Von Martin Niemöller
„Und Jesus ging umher in alle Städte und Märkte, lehrte in ihren Schulen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte allerlei Seuche und allerlei Krankheit im Volke.
Und da er das Volk sah, jammerte ihn desselben; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.
Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende.“ Matth. 9,35—38
Beim Anhören dieses Evangeliums ersteht ein Bild vor unsern Augen; und dies Bild stimmt merkwürdig überein mit der Wirklichkeit, die uns umgibt. — Wir sehen den Menschen in seiner Ratlosigkeit, der nicht weiß, was er tun soll, und darum der Unterweisung bedarf; wir sehen den Menschen zwischen Angst und Hoffnung, der nicht, mehr weiß, was Freude heißt, und deshalb nach einem Wort hungert, das ihn frohmachen soll; wir sehen den Menschen unter der erdrückenden Last körperlicher Not und Krankheit, die er nicht tragen und auch nicht loswerden kann. — Und alsbald wird uns auch klar, daß alle diese einzelnen Menschen nun eben doch keine Einzelfälle darstellen: daß es die Massen sind, die unter ihrem Elend seufzen; daß es das ganze Menschengeschlecht ist, das vergebens nach Freude und Zuversicht verlangt; daß das Volk, die menschliche Gesellschaft hierhin und dahin auseinanderläuft und den Weg verloren hat. — „Verschmachtet und zerstreut, wie die Schafe, die keinen Hirtenhaben!“—
Sagen wir’s nur ehrlich und geben wir’s ruhig zu. Wir haben Angst vor diesem Bild! Es ist ja nicht so, daß wir es in der kühlen Ruhe des unbeteiligten Zuschauers betrachten könnten; und es gibt auch nicht mehr viele unter uns, die all dies Leiden nur mit einem warmherzigen Mitleid anschauen und mit dem ehrlichen Wunsch zu helfen, wie das seit Generationen unter Christenmenschen die Regel gewesen ist, und wie das in mannigfachen Werken christlicher Armenpflege und Liebestätigkeit seinen Ausdruck gefunden hat und noch findet. — Dies Bild steht uns nicht mehr als blasses Bild gegenüber: es ist Wirklichkeit geworden, eine Wirklichkeit, die ihre Arme nach uns ausstreckt und die uns umfaßt. — Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen; wir selber hungern nach Freude und Zuversicht“ wir schleppen uns dahin unter dei Last eines Elends, das uns erdrücken will. — Und deshalb haben wir Angst: wir gehören ja selbst dazu: „Verschmachtet und zerstreut wie die Schale, die keinen Hirten haben!“ —
Noch vor einem knappen Menschenalter war es üblich, mit dem Hinweis auf das menschliche Elend die christliche Gemeinde zur Aktivität, zur Tat und Hilfe aufzurufen; und immer wieder hab man es der Christenheit einzureden und einzuprägen versucht, daß die Ratlosigkeit, die Angst und die Not der Menschen für die Kirche die große Gelegenheit sei. Hier und da kann man auch heute noch solche Stimmen vernehmen, und sie erwecken den Anschein, als sei nun die Stunde für das Christentum gekommen, nachdem alle anderen Hoffnungen zuschanden geworden sind. — Wer von uns hat denn nicht darauf gewartet, daß nach dem allgemeinen Bankrott eine große Erweckung aufbrechen sollte, und daß die Welt jetzt endlich erkennen mußte, daß es nur noch einen einzigen, den Weg der Rettung gibt! — Aber wir haben vergebens gewartet, und unsere Hoffnungen sind ebenfalls zuschanden geworden. — Wir haben schlecht und recht versucht, der allgemeinen Not im Rahmen des uns Möglichen abzuhelfen, und unsere Leistungen können sich neben dem, was Menschen sonst geleistet haben, wohl sehen lassen; wir haben auch Anstrengungen gemacht, um der Ratlosigkeit mit wohlgemeinten guten Ratschlägen zu steuern und der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen, und auch das ist nicht völlig umsonst geblieben; wir haben uns endlich darum gemüht, den Bekümmerten Trost, und den Verzweifelnden Hoffnung zu bringen, und vielleicht ist es uns hier und da sogar gelungen. — Die „große Ernte“ jedoch ist ausgeblieben; und wir haben sie jedenfalls nicht eingebracht. — Im Gegenteil, wir Christen stehen ärmer und schwächer da denn zuvor, selber ohne klare Wegweisung, selber ohne rechte Freudigkeit, selber nach Hilfe und Rettung ausschauend: selbst vollem Furcht vor dem, was kommen mag! —
Es war wohl notwendig, daß diese Enttäuschung kam, sonst wären wir ja wirklich einer Täuschung erlegen! Oder haben wir uns etwa nicht eingebildet, daß wir Christen nach allem Druck und nach aller Verfolgung der letzten Jahre nun endlich zum Zuge kommen würden, und daß wir nun, nach langem Mühen und Warten ernten dürften — für uns?! Und ist das nicht am Ende noch immer unser geheimer Wunsch?! — Wenn es aber so um uns steht, dann wird Gott uns noch weitet enttäuschen müssen, bis uns auch die letzte Selbsttäuschung vergeht!
