Grundlegende Elemente eines ökonomischen Verhaltensmodells
1. Ökonomik
Wie lassen sich nun ökonomische Verhaltensweisen von Menschen charakterisieren? Dieser Aufgabenstellung hat sich die Ökonomik angenommen, so sie sich nicht mehr nur auf einen Objektbereich »Wirtschaft« im Sinne der Land-, Haus- oder Marktwirtschaft beschränkt. Eine klassische Definition hat dazu Lionel C. Robbins gegeben: »Ökonomik ist die Wissenschaft, die menschliches Verhalten untersucht als eine Beziehung zwischen Zielen und knappen Mitteln, die eine unterschiedliche Verwendung haben.«[1] Ähnlich formuliert Detlef Aufderheide: »Ökonomik ist die Wissenschaft vom Handeln unter Entscheidungszwang. Sie beschäftigt sich mit der Ermittlung der relevanten Alternativen sowie ihrer zielgerichteten Wahl durch rational und eigeninteressiert handelnde Individuen.«[2]
Als grundlegende Elemente eines ökonomischen Verhaltensmodells lassen sich der Entscheidungszwang verbunden mit Verzichtskosten, die Rationalität in Verbindung mit Eigeninteressiertheit sowie der methodologische Individualismus nennen.
2. Entscheidungszwang und Verzichtskosten
Die Ausgangssituation für ökonomisches Verhalten ist die Knappheit von Gütern. Es existiert also kein unendlicher Überfluss. Wäre alles greifbar und bedingungslos vereinnahmbar, stünde man vor keiner Entscheidung zwischen Alternativen. So aber ist jede Entscheidung für eine Alternative zugleich eine Entscheidung gegen andere, ebenfalls erwünschte Alternativen. Die Entscheidung für eine Handlungsalternative hat ihren Preis, indem sie andere Handlungsmöglichkeiten ausschließt. Wenn ein Gut vorgezogen und demzufolge ein anderes Gut vorenthalten bleibt, entgeht demjenigen, der entschieden hat, der Nutzen des vorenthaltenen Gutes. In der ökonomischen Theorie spricht man dabei von Opportunitäts- bzw. Verzichtskosten als einer Wertgröße, die für einen entgangenen Nutzen bzw. Ertrag aufgrund der Entscheidung für eine der möglichen Handlungsalternative steht. Genauer gesagt quantifizieren Opportunitätskosten den entgangenen Nutzen der zweitbesten, das heißt der besten nichtgewählten Handlungsalternativen. So kann man beispielsweise bezüglich eines Studiums der Theologie von Zeit als Opportunitätskosten sprechen, weil eine Entscheidung für dieses Studium in aller Regel das Studium der Betriebswirtschaftslehre ausschließt. Durch die Spezifikation der Opportunitätskosten als Wertgröße für einen entgangenen Nutzen wird das ökonomische Kostenkonzept über ein rein monetäres, geldwertes Verständnis hinaus verallgemeinert. Ökonomische Entscheidungen können also nicht nur Geld, sondern auch Zeit, Schlaf, Stress, Spaß, Freunde, Ehen, Kinder, Karriere, Ruf, Seelenheil und was sonst noch kosten. Demzufolge lässt sich die Ökonomik nicht auf rein monetäre Ziele reduzieren.
3. Rationalität und Eigeninteressiertheit
Wenn nicht alles — zumindest nicht sofort — zu haben ist, muss entschieden werden, welche Alternative vorzuziehen ist. Bezüglich eines ökonomischen Verhaltens geht man davon aus, dass die jeweilige Wahl (choice) eines Wirtschaftssubjektes das Ergebnis eines wohlabgewogenen Entscheidungs- und Bewertungsprozesses unter hinreichender Information darstellt. »Individuen handeln nicht zufällig, sondern reagieren in systematischer und damit vorhersehbarer Weise, wenn ihnen eine Wandlungsmöglichkeit vorteilhafter oder ungünstiger erscheint als eine andere.«[3]
Der einzelne kann aus den ihm zur Verfügung stehenden Alternativen mittels eines Vergleiches der jeweiligen Opportunitätskosten die von ihm zu bevorzugende Alternative ermitteln. Eine rationale Entscheidung trifft derjenige Akteur dann, wenn er dasjenige Güterbündel vorzieht, das im Vergleich mit den anderen Güterbündeln für ihn den größeren erwartbaren Nutzen hat. Handlungsleitend ist dabei die Nutzenmaximierung. Schließlich suchen Individuen — dem ökonomischen Handlungsmodell zufolge — auf rationale Weise ihren (erwarteten) Nutzen unter den für sie vorhandenen Beschränkungen zu maximieren[4]. Über ein reines Wunschdenken hinaus unterwirft der ökonomisch denkende Mensch alle Entscheidungen seinem eigenen Interessenkalkül und handelt dabei unter zweckrationalen Gesichtspunkten[5].
