Zur Zukunft der Kirche. Auslegung zu Psalm 90,1 (1534/35)
Von Martin Luther
Herr, du bist unsre Zuflucht von Generation zu Generation.
„Von Generation zu Generation“: Hier bekennt die Kirche klar, dass sie vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende bestehen wird. Dor bedeutet „Zeitalter“, „von Zeitalter zu Zeitalter“, „du bist immer eine Zuflucht“, das heißt: du bist es immer gewesen. Die Kirche, das Volk Gottes, besteht von der ersten Stunde bis zur letzten, auch wenn sie manchmal äußerst schwach ist – wie zur Zeit des Elija, der die Kirche aus den Augen verloren hatte und sprach: „Deine Propheten?“ – Den Gottesdienst sehe ich verwüstet, die Ordnung zerstört, das Volk – das heißt: die Propheten – getötet. Damals war die Kirche verborgen und sehr zerstreut (abscondita Ecclesia et valde dispersa), sodass sie mit menschlichen Augen überhaupt nicht sichtbar war, sondern nur in den Augen Gottes, der sprach: „Ich habe mir übriggelassen …“ usw. So ist es auch unter dem Papsttum: die Kirche ist zerstreut, und doch hat Gott sich immer die bewahrt, die er „kannte“, damit die Kirche nicht aufhört. Es gibt also immer eine Kirche – es wird immer welche geben, die den wahren Gott bekennen und lehren, auch wenn es nur sehr wenige sind. Dabei ist auch zu beachten, dass wir uns nicht zusammen mit den Papisten und den Schwärmern irren, die sich die Kirche ohne Ärgernisse, ohne Falten und ohne Makel vorstellen. Deshalb nehmen sie Anstoß und verstehen nicht, dass es die Kirche gibt, wenn man ihnen nicht eine Kirche zeigt, die ohne Makel ist. Daher gibt es Irrtümer und Häresien ohne Ende.
‘A generatione’: Ibi Ecclesiam manifeste confitetur a principio mundi usque ad finem duraturam ‘Dor’: ‘aetas’, ‘ab aetate in aetatem’, semper ‘es refugium’, i. e. semper fuisti. Ecclesia, populus dei a 1. hora usque ad novissimam, licet quandoque infirmissima, ut Eliae tempore, qui amiserat Ecclesiam ex oculis, dicit: ‘prophetas tuos?’ Cultum Dei video vastatum, gubernationem, populum, i. e. prophetas occisos. Ibi abscondita Ecclesia et valde dispersa, ut nihil appareret nisi in oculis Dei, qui dixit: ‘Reliqui mihi’ etc. Sic sub Papatu ‘dispersa’, et tamen reservavit sibi, quos ‘noverat’, ut non cesset. Semper ergo est Ecclesia, qui confitebuntur et docebunt de Deo vero, etsi paucissimi. Observandum etiam, ne erremus cum Papistis et Schwermeris, qui imaginantur Ecclesiam sine scandalis, ruga et maculis. Ideo offenduntur et non intelligunt Ecclesiam esse, nisi dederis Ecclesiam, quae sit sine maculis. Ideo errores et haereses sine fine.
WA 40-III, 504,11-505,12