Martin Luther, Ein christlicher Trostbrief an die Miltenberger, wie sie sich an ihren Feinden rächen sollen, aus dem 120. Psalm (Februar 1524): „So bleibt euch nur noch dies eine: dass ihr euch, wie dieser Psalm zeigt, in dieser Not an den Herrn haltet und vor ihm über solche böse Zungen schreit und mit Ernst und ganzem Herzen bittet um starke Schützen, die scharfe Pfeile auf den Teufel schießen, treffen und nicht verfehlen, und um feurige Wacholderkohlen, die mit Brunst und Eifer die verführten, blinden Leute anzünden und mit gutem Leben erleuchten – zum Preis und zur Ehre des Namens Gottes. Werdet ihr das tun, so sollt ihr in Kürze sehen, wie reichlich ihr euch am Teufel und seinen Schergen gerächt habt, dass euer Herz darüber lachen wird.“

Ein christlicher Trostbrief an die Miltenberger, wie sie sich an ihren Feinden rächen sollen, aus dem 120. Psalm (Februar 1524)

Von Martin Luther

Die unterfränkische Stadt Miltenberg am Main gelegen gehörte zum Erzstift Mainz und war Schauplatz von Spannungen zwischen der aufkeimenden reformatorischen Bewegung und der altgläubigen Obrigkeit. Johann Draconites (nach seinem Geburtsort auch Johannes Karlstadt genannt) war dort seit Frühjahr 1522 Pfarrer und predigte die evangelische Lehre. Von Johannes Cochläus als Ketzer angeprangert und vom Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg exkommuniziert musste er im Herbst 1523 die Stadt verlassen. Evangelisch gesinnte Bürger wurden unter Androhung von Gewalt auf den alten Glauben eingeschworen; sogar von Hinrichtungen ist die Rede. Von Draconites persönlich informiert schrieb Luther im Februar 1524 seinen Trostbrief an die Evangelischen in Miltenberg, um sie im Glauben zu stärken und sie zu ermutigen, trotz Verfolgung standhaft zu bleiben.

Jesus.

Allen lieben Freunden Christi zu Miltenberg:
Martinus Luther, Ecclesiastes zu Wittenberg.

Gnade und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Der heilige Apostel St. Paulus, da er seine Korinther trösten wollte, fing also an (2. Kor. 1, 3–4): „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott.“

In diesen Worten lehrt er durch sein eigenes Beispiel, dass man die Betrübten trösten soll – jedoch so, dass dieser Trost nicht von Menschen, sondern von Gott komme. Dies betont er ausdrücklich, um den falschen, schändlichen Trost zu meiden, den Welt, Fleisch und Teufel suchen und geben, wodurch aller Nutzen und alle Frucht des Leidens und Kreuzes verdorben und verhindert wird.

Was aber der Trost sei, der von Gott kommt, zeigt er in Römer 15,4: „Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.“

Er spricht: „Hoffnung haben“ – Hoffnung aber haben bedeutet, dass man dessen hofft, was man nicht sieht noch fühlt (Röm. 8,24). Der weltliche Trost verlangt zu sehen und zu fühlen, was der Betrübte begehrt, und will keine Geduld haben. Hier aber soll Geduld bleiben – mit Trost der Schrift in Hoffnung.

Ebenso handelt auch Paulus in der Tat an seinen Korinthern. Denn nachdem er ihnen von Gottes Trost gesagt hatte, kommt er schließlich dahin, dass er sie lobt, wie sie ein Brief Christi sind, durch sein evangelisches Predigtamt zugerichtet und mit dem lebendigen Geist geschrieben (2. Kor. 3,3). Dies ist ein hohes Lob des Evangeliums, das – wenn es ein fleischlicher Mensch ansieht – wohl den Gedanken aufkommen lässt: Ist der Mann betrunken, der die Korinther trösten will und dabei nur sich selbst und sein Predigtamt lobt und das Evangelium rühmt?

Aber wer es recht ansieht, versteht, wie der liebe Paulus den wahren, edlen Trost Gottes aus der Schrift schöpft und sie durch das Evangelium stärkt und fröhlich macht.

Demnach habe auch ich, liebe Freunde, mir vorgenommen, eure Herzen mit solchem Trost zu stärken, den ich von Gott habe – in eurer Trübsal, von der ich durch Johann Karlstadt, euren vertriebenen Pfarrherrn, und auch durch anderen gründlichen Unterricht erfahren habe, wie die Feinde des Evangeliums und Seelenmörder an euch gehandelt haben um des Wortes Gottes willen – welches sie jetzt freventlich mit lästerlichem Mund „lutherische Lehre“ nennen, um einen Schein zu haben, als täten sie Gott einen Dienst, da sie doch nur Menschenlehre verfolgen, wie einst die Juden an den Aposteln, als ihnen Christus verkündigt wurde.