4. Methodologischer Individualismus
Wird bezüglich ökonomischen Verhaltens von einem Eigennutzaxiom ausgegangen, richtet sich das ökonomische Verhaltensmodell nicht an einem Kollektivinteresse, sondern am Einzelinteresse von Individuen aus. Man spricht hierbei von einem methodologischen Individualismus. Ökonomisches Verhalten von Gruppen, Organisationen und Körperschaften wird aus dem Zusammenwirken des jeweils eigeninteressierten Handelns der beteiligten Individuen abgeleitet.
Seit den sechziger Jahren ist das ökonomische Verhaltensmodell außerhalb einer Markt- bzw. Hauswirtschaft auf unterschiedliche Lebensbereiche wie Familie, Politik, Umwelt, Kunst oder Recht angewandt worden[6]. Kondensiert findet sich das ökonomische Verhaltensmodell in dem Begriff des »homo oeconomicus«, der auf John Stuart Mill zurückgeht. Das ökonomische Menschbild ist immer wieder einer grundsätzlichen ethischen Kritik unterzogen worden, indem der Primat einer Eigennutzorientierung in Frage gestellt wird. Außerdem wurde psychologischerseits die Beschränktheit menschlicher Rationalität experimentell nachgewiesen[7]. Diese Kritik trifft dann zu, wenn unter dem Leitbild des »homo oeconomicus« menschliches Verhalten grundsätzlich auf ökonomisches Verhalten reduziert wird. Bei dem »homo oeconomicus« handelt es sich jedoch in erster Linie um ein idealtypisches Modell, das zur Untersuchung menschlicher Verhaltensweisen unter bestimmten Rahmenbedingungen dient. Auch von Ökonomen selbst wird in aller Regel eingestanden, dass dieses Modell einen heuristischen Charakter hat und damit keine umfassende bzw. adäquate Beschreibung des einzelnen Menschen darstellt.
Literatur
Aufderheide, D. (1995): Unternehmer, Ethos und Ökonomik: Moral und unternehmerischer Gewinn aus der Sicht der Neuen Institutionenökonomik, Berlin.
Becker, G. S. (1982): Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen.
Fehr, E. (2001): Über Vernunft, Wille und Eigennutz hinaus. Ansätze zu einer neuen Synthese von Psychologie und Ökonomie, Neue Zürcher Zeitung – Internationale Ausgabe Nr. 98, 28./29. April, S. 8.
Frey, B. S. (1997): Art. außermarktliche Ökonomie, Gabler Wirtschaftslexikon, Bd. 1., 14. A., Wiesbaden, S. 362-367.
Homann, K./Suchanek, A. (2000): Ökonomik: Eine Einführung, Tübingen.
Söllner, F. (1999): Die Geschichte des ökonomischen Denkens, Berlin-Heidelberg-New York.
Weber, M. (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. A., Tübingen.
Jochen Teuffel
[1] Im Original: »Economics is the science which studies human behaviour as a relationship between ends and scarce means which have alternatives uses.« An Essay on the Nature and Significance of Economic Science, London 1932, 15 – zitiert nach Söllner (1999), 172.
[2] Aufderheide (1995), 43.
[3] Frey (1997), 363.
[4] Vgl. dazu Homann/Suchanek (2000), 29-32.
[5] Vgl. die bekannte Definition der Zweckrationalität bei Max Weber: »Zweckrational handelt, wer sein Handeln nach Zweck, Mitteln und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt: also jedenfalls weder affektuell (und insbesondere nicht emotional), noch traditional handelt.« [Weber (1980), 13.]
[6] Hierbei sind besonders die Untersuchungen des Nobelpreisträgers Gary S. Becker (1982) zu erwähnen. Vgl. außerdem Frey (1997).
[7] Vgl. Fehr (2001) bzw. Homann/Suchanek (2000), 414-418.