Johann Christoph Blumhardt (1805-1880)
Von Gerhard Schäfer
Wer eine Geschichte zu erzählen hat, bei der es um übersinnliche Erscheinungen, um Geister- und Spukphänomene geht, der darf sicher sein, gehört zu werden: die einen werden begierig danach greifen, die anderen Gelegenheit finden, ihre Entrüstung über solchen, eigentlich längst überwundenen Unsinn zu bekunden. Für viele ist Johann Christoph Blumhardt bekannt als ein schwäbischer Dorfpfarrer des 19. Jahrhunderts, der seine Erfahrungen mit der Geisterwelt gemacht und in einem Bericht der Nachwelt überliefert hat. Wenn derselbe Johann Christoph Blumhardt hier nun als eine »Gestalt der Kirchengeschichte« darzustellen ist, dann wird zwar von dessen Kampf mit den Mächten der Finsternis zu reden sein, im Mittelpunkt wird aber keine sensationsträchtige Geschichte stehen. Nicht deshalb gehört Blumhardt in den Umkreis einer Sammlung wie der vorliegenden, weil er ein Ausfahren von Dämonen erlebt hat, sondern weil er aus diesem von ihm so gesehenen Vorgang eine Praxis der Seelsorge und eine Theologie entwickelt hat, die weit über die Enge einer auf strenge Kirchlichkeit und Rechtgläubigkeit bedachten Haltung hinausführt, die im 20. Jahrhundert in ihrer eigentlichen Tragweite erst richtig erkannt wurde und die auch in einem anderen Jahrhundert zu bedenken gut sein wird.
Blumhardt selbst hat es übrigens nicht ohne Zögern und nicht ohne Vorbehalte unternommen, von dem zu berichten, was ihm begegnet war; er hat es sein ganzes Leben lang abgelehnt, auf zudringliche, neugierige Fragen eine Antwort zu geben. Er wollte keine neue Lehre vom Geisterreich entwickeln. Sein ganzes Bemühen war es, den Sieg Jesu, dessen Zeuge er beim Heilungsprozeß der Gottliebin Dittus in seinem Möttlingen in einem Einzelfall war, der Welt neu zu verkünden und daraus für sich und für die ganze Christenheit die Folgerungen zu ziehen.
Ohne Möttlingen und ohne den Kampf mit den Dämonen wäre Blumhardt nicht der geworden, der er wurde, ohne diesen Hintergrund hätte er nie so umfassend und so lebensnah vom Reich Gottes reden können, wie er es vor allem als Hausherr in Bad Boll in der zweiten Hälfte seines Lebens tun konnte. Blumhardt hat seine Erkenntnisse nicht durch scharfe Denkoperationen am Schreibtisch gewonnen, sie flossen ihm vielmehr zu aus dem, was er erlebt hat. Die Geschichte Blumhardts ist eine sehr persönliche; er selber muß deshalb im Mittelpunkt dieser Darstellung stehen. An Blumhardt wird etwas deutlich davon, daß Kirche in ihrem äußeren Erscheinungsbild eine Gemeinschaft von Menschen ist, zu denen Gott durch Ereignisse und Erlebnisse geredet hat, daß Kirchengeschichte im eigentlichen Sinn nicht der Entfaltung einer Institution gilt. Über dieser Betonung des Personhaften und Persönlichen allerdings soll der Wurzelboden und das Umfeld nicht außer acht gelassen werden, woraus auch ein Blumhardt gewachsen ist und was als Prägung des Jahrhunderts in Zustimmung und Ablehnung die Arbeit und die Wirkung Blumhardts mitbestimmt hat.
I.
