Darum seid nüchtern!
EIN GRUSS AN DIE BRÜDER
Der bayerische Pfarrer Walter Höchstädter (1907-1994) verfasste im Sommer 1944 als Lazarettgeistlicher in Annecy in den französischen Savoyen diese anonym gehaltene Flugschrift, die er in tausend Druckexemplaren durch die Feldpost an Soldaten der Wehrmacht verschickte. Die Flugschrift kursierte unter deutschen Kriegsgefangenen in unterschiedlichen Lagern.
Es war in den letzten Nächten, bevor ich als Soldat zum Frankreichfeldzug verladen wurde, als ich unter diesem Thema meine Gedanken sammelte, gleichsam als theologisches Vermächtnis für den Fall, dass mir etwas zustossen sollte. Inzwischen sind vier Jahre dahingegangen, vier grauenvolle Jahre des Krieges, der Finsternis, der Lüge, des Hasses, des Leids und des Jammers. Durch Gottes Güte wurde ich in dieser Zeit gnädig bewahrt und glücklich hindurchgeführt. Aber mit Schrecken musste ich sehen, dass das, was ich damals in banger Ahnung befürchtete, sich erfüllt hat, so grauenvoll, so entsetzlich, wie ich es kaum zu denken wagte. Darum muss ich nocheinmal das Wort ergreifen und dasselbe wieder, sagen, mit denselben Worten, wie damals — ich brauche davon nichts zurückzunehmen — nur noch eindringlicher, noch flehentlicher. Als ich diese Gedanken vor 4 Jahren aussprach, da begegnete mir hie und da der Einwand, das sei einseitig. Ja ist das einseitig, wenn man als Christ mit den Gedanken der Hl. Schrift ernst macht, wenn man es einmal wagt, an einem Punkt das Weltgeschehen mit den Augen des Christen zu sehen? Warum soll der Pfeil; der auf der Sehne liegt, — wie Karl Barth sagt — nicht auch losschnellen? Ist das einseitig? Soll die Christenheit es nicht endlich einmal wagen, mit dem «Sowohlalsauch» zu brechen und statt dessen zu dem klaren «Entweder-oder» der Apostel und Propheten überzugehen? Darum möchte ich es nocheinmal und noch etwas deutlicher als damals sagen: Darum seid nüchtern! (1. Petr. 5, 8;)
„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre“ (1. Joh. 3, 8;) Es gibt wohl kein Wort in der ganzen Bibel, das die frohe Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, knapper und klarer zusammenfasst, als dies eine Sätzlein. Jesus Christus, der Bringer und Künder des Reiches Gottes, der den Teufel besiegt und sein Reich zerstört hat! Diese Tatsache gab den Aposteln die Siegesgewissheit und Zuversicht ihres Glaubens. Er selber, der Herr, hat sie mit hineingenommen in seinen Sieg. Ja er selber hat ihnen die Macht gegeben über die Teufel und unsauberen Geister. (Matth. 10, Luk. 10.) So, wie sie es an ihrem Herrn tausendfach gesehen hatten, so haben sie es auf ihrer eigenen Predigtfahrt als Apostel beglückend erfahren, dass ER den Sieg errungen hat, dass die Teufel ihnen in seinem Namen untertan sind. Ja diese ihre Freude darüber war so gross, dass der Herr ihnen gleichsam als leise Mahnung sagte, sie möchten nicht so sehr auf den Akt des Sieges und auf den Besiegten, sondern auf das grosse Ziel des Sieges sehen.