Nun wäre es ein weltlicher Trost – eurer Seelen und der Sache gar kein Nutzen, sondern ein großer Schaden – wenn ich oder ihr euch also trösten wolltet, dass wir mit Schelten und Klagen über die Lästerer und ihre Bosheit uns an ihnen rächen wollten. Und wenn wir sie auch mit der Faust alle erschlügen oder vertrieben, oder wenn wir Lust und Freude hätten, wenn jemand sie um unseres Leides willen strafte – es wäre doch damit nichts ausgerichtet. Denn das wäre eine weltliche Rache und ein weltlicher Trost, der uns nicht gebührt – er gebührt aber unseren Feinden.

Wie ihr seht, haben sie an euch ihren Mutwillen gekühlt, sich gerächt und sind fröhlich darüber, haben sich fein getröstet.

Aber was ist das für ein Trost? Ist da Hoffnung? Ist da Geduld? Ist da Schrift? Nein! Statt Gottes haben sie die Faust gebraucht, statt der Geduld haben sie Rache geübt, statt der Hoffnung haben sie ihren Willen durchgesetzt und fühlen, was sie gern gehabt hätten.

Woher kommt denn solcher Trost? Von Gott ist er nicht – so muss er gewisslich vom Teufel sein. Und das ist auch wahr.

Was aber wird das Ende sein eines Trostes, der vom Teufel ist? Paulus sagt es in Philipper 3,19: „Quorum gloria in confusionem“ – „Ihr Ruhm wird ein schändliches Ende nehmen.“

Nun seht, welch ein reicher, hochmütiger Trost euch daraus erwächst. Erstlich seid ihr gewiss, dass ihr um Gottes Wort willen solchen Frevel und solche Schmach leidet. Was liegt daran, dass sie es Ketzerei nennen? Ihr seid doch gewiss, dass es Gottes Wort ist; so mögen sie nicht gewiss sein, dass es Ketzerei sei. Denn sie wollen es nicht hören und haben es nicht – noch können sie beweisen, dass es Ketzerei sei – und fahren doch auf solchem ungewissen Grund fort, zu lästern und zu verfolgen, wie St. Petrus sagt (2. Petr. 2,12), dass sie lästern, was sie nicht wissen.

Darum können sie kein gutes Gewissen in der Sache haben; ihr aber habt einen sicheren, gewissen Verstand, dass ihr um Gottes willen leidet. Nun, wer will oder kann je ausreden, welch ein seliger, stolzer Trotz das ist, wenn man gewiss ist, dass man um Gottes willen leidet? Denn wer leidet? Wen betrifft es? Wer wird es rächen, wenn wir um Gottes willen leiden?

Wohl spricht St. Petrus (1. Petr. 3,14): „Selig seid ihr, wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet.“ Wenn jemand der ganzen Welt Kaiser wäre, so sollte er solch Kaisertum nicht nur gern hingeben, um solch Leiden zu erlangen, sondern es auch für Dreck achten gegenüber solch tröstlichem Schatz.

Darum habt ihr, liebe Freunde, wahrlich keinen Grund, Rache zu begehren oder euren Feinden Böses zu wünschen, sondern vielmehr, dass ihr euch ihrer herzlich erbarmt. Denn ihr seid – abgesehen davon, was sie noch treffen wird am Ende – schon allzu hoch gerächt worden. Es ist ihnen schon allzu wehe geschehen. Sie haben euch nur Vorteil getan, dass ihr zu Gottes Trost kommt durch ihr Toben. Sich selbst aber haben sie den Schaden getan, den sie schwerlich oder gar nimmermehr überwinden werden.

Denn was ist es, dass sie euch eine Zeit lang nur an Leib und Gut geplagt haben? Muss es doch ein Ende haben. Und was ist es, dass sie eine kleine Zeit sich freuen ihres Mutwillens? Wird er doch nicht lange währen. Darüber hinaus seht euer Heil und ihren Jammer an. Ihr habt ein gutes, sicheres Gewissen und eine rechte Sache; sie haben ein böses, unsicheres Gewissen und eine blinde Sache, die sie noch nicht wissen, wie unrecht sie ist.

