleben tritt, den Kampf gegen die falsche Versachlichung, gegen die Mechanisierung — nicht des Arbeitsvorganges, sondern des Geistes — aufnehmen.

IV.

In welcher Weise kann nun die Frau, die in den Pfarrerberuf tritt, durch ihre besondere Lage dem Berufe dienstbar sein? Das Amt des Pfarrers gehört zu denjenigen Berufen, die von der Versachlichung und Entmenschlichung unseres Berufslebens am wenigsten betroffen sind. Aber es gibt doch einen Ort, wo ihn die Mitarbeit der Frau vor der Gefahr einer Entgleisung bewahren kann, nämlich beim Kampf des Pfarrers um die grundsätzliche Profanität seines Berufes.

Der Pfarrer ist nicht mehr als ein gewöhnlicher Christ. Seine besondere Arbeit läßt sich, entsprechend unserer Auffassung vom allgemeinen Priestertum, nur mit einer Arbeitsteilung begründen. Aber es besteht für ihn beständig die Gefahr, daß er, infolge der besonderen Ehrfurcht, die die Gemeinde dem Worte Gottes, welches er verkündigt, entgegenbringt, selber doch wieder in eine besondere Stellung gerät. Wo aber Mann und Frau zusammen arbeiten, da ist die Gefahr einer solchen Besonderung, eines Sichloslösenwollens und Sichloslösenkönnens vom Konkret-menschlichen, und also auch vom Menschlich-gebrochenen, geringer. So wird z. B. das Pfarramt dadurch, daß es ein rein männlicher Beruf ist, für die weiblichen Gemeindeglieder in unerreichbare Ferne gerückt und eben damit diese Gefahr bestärkt. Die Theologin steht ihnen menschlich näher. Sie, die, einfach Frau, wie jene, kommt und das Evangelium verkündet, ist nicht von einem Nimbus hoheitsvoller Ferne umgeben. So bildet sie eine Brücke nach der einen Seite der Gemeinde und trägt dazu bei, jenen unheilvollen Abstand zwischen der Welt des Pfarrers und den andern Gebieten menschlichen Lebens, von dem wir am Anfang sprachen, zu überbrücken. Sie tut es, nicht indem sie etwas anderes macht, etwa indem sie, neben ihrem theologischen Amt, auch noch ihre Kenntnisse im Haushalt verwertet, das wäre so falsch, wie wenn der Pfarrer meint, in die Fabrik gehen zu müssen. Sondern ganz einfach, indem sie ihre Arbeit, genau dieselbe Arbeit, welche der Pfarrer leistet, als Frau tut.

Ob sich später, unter Mitwirkung der Frau, besondere Formen der Wortverkündigung ausbilden werden, die vielleicht gerade ihrem Einfluß zuzuschreiben sind, läßt sich jetzt noch nicht sagen. Die Frau, die in das Berufsleben eintritt, muß zuerst, will sie bestehen, jedenfalls die Formen übernehmen, welche sie vom Manne vorgebildet findet. Erst, wenn die Frau die volle Freiheit und Selbständigkeit in der Ausübung ihres Berufes hat, ist die Möglichkeit gegeben, daß sie, ihrer besonderen Eigenart gemäß, vielleicht einmal an neuen Gestaltungen ihres Berufes mitarbeiten kann. Solange sie, wie heute vielerorts, noch dazu gebraucht wird, dem männlichen Kollegen Handlangerdienste zu tun, ist eine solche Entwicklung einer durch die Frau beeinflußten Form des Berufes jedenfalls nicht möglich. Und eine von Anfang an gegebene Beschränkung des weiblichen Theologinnenberufes auf die für eine Frau besonders geeigneten Seiten dieser Tätigkeit ist jedenfalls nicht möglich. Die Frau kann sich doch nicht vom Manne diktieren lassen, welches die ihr besonders naheliegenden Seiten ihres Berufes sind!

Jede Einwirkung weiblicher Eigenart auf die besondere Gestaltung des theologischen Berufes steht aber, das sei noch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt, unter der Einschränkung, daß sie in strengster Unterordnung unter die Sache geschieht, daß also der Dienst an der Sache durch solches Nachgeben an die persönliche Art nicht benachteiligt, sondern vielmehr gefördert wird.

Wollte die weibliche Eigenart aus einem anderen Grunde als im Interesse der Sache sich geltend machen, etwa nur deshalb, um eine besondere Form des weiblichen Pfarramtes neben dem männlichen zu haben, dann wäre sie dem Gericht verfallen, unter das innerhalb des Christentums alles Menschliche, sofern es sich selber will, gestellt ist. Nicht nur, weil wir heute noch nicht wissen können, was männliche und was weibliche Eigenart ist, lehnen wir eine besondere Gestaltung des Pfarramts nach weiblicher Eigenart ab, sondern weil ein jedes Suchen seiner selbst, sei es seiner Weiblichkeit oder irgend einer andern Seite menschlicher Persönlichkeit, an sich schon unter das Gericht fällt. In dieser strengen Sachbezogenheit gerade wird die Weiblichkeit ohne unser Zutun hindurchbrechen, aus ihr heraus wird sich schließlich allein feststellen lassen, was Weiblichkeit ist, weil nur in solcher Sachbezogenheit alles Gewollte und Selbstgemachte, alle Bildung weiblicher Eigenart nach eigenen Vorstellungen vermieden werden wird. Sollte aber einmal um dieser Sache willen dies oder jenes von dem, was wir heute für Weiblichkeit halten, fallen müssen, so wird das kein Schade sein. Denn das fällt dann unter jenes Sterben des natürlichen Menschen, das an uns geschehen muß, damit der neue Mensch, der Mensch jener zukünftigen Welt, in der es weder Mann noch Weib gibt, in der sie weder freien noch sich freien lassen, in uns lebendig werden kann.

Quelle: Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus, Band 25 (1931), Heft 9, S. 401-407.


[1] Dieser Beitrag ist, wie mancher andere, weil er nicht Gefahr lief, rasch zu veralten, ob dem Ansturm des unmittelbar Dringlichen allzulange zurückgestellt worden, wofür ich um Entschuldigung bitte. D. Red.

[2] Vgl. dazu die in der letzten Nummer der „Christlichen Welt“ (3. Mai 1930) erschienene, ausgezeichnete Abhandlung: „Die Frau schweige in der Gemeinde“ von H. Windisch.

Hier der Text als pdf.

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