„Doch darin freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freuet euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Luk. 10, 20;) Aber trotzdem soll es die Gewissheit der Jünger sein, dass der Teufel besiegt ist, dass er keine Macht mehr an ihnen hat. Wohl lebt er noch, wohl kann er sich noch auf der Welt austoben. Aber der Jünger Jesu weiss, das ist nur das zornige Schreien und Toben des Gefangenen, dem nicht mehr viel Zeit gegeben ist. (Off. 12, 12;) Seine Uhr ist abgelaufen, das Urteil ist gesprochen. Der Teufel ist besiegt und mit ihm sein ganzes Heer. Man mag heute dazu stehen, wie man will, die Meinung des Neuen Testaments ist es, dass der Teufel nicht allein steht. Genau wie Gott, der Herr Zebaoth, der Herr der Heerscharen, umgeben ist von unsichtbaren, ihm dienenden Geistern, so ist auch sein Widersacher von Fürstentümern und Gewalten umgeben, von finsteren Mächten und Dämonen, von bösen Geistern ohne Zahl. Ihr Reich ist überall die Sünde und ist dort, wo Menschen in Leid und Krankheit sind. Es kann hier nicht eingegangen werden auf all die verborgenen Zusammenhänge von Sünde, Leid, Schuld und Krankheit. Das Eine steht fest, dass Jesus und das ganze Neue Testament hinter vielen, vor allem den seelischen Erkrankungen den Teufel und sein Reich hat stehen sehen. (Damit ist über die persönliche Schuld und Unschuld der betroffenen Kranken — die alte Hiobsfrage — nichts ausgesagt.) Den ersten Christen war es klar, dass ein Millionenheer von Dämonen und bösen Geistern als Widersacher Gottes da ist. Aber sie glaubten, dass Jesus gesiegt hat. Aus dieser Gewissheit haben sie geredet und gelebt und konnten darum über Schlangen und Skorpione gehen. (Luk. 10, 19, Ap. Gesch. 28, 5;) In der Vollmacht des über sie ausgegossenen Hl. Geistes standen sie vor dem Hohen Rat, vor Fürsten, Königen und Gewaltigen. In der Vollmacht dieses Geistes heilten sie Kranke und Besessene und in der Vollmacht dieses Geistes hatten sie auch die Gabe, Geister zu scheiden, (1. Thess. 5, 21; 1. Kor. 12, 10; 1. Joh. 4, 1-3;) eine sehr wichtige Gabe, die sie in mancher Lage die rechte Entscheidung fällen liess. (Apostelkonzil! Ap. Gesch. 15.) So war die erste Gemeinde — bei aller menschlichen Schwachheit der Jünger — das Heer des Siegers, das die Fahne seines Herrn weitertrug durch die Welt. Das geht aus allen Zeugnissen des Neuen Testaments klar hervor. Darum setzt uns der gerade Weg, den die erste Gemeinde ging, immer wieder in Erstaunen. Wie wenig ist davon in unserem heutigen Glaubensleben, in den heutigen Gemeinden, in der heutigen Kirche zu spüren! Ein Mann, wie Joh. Chr. Blumhardt, der es im letzten Jahrhundert wagte, den Sieg Jesu Christi über die Teufel offen zu verkündigen und in fröhlichem Glauben darnach zu leben und zu handeln, wird von vielen nur als Sonderfall gewertet, als „Sonderfall“ einer neben vieler anderer Arten von „Christentum“. Wie wenig ist er bekannt! Und dabei ist er doch einer von den ganz grossen, wie Gott sie seiner Gemeinde jedes Jahrhundert nur einmal schenkt. Blumhardt mit seinem fröhlichen „Jesus ist Sieger“ stellt die heutige Christenheit vor die ernste Frage, ob ihr nicht das Entscheidende fehlt.
Der Teufel ist besiegt. Aber dennoch sagt der Apostel: „Darum seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge“. Er weiss, noch ist der Teufel da und ist eine Macht. Er schleicht wie ein Löwe um die Hürde der jungen Gemeinde und sucht, ob er nicht irgendwo eine Lücke im Zaun findet, durch die er eindringen könnte. Nachdem er damals kein Tor offen fand, brach er ein, wütend und rasend, mit „Schnauben, Drohen und Morden“ (Ap. Gesch. 9, 1;). Ist es ein Wunder, dass die Gemeinde durch die härteste Verfolgung musste? Hat es nicht ihr Herr vorausgesagt? (Matth. 10, Joh. 15, 18;) Kann es anders sein, als dass er gegen die Gemeinde Christi sein ganzes höllisches Heer immer wieder heraufführt? Er setzt zum verzweifelten Kampf an und tat und tut es immer wieder, wo er Christus und seine gläubige Gemeinde sieht. Aber das Wort des Herrn hat sich erfüllt: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden“ (Matth. 16, 18.) Die Gemeinde hat immer im Lauf ihrer Geschichte fast alle Verfolgungen siegreich überstanden.