Ihr habt den Trost Gottes, durch Geduld aus der Schrift, in Hoffnung; sie aber haben den Trost des Teufels, durch Rache, in sichtbarem Mutwillen.

Wenn euch nun die Wahl gegeben würde, dass ihr euren oder ihren Teil wählen solltet – solltet ihr nicht vor ihrem Los fliehen wie vor dem Teufel, selbst wenn es euch als ein Himmelreich erschiene – und zu eurem Los eilen, selbst wenn es eine Hölle wäre? Denn der Himmel kann nicht fröhlich sein, wenn der Teufel darin herrscht, und die Hölle ist nicht betrübt, wenn Gott darin regiert.

Darum, liebe Freunde: Wollt ihr euch wohl und hochmütig rächen und trösten, nicht nur an euren leiblichen Verfolgern, sondern vielmehr am Teufel, der sie reitet – so tut ihm also: Seid nur fröhlich und danket Gott, dass ihr dessen wert geworden seid, sein Wort zu hören, zu erkennen – und darum zu leiden. Und lasst euch wohl gefallen, dass ihr gewiss seid: eure Sache ist Gottes Wort, und euer Trost kommt von Gott.

Und erbarmt euch eurer Feinde, dass sie kein gutes Gewissen in ihrer Sache haben und allein den elenden, betrübten Teufelstrost besitzen – durch ihren Frevel, ihre Ungeduld, Rachsucht und ihren zeitlichen Mutwillen. Glaubt gewiss: Mit solchem fröhlichen Geist, Lob und Dank tut ihr ihrem Gott, dem Teufel, mehr Leid, als wenn ihr tausend eurer Feinde erschlüget.

Denn er hat es nicht darum angerichtet, dass er sie trösten oder euch leiblich weh tun wollte, sondern er wollte euch traurig und schwermütig machen, damit ihr Gott unnütz würdet. So fügt ihr ihm umso mehr Schaden zu und spottet seiner, dass sein Anschlag fehlschlägt und ihn verdrießt.

Überdies will ich euch noch etwas zeigen, das ihn gar fein kitzeln und sehr schrecken soll. Er weiß wohl, dass ein Verslein im Psalter steht (Ps. 8,3), das heißt: „Ex ore infantium et lactentium fundasti virtutem, ut aboleas inimicum et ultorem“ – „Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du eine Macht gegründet, um den Feind und den Rächer zum Schweigen zu bringen.“

Dieser Vers droht ihm nicht nur Betrübnis und Elend, sondern auch, dass er zunichte werden soll. Und das nicht durch große Gewalt – was ihm noch eine Ehre wäre – sondern durch ohnmächtige Säuglinge, in denen keine Kraft ist. Das beißt ihn und tut dem mächtigen, stolzen Geist recht weh – dass seine große Gewalt, sein schreckliches Toben, seine wütende Rache durch kindliche Schwachheit zu Boden gestürzt werden soll – und er es nicht wehren kann.

Dazu lasst uns helfen und mit Ernst daran arbeiten.

Wir sind die Unmündigen und Säuglinge, indem wir schwach sind und die Feinde mächtig und gewaltig über uns sein lassen, dass sie über ihre Sache reden und tun, was sie wollen – wir aber müssen schweigen von unserer Sache und leiden, als könnten wir nichts sagen oder tun, wie die jungen Kinder. Und sie wie gewaltige Helden und Riesen.

Aber dennoch redet Gott unterdessen durch unseren Mund sein Wort, das seine Gnade preist. Das ist ein solcher Fels und fester Grund, dass die Pforten der Hölle nichts dagegen vermögen. Wo das bleibt und wirkt, da geschieht es zuletzt, dass auch etliche Feinde bekehrt werden, die des Teufels Schuppen waren. Wenn ihm nun solche Schuppen durch das Wort Gottes abgestreift werden, so wird er bloß und kraftlos. So geht es, wie dieser Vers sagt, dass es des Feindes und Rächers ein Ende macht.

Das ist ein fröhlicher Sieg und eine Überwindung, die ohne Schwert und Faust geschieht – darum sie dem Teufel umso mehr wehtut. Denn das ist ihm angenehm, wenn er durch die Seinen uns zu Zorn, Rache, Ungeduld und Traurigkeit reizen kann. Wo aber Freude daraus wird und Gottes Lob und Ruhm seines Wortes – das ist seine eigentliche Hölle.