Johann Christoph Blumhardt wurde am 16. Juli 1805 in Stuttgart geboren. Er stammte aus kleinen Verhältnissen, der Vater war Handwerker. Die Familie lebte im Umkreis der werdenden Erweckungsbewegung, Einflüsse von verschiedenen Strömungen des württembergischen Pietismus sind festzustellen. Prägend bleibt eine lebendige, aus der Beschäftigung mit der Bibel erwachsende Frömmigkeit; dort sind die Normen gegeben für ein ehrbares Leben, in dem man es zu etwas bringen kann, und für das ewige Heil; die Bibel ist wörtlich zu verstehen, ihre Botschaft und Lehre gehen allem anderen voran. Damit ist eine Abwendung von den lauten Ereignissen dieser Welt verbunden, man erwartet nach den Schriften von Johann Albrecht Bengel den nicht mehr fernen Anbruch des 1000jährigen Friedensreiches, das dieser für das Jahr 1836 vorausgesagt hatte. Weil die Welt mit ihrer Lust und mit ihrer Eitelkeit vergehen wird, wird Blumhardt zeitlebens eine reservierte Haltung gegenüber dem Fortschrittsoptimismus der säkularen Wissenschaften bewahren. Auf der anderen Seite fließt aus einer solchen Grundeinstellung die Bereitschaft, selbst etwas zu tun für das Kommen des Reiches Gottes und für die Verbreitung der Botschaft von diesem Reich in der weiten Welt, Opfer zu bringen für die Sache Jesu.
Der Vater wollte trotz aller Armut seinen Kindern eine gute und christliche Bildung vermitteln; Johann Christoph durfte deshalb das Stuttgarter Gymnasium besuchen, wo er bald eine Freistelle erhielt. Mit 15 Jahren schaffte er die Aufnahmeprüfung für eines der Seminare, die in Württemberg seit der Reformation in früheren Klöstern bestanden und wo die Zöglinge, ohne daß den Eltern große Kosten für Unterbringung und Unterricht entstanden, auf den Besuch der Universität und speziell auf das Studium der Theologie vorbereitet wurden. Von 1820 an war Blumhardt vier Jahre lang im Seminar Schöntal; 1824 wurde er in das Tübinger Stift aufgenommen, wo wiederum Kost, Logis und Studium kostenlos waren. Der Weg in den Beruf des Pfarrers war damit vorgezeichnet und ermöglicht.
Für Blumhardt bedeutete diese Chance zunächst einmal die Aufgabe zu lernen. Er sah sich auf dem gesamten Feld der wissenschaftlichen Theologie um, wie sie in Tübingen in jener Zeit geboten wurde. Wir können nicht feststellen, daß er im Rahmen, der für eine eigene Gestaltung des Studiums blieb, etwa besonders Vorlesungen pietistischer Professoren besucht hätte. Er machte sich mit der theologischen Richtung des Supranaturalismus bekannt, der ihn die Naturgesetze, gleichzeitig aber auch die Wunder des Neuen Testaments ernst nehmen ließ, denn Gott als der über der Natur stehende Herr dieser Welt kann alle von ihm in die Natur hineingelegten Gesetzmäßigkeiten auch wieder durchbrechen, wenn es ihm beliebt; so bestand für Blumhardt nie die Notwendigkeit, die Bibel von Mythen befreien zu müssen. Blumhardt beschäftigte sich mit philosophischen Fragen und mit der Entwicklung und Entfaltung der Lehre der christlichen Kirche, die zu einer immer deutlicheren Erfassung der eigentlichen christlichen Wahrheit führen würde. Schließlich widmete Blumhardt sich auch theologischpsychologischen Erwägungen über die Welt der Geister und deren Bekehrung und belegte wie üblich während des einführenden Grundstudiums allgemeine philosophische und naturwissenschaftliche Vorlesungen.
Bei diesem Lernen mußte die eigene, innere Entwicklung nicht unmittelbar angesprochen sein. Blumhardt selber mißt im Rückblick auf Tübingen dem brüderlichen Verkehr mit gleichgesinnten, pietistischen Studenten eine ähnliche Bedeutung für sein inneres Wachsen bei wie dem eigentlichen Studium; er war bemüht, ein genau geregeltes Leben zu führen, der Versuchung zu größeren und kleineren Bequemlichkeiten nicht nachzugeben. Trotzdem darf nicht von einer Enge gesprochen werden, in der er sich bewegte. Zu seinen Freunden zählten junge Männer sehr verschiedener Art, die er immer wieder darin bestärkte, einen persönlichen Weg zu gehen, der nicht unbedingt den Erwartungen der Umwelt entsprechen mußte; seine Achtung vor der Prägung eines Menschen und die Fähigkeit, sich in das Wesen eines anderen einzufühlen, sind in Tübingen schon deutlich spürbar. So blieb Blumhardt dem Studienkollegen Eduard Mörike dauernd verbunden, auch dem aus der Kirche in seine Philosophie ausbrechenden David Friedrich Strauß wollte er trotz aller grundsätzlichen Verschiedenheit nie die Türe weisen.