Aber damit ist nicht der ganze Kampf des Teufels gegen die Gemeinde vollendet. Geht es nicht mit Brutalität, mit „gross Macht“, so geht es vielleicht mit Versuchungen von innen, mit „viel List“. Schon im Neuen Testament ist das als die grösste Gefahr für die Gemeinde erkannt worden. (Matth. 24, 5 ff, bes. Vers 10 u. 11. Ap. Gesch 20, 29; 2. Petr. 2.) Und dies ist dem Widersacher oft — nur allzu oft — geglückt. Er hat das Loch im Zaun gefunden und brach ein in die Gemeinde, die nicht mehr nüchtern und wach war. Darum wurde es ärger, als vorher. Der Herr selbst sah das voraus und erzählt darum das ernste Gleichnis von dem Dämon, der in das leere Haus zurückkehrt, aus dem er ausgetrieben war, und bringt sieben andere mit, die ärger sind, denn er. (Matth. 12.) Das ist das grosse Aergernis, das jeder Nichtchrist beim Lesen der Kirchengeschichte nehmen muss, wenn er all die Kämpfe, all den Zank, allen Streit, alle Untaten, all die Greuel und Grausamkeiten liest, welche im Lauf der letzten 2 Jahrtausende in der „Kirche“ geschehen sind. Das, was dem Teufel durch die brutalste Verfolgung nicht geglückt ist, das gelang ihm durch List. Er hat die Gemeinde zu Fall gebracht. Die Anfänge können wir schon im 2. Jahrhundert feststellen. Und nun erst als die Verfolgungen zu Ende waren! Kaum war die Gemeinde unter Kaiser Konstantin und seinen Söhnen aus der Verfolgung genommen, war vor der Welt anerkannt, war die allein geduldete Staatsreligion, da erlag sie den Versuchungen der Welt. Da kam über sie der Machtrausch und das Rachegelüste. Sie hat vergessen, was sie wenige Jahrzehnte vorher selbst geduldet, gelitten und geseufzt hatte unter der Verfolgung. Nun verfolgte sie ihrerseits all ihre bisherigen Verfolger, vergalt Gleiches mit Gleichem an Heiden und Juden. Tempelstürme, Heiden- und Philosophenverfolgungen und Judenhetzen waren nun an der Tagesordnung. Die Gemeinde vergass das Wort des Apostels: „Rächet euch selbst nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes …“ (Röm, 12, 19;) Schon die Apostel hatten einst dies zelotische Gelüste. Als sie die ungläubigen Städte Samarias sahen, baten sie ihren Herrn, er möge Feuer vom Himmel auf sie regnen lassen, er möge „Vergeltung“ üben. Aber da heisst es: „Jesus wandte sich und bedrohte sie und sprach: Wisset ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?“ (Luk. 9, 55.)
Wie oft hat die Gemeinde später diese Worte Jesu vergessen! von den Zeiten Konstantins über die Ketzerverfolgungen ohne Zahl, über die Kreuzzüge und die Reformationszeit bis in die Gegenwart, wieviel Blut, wieviel unschuldiges Blut ist geflossen, wie hartherzig, wie lieblos und glaubenslos hat die Gemeinde Christi gehandelt! Es ist Schuld der ganzen Christenheit, und wir dürfen die Anklage der Welt nicht einfach zurückweisen und sagen, das sei im „Mittelalter“ geschehen. Wir müssen es bekennen und die Schuld mittragen, auch wenn es sich um krankhafte Erscheinungen, um Besessenheiten handelte, wie den Hexenwahn.
Es muss zur Ehre der Gemeinde gesagt werden, dass sie sich lange Zeit im Mittelalter gegen diesen aus dem Heidentum kommenden Wahn gestellt hat und dass führende Männer der Christenheit (Bischöfe und Päpste) sich in Erlassen gegen diese Besessenheit gewandt haben. Aber schliesslich ist die Kirche ihm doch erlegen. Im Malleus maleficarum der Dominikanermönche Heinrich Institoris und Jakob Sprenger entstand das Standardwerk für alle Hexenprozesse vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. Es ist Schuld der Gemeinde, dass sie diesem Wahn erlegen ist, statt dass sie im Namen Jesu und in Vollmacht des Hl. Geistes ihn bekämpfe hat; denn sie hat ja von ihrem Herrn die Verheissung, dass alle Teufel ihr untertan sind, auch die Dämonen der Besessenen. Und im Hexenwahn handelt es sich um eine Besessenheit, einen Massenwahn.
