Von Heinrich Vogel
Vorwort. Nicht abseits von unserem Volk und seinem Aufbruch, weder aus einer politischen, noch aus einer klerikalen Sonderstellung heraus, sondern in der mithoffenden und fürhoffenden Solidarität mit dem Kampf, den der deutsche Nationalsozialismus Adolf Hitlers um unser Volk geführt hat und führt, erhebe ich durch das Evangelium, dessen Prediger und Theologe ich bin, gezwungen, Protest gegen die Vermengung von Göttlichem und Irdischem, von Evangelium und Politik, wie sie in der »Glaubensbewegung Deutsche Christen« das Wesen nicht nur der Kirche, sondern auch des Staates und des Volkes verkennt und im Fundament bedroht.
Thesen
1. Mit allen deutschen Christen, die die Ohnmacht und Schuld unserer evangelischen Kirche als ihre eigene Ohnmacht und Schuld bekennen, erwarten und erbitten wir eine Reformation unserer evangelischen Kirche.
2. Die Reformation der Kirche erwarten wir nicht von unserm Volkstum her, sondern vom Evangelium, nicht vom Hakenkreuz, sondern vom Kreuz.
3. Der Nationalsozialismus ist eine politische Reformation; die Reformation der Kirche besteht nicht in der Gleichschaltung mit der politischen Reformation.
4. Eine Glaubensbewegung ist entweder eine Bewegung, deren Schöpfer und Herr das Wort vom Kreuz ist, oder sie ist keine Glaubensbewegung.
5. Eine Glaubensbewegung ist nicht auf einer politischen Organisation aufgebaut, sondern auf dem Wort der Heiligen Schrift.
6. Eine Glaubensbewegung kämpft mit nichts anderem als dem Worte Gottes.
7. Eine Glaubensbewegung protestiert um der Freiheit des Evangeliums willen gegen einen Staatskommissar für die Kirche.
8. Kein Zeichen dieser Welt hat neben dem Kreuz Platz und Recht.
9. Die Zeichen dieser Welt sind alle unter dem Kreuz.
10. Wir protestieren nicht gegen das Hakenkreuz, das wir vielmehr als das Zeichen unseres deutschen Volkstums anerkennen, sondern wir protestieren gegen jede Vermengung oder Gleichordnung des Hakenkreuzes mit dem Kreuz.
11. Das Wort vom Kreuz ist nicht die Bestätigung und Krönung menschlicher, politischer, kultureller oder religiöser Werte, sondern ist immer und über allem das Siegel der Vergebung der Sünden.
12. Das Wort vom Kreuz verheißt nur im Gericht Gnade.
13. Wir bekennen Christus nicht als einen ethischen Helden oder als einen religiösen Führer, sondern als unseren an unserer Stelle hingerichteten, verfluchten und erhöhten Heiland und Herrn.
14. Christus ist der Hirte seiner Herde nicht als Führer der Kirche, sondern als das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.
15. Ein bejahender Christusglaube ist allein der Glaube, der Christus und sein Kreuz bejaht.
16. Es gibt keinen artgemäßen, sondern nur einen Christusgemäßen Christusglauben.
17. Der Glaube ist nicht eine menschliche Kraft oder ein seelisches Vermögen, sondern lebt von dem Wort und in dem Wort, das sein Schöpfer und sein Herr ist.
18. Christus ist der ganze Inhalt der Heiligen Schrift.
19. Christus ist der Inhalt der ganzen Heiligen Schrift.
20. Wer das Alte Testament als Gottes Wort leugnet, der leugnet auch das Neue Testament als Gottes Wort.
21. Wir bekennen das Alte Testament in der Kirche Jesu Christi nicht als eine Urkundensammlung der jüdischen Religion, sondern als das Zeugnis der Offenbarung Gottes im alten Bunde, als Weissagung, Pfeil und Fingerzeig auf Jesus Christus.
