Der Raum baut meine Seele. Von der Bedeutung und Funktion von Kirchenräumen in unserer Zeit
Von Fulbert Steffensky
Der Kirchbau lebt von dem Reichtum jener anderen Kirche, die das Volk Gottes ist. Die Kirchen leiden auch als Bauten am Verrat jenes Volkes. Ob wir Kirchen bauen können und ob diese Bauten einleuchtende und verstehbare Zeichen des Geistes Christi sind, hängt davon ab, ob jenes Volk Gottes ein lesbares Zeichen jenes Geistes ist. Es ist also nicht nur eine ästhetische Frage, ob uns Bauten gelingen, es ist eine Frage des Geistes, der uns treibt. Wer sind wir als Kirche? Ist der Horizont der Bibel noch im Horizont unserer real existierenden Kirche zu erkennen?
Das Neue Testament denkt von unten. Es denkt von den Kranken, die des Arztes bedürfen. Es denkt von den Armen her, die des Rechtes bedürfen. Woher denken unsere Kirchen? Wer sind ihre Adressaten? Ist es eine bürgerlich-kleinbürgerliche Schicht oder sind es die Armen einer Gemeinde, einer Stadt, eines Landes? Wie ist es mit dieser grundlegenden Nota Ecclesiae?
Unsere Kirchenräume sind in einem Zeugen der Heiligkeit des Geistes und sie sind Zeugen des Verrats. Viele unserer Bauten sind nicht zur Ehre Gottes gebaut. Sie sind manchmal Selbstdarstellungen der Macht. Es gibt Kirchen von brutaler Stimmigkeit, die nicht Zeugen der Schönheit Gottes sind, sondern Zeugen des geraubten Gutes der Armen. Wir haben Kirchen, die nicht Gott verherrlichen, sondern in denen sich Kaiser, Könige, Päpste, Fürsten, Gilden, Geschlechter selbst verherrlicht haben.
Wozu brauchen wir die Entäußerung des Glaubens in Räume und an Orte, in Zeiten und Rhythmen, in Begehungen, in Formen und Formeln? Bürgerlich-protestantische Traditionen verlegen alles Wesentliche des Menschen in sein Inneres, sein Herz, in sein Gewissen, in seine Seele. Alles Äußere steht unter dem Verdacht, Äußerlichkeit zu sein, Unwesentliches oder gar Abfall und Verderben. Äußerlichkeit werfen idealistische Protestanten oft den Katholiken vor, und sie verkennen, dass das Äußere die gestaltete Seele ist. Wir glauben, beten und hoffen nicht nur mit unseren Herzen. Wir glauben, indem wir uns bezeichnen. Wir glauben, indem wir einen Ort aufsuchen, der verschieden ist von allen anderen Orten. Wir lesen den Glauben vom gestalteten Raum in unser Herz hinein – vom Altar, von den Bögen, von den bezeichneten Schwellen, von den Fenstern, vom Kreuz und von der Ikonostase. Wir lesen unseren Glauben von den fremden Formeln der Psalmen, des Glaubensbekenntnisses und der Lieder Paul Gerhardts in uns hinein. Wir brauchen uns nicht in der Kargheit unserer eigenen inneren Existenz zu erschöpfen.
Der Raum baut meine Seele. Die Äußerlichkeit baut an meiner Innerlichkeit. Das ist die Erkenntnis eines älter gewordenen Glaubens. Jeder junge Glaube zweifelt mit prophetischer Geste an diesem Satz. Jeder Anfang und jede Bekehrung erzeugt einen antiritualistischen Impuls. Alle Anfänge stürmen die alten Bilder, Einrichtungen und Inszenierungen. Nicht die Äußerlichkeiten entscheiden über den Menschen, sondern sein Herz. Und so fegt der junge Glaube im Sturm der Bilder alle Aufbauten hinweg. Die Welt ist sein, sagt dieser junge Glaube. Eine besondere Stätte, eine besondere Zeit oder ein besonderes Haus ihm zuzusprechen, bedeutet die Leugnung seiner Universalität und der Heiligkeit aller Zeiten und Orte. Aber es gibt nicht nur deren Wahrheit. Es gibt auch die Wahrheit jenes älteren Glaubens, der die Orte, Räume, Zeiten sich als Zeugen sucht.
Im heiligen Raum muss ich nicht eloquent sein
Jeder Kirchenraum ist dunkel von der Patina der Seufzer, der Gebete, der Zweifel, der Hoffnung der Toten. Eine Tradition haben heißt, an die Stelle der Toten treten, nicht nur um ihre Aufgaben zu übernehmen, sondern um Anteil zu gewinnen am Glauben und an der Hoffnung dieser Toten. Eine Kirche ist nicht schon dann eine Kirche, wenn sie fertig gestellt und eingeweiht ist. Eine Kirche wird eine Kirche mit jedem Kind, das darin getauft ist; mit jedem Gebet, das darin gesprochen wird, und mit jedem Toten, der darin beweint wird. Sie ist kein Kraftort, aber sie wird ein Kraftort, indem Menschen sie heiligen mit ihren Tränen und mit ihrem Jubel. Ich muss im heiligen Raum nicht eloquent sein. Ich muss mir nicht in Dauerreflexion und -beredung sagen, wer ich bin; was der Sinn und das Ziel des Lebens und des Sterbens ist. Der Raum redet zu mir und erzählt mir die Geschichte und die Hoffnung meiner toten und lebenden Geschwister. Und so baut er an meinen Wünschen und an meinen Lebensvisionen. Es ist kein ästhetisches Urteil, wenn ich sage, dass alte Kirchen mir lieber sind als die neuen. Alte Kirchen haben mehr Vergangenheit, sie erzählen mehr.