Es ist sehr schwer und vielleicht nicht angebracht, über die Schuld vergangener Geschlechter zu urteilen, und der Vorwurf ist berechtigt, dass wir damals genau so gehandelt hätten. Aber aus biblischer Erkenntnis heraus dürfen wir es wohl wagen, nicht mit Hochmut, sondern mit dem festen Willen, in ähnlichen Fällen dann so zu handeln, wie es der Gemeinde Jesu befohlen Ist. Die Gemeinde muss wissen, was der teuflische Grund des Hexenwahns ist. Es ist die alte Absicht des Teufels, dass der Mensch alle Schuld von sich auf andere schiebt. Für jedes Unglück, für jedes Leid muss ein Sündenbock gefunden werden, der gestraft wird. Die Geschichte der Hexenprozesse zeigt das klar. Immer war ein Anlass gegeben. Wenn die Pest ausgebrochen war, wenn Krankheit und Seuchen die Menschen oder auch nur das Vieh dahinrafften, wenn Feuersbrünste oder Hagelschlag oder Hochwasser das Land heimsuchten, dann gingen die Hexenprozesse los. Irgend jemand musste doch schuld sein. Und hier ist nun die Stelle, wo die Gemeinde um Christi willen hätte Front machen müssen. Sie hätte das Gotteswort verkündigen müssen: „Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde.“ (Kl. Jer. 3, 39.). Die Gemeinde hätte aufzeigen müssen, dass es von Anfang an im Menschen begründet liegt, jede Schuld ausserhalb von sich zu suchen, statt im eigenen Herzen. (Sündenfall!). Statt Hexen zu suchen, zu foltern, zu verbrennen hätte die Gemeinde Busse tun und Busse predigen müssen. So haben es auch mitten in der Zeit der Hexenverfolgungen etliche Christen getan. (Der Jesuit Friedrich Spee und der Calvinist Johannes Weyer). Wir sehen daraus, welch schlichte, nüchterne, fast prosaische Sache der Exorzismus im Namen Jesu ist.
Diese Erkenntnis ist aber für uns heute von ungeheuer weitragender Bedeutung. Wir leben in einem Zeitalter, das nicht minder von Wahnideen und Dämonen durchtobt ist, als das Mittelalter. Statt des Hexenwahns feiert in unserem angeblich so „aufgeklärten“ Zeitalter der Judenwahn seine Orgien. Der Judenwahn, der schon im Mittelalter furchtbar getobt hatte, ist heute in sein‘ akutes Stadium getreten. Da hat die Kirche, die Gemeinde Jesu Christi, zu bekennen. Da hat sie sich zu bewähren, da hat sie im Namen Jesu Christi Stellung zu nehmen, d. h. Exorzismus zu treiben. Wenn sie es nicht tut, dann hat sie versagt, genauso wie damals zur Zeit der Hexenverfolgungen. Das Blut von Millionen hingeschlachteter Juden, von Männern, Frauen und Kindern schreit heute gen Himmel. Da darf die Kirche nicht schweigen. Sie darf da nicht sagen, die Regelung der Judenfrage sei eine Angelegenheit des Staates, wozu er aufgrund von Röm. 13 ein Recht habe. Die Kirche darf auch nicht sagen, in der heutigen Zeit vollziehe sich eben die gerechte Strafe für die Sünden der Juden. Wer derartig ein Zuschauer der Gerichte Gottes sein will, der wird zur Salzsäule erstarren. (1. Mose 19, 26.) Das schreckliche Schicksal der Juden kann die Gemeinde Jesu nicht anders vernehmen, als in Demut, in barmherzigem Mitleiden und in heiligem Erschrecken: „Sie sind ausgebrochen um ihres Unglaubens willen, du stehst aber durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, dass er vielleicht auch dich nicht verschone.“ (Röm. 11,20f.) Es gibt also keine indifferente Haltung für den Christen in dieser Frage. Es gibt keinen gemässigten — christlichen — Antisemitismus. Auch dann nicht, wenn er einleuchtend mit vernünftigen (etwa nationalen) Gründen dargelegt wird, oder gar mit wissenschaftlichen (sage: scheinwissenschaftlichen) Gründen. Auch der Hexenwahn wurde einst von Kapazitäten der theologischen, juristischen und medizinischen Fakultäten wissenschaftlich begründet. Der Kampf gegen das Judentum kommt aus derselben trüben Quelle, wie einst der Hexenwahn. Das Suchen nach dem „Sündenbock“ hat auch die heutige Menschheit nicht verlernt. Darum fahndet sie nach allerlei Schuldigen, den Juden, den Freimaurern und überstaatlichen Mächten. Das ist der Hintergrund aller Hassgesänge unserer Zeit.