Ja, mag jemand sagen: Es ist verboten, vom Wort Gottes zu reden – bei Leib und Gut. Wohlan, wer stark ist, der halte solch Gebot nicht. Denn sie haben keine Macht, es zu verbieten. Gottes Wort soll, muss und will ungebunden sein.

Ist aber jemand zu blöde und schwach, dem will ich einen anderen Rat geben: Dass er doch heimlich fröhlich sei, Gott danke und sein Wort preise, wie oben gesagt, und um Stärke von Gott bitte, auch öffentlich davon zu reden, damit der Feind und Rächer verstört werde.

Dazu will ich euch diesen hundertzwanzigsten Psalm[1] auf Deutsch schenken und kurz auslegen, dass ihr seht, wie euch Gott durch seine Schrift tröstet und wie ihr bitten sollt wider die falschen Lästerer und wütenden Verfolger.

Der 120. Psalm

  1. Ich rief zum Herrn in meiner Not, und er erhörte mich.
  2. Herr, errette meine Seele von den bösen Mäulern und von den falschen Zungen.
  3. Was soll man dir geben und dazu tun, wider die falschen Zungen?
  4. Scharfe Pfeile des Gewaltigen mit Kohlen von Wacholder.
  5. Ach meines Leides, dass sich mein Wallen so lange zieht! Ich wohne unter den Hütten Kedars.
  6. Meine Seele muss so lange wohnen unter denen, die den Frieden hassen.
  7. Ich hielt Frieden; aber da ich redete, hoben sie Streit an.

Der erste Vers lehrt uns, wohin wir laufen sollen, wenn uns Unglück trifft: nicht zum Kaiser, nicht zum Schwert, nicht zu unserem eigenen Rat noch zur Klugheit, sondern zum Herrn – das ist der rechte, einige Nothelfer. „Ich rief (spricht er) zum Herrn in meiner Not.“ Und dass wir solches kühn und freudig tun sollen und nicht fehlen werden, zeigt er damit an, dass er sagt: „Und er erhörte mich“, als wollte er sagen: Der Herr hat es gerne, dass man in der Not zu ihm läuft, und ist willig zu hören und zu helfen.

Der zweite Vers bringt das Anliegen vor und zeigt, worin die Not besteht – nicht, dass Gott es nicht zuvor wüsste, sondern damit wir dadurch gereizt und getrieben werden, desto fleißiger zu bitten. Es ist aber eben die Not, die euch zu Miltenberg und euremgleichen in deutschen Landen betroffen hat, nämlich, dass die bösen Mäuler und falschen Zungen das Wort Gottes nicht dulden wollen, sondern ihren Menschensatz und ihre Lügen aufrechterhalten und uns zum Schweigen bringen wollen, damit ihre bösen, falschen, giftigen Lehren allein gepredigt werden.

Der dritte Vers hält eine Beratung darüber, wie und womit man der Sache helfen solle. Denn es begehrt und hätte auch gerne die menschliche Blödigkeit Hilfe und Schutz in der Welt, und viele gehen damit um; das zeigt dieser Vers mit seinem Ratschlagen an. Aber der Geist verwirft das alles und will solcher Hilfe keine – wie folgt.

Der vierte Vers nennt die rechte Hilfe: nämlich scharfe Pfeile des Gewaltigen – das heißt, wenn Gott starke Prediger senden wollte, die sein Wort getrost sagen; diese sind die Pfeile Gottes. Und sie sind scharf, denn sie durchdringen und schonen nicht, sondern schießen und verwunden alles, was Menschensatz ist. Dadurch werden die falschen Zungen überwunden und in rechte, christliche Zungen verwandelt.

„Wacholderkohlen“ aber sind die rechten Christen, die Gottes Wort, welches durch die scharfen Pfeile bezeichnet ist, auch mit dem Leben bezeugen und in hitziger, brünstiger Liebe und durch Werke anzünden. Denn man sagt, dass Wacholderkohlen das Feuer wohl und wahrhaftig halten. Also wünscht dieser Vers gute Prediger, die das Wort Gottes im Glauben kräftig führen und alles zu Boden schlagen, was des Teufels ist, und die durch Werke der Liebe ihren Glauben brennen und leuchten lassen. Denn es gibt wohl viele Prediger des Wortes heutzutage, aber sie sind nicht kräftig, führen es auch nicht mit Macht. Und wenn sie es führen, schärfen sie es doch nicht, denn sie scheuen sich zu schelten, wo es nötig wäre – nämlich bei den Großen. Dazu sind sie auch so kalt in der Liebe und so rohen Lebens, dass sie mehr Ärgernis geben als bessern und also die Pfeile Gottes stumpf und matt machen.