Im Herbst 1829 bestand Blumhardt die erste theologische Dienstprüfung; er war nun für ein Jahr Vikar in der Württembergischen Landeskirche. Von allen Aufgaben, die auf ihn warteten, war die Seelsorge ihm am liebsten. Im Sommer 1831 legte Blumhardt zwar sein zweites Dienstexamen ab und hätte sich nun allmählich um eine endgültige Anstellung als Pfarrer bewerben können; schon im Herbst 1830 war er aber als Lehrer an das Missionshaus nach Basel gegangen, wo er bis zum Frühjahr 1837 blieb. Die Gründe für diesen Wechsel lagen nicht nur in den damals üblichen langen Wartezeiten bis zur Übernahme in den ständigen Pfarrdienst, auch nicht allein in dem allgemeinen Verdruß über die vielen Schreibereien, die den Pfarrern im 19. Jahrhundert als Staatsdienern aufgebürdet wurden, sie waren tieferer Natur.
Von Anfang an steht der Pietismus in einem spannungsvollen Verhältnis zu den evangelischen Landeskirchen. Glied einer Landeskirche ist jeder, der getauft ist; die Kindertaufe aber war von der Obrigkeit grundsätzlich vorgeschrieben, sie war Voraussetzung für das Leben in der Gemeinschaft: der Pfarrer übte mit der Aufgabe der Führung des Tauf-, Ehe- und Totenregisters die Funktion des modernen Standesbeamten aus. Mit der Betonung der Früchte, die aus dem Glauben wachsen, mit der Betonung des Ringens um ein persönlich gelebtes Christentum rüttelte der Pietismus an den Grundlagen jenes volkskirchlichen, landeskirchlichen Systems. Der Pietismus wollte eine persönliche Entscheidung, eine Gemeinschaft der aus Gott Wiedergeborenen. Nur in einem solchen Menschen erkannte er einen wahren Christen, der dann selber wieder die Nähe zu Seinesgleichen sucht; solche Menschen sind dann aber auch bereit, ihre Kraft für die Ausbreitung des Reiches Gottes einzusetzen.
Obwohl in Württemberg der Pietismus nicht aus der Landeskirche hinausdrängte, bildete er doch Gruppen innerhalb dieser Landeskirche, die im Gegensatz zu den Vielen und den Lauen in der »Stunde« zusammenkamen, die Bibel lasen, sich gegenseitig erbauten und zur Arbeit im Weinberg des Herrn, zu missionarischen und diakonischen Aufgaben zurüsteten.
Etwas von diesem persönlichen Einsatz für die Sache Jesu war in der Familie Blumhardt lebendig. Blumhardt selber war sein Leben lang bewußt Pfarrer seiner Landeskirche, er blieb ein solcher auch, als das Konsistorium sein Bad Boll ihm als eine besondere Personalgemeinde anvertraute. Mit seiner Tätigkeit im Missionshaus in Basel wollte er, wie andere pietistische Pfarrer vor und nach ihm, für eine gewisse Zeit unmittelbar, aus eigenem Antrieb, nicht eingespannt in eine landeskirchliche Ordnung mit einem Dekan als Dienstvorgesetzten und mit der Verpflichtung zu eingehenden Berichten an eine Kirchenbehörde, etwas tun für das Reich Gottes. Und im Missionshaus in Basel konnte der Blick sich weiten über die Grenzen einer Landeskirche hinaus, dort hörte man von den Erfolgen der Mission in der ganzen Welt. Der Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts erfährt hier eine spezifisch christliche Umprägung: Vor der großen Wende, vor dem Anbruch der Königsherrschaft Christi auf dieser Erde will Gott die Völker in sein Reich heimholen; wer als Missionar oder als Lehrer hilft, die Botschaft des Evangeliums »bis ans Ende der Welt« auszubreiten, steht unmittelbar im Dienst des Herrn, der bald selber kommen wird.