Wer aber kennt wirklich die Geschichte des Judentums? Wer hat sich einmal wirklich die Mühe gemacht ein objektiv geschriebenes Buch, etwa das Standardwerk, die Geschichte des Judentums von Heman und Otto v. Harling zu lesen? (Calwer Vereinsbuchhandlung, Stuttgart 1927.) Eines geht daraus klär hervor: An der Verstockung der Juden trägt die Christenheit selbst die Hauptschuld. Statt die Haltung des Missionars gegenüber den Juden zu bewahren, wie es Petrus und die anderen Apostel einst taten, (Ap. Gesch. 3, 26. Röm. 9-11) statt sie durch Güte und Liebe zu gewinnen, hat die Christenheit sie ihren Hass entgelten lassen, (s. O.) Seit Konstantin stehen die Juden unter Ausnahmegesetzen. Seit dieser Zeit spüren sie die brutale Faust der Christen. Ist es ein Wunder, dass sie, die nichts von der Liebe Christi wissen, sich in immer grösseren Hass und Verbitterung hineinsteigerten? Nicht sie selbst, sondern die Christen haben sie zu dem gemacht, was sie heute sind. Jahrhundertelang waren sie die „Parias“ der Menschheit. (Heman, a.a.O. S. 142.) Christliche Fürsten haben ihnen den Zutritt zu den bürgerlichen Berufen verboten, christliche Herrscher haben sie zu den „Prostituierten“ des Wirtschaftslebens gemacht, die sie in ihrer grausamen Habgier und Gewinnsucht brauchten; denn ihnen war das Zinsnehmen durch die Kirche verboten, den Juden aber war es gestattet. So waren diese den Machthabern höchstwillkommene Helfer. Hatte aber der Jude seine Schuldigkeit getan, dann bekam er den Fusstritt. Das ist das Grundgesetz der jüdischen Geschichte bis in die neuere Zeit. Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne ohne Ende, ein Knäuel von Schuld. Wer gibt uns das Recht, die Schuld einseitig den Juden zuzuschieben? Einem Christen ist das verboten. Ein Christ kann kein Antisemit sein, auch kein „gemässigter“ Antisemit. Der Einwand, dass ohne einen „gesunden“ Antisemitismus als Reaktion die Verjudung des Volkslebens eine schreckliche Gefahr würde, stammt aus einer glaubenslosen und rein säkularen Schau der Dinge, die für den Christen überwunden sein sollte.
So gilt es für die Christenheit unserer Tage dieselbe Entscheidung zu fällen, wie für die Gemeinden des Mittelalters. Statt Fahndung nach dem Sündenbock und statt Hassgesängen hat sie die Busse und das Bekenntnis der eigenen Schuld zu verkündigen. Gegenüber allen Dämonien der Zeit hat sie Exorzismus zu treiben in der sieghaften Zuversicht, dass Jesus der Sieger ist, dass er ein Herr aller Geister ist, dass ihm alles untertan sein muss und dass Er die Welt auf seine Wiederkunft und sein herrliches Reich zuführt. Die Kirche kann zwar nicht eingreifen in das Rad der Geschehnisse, die nun ihren unerbittlichen Gang gehen. Aber sie hat zu bekennen. Sie hat zu verkündigen. Und sie muss nach ihrem Bekenntnis leben in Glaube, Liebe und Hoffnung.
