Warum der Martin-Luther-Kirche in Vöhringen 1934 eine Lutherfigur über dem Eingangsportal erspart geblieben ist
Schreiben des Vöhringer Kirchenpflegers bzw. Kirchenvorstehers Karl Neher an das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 28. März 1934:
Betreff: Beihilfe zu einer Lutherfigur an die neuerbaute, evangelische Kirche in Vöhringen auszuführen durch Pg. u. Bildhauer Gottlieb Kottmann, in Ulm a.D.
Am 4. März 1934 machte ich dieserhalb ein Gesuch an das Bezirksamt Illertissen um Befürwortung und Weiterleitung an die zuständige Behörde. Zur Aufklärung diene Folgendes: Die im Rohbau fertige Kirche hat, wie Sie in beiliegender Karte ersehen können, keinen architektonischen Schmuck.
Weil nun der Bau im Oktober 1933, also im Lutherjahre begonnen wurde, soll die Kirche den Namen „Lutherkirche“ bekommen und um diese auch nach außen zu kennzeichnen, soll am Westgiebel gegen die Straße eine Lutherfigur aus Sandstein, etwas über Lebensgröße, mit der Inschrift in der Konsole: „Für meine Deutschen bin ich geboren, meinen Deutschen will dienen“ angebracht werden. In zwei flankierenden Blöcken sollen ebenfalls Lutherworte festgehalten werden.
Zu dieser künstlerischen Arbeit wäre ein jüngerer, hier geborener Bildhauer Gottfried Kottmann in Ulm ausersehen, von dem ich Photos ausgeführter Denkmäler und Plastiken der Eingabe an das Bezirksamt Illertissen beifügte, auch ein ausführlicher Lebenslauf wurde beigelegt.
Wie Sie aus angeheftetem Ausweis ersehen, ist Kottmann altes Parteimitglied und war besonders vor der Machtergreifung neben dem S.A. Dienst in der Propaganda eifrig tätig und hat, als er sein Geschäft eröffnete, von gegnerischer Seite durch Gegenagitation manchen Schaden erlitten. Es wäre sehr zu wünschen, wenn dieser Künstler dadurch Unterstützung fände, dass die evangelische Gemeinde Vöhringen einen Zuschuss zu den etwa RM 2600.— betragenden Kosten erhalten und dadurch in die Lage versetzt würde, Pg. Kottmann diesen Auftrag zu geben.
Wie mir Herr Pfarrer Dr. Giegler sagte, sollen Beihilfen aus Reichsmitteln für Kunstarbeiten zur Verfügung stehen. Kottmann selbst ist mittellos und auf Verdienst angewiesen; zumal auch seine Eltern durch Schädigungen im Beruf nicht in der Lage sind, ihn zu unterstützen. Ich bitte Sie deshalb, Herr Minister, diese Bitte gütigst unterstützen zu wollen.
Außer Herrn Dr. Giegler in Illertissen, bin ich Herrn Oberkirchenrat u. Kreisdekan D. Baum, München u. dem früheren Herrn Dekan u. Stadtpfarrer Schemm – Neu-Ulm wohl bekannt.
Herr Pfarrer Dr. Giegler sendet einen Entwurf an den Landeskirchenrat.
Heil Hitler
Karl Neher, sen.
Kirchenvorsteher u. Ortsgruppenleiter d. N.S.D.A.P.
Und hier die Antwort:
Bezirksamt Jllertissen
Fernsprech-Nr. 43
Postscheckkonto Nummer 7457
Amt München
Jllertissen, den 14. April 1934
Nr. 1419
An die Evang. Luth. Kirchenverwaltung
Vöhringen
Betreff: Förderung und Pflege der Kunst; hier Lutherfigur an der evang.-luth. Kirche in Vöhringen,
Beilagen:
2 Schriftstücke,
1 Karte,
1 Plan,
1 Briefumschlag.
Die Regierung hat mit Entschl. vom 9. April lfd. Js. Nr. IV 1115 mitgeteilt, daß dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus für die Gewährung eines Zuschusses zur Aufstellung einer Lutherfigur an der evang.-luth. Kirche in Vöhringen zufolge M.E. vom 28. III. 1934 Nr. VII 13347 leider keine Mittel zur Verfügung stehen.
gez. Endres