Ein Glied der Familie war schon Inspektor am Missionshaus in Basel, ein Bruder ließ sich dort zum Missionar ausbilden; so war sein eigener Weg in gewisser Weise vorgezeichnet. Er hatte Unterricht in den alten Sprachen zu erteilen, aber auch in praktischen Fertigkeiten, die die Missionare in ihrem Alltag brauchten. Seine Tätigkeit betrachtete er als gewinnbringend und segensreich, er fand in Basel eine innere Heimat, im Umkreis von Basel fand er seine Braut, Doris Köllner, deren Vater im Südschwarzwald im Geist der Erweckungsbewegung arbeitete und eine Pension leitete. In Basel wurde Blumhardt auf Heilungen aufmerksam, die nicht nach den Vorstellungen der medizinischen Wissenschaft vor sich gingen; er selber glaubte sich vor dem Ausbruch einer Krankheit durch Gebet geheilt. Er stieß auf Personen, die sich besonderer Kontakte zur Geisterwelt rühmten. Für Blumhardt war das Einwirken geistiger Kräfte auf den ganzen Menschen und das Vorhandensein dämonischer Mächte selbstverständlich, auch wenn es unerklärbar blieb.
Der Aufenthalt in Basel war von Anfang an nur als Zwischenstufe gedacht. Nach seiner Verlobung mußte er die Rückkehr in den württembergischen Kirchendienst anstreben, um eine solide finanzielle Grundlage für die Gründung seines Hausstandes zu gewinnen. Im April 1837 übernahm er als Pfarrverweser noch einmal einen unständigen Dienst in Iptingen im Nordwesten Württembergs. Die Aufgabe, die auf ihn wartete, war nicht leicht. In Iptingen hatte sich am Ende des 18. Jahrhunderts eine pietistische Sondergruppe gebildet und sich völlig von der Landeskirche gelöst; unter ihrem Führer Georg Rapp waren viele nach Amerika ausgewandert. Damit war einesteils das geistliche Leben in dem Dorf erloschen, andererseits fand man nicht zurück zu dem Vertrauen in die von der Kirchenleitung bestellten Pfarrer. Es gelang Blumhardt jedoch, Zugang zu finden, die Zuneigung der Gemeinde zu gewinnen. Blumhardts Gabe, als Seelsorger den Menschen anzusprechen, sie nicht in ein von außen kommendes Schema zu pressen, sondern auf ihre Eigenart einzugehen, zeigt sich auch hier deutlich. Im Juli 1838 war es dann endlich so weit, daß Blumhardt vom Konsistorium in Stuttgart zum Pfarrer von Möttlingen ernannt wurde, im September fand die Hochzeit statt, er konnte nun an die Arbeit gehen und sich für längere Zeit einrichten. Sein Vorgänger, Pfarrer Christian Gottlob Barth, hatte wohl schon im pietistischen Sinn gewirkt, mit seinem zupackenden Wesen aber offenkundig nicht nur Freunde gewonnen und die Gemeinde tot gepredigt. So hatte es Blumhardt in den ersten Jahren wiederum nicht leicht; er mußte gegen den Kirchenschlaf ankämpfen, er mußte es erleben, daß in seinem Dorf unter der dünnen Schicht eines oberflächlichen Sonntagschristentums heidnische Zaubereien getrieben wurden, er ersehnte und erflehte eine Erweckung, den Durchbruch zu der freudigen Gewißheit des nahen Gottesreiches. Langsam gelang es ihm, in der Gemeinde Fuß zu fassen und einen Kreis zu sammeln, der in seinem Sinn lebte und wirkte. Von Herbst 1841 bis Ende 1843 wurde er dann in ein Geschehen verwickelt, das er als seinen »Kampf« bezeichnet, bei dem er Zeuge wurde der unmittelbar die Finsternis überwindenden Kraft Gottes, an dessen Ende der letzte der ausfahrenden Satansengel aus dem Mund eines Menschenkindes verkündete: »Jesus ist Sieger!«
II.