Sie hat den Glauben zu bekennen, den Glauben an den Sieger Jesus Christus. Sie hat ihn zu bekennen gegenüber allem Unglauben, allem Irrglauben, aller Lüge, die heute von Millionen von Dämonen durch die Welt getragen wird und viele verführt. Alle Ergebenheitskundgebungen und -Telegramme von Kirchenführerkonferenzen und Bischöfen lutherischer Prägung fällten höchst unbiblische Werturteile und trugen nur mit bei zu der heillosen Verwirrung der Geister. Sie leisteten indirekt den Dämonen grosse Dienste. Sie stehen in einer Reihe mit den Kreuzzugpredigten im Mittel- alter und den Judenpredigten der Dominikaner zur Zeit der Judenverbrennungen im 15. Jahrhundert. Die Kirche hat nicht Werturteile zu fällen, sondern den Glauben zu predigen und den Glauben der Schwachen zu starken und die Gewissen der Gläubigen zu schärfen, dass sie zur Zeit der teuflischen Versuchung klar sehen und klare Entscheidungen fällen können.
Und die Kirche hat aus der Liebe zu leben. Sie hat in das tobende Meer des Hasses ein Tröpflein Oel zu giessen — mag es noch so töricht vor der Welt erscheinen. Wehe ihr, wenn sie das nicht tut! Wehe ihr, wenn sie durch Schweigen oder durch allerlei zweifelhafte Ausflüchte an den Hassausbrüchen der Welt mitschuldig wird! Wehe ihr, wenn sie sich aus der Sphäre des Hasses stammende Worte und Parolen — und seien es auch nur Diktionen und Vokabeln; denn auch hinter Diktionen und Vokabeln stehen Dämonen — zu eigen macht! Die Liebe kennt keinen Kompromiss, die Liebe kennt keine Grenzen. Sie kommt aus der Wahrheit des Glaubens!
Und die Kirche hat aus der Hoffnung zu leben, der Hoffnung auf sein Reich. Dorthin gehen ihre Blicke. Die Welt hat heute eine eigene .eine säkulare Eschatologie. Sie will Endgültiges, Ewiges schaffen. Ihre Entscheidungen sollen richtungweisend sein für alle Zukunft. Ihre Weltanschauung erhebt den Kampf ums Dasein, um die materielle Existenz zur letzten Wahrheit, er soll der tiefe und letzte Sinn der Welt sein. Demgegenüber muss die Gemeinde Jesu ihre Hoffnung verkündigen, das Reich Christi. (2. Bitte des Vaterunsers) Dort ist die Lösung aller Fragen. Dort ist Frieden. Dort ist Gerechtigkeit. Dort werden alle Ungerechtigkeiten, alles Leid, aller Jammer, alle dunklen Rätsel der Welt ihre Lösung finden. Alle Mühseligen und Beladenen, alle Verfolgten und Traurigen, alle Armen und Elenden — und dazu gehört heute auch der Jude — soll sie mit hineinziehen in ihre grosse Hoffnung. Ja die Gemeinde Christi muss denen, die zu ihr kommen, selbst einen Vorschmack ihrer grossen Hoffnung geben, nicht nur indem sie ihnen das Wort und das Sakrament bietet, sondern indem sie denen, die verfolgt sind, Schutz gewährt, die, die traurig sind, tröstet und denen, die unter den Rechtsbrüchen und Ungerechtigkeiten der Welt leiden, sagt, dass sie mit ihnen leidet und sie versteht und trägt, nicht zuletzt durch ihre Fürbitte. So wird die Gemeinde, die selbst ganz aus ihrer Hoffnung lebt, für die Welt der Hort und der Inbegriff der Hoffnung. Das ist das Gebot der Stunde! So steht sie dann richtig im Kampf gegen all die Mächte des Abgrunds! Denn mit Glaube, Liebe und Hoffnung hat sie die Zeichen des Sieges Jesu in der Hand.
(Als Manuskript gedruckt)
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