Der heilige Raum arrangiert meine Gebete
Der Kirchenraum arrangiert uns und bringt uns in eine Rolle: Dort sind wir die Beter, die Hörer; wir sind die Singenden und die Nachdenklichen. Wir sind es anders als zu Hause im Wohnzimmer oder im Arbeitszimmer. Räume bauen an unserer Innerlichkeit. Darum sprechen wir dort anders, verhalten uns anders, werden ruhiger oder auch unruhiger durch die Ruhe der Räume. Räume erbauen uns, wenn wir uns erbauen lassen.
Der heilige Raum ist der fremde Raum, nur in der Fremde kann ich mich erkennen
Der Raum erbaut mich, insofern er anders ist als die Räume, in denen ich wohne, arbeite und esse. Ich kann mich nicht erkennen: Ich kann mir selbst nicht gegenübertreten, wenn ich nur in Räumen und Atmosphären lebe, die durch mich selbst geprägt sind, die mir allzu sehr gleichen und die mich wiederholen. Kirchen heilen, insofern sie nicht sind wie wir selber. Ich vermute, dass die Fremdheit eines Raumes vor allem durch seine Langsamkeit hergestellt wird. Eine Kirche wird also gerade nicht ein Exzitations- und Erlebnisraum sein, sondern ein karger Raum, ein präziser Raum; ein Raum, der mit geringen Mitteln arbeitet, ein Raum der Disziplin. ein Raum, der sich wehrt gegen die Superlative, von denen wir täglich umgeben sind.
Das eine Gegenteil dieser produktiven Fremdheit ist Gemütlichkeit, das andere Exzitation. Exzitation gibt es nicht nur als modische, es kann sie auch als herkömmliche geben. Ich denke an gewisse Barockkirchen, die in einer religiösen Dauerexzitation bestehen. Ich habe in solchen Räumen immer das Gefühl, ich müsste dort wenigstens ein unanständiges Graffito anbringen, damit das religiöse Fortissimo unterbrochen wird. Man kann nicht lange auf den höchsten Ebenen verweilen, ohne banal zu ¡werden. In solcher Übersymbolisierung nimmt ein Zeichen dem anderen die Sprache und bringt es zum Verstummen.
Stil braucht Ruhe und Langsamkeit. Etwas weglassen können gehört zur hohen Kunst der religiösen Sprache, der Predigt, des Gottesdienstes und der Räume, in denen er stattfindet.
Eine Kirche ist ein Raum des Hörens
Über weite Strecken im Gottesdienst hören wir zu. Wir hören die Orgel, wir hören die Geschichten, wir hören die Predigt. Ein guter Raum verhilft zu einer anderen Weise des Hörens, als wir es aus einem Vortragssaal gewohnt sind. Das Hören ist meditativer.
In allen Grundsituationen seines Lebens kommt der Mensch nicht mit der puren Sagbarkeit aus. Die Sprache selber drängt in die Bilder. In der Bedrohung des Lebens reden wir von der anderen Stadt, in der alle Tränen abgewischt sind und in der der Tod nicht mehr sein wird noch Leid noch Geschrei. Die Sprache verliert ihre Begrenzung und fängt an zu fliegen.