In Möttlingen beheimatet war Gottliebin Dittus. Sie stammt aus einer Familie, die immer mehr verarmte; zeitweise lebte sie bei einer Tante, die mit Zaubereien umging. Bis zur Konfirmation war sie die Lieblingsschülerin von Pfarrer Barth, sie war an allem interessiert, was dieser Mann vermitteln konnte. Von ihrem vierzehnten bis zu ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr war sie in verschiedenen Diensten in der Umgebung von Möttlingen, wurde dann aber krank, ohne daß ein Arzt eine genaue Diagnose zu stellen und ihr zu helfen vermochte; nach dem Tod ihrer Mutter kehrte sie in demselben Jahr nach Möttlingen zurück, um die kleineren Geschwister zu versorgen, in dem Blumhardt Pfarrer in Möttlingen wurde. Seit 1840 stellten sich Ohnmächten und Krämpfe ein, Erscheinungen von »Zaubergeld« und »Zaubermehl«, in dem von den Geschwistern Dittus bewohnten Haus begann es zu spuken. Äußerlich zeigte Gottliebin Dittus eine ablehnende Haltung gegenüber Blumhardt, besuchte aber trotz ihrer Kränklichkeit alle Gottesdienste und Veranstaltungen, die der Pfarrer hielt. Blumhardt bekam nur allmählich und vor allem durch Dritte Kenntnis von diesen Vorgängen. Das ging bis zum Sommer 1842. Da die Erscheinungen zunahmen und auch die Gemeinde beunruhigten, führte Blumhardt im Juni dieses Jahres zusammen mit einigen Männern eine Untersuchung durch, die aber so angelegt war, daß nur Erscheinungen von außerhalb des Hauses ausgeschlossen wurden, und die das Auftreten von unerklärlichen akustischen Phänomenen dann auch bestätigten. Blumhardt dachte offenkundig nicht daran, daß, sicherlich »unbewußt«, die Geräusche und Donnerschläge von der Patientin selbst hervorgerufen sein könnten; er war in seiner Voraussetzung bestätigt, daß Geister am Werk waren. Noch im Jahr 1842 trat dann die Wende ein. Nach einem erneuten, schweren Anfall wurde es Blumhardt klar, daß ein Glied seiner Gemeinde von Dämonen besessen war, die das Leben der jungen Frau tödlich bedrohten; das war ein Werk des Satans. Blumhardt wußte sich nun als Seelsorger persönlich gerufen, er nahm die Herausforderung an: »… mich erfaßte eine Art Ingrimm; ich sprang vor, ergriff ihre [Gottliebins] starren Hände, zog ihre Finger gewaltsam, wie zum Beten, zusammen, rief ihr in ihrem bewußtlosen Zustand ihren Namen laut ins Ohr und sagte: Lege die Hände zusammen und bete: Herr Jesu, hilf mir! Wir haben lange genug gesehen, was der Teufel tut; nun wollen wir auch sehen, was Jesus vermag.«
Das so begonnene Ringen mit den dunklen Mächten zog sich bis Weihnachten 1843 hin; Geisterstimmen wurden laut, Dämonen fuhren aus, die Patientin zeigte Verletzungen, sie unternahm Selbstmordversuche; Phasen der Erregtheit wechselten mit ruhigeren Abschnitten, zuletzt griff für ein paar Tage die Besessenheit auch auf die Geschwister der Gottliebin über. Dann aber trat in der Frühe des 28. Dezember 1843 die Lösung ein: der letzte der Dämonen verschwand, die Symptome klangen rasch ab, Gottliebin Dittus war geheilt. Sie arbeitete nun im neu eingerichteten Kindergarten in Möttlingen unter der Anleitung Blumhardts, dieser nahm sie schließlich ganz in sein Haus auf, sie wurde die »treueste und verständigste Stütze seiner Frau in der Haushaltung und Kindererziehung«, ihm selber war sie »nahezu unentbehrlich für die Behandlung von geisteskranken Personen«, sie ging mit Blumhardt und mit dessen Familie nach Bad Boll und verheiratete sich mit einem zum Gutsverwalter gewordenen früheren Patienten. Im Jahr 1872 starb sie.
Ohne auf den Kampf vorbereitet zu sein und ohne die Entwicklung voraussehen zu können, leistete Blumhardt der jungen Frau bei ihrem Gesundungsprozeß Beistand; er gab ihr die Möglichkeit, das Böse und Dunkle loszuwerden. Unwichtig ist es, ob bei der Beschreibung einzelner Erscheinungen eine Täuschung unterlief, ob Blumhardt scharf unterschieden hat zwischen dem, was er mit seinen eigenen Augen tatsächlich gesehen oder von anderen gehört hatte. Wichtig allein ist, daß Blumhardt das von ihm erlebte Ausfahren von Dämonen mit Berichten des Neuen Testaments in Verbindung brachte, wo der Sieg Jesu über solche Dämonen als Zeichen für das in Kürze hereinbrechende Reich Gottes erscheint.