22. Israel ist nicht als Rasse oder als Nation das auserwählte Volk, sondern als das Volk, in dem der Heiland aller Völker geboren und gekreuzigt werden sollte.
23. Nicht allein die Juden, sondern alle Völker und Menschen, auch wir Deutschen, sind am Kreuze Christi mitschuldig.
24. In der Bibel geht es nicht um edle oder fromme Menschen, nicht um Helden oder Heilige, sondern um Gott, um seine Ehre und um seinen Heilsweg zu uns verlorenen Menschen.
25. Die Sünde ist nicht eine Unvollkommenheit, ein Mangel oder Gebrechen der menschlichen Natur, sondern die Absonderung des ganzen Menschen von Gott, seinem Schöpfer und Herrn, und von dem Nächsten, seinem Bruder.
26. Die Gnade Gottes ist kein religiöses Kapital, von dessen Zinsen wir leben.
27. Wir sind im Glauben nicht religiöse Rentner, sondern Bettler, die von Gottes Gnade leben.
28. Die Kirche ist keine fromme Partei.
29. Die Kirche besteht nicht aus frommen, sondern aus gottlosen Menschen, die durch das Wort Gottes in Jesus Christus versiegelt sind als Gottes Eigentum.
30. Die Kirche ist nicht der Ausdruck aller Glaubenskräfte unseres Volkes, sondern sie ist die Gemeinde Jesu Christi, die der Heilige Geist schafft durch das Wort und durch die Sakramente.
31. Die Kirche ist nicht ein religiöses Sammelbecken, sondern sie ist der Ort, wo Gottes Wort verkündigt und gehört wird.
32. Die Kirche schuldet der Welt das Evangelium und sonst nichts.
33. Der christliche Protest gegen die gottlose Irrlehre befindet sich in der christlichen Solidarität mit dem gottlosen Bruder;
34. denn Christus ist nicht für uns fromme, sondern für uns gottlose Menschen gekreuzigt und auferstanden.
35. Wir sagen »nein« zu der gottlosen Irrlehre; aber wir sagen »ja« zu dem gottlosen Bruder.
36. Wir sagen »nein« zu der religiösen Irrlehre; aber wir sagen »ja« zu dem religiösen Bruder.
37. Die religiöse Irrlehre verherrlicht den frommen Menschen.
38. Die gottlose Irrlehre verherrlicht den gottlosen Menschen.
39. Die religiöse und die antireligiöse Irrlehre werden nicht durch das Schwert überwunden, sondern durch das Wort Gottes.
40. Die deutsche evangelische Kirche schuldet dem deutschen Volk das Evangelium.
41. Die Kirche ist ihrem Wesen nach weder national noch international, sondern übernational; ihrem Dienst nach ist sie gebunden je an ein bestimmtes Volk.
42. Wir bekennen, daß Gott der Schöpfer in seiner vergebenden Langmut und Treue diese abgefallene Schöpfung erhält in seinen Schöpfungsordnungen, zu denen auch die Ordnung der Menschheit nach Rassen und Völkern gehört.
43. Auch in unserm Volkstum und in unserer Rasse sind wir von dem Fluch der Absonderung gezeichnet und leben auch als Volk und Rasse von der Vergebung der Sünden.
44. Die Ordnungen, in denen Gott die gefallene Schöpfung erhält und leben läßt, als da sind: Volk, Staat, Ehe und Familie, sind Zwischenordnungen, die an dem Tag Jesu Christi in der Auferstehung der Toten mit dieser ganzen Welt aufgehoben und verschlungen werden in die neue Ordnung der neuen Schöpfung und Welt Gottes.
45. Gottes Schöpfungsordnung ist nicht von der sichtbaren Natur abzulesen, sondern wird durch Gottes Wort erkannt.
46. Der Glaube geht nicht auf das Sichtbare, Fühlbare, Begreifbare, sondern hängt am Worte Gottes.
47. Wir bekennen nicht einen Natur-, Rasse- oder Volksgott, sondern Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.