Der fünfte Vers klagt und zeigt, wie es solchen Predigern ergeht, nämlich, dass wenige dem Evangelium glauben und es in den Wind schlagen. Das tut dem Geist weh, der so gerne wollte, dass es jedermann mit Freuden aufnehme. Darum spricht er: „Ach weh mir! Ach meines Leides! Ich muss so lange hier wallen und Gast sein, denn ich finde Gottes Reich nicht unter ihnen. Sie wollen auch nicht hineingehen; ich predige so lange, und es hilft nichts; sie bleiben doch, wie sie sind, und ich muss auch unter ihnen sein und wohnen unter den Hütten Kedars.“ – „Kedar“ nennt die hebräische Sprache Arabien, und es bedeutet auf Deutsch „traurig“ oder „finster“, gleichwie diejenigen, die Trauer tragen. Die Araber sind ein wildes, freches, ungezogenes Volk; darum nennt er hier die Ungehorsamen gegenüber dem Evangelium „Kedar“, weil sie sich durch das Evangelium nicht züchtigen lassen.

Der sechste Vers zeigt, dass er nicht nur verachtet, sondern auch verfolgt wird um des Wortes willen und dennoch unter ihnen bleiben muss. „Sie hassen den Frieden“, spricht er – nämlich den göttlichen Frieden, durch den wir innerlich im guten Gewissen mit Gott Frieden haben und äußerlich mit allen Menschen, niemandem Leid tun, sondern jedermann Gutes erweisen. Diesen Frieden hassen sie. Denn sie verfolgen das Wort, welches solchen Frieden lehrt und bringt, und verteidigen ihre Lehre, die vor Gott ein böses Gewissen schafft – durch eigene, ungläubige Werke sowie durch Sekten und Zwietracht, die sie in mancherlei Ständen unter den Leuten errichtet haben.

Der siebte Vers antwortet und entschuldigt sich gegen die falsche Anklage, die die Gottlosen gegen die rechten Christen vorbringen. Denn sie behaupten, solche Lehre sei aufrührerisch und mache Unfrieden in der Welt. Darauf sagt er: Es ist nicht meine Schuld, denn „ich hielt Frieden“, tat niemandem Leid, außer dass ich vom rechten Frieden predigte. Das aber konnten sie nicht ertragen, und sie hoben Streit an und verfolgten mich. So musste auch Elias vom König Ahab hören, er habe Israel in Irrtum geführt – obwohl, wie Elias selbst antwortet, nicht er, sondern Ahab Israel irregeführt hat (vgl. 1. Kön. 18,17–18).

Da seht ihr, liebe Freunde, dass euer Fall hier gleichsam abgebildet ist und es euch ergeht, wie es in diesem Psalm steht. Ihr müsst den Namen tragen, als wäret ihr Aufrührer, während ihr doch nichts anderes getan habt, als das Wort gehört, geredet und reden lassen. Darüber haben die mainzischen Tempelknechte und Seelenjäger den Streit gegen euch angefangen und den Frieden, den ihr gelehrt habt, gehasst und verfolgt. Und ihr müsst noch immer unter diesen Feinden des Friedens wohnen und lange wandern – um Gottes willen – und seid unter den Hütten Kedars, fremde Gäste und schlecht gehalten.

Was wollt ihr nun tun? Rächen könnt ihr euch nicht; und wenn ihr es könntet, so wäre es dennoch unrecht. Auch Übles zu wünschen bringt nichts, denn Christus spricht (Matth. 5,44): „Segnet, die euch fluchen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.“ Was sollt ihr also tun? Nichts Besseres, als eure Augen abzuwenden von den Menschen, die euch Leid antun, und zu schauen auf den Schalk, der sie besitzt und antreibt – wie ihr euch an dem rächen könnt und euer Mütlein kühlen. Er hat aber kein Fleisch noch Bein, er ist ein Geist; darum, wie St. Paulus sagt, müsst ihr nicht mit Fleisch und Blut kämpfen, sondern mit den geistlichen Übeltätern in der Luft, mit dem Regenten dieser finsteren, blinden Welt.

Was sollen denn die elenden mainzischen Hurensknechte und Mastbäuche anderes tun? Sie müssen es so treiben, wie ihr Herrgott, der Teufel, sie jagt; sie sind nicht bei sich selbst, darum ist ihrer auch herzlich zu erbarmen. Sie geben vor, christliche Lehre zu verteidigen, während sie doch schändlicher leben als Huren und Buben – gerade so, als sollte der Heilige Geist durch solch teuflisches Geschirr etwas zu seiner Ehre wirken; es müsste denn ohne ihr Wissen und Wollen geschehen, wie bei Judas, Kaiphas und Pilatus.

