Friedemann Jung, Predigt zu 1. Mose 3,1-24: „Diese Geschichte ist also nicht die der ersten Sünde, sondern die vom Anfang der menschlichen Freiheit – denn ohne die Möglichkeit des Ungehorsams kann es keinen Gehorsam geben, ohne die – wie Karl Barth es genannt hat: Die unmögliche Möglichkeit, das Böse zu tun, kann es auch keine Freiheit geben. Und, auch das eine kleine Pointe: Natürlich müssen die Menschen diese Freiheit schon vorher gehabt haben – sonst hätten Eva und Adam ja gar nicht auf die Schlange hören können.“

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte kennen wir alle. Man möchte fast sagen: Zur Genüge. Sie heißt ja „Die Geschichte vom Sündenfall“. Und man sagt, hier ginge es um die Erbsünde. Seltsam nur, dass von Sünde hier überhaupt nicht die Rede ist. Davon wird erst bei dem nächsten schlimmen Geschichte geredet, bei der Ermordung Abels durch Kain – und da ist sie kein sozusagen natürliches Verhängnis, sondern prinzipiell beherrschbar, denn Kain wird von Gott sozusagen gewarnt, als er zornig und neidisch wird auf seinen Bruder Abel: „Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, / doch du werde Herr über ihn!“

Das heißt aber: Mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse kommt nicht die Sünde in die Welt sondern die Voraussetzung dafür, dass der Mensch sündigen kann – denn erst jetzt hat er ja die Möglichkeit, verantwortlich zu sein.

Und dann haben wir meistens gehört, dass die Schlange, die da auftaucht, der Satan, der Teufel sei – also so eine Art Gegengott. Aber auch davon ist hier nichts zu finden. Sie ist einfach nur ein Tier, wenn auch ein sehr kluges.

Und ein bisschen erinnert sie an die Art populistischer Parteien in ihrer Argumentation. Sie weiß so ungefähr, was Eva will – nämlich klug sein, gutes Essen haben, sicher. Aber zugleich wäre es doch schick, nicht nur Gottes Ebenbild, sondern sogar Gott selbst zu sein. Und das, so die Schlange, könnte klappen.

Damit hat sie die Sehnsucht und die Versuchung mancher Menschen schlechthin formuliert: sein zu können wie Gott, besser noch: Selbst Gott zu sein.

Und ein wenig davon erleben wir ja in Amerika. Da fühlt sich einer – oder besser: da fühlen sich mindestens zwei – zumindest von Gott erwählt. Und fühlen sich Gott gleich und handeln so, als ob es über ihnen nichts und niemanden gäbe. Dabei haben die sicher nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, eher aus dem Fluss des Narziss getrunken – und wir können nur hoffen, dass sie irgendwann vor lauter Selbstverliebtheit und vor lauter Besoffenheit von ihrer eigenen Größe so wie Narziss in den Fluss stürzen.

Aber zurück zur Schlange. Was sie sagt hat ja einen gewissen Wahrheitskern. Denn in der Tat – die Frucht des Baumes macht die Menschen klug. Nach dem Essen können sie zwischen gut und böse unterscheiden.

Das erzählt also ein Stück menschlicher Entwicklungsgeschichte – und zwar auch der aktuellen unseren. Denn als kleines Kind, im Zustand der berühmten kindlichen Unschuld, kann ein Mensch ja nicht unterscheiden zwischen gut und böse. Und er kann auch für das, was er tut, nicht verantwortlich gemacht werden – das ist ja auch in unserer Rechtsprechung so.

Gott hat nichts dagegen, dass wir unterscheiden zwischen Gut und Böse. Sonst wäre unser Gehorsam gegen seine Gebote ja kein Gehorsam – es bliebe uns gar nichts anderes übrig! Das wäre das, was man gemeinhin Kadavergehorsam nennt – also ein alternativloses Handeln, einfach, weil es so ist.

Nein, diese Geschichte erzählt davon, dass die Unterscheidung von gut und böse, dass also all das, was wir Ethik und Moral nennen immer  ein gefährliches und leicht in die Irre und in die Gottferne führendes Unterfangen ist. Und dass uns das manchmal überfordert.

Aber – und das ist eine Pointe dieser Geschichte: Nachdem wir das nun eben können, müssen wir es auch tun.

Und wir können es uns da nicht so leicht machen, wie es manche gerne hätten: „Du musst eben einfach den Geboten gehorchen, dann machst du alles recht“.

Das wäre doch wunderbar! Dann wäre das Leben doch einfach. Und in der Tat – manchmal ist das auch so.

Aber in ganz vielen Situationen ist eben nicht klar, was das denn heißt. Ist es Diebstahl, wenn sich Menschen an der Arbeit anderer bereichern? Ist es ein Verstoß gegen das Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren, wenn sich das Kind, der Jugendliche wehrt gegen elterliche Gewalt und Missachtung und Unterdrückung?