Das Ende seines Kampfes in Möttlingen, der Ruf »Jesus ist Sieger«, war ihm ein Unterpfand dafür, daß nun, in seiner Zeit, das verheißene Reich, in dem Krankheit nicht mehr sein wird, in dem alle in Frieden miteinander leben werden, unmittelbar am Anbrechen ist. Er erkannte, daß Gott nicht nur im Gottesdienst der Gemeinde gegenwärtig ist und daß er nicht nur dem Geist aufhilft, sondern daß Gottes Kraft im Alltag eines Dorfes und eines ärmlichen Hauses wirkt, daß er körperliche Gesundheit schenken will. Und es ging Blumhardt auf, daß die sich vollziehende Neuschöpfung nicht auf den Menschen beschränkt ist, daß vielmehr Jesus alle Kreatur, die Welt und den Kosmos aus den Ketten der Dämonen erretten wird: »Daß Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht, sein wird die ganze Welt.«
Die im Supranaturalismus bestehende Schranke zwischen dieser Welt mit ihren Naturgesetzen und der wunderbaren Welt Gottes war für Blumhardt durch Gott selbst durchbrochen worden. Er war damit zurückgekehrt zur Botschaft der alten pietistischen Schwabenväter, vor allem zu Oetinger, der Gottes Wirken in der Natur nachgespürt hatte, der von Heilungskräften Gottes im Wasser der Quellen geschrieben hatte, der von der endlichen Überwindung des Satans wußte.
Die Glaubensheilung, die in Blumhardts Möttlingen geschehen war, hatte also eine Bedeutung für alle und für die Ewigkeit; es galt nun, dieses Heil zu erfassen, zu verkünden, mit Gottes Hilfe zu verwirklichen.
III.
Die Heilung der Gottliebin Dittus rüttelte natürlicherweise die Bewohner Möttlingens auf, es kam zu einer Erweckungsbewegung. Die Gewissen waren wach, geheime, vielleicht sündige Begierden waren bewußt geworden. Die Leute strömten zu Blumhardt und wollten ebenfalls frei werden von ihrer Gebundenheit. In seelsorgerlichen Gesprächen widmete Blumhardt sich diesen Bedrängnissen, auf das Bekenntnis der Sünde erfolgte die Absolution für die Bußfertigen. Der Kirchenschlaf war überwunden, Blumhardt konnte in seiner Gemeinde verschiedene Gruppen bilden, die miteinander die Bibel lasen und sich zu einem christlichen Leben ermunterten. Die schriftstellerischen Arbeiten, die Blumhardt zur Erbauung des einzelnen und zur Weckung der Liebe der Mission neben seinem Pfarramt immer fortgesetzt hatte, weckten die Verantwortung für andere. In kurzer Zeit war Blumhardt auch über Möttlingen hinaus bekannt; auswärtige Besucher strömten zu ihm, sie wollten seine Predigt hören, sie suchten das Gespräch mit ihm, sie riefen ihn, damit er bei Krankheiten helfe. Dies trug Blumhardt zunächst einmal hämische Angriffe von Seiten der liberalen Presse ein. Nachdem man glauben konnte, im aufgeklärten 19. Jahrhundert sei Teufelsspuk und Dämonenglaube endgültig verschwunden, sei man zu einer höheren Stufe einer vernünftigen Theologie jenseits der Dogmen der Kirche und der Wundergeschichten des Neuen Testaments vorgedrungen, schien dieser Dorfpfarrer die Kraft des Alten neu zu demonstrieren und zog Haufen von wundersüchtigem Volk an. Die Kollegen Blumhardts warnten ihn vor Überheblichkeit; sie waren nicht gerade erfreut, wenn die Leute lieber nach Möttlingen pilgerten, statt die Dienste ihres Ortspfarrers in Anspruch zu nehmen.