Ich habe bisher vor allem die Kirche als Ort des Gottesdienstes bedacht, ich habe also vor allem ihren Innenraum gewürdigt. Aber die Kirche ist sichtbar in der säkularen Stadt. Ein Mittel, einer Idee die Legitimität abzusprechen, ist, ihr die Sichtbarkeit zu verbieten. So ist es geschehen mit einigen reformierten Kirchen in lutherischen Städten, etwa in Lübeck. Sie durften zwar gebaut werden, aber sie durften sich nicht von Wohnhäusern unterscheiden. Zunächst ist es für die Kirche selber lebenswichtig, sich darzustellen und ein öffentliches Gesicht zu bekommen. Man wird auch, indem man sich vor anderen zeigt, ich werde der, als der ich mich bezeuge. Wahrheit braucht Öffentlichkeit und die Präsenz des Geistes braucht Repräsentation. Es gibt viele Fälle der voreiligen Selbstverbergung in unserer Kirche. Vielleicht ist uns der Stolz abhanden gekommen und die Gewissheit, dass wir Lebensschätze zu verwalten haben. Wenn man sie nicht zeigt, weiß man nicht, wer man ist. Die Rücknahme der Sichtbarkeit war Konzept bei einigen neuen Kirchbauten. Was aber, wenn aus der moralischen Topographie einer Stadt die Kirchen verschwinden? Je säkularer, ungedeuteter, unbestimmter die Stadt ist, umso deutlicher sollen die Kirchen sein. Die Türme der Kirchen sollen das Stadtbild nicht beherrschen. Die Kirchen sollen zur Verfügung stehen mit ihren Gebäuden, mit ihrer Sprache, mit ihren alten Gesten für die Zeiten, in denen die Menschen sie brauchen. Selbstverständlich können wir nicht mehr von der Christlichkeit unserer Gesellschaft ausgehen. Die Menschen glauben vielmehr auf Zeit: in den Zeiten des Glücks, des Unglücks, der Lebensniederlagen und der Höhepunkte des Lebens. Die Kirche ist auch eine Sprachverleihanstalt, eine Gestenverleihanstalt, eine Räumeverleihanstalt. Sie verleiht die Masken des Glaubens auf Zeit. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Je deutlicher eine Kirche ist, innerlich und äußerlich, umso mehr kann sie undeutliche Gäste ertragen. Die säkulare Gegenwart braucht nicht die Anpassung der Kirchen, sondern ihre Fremdheit, ihre Besonderheit und ihre Klarheit. Die eigene Kenntlichkeit ist die Kirche einer unkenntlichen Gesellschaft schuldig. Kenntlich kann die Gesellschaft nur werden, wenn sie auf Kenntlichkeiten stößt. Kenntlich können junge Menschen nur werden, wenn sie auf erkennbare Menschen und auf kenntliche Institutionen stoßen.
Eine öffentliche Kirche ist eine geöffnete Kirche, zunächst im Sinne des Wortes. Wenn es wahr ist, dass der Raum unsere Gebete und unsere Ruhe arrangiert, dann muss er auch zugänglich sein. Eine öffentliche Kirche ist eine sich selber erklärende und zeigende Kirche. Was man liebt, das zeigt man, und man hält es nicht in einem geheimen Winkel.
Eine Kirche verengt, wenn sie nur Ort des Gottesdienstes ist, und das sonntags von 10 bis 11 Uhr. Die Kirche gehört nicht sich selber, sie gehört den Leiden und den großen Fragen des Gemeinwesens. Kirche in der Stadt heißt Kirche für die Stadt. So sehr die Stadt in die Kirche geladen wenden soll, so bleibt doch der Kirchenraum ein Raum der Würde. Dieser Raum verliert seine Stimme, wenn man sich darin benimmt wie in allen anderen Räumen auch.
Es wird natürlich Kirchen verschiedener religiöser Dichte und Expressivität geben. Kirchen und Gemeindezentren in Neubaugebieten werden nicht mehr die fremde Würde der Katharinenkirche in Hamburg oder des Bamberger Domes haben. Sie werden einfacher und schlichter sein und dabei nicht ohne Würde. Vielleicht verwirklichen sie ein anderes Grundkonzept des Symbols Haus. Die alten Kirchen sind Weltenhäuser: Sie sind langfristig, für Jahrhunderte gebaut, sie sind stabil, sie sind bergende Höhlen, sie sind Schöpfungshäuser. Aber es gibt ein anderes Symbol das Zelt. Es bietet Schutz im Augenblick, es wird rasch aufgeschlagen und rasch abgerissen, es ist einfacher und ärmer, es ist das Symbol des wandernden Volkes und damit dem Geist des Christentums mindestens ebenso entsprechend wie die großen Hauskirchen. Kirchen sollen uns ja nicht bannen, sie sind Räume der Freiheit, und darum können sie Räume des Experiments sein.
Ich habe bisher das Dorf nicht erwähnt und immer nur von der Kirche in der Stadt gesprochen. Ich meine alles, was ich geschrieben habe, auch für die Kirche im Dorf. Von Stadt spreche ich deswegen, weil die Dörfer selber immer mehr städtischen Charakter haben. Dörfer sind vermutlich nicht religiöser als Städte. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass in hohen säkularen Stadtzentren eine neue religiöse Aufmerksamkeit entsteht, die in den Dorfkulturen noch nicht zu erkennen ist. Die Kirche ist in den Dörfern sichtbarer, schon allein weil sie in der Architektur eines Dorfes oft zentral ist.
Einen besonderen Wunsch setze ich an das Ende meiner Überlegungen: Ich wünsche, dass unsere Kirchen Räume des Schweigens sind; ich wünsche, dass unsere Kirche ein Raum des Schweigens ist. Wir haben das Schweigen verlernt. Schweigen heißt nicht nur still sein und nicht reden. Das Schweigen hilft dem Wort wahrhaftig zu werden. Die Formen und Gesten verlieren ihre Kontur und ihre Klarheit, wenn sie durch ständige Rede eingeseift werden. Ein Gottesdienst sollte ein karger Raum sein. Erst dieser macht die Sprache möglich.
Der Text gibt in Auszügen Fulbert Steffenskys Vortrag „Der Seele Raum geben – Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung“ wieder, den er auf der 10. Synode der EKD im Mai 2003 in Leipzig hielt.
Quelle: Gustav-Adolf-Blatt 1/2004, S. 5-7.