Gewiß: „Die. Ernte ist groß;“ aber diese Ernte, die eingebracht werden soll, ist nicht unsere Ernte sondern „seine. — Gottes — Ernte“. — Wir haben gar nichts zu ernten und zu erben, wenn es ratlos und trübe und elend in der Menschenwelt aussieht und zugeht. Und, wenn die Massen „verschmachtet und zerstreut“ umherirren, wie die Schafe, die keinen Hirten haben“, dann ist das noch lange keine Gewähr dafür, daß es nun bald anders und besser wird, und daß sie dann ausgerechnet zu uns kommen werden, um Rat und Trost und Hilfe zu suchen! — Aber wenn es so weit gekommen ist — und heute ist es ja zweifellos an dem —, dann sucht Gott Arbeiter, weil Er eine „große Ernte“ halten will. — Dann schlägt Gottes Stunde; und wir dürfen gewiß sein, daß sie heute geschlagen hat! Sic ’schlägt immer und überall, wo Menschen keinen Rat mehr wissen, nicht weil sich die Menschen in ihrer Ratlosigkeit schließlich zu Gott hinkehren, sondern weil Gott sich zu uns Menschen gekehrt hat in dem. der den Namen trägt: „Wunderbar-Rat“. Und diese Stunde schlägt dort,, wo Manschen im Elend versinken; nicht weil Nd beten lehrt, sondern weil Gott den gesandt hat, der „Kraft-Held“ heißt. Und diese Stunde ist da, wo Menschenkinder an sich und der Welt verzweifeln müssen, und nicht, weil sie dann doch noch im letzten Moment einen Ausweg finden, sondern weil der Retter da ist, der „Ewig-Vater“, und frohe Kunde bringt- „Wer mich sieht, der sieht den Vater!“ —
So geht Jesus umher unter den Menschen: er lehrt die Ratlosen, er heilt die Elenden, er bringt die Freudenbotschaft für die Verzweifelnden. — Und er ist der „Friede-Fürst“, der gute Hirte, der die verschmachtete und zerstreute Herde zusammenhängt und weidet. — Wo Jesus Christus zu den Menschen kommt, wo in ihm das Erbarmen Gottes die Menschen sucht und ruft, da geht Gottes große Ernte an. — Und dazu braucht es nun Arbeiter! Denn Jesus Christus kommt dadurch zu den Menschen, daß er verkündigt wird, von Menschen verkündigt wird zu Menschen. Wo das geschieht, da wird er selber gegenwärtig in Gericht und Gnade, zum Glauben oder zum Unglauben; da fällt die Entscheidung; da wird es offenbar, was Weizen und was Unkraut ist: Christus verkündigen, das heißt Arbeiter sein in der Ernte Gottes!
Ob es heute noch stimmt, daß „der Arbeiter wenige sind“, wie Jesus es hier zu seinen Jüngern sagt? — Ob das noch gilt im Zeitalter der Mission und der Ökumene, da es kaum noch ein Fleckchen auf der weiten Erde gibt, wo sein Name nicht genannt und ausgerufen wird?! — Aber so dürfen wir wohl nicht fragen; sondern die Frage, die uns gestellt ist, lautet: ob eigentlich den Menschen, die sich selber keinen Rat mehr wissen und die sich selber nicht mehr helfen können und die im Abgrund der Verzweiflung versinken, ob den Menschen, die wie verschmachtete und zerstreute Schafe dahinleben und dahinsterben — ob ihnen Jesus Christus so bezeugt und verkündigt wird, daß sie sich für oder gegen ihn entscheiden müssen? — Wohlgemerkt: es handelt sich nicht darum, daß die Menschen sich für oder gegen uns entscheiden, daß sie unsere Meinungen, Gedanken und Programme annehmen oder ablehnen, auch nicht unsere angeblich oder wirklich christlichen Meinungen, Gedanken und Programme, sondern ihn selber, ihren Heiland und Herrn! — Und solcher Arbeiter, die das recht verkündigen, die ihn recht bezeugen, deren gibt es jedenfalls bei weitem nicht genug; und deshalb kommt Gottes Ernte in unsern Tagen nicht herein! Und darin liegt heute die Not der Menschheit wie der Kirche beschlossen.