Das Konsistorium in Stuttgart erteilte Blumhardt einen Verweis, da er sich nicht an die Grenzen seiner Pfarrei halte; ihm wurde eingeschärft, Kranken den Gang zum Arzt nicht mißliebig zu machen oder als überflüssig darzustellen. In diesem Zusammenhang schrieb Blumhardt für das Konsistorium seinen ersten, vertraulichen Bericht über die Vorgänge in Möttlingen, der wahrscheinlich von einem Mitglied der vom Konsistorium zur Untersuchung des Falles eingesetzten Kommission anderen in Abschriften zugänglich gemacht wurde. Daraus entwickelten sich neue Angriffe. Blumhardt wurde als betrogener Betrüger dargestellt, als einer, der von der Lehre und der gesunden Praxis der Kirche abgewichen war und sich in Schwärmereien verloren hatte. Diese Verleumdungen bestimmten Blumhardt, zu seiner Rechtfertigung im Jahr 1850 seine »Krankheitsgeschichte der G. D. in Möttlingen« zu schreiben und in einer kleinen Auflage zu verbreiten.
IV.
Mit der Zeit wurde Möttlingen zu eng für Blumhardt, die erste Woge der Erweckung ebbte ab. Blumhardt sah sich nach einem anderen Wirkungsfeld um, er erhielt Angebote aus dem In- und Ausland, Freunde ermöglichten ihm den Ankauf des königlich-württembergischen Bades Boll, wohin er 1852 übersiedelte und wo er bis zu seinem Tod am 25. Februar 1880 blieb.
Seine Gäste kamen aus allen Schichten und Konfessionen, mit vielen stand er in brieflichem Kontakt; wo keine völlige Genesung eintreten konnte, spürte man wenigstens Linderung der seelischen und körperlichen Leiden, es wuchsen Kräfte, das Unabänderliche zu tragen. In Bad Boll erfüllte sich sein Leben, die Früchte seiner Erfahrungen und seines »Kampfes« reiften. Er entwickelte eine eigene Art einer »Theologie der Hoffnung«, indem er nicht allein die Hoffnung, sondern die Gewißheit des Sieges Jesu aufzeigte, indem er die Verheißungen der Schrift weiterhin ganz wörtlich nahm und aus der Auslegung biblischer Stellen, ohne einer Systematisierung zu huldigen, das Werden des Neuen in und aus dem Zustand des Alten aufleuchten ließ. Er mußte den Menschen nicht nur Buße predigen und sie aus ihrem Wesen herausreißen; er redete vielmehr von der Erlösung und wies auf die Vielfalt der Schöpfung Gottes hin, in der jeder mit seiner Eigenart seinen Platz hat. Den Freuden des Lebens, der Musik schloß er die Herzen auf. Blumhardt blieb in der Tradition der Schwabenväter und der Erweckungsbewegung, führte aber in seiner Verkündigung, in seiner Überwindung der im Pietismus vorherrschend gewordenen Wendung zur Innerlichkeit und in seiner Hinwendung zur Welt diese Verkündigung auf eine andere Stufe. Wie schon in Möttlingen, verstanden ihn manche der Brüder nicht mehr, er blieb trotzdem bei seinem Weg.
Blumhardt sah eine neue Epoche der Offenbarung von Gott heraufgeführt, eine solche Epoche war auch eine neue Zeit der Wunder. Er selbst wußte sich nur als der »unverschämte Bettler«, der selber nichts tun kann, außer daß er Gott um dessen Hilfe bittet; so blieb er nüchtern und hochgemut in einem. Ihm brannte die Hoffnung im Herzen auf eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes, der wie ein Feuer da sein und die Kräfte der Finsternis vollends ausrotten würde. Dieser verheißende Geist »hat Bezug auf die Erlösung der ganzen Kreatur«.