So bleibt euch nur noch dies eine: dass ihr euch, wie dieser Psalm zeigt, in dieser Not an den Herrn haltet und vor ihm über solche böse Zungen schreit und mit Ernst und ganzem Herzen bittet um starke Schützen, die scharfe Pfeile auf den Teufel schießen, treffen und nicht verfehlen, und um feurige Wacholderkohlen, die mit Brunst und Eifer die verführten, blinden Leute anzünden und mit gutem Leben erleuchten – zum Preis und zur Ehre des Namens Gottes.

Werdet ihr das tun, so sollt ihr in Kürze sehen, wie reichlich ihr euch am Teufel und seinen Schergen gerächt habt, dass euer Herz darüber lachen wird. Nur seht zu, dass ihr solches Bitten mit aller Zuversicht tut und nicht zweifelt: Gott, um dessen Wortes willen ihr geplagt werdet, wird euch erhören und seine Pfeile und Kohlen in Fülle ausschicken, dass, wo man an einem Ort das Wort zu Miltenberg unterdrückt hat, es an zehn anderen aufgehen soll. Und je mehr sie ins Feuer blasen, desto stärker wird es brennen.

Denn dass das Wort Gottes noch nicht so mächtig geht, wie es billig sollte und wir es gerne hätten (obwohl sie meinen, es gehe schon allzu stark), daran kann ich keinem anderen die Schuld geben als uns selbst – weil wir zu faul sind, um scharfe Pfeile und heiße Kohlen zu bitten. Er hat uns befohlen zu bitten, dass sein Reich komme und sein Name geheiligt werde – das heißt, dass sein Wort und die Christen wachsen und stark werden. Aber weil wir es liegen lassen, wie es liegt, und nicht mit Ernst bitten, darum geht es auch so schleppend, und sind die Pfeile stumpf und matt, die Kohlen kalt und träge, und der Teufel fürchtet sich noch kaum vor uns.

Darum lasst uns aufwachen und frisch sein – die Zeit ist da! Er tut uns überall viel böse Tücke; lasst uns doch auch einmal ihm etwas antun, das ihn verdrießt, und uns rächen – das heißt, lasst uns ohne Unterlass zu Gott bitten, bis er uns gerüstete Schützen mit scharfen Pfeilen und Kohlen genug sende.

Seht, liebe Herren und Freunde, einen solchen Trostbrief habe ich mir unterstanden, euch zu schreiben, obwohl es andere besser hätten tun können und mehr Ursache dazu hätten. Weil aber mein Name auch mit im Spiel ist und ihr als die „Lutherischen“ verfolgt werdet, hat es mir, so meine ich, nicht übel angestanden, mich eurer anzunehmen wie meiner selbst.

Und wiewohl ich es nicht gerne sehe, dass man die Lehre und die Leute „lutherisch“ nennt und ich dulden muss, dass sie Gottes Wort mit meinem Namen so schänden – so sollen sie dennoch den Luther, die lutherische Lehre und die lutherischen Leute lassen bleiben und zu Ehren kommen, während sie selbst und ihre Lehre untergehen und zuschanden werden, und wäre es auch aller Welt leid und alle Teufel verdrießt. Leben wir, so sollen sie keinen Frieden vor uns haben; sterben wir, so sollen sie noch weniger Frieden haben. Kurzum: Sie sollen unser nicht loswerden, es sei denn, sie gehen unter oder sie geben sich willentlich zu uns. Und ihr Zorn und Toben soll ihnen nichts helfen. Denn wir wissen, wessen das Wort ist, das wir predigen, und man soll es uns nicht nehmen – von niemandem. Das sei meine Prophezeiung, die mir nicht fehlen wird. Gott erbarme sich über sie!

Hiermit will ich euch, liebe Freunde, Gott in seine Gnade und Barmherzigkeit befohlen haben. Und bittet auch Gott für mich, armen Sünder. Und lasst euch eure Prediger empfohlen sein, die Christum predigen – und nicht den Papst oder die mainzischen Tempeljunker. Gottes Gnade sei mit euch. Amen.

WA 15, 69-78.


[1] Im Original wie auch auf dem Titel der Schrift nach der Zählung der Vulgata: „119. Psalm“.

Hier der Text als pdf.

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