48. Das Lebensgesetz, in dem Gott der Schöpfer die abgefallene Welt durch seine Langmut erhält und leben läßt, hat die Strafe des Todesgesetzes bei sich und in sich und ist nicht mehr das Lebensgesetz des Paradieses.
49. Wer sich von seinem Volk und Vaterland absondert, begeht Ungehorsam gegen Gottes Schöpfungsordnung.
50. Die Lehre vom Kollektivmenschen ist eine Lügen- und Irrlehre.
51. Weil Gott uns in unserm Volk unser Leben gibt und erhält, sind wir unserm Volk unser Leben schuldig.
52. Darum sind wir unserm Volk auch den Kriegsgehorsam schuldig, wenn es gilt, das Leben des Volkes zu verteidigen und zu erhalten.
53. Darum schuldet ein Volk denen, die ihr Leben für das Volk eingesetzt und geopfert haben, Dank und Ehre.
54. Der schuldige Kriegsgehorsam, zu dem wir uns bekennen, lebt von der Vergebung der Sünden.
55. Die Selbsterhaltung des Lebens durch Kampf ist kein Gesetz des Paradieses, sondern ist das harte Gesetz über dieser sündigen Welt, die Gott durch seine Gnade erhält.
56. Die Volksehrung des Todes für das Volk, die wir meinen, macht den Helden nicht zum Heiligen und gibt ihm nicht die Ehre, die Gott allein gebührt.
57. Der Staat dient der Nation mit einer Hoheit und Gewalt, die nicht von Volks- sondern von Gottes Gnaden ist.
58. Der Staat hat seine Hoheit und Gewalt, um dem Bösen zu wehren und das Leben der Menschen als Glieder ihres Volkes zu ermöglichen.
59. Die sichtbare Gestalt des Staates ist nicht göttlich, sondern ist irdisch und national bestimmt.
60. Eine Gleichschaltung von Kirche und Staat verkennt und vermengt das Wesen und die Aufgabe des Staates, dem das Schwert gegeben ist, und der Kirche, der das Wort Gottes befohlen und verheißen ist.
61. Wir schulden der staatlichen Obrigkeit unseres Volkes Gehorsam, es sei denn, daß sie uns wider Gottes Wort zu handeln befiehlt.
62. Die kirchliche Obrigkeit ist eine irdische Ordnung der irdischen Kirche, der wir in kirchlichen Dingen Gehorsam schuldig sind, es sei denn, daß ihre Anordnungen wider das Wort Gottes wären.
63. In der Einführung des Führerprinzips in die Ordnung der Kirche erkennen wir die Auflösung der wahren kirchlichen Autorität, die nicht auf einem religiösen Führerprinzip, sondern auf der Unterwerfung unter Gottes Wort beruht.
64. Das Führerprinzip ist kein kirchliches, sondern ein politisches Prinzip.
65. Deutsche sind wir als Glieder an dem irdischen Leibe unseres Volkes; Christen sind wir als Glieder an dem himmlischen Leibe unseres für uns gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Nachwort. Wenn in diesen Sätzen nicht das Wort »ich«, sondern das Wort »wir« gebraucht wurde, so geschah es nicht allein darum, weil ich der gewissen Hoffnung bin, nicht allein zu diesen Sätzen zu stehen, sondern letztlich darum, weil die Sache, um die es hier geht, es so fordert. Wer diese Sätze politisch oder kirchenpolitisch mißbraucht, der soll wissen, daß er gegen ihre Absicht und gegen ihren Sinn handelt.
Gründonnerstag 1933 – Heinrich Vogel, Pfarrer in Dobbrikow (Mark).
(Tägliche Rundschau, Unabhängige Zeitung für sachliche Politik, christliche Kultur und deutsches Volkstum, Jg. 32. Nr. 98 vom 27. April 1933, Sonderdruck Nr. 13)
Quelle: Günther van Norden, Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh: GVH, 1979, S. 242-245.