Gegenüber der Reformation war damit die Zeit einen Schritt weiter gegangen. Gott hatte mit der Reformation größere und weitergehende Absichten, er wollte nicht nur Evangelische, Lutherische und Reformierte entstehen lassen, sondern in seiner ganzen Christenheit anklopfen. So braucht die Kirche nach der Meinung Blumhardts mehr als den reformatorischen Geist, sie braucht den Blick in die Weite, auf alle, weil Gott alle in sein Reich heimholen will: »Himmel und Erde sollen durch Jesum einer Erneuerung entgegengeführt werden … das kommende Himmelreich wird die ganze Schöpfung umfassen.«
Mit diesem Blick auf die Seelsorge und auf die Verkündigung Blumhardts ist seine Bedeutung für Theologie und Kirche umschrieben. Er befreite die Theologie von der Verknüpfung mit theologischen Systemen, in denen der Gang der Welt- und Heilsgeschichte sich als ein steter Fortschritt zu immer mehr klar werdenden vernünftigen Begriffen darstellt; wenn Gott am Werk ist und kommt, geht es bis zuletzt nicht ohne Kampf ab mit den Mächten der Finsternis, dann bricht ein Neues hervor, was alles menschliche Vorstellen übersteigt. Nach seinem Tod vermittelte Blumhardt der Dialektischen Theologie eines Karl Barth Anregungen, der der Kulturseligkeit und dem Kulturoptimismus des Protestantismus seine Botschaft von dem in diese Welt einbrechenden Gott entgegenstellte. Die Kirche wies Blumhardt wieder auf den Bezug zur Welt hin, die als das Feld, auf dem Gott sein Reich bereiten will, einen so hohen Wert erhält, daß sie nicht übergangen und übersehen werden darf. Er bejahte die Vielfalt verschiedener Kirchen, alle aber sollten Lichtpunkte sein und Abglanz der Herrlichkeit Gottes. Verdruß über die Kirche und Trennung von der Kirche waren bei Blumhardt trotz allem Menschlichen und trotz aller Mängel, die sich zeigen mochten, nicht angebracht, die unsichtbare Kirche Gottes bestand ihm »aus den sichtbaren Gliedern der Kirche«. Dem Seelsorger schließlich band Blumhardt die Aufgabe aufs Herz, nicht zu befehlen, sondern das Eigene im anderen zu achten und diesen behutsam zu begleiten.
Ein letzter, einsamer Kampf blieb Blumhardt in seinem Bad Boll nicht erspart. Er, der so unmittelbar die helfende und gesundmachende Kraft Gottes erlebt hatte, mußte sich darin schicken, daß der Herr nicht zu seinen Lebzeiten zum großen Friedens- und Freudenreich erschien, wie er es manches Mal fast ungeduldig erwartete und ersehnte, daß der Herr seine Verkündigung nicht durch eine weithin und allen sichtbare Änderung der Verhältnisse gleichsam mit weltlichen Formen bestätigte. So bleibt Blumhardt ein Glied der Kette von jenen, die im Vorläufigen das Endgültige schauen und im getrosten Warten Erfüllung finden; er bleibt ein Diener am Wort des Herrn und voller Vertrauen auf diesen Herrn angewiesen, der nach seinem Plan sein Reich bauen wird.
Werke
Predigtblätter aus Bad Boll. 3 Bde. Stuttgart 1879-1881.
Täglich Brod aus Bad Boll. 3 Bde. Heilbronn 1879-1881.
Briefliche Äußerungen. Gesammelt und hg. von Christoph Blumhardt. 1883. Hausandachten für alle Tage des Kirchenjahres. Karlsruhe 1886.
Ausgewählte Schriften. 3 Bde. Zürich 1947-1949.
Gesammelte Werke. Reihe I: Schriften. Der Kampf in Möttlingen. 2 Bde. (mit Bibliographie). Göttingen 1979. Reihe II: Verkündigung. Blätter aus Bad Boll. 5 Bde. Göttingen 1968-1974. Reihe III: Briefe. 2 Bde. In Vorbereitung (erscheint voraussichtlich 1986).
Darstellungen
Claß, H.: Blumhardt, Vater und Sohn. Anruf und Anstoß heute. Metzingen 1976.
Günther, W. – Schäfer, G. (Hg.): Johann Christoph Blumhardt. Leuchtende Liebe zu den Menschen. Beiträge zu Leben und Werk. Stuttgart 1981.
Haug, R.: Johann Christoph Blumhardt. Gestalt und Botschaft. Metzingen 1984.
Jäckh, W.: Blumhardt, Vater und Sohn und ihre Welt. Stuttgart 1977.
Sauter, G.: Die Theologie des Reiches Gottes beim älteren und jüngeren Blumhardt. Zürich 1962.
Scharfenberg, J.: Johann Christoph Blumhardt und die kirchliche Seelsorge. Göttingen 1959.
Zündel, F.: Pfarrer Johann Christoph Blumhardt. Ein Lebensbild. Zuerst Heilbronn 1880, seither in zahlreichen Ausgaben wieder aufgelegt: 20. Aufl. Gießen-Basel 1983.
Quelle: Martin Greschat (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte, Bd. 9,1: Die neueste Zeit I, Stuttgart: Kohlhammer, 21994, S. 344-354.