DIE BEDEUTUNG DES GOTTESDIENSTES
William H. Willimon
(Diese Predigt ist ein Dialog zwischen einem Pastor und einer Clown-Figur. Der Clown trägt weiße Overalls und sein Gesicht ist traditionell geschminkt.)
Pastor: Heute möchte ich mit euch darüber sprechen, was es bedeutet, Gott zu verehren –
Clown: Halt! Halt! (kommt den Mittelgang entlang) Sorry, dass ich zu spät bin. Mal sehen, wo gibt’s hier gute Plätze? Oh, hier vorne gibt’s noch jede Menge. (Schaut zum Pastor hoch) Warum sitzen die alle da hinten? Hier vorne gibt’s doch gute Plätze! Na gut. (Setzt sich hin)
P: (fährt sehr nervös fort) Wie gesagt, heute wollen wir darüber nachdenken, was es heißt, Gott zu verehren.
C: Mach ruhig weiter. Du hast das Wort. Sag, was du willst. (Schaut zur Gemeinde) Wir halten ihn nicht auf, oder? Mach du mal weiter!
P: (etwas verärgert) Danke sehr.
C: Bedank dich nicht bei mir! Die haben dir die Kanzel gegeben, nicht mir. Die zahlen ja auch. Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte ich lieber einen Film gesehen oder ein Theaterstück oder was mit etwas mehr Schwung – aber sie wollten dich, also los!
P: Das werde ich!
C: Hab ich mir gedacht.
P: (laut) Heute denken wir darüber nach, was es heißt, Gott zu verehren. Denn wahre Anbetung ist mehr, als sich hier in dieser schönen Umgebung zu versammeln und—
C: Sag mal! Der Laden hier ist echt schick! Wem gehört der eigentlich? Ist das dein Gebäude? Stehst du deshalb da oben? Dein Name steht jedenfalls draußen auf dem Schild.
P: Nein. Natürlich nicht.
C: Dann gehört das denen da, richtig? (zeigt zur Gemeinde) Wer von euch hat den Teppich ausgesucht?
P: Nein. Es ist irgendwie ihr Gebäude, aber nicht ganz.
C: Wer hat’s bezahlt?
P: Also, wir haben das bezahlt.
C: Dann gehört’s euch.
P: Nein, nein. Man kann doch keine Kirche besitzen!
C: (lacht) Ich wette, wenn sie’s bezahlt haben, denken sie, sie besitzen es auch. Stimmt’s da draußen? Versuch nur mal, ein paar von ihnen zu verärgern, und du wirst sehen, wem das hier wirklich gehört! Dann schaut bald ein neues Gesicht von da oben runter!
P: Das hier ist Gottes Haus. Das ist seine Kirche.
C: Ach so. Gott leitet den Laden. Sind wir eingeladen worden?
P: Ja, natürlich. Wir sind hier, um ihn zu verehren.
C: Ihn zu verehren, ihn zu verehren. Was soll das heißen?
P: Ich bin froh, dass du das fragst. Wenn du dich jetzt setzt, kann ich mit der Predigt fortfahren und erklären, was das bedeutet!
C: Okay, okay.
P: Anbetung bedeutet – in den Worten des Westminster-Bekenntnisses – „Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.“
C: Das meinst du nicht ernst! Was für ein Witz! Sich an ihm erfreuen? Ha! Schau dir mal die da draußen an! (zeigt zur Gemeinde) Sehen die aus, als hätten sie an irgendwas Freude? Mann, schau dir diese Gesichter an! Wenn das Freude ist, dann habt ihr eine echt merkwürdige Vorstellung davon, wie man Spaß hat! Und euer Gesang vorhin – den hätte man hören sollen! (geht zur Mitte des Chorraums und imitiert langsam und eintönig:)
„Lob Gott, den Herrn, den mächtigen König der Ehren…“
Ich hab schon auf einer Beerdigung mehr Freude gehört!
P: Vielleicht hättest du mehr davon gehabt, wenn du etwas mehr Würde und Ehrfurcht gezeigt hättest.
C: (geht zur Kanzel) Würde? Lieber Himmel, ihr habt auf jeden Fall Würde! Da stimme ich dir zu. Wenn Gott Steifheit, Langeweile und (hebt die Nase) W-Ü-R-D-E mag, dann liebt er das hier bestimmt! (geht zum Lesepult, blättert in der Bibel) Aber wie wär’s hiermit? (liest laut und mit Begeisterung:)
„Halleluja! Lobt Gott in seinem Heiligtum!
Lobt ihn mit Posaunenklang, lobt ihn mit Harfe und Zither!
Lobt ihn mit Tamburin und Reigen, lobt ihn mit Saitenspiel und Flöte!
Lobt ihn mit hellen Zimbeln, lobt ihn mit schallenden Zimbeln!
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“
Das klingt für mich gar nicht würdevoll. Da wär ich heut Morgen lieber in der Kirche gewesen. Vielleicht nicht so würdevoll, aber bestimmt lustiger!
P: Dann wärst du vielleicht woanders besser aufgehoben. Ich hab genug von deinem Benehmen. So ein Verhalten sind wir hier nicht gewohnt. Ich werde die Ordner rufen und dich entfernen lassen—
C: Oh-oh-oh! (droht dem Pastor mit dem Finger) Mal langsam! Das kannst du nicht so einfach.
P: Und warum nicht? Das ist meine Kirche. Ich habe hier das Sagen.
C: Ach so, dann vielleicht doch. Aber ich dachte, du hast eben gesagt, das hier gehört Gott?
P: Ja, aber—
C: Dann bist du nur der Rausschmeißer, oder? Du solltest dir gut überlegen, wen du hier rauswirfst. Immerhin – ihn haben sie auch mal rausgeworfen.
P: Ihn?
C: Ja. Ihn! (geht zur Bibel und liest aus dem Lukasevangelium🙂
„Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging am Sabbat, wie er es gewohnt war, in die Synagoge. Und er stand auf, um vorzulesen…“
Quelle: J. Killinger (Hg.), The Eleven O’clock News and Other Experimental Sermons, Nashville: Abingdon, 1975, S. 25–27.