Dabei fehlt es gar nicht am guten Willen; trotz allen guten Willens bringen wir’s einfach nicht zustande. Denn wir wissen nicht, wie wir die Menschen so anreden sollen, daß es ihnen im Herzen deutlich und im Gewissen zwingend wird; wir haben die Botschaft nicht so, daß wir sie aussprechen könnten. — Wir wissen alles und haben’s doch nicht verfügbar. Und darum hilft es nichts, daß wir zu allem Dienst und zu jedem Einsatz bereit sind; wir werden nicht Gottes Erntearbeiter durch unsere Bereitschaft! — sondern nur durch Gottes Bevollmächtigung! Wir können tausendmal Jesus Christus sagen, und das Wort bleibt tot, das aus unserem Munde kommt; und wenn wir’s ein einziges Mal in der Vollmacht Gottes, d h. im Heiligen Geist aussprechen, dann versetzt es Berge. — Es geht also nicht darum, daß wir uns freiwillig melden, sondern daß Gott uns sendet; es geht nicht darum, daß wir ans Werk gehen, sondern daß wir den Herrn der Ernte bitten, daß er uns ans Werk stellt. — Wenn unserer Kirche heute eins vor allem anderen fehlt und nottut, dann ist es das demütige, schlichte, und dringende Gebet, Gott möchte doch sein Wunder an uns und durch uns geschehen lassen, daß wir für eine Menschenwelt, die am Ende ist, Boten seines Heils werden, damit seine große Ernte eingebracht werde! —
Wo Gott solches Gebet erhört, da wird dann freilich vieles anders und alles neu werden. Da werden wir nicht mehr davon träumen, daß wir mitten im Elend der Welt einer herrlichen Zeit für die christliche Gemeinde warten dürften; da wird uns vielmehr das Herz brechen über diesem Elend der Menschen um uns. her, wie es von Jesus heißt: „Ihn jammerte des Volkes.“ — Und dann werden wir nicht warten, daß sie mit ihrem Elend zu uns kommen, und dann werden wir unsere Zeit nicht damit zubringen, für diesen Fall unsere Rezepte vorzubereiten, und dann werden wir uns nicht dabei beruhigen, daß wir eine Hilfe bereit haben für den Fall, daß sie sich endlich einmal an uns wenden. Da werden wir uns aussenden lassen — „hinauswerfen lassen“, wie es im Text eigentlich heißt — aus unserer selbstzufriedenen Ruhe, hinein in seine Ernte, die ja darauf wartet, daß die Arbeiter zu ihr kommen. Da werden wir die Brüder in ihrer Ratlosigkeit aufsuchen, wie Jesus von Nazareth das tat, als er in ihre Synagogen ging und sie lehrte; da. werden wir die Botschaft von der Königsherrschaft Gottes zu ihnen bringen, damit das Licht der Freude in das Dunkel ihrer Verzweiflung fällt; da werden wir Leid und Elend mit ihnen teilen und tragen, wie er es tat, und werden nicht mit dem Priester und Leviten vorübergehen oder sie mit Almosen abspeisen. Da wird die Gemeinde wirklich Herde dieses einen Hirten werden und dann auch als eine Stadt auf dem Berge nicht verborgen bleiben können.
„Die Ernte ist groß.“ — Wenn Gott seine Kirche, die er so gnädig bewahrt und so reich gesegnet hat, heute mit ihrem Werk nicht weiter – kommen läßt, dann geschieht das dazu, daß wir’s hören sollen: „Bittet den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter in seine Ernte sende!“ — und dazu, daß wir’s auch tun: „Hier bin ich, sende mich!“ Amen.
Gehalten am 31. Juli 1949 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover.
Kirchliches Jahrbuch 1949, S. 59-63.