Ja – und wie ist das, wenn ein Mensch nicht mehr leben kann und will und sich selbst tötet? Kann man da wirklich von Mord sprechen, wie man das lange Zeit getan hat? Und ist das etwas, was gegen das fünfte Gebot geht?

Sie merken: Einfach nur tun, was da steht – das geht nicht – weil wir das, was da steht immer schon verstehen, schon interpretieren – und weil wir das auch dann tun, wenn wir angeblich einfach gehorchen. Denn jedes Tun interpretiert auch, was da geboten oder verboten ist.

Diese Geschichte ist also nicht die der ersten Sünde, sondern die vom Anfang der menschlichen Freiheit – denn ohne die Möglichkeit des Ungehorsams kann es keinen Gehorsam geben, ohne die – wie Karl Barth es genannt hat: Die unmögliche Möglichkeit, das Böse zu tun, kann es auch keine Freiheit geben. Und, auch das eine kleine Pointe: Natürlich müssen die Menschen diese Freiheit schon vorher gehabt haben – sonst hätten Eva und Adam ja gar nicht auf die Schlange hören können.

Ja – und wenn das so ist, dann können wir endlich auch damit aufhören, in dieser Geschichte einen Beleg dafür zu finden, dass die Frauen eben leichter verführbar wären und dass durch eine Frau das ganze Übel in die Welt gekommen sei und dass sie das Einfallstor des Bösen in die schöne männliche Welt sei und dem Teufel besonders leicht auf den Leim ginge, weswegen man sie dann im Zaum halten muss und auf keinen Fall mit wichtigen Aufgaben betrauen, dafür schon mal als Teufelsbuhlin und Hexe verbrennen darf.

All das ist ja geschehen in unserer ach so ruhmreichen Geschichte – und fast immer mit Billigung, eilfertiger Begründung und wohlwollender Unterstützung durch die Kirche – und dabei hat diese Geschichte immer eine Rolle gespielt

Nein, es geht hier nicht um das Kommen des Bösen in die Welt, nicht um die Ur- und Erbsünde – es geht um die Freiheit des Menschen, um seine Fähigkeit zur Unterscheidung, die dann freilich auch Verantwortung nach sich zieht und die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Und sie erzählt ja auch, was es heißt, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist. Nicht einfach das Abbild, keine Kopie und schon gar nicht Gott – aber ihm doch nahe, „wenig niedriger als Gott“, wie es im Psalm 8 heißt.

Mit einer großen Verantwortung belegt, mit der Aufgabe, die Erde zu bebauen und zu bewahren – und mit der schwierigen, manchmal nahezu unlösbaren Aufgabe, dabei zu unterscheiden, was denn nun gut und was schlecht dazu ist.

Wir brauchen ja nur an die Diskussionen üder das Gipsbergwerk in der Altertheimer Mulde  zu denken.

Freilich, das Ende der Geschichte ist kein besonders großartiges Zeugnis für die Menschen. Als sie gegessen haben erkennen sie, dass sie nackt sind. Ein bisschen wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Naja, vielleicht gehört das ja auch zur Erkenntnis, dass man erst mal begreift, dass man ziemlich nackt da steht, wo es um die entscheidenden Erkenntnisse und Dinge geht. Und dann, weil sie jetzt wissen, dass das, was sie da gemacht haben, nicht recht war, dann verstecken sie sich.

Es ist eigentlich eine ganz lustige Szene, gemütlich geradezu geschildert. Da geht Gott am Abend, als es endlich kühl wird im Paradies, ein wenig spazieren. Die beiden hören ihn – und verstecken sich. Ein Bisschen so, wie die kleinen Kinder, wenn sie sich die Augen zuhalten damit man sie nicht sieht. Funktioniert natürlich nicht.

Und jetzt, als Gott sie fragt, was das denn solle, da geht das berühmte Spiel los, das die Menschheit bis heute mit Begeisterung spielt:

„Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan?

Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.“

Das kennen wir alle. Am Ende wills immer keiner gewesen sein. Dabei hat irgendwann mal ein kluger Mensch gesagt: „In Krisenzeiten suchen nur Dumme nach Schuldigen. Kluge Menschen suchen nach Lösungen.“

Und was dann folgt, ist eigentlich eine sonderbare Bestrafung – im Grunde versucht diese Geschichte, ein paar Dinge im Leben, die man nicht recht versteht, so zu erklären – und natürlich auch deutlich zu machen, dass das Verhalten der Menschen nun, da sie es verstehen können, auch Konsequenzen hat.

Da wird die Schlange zum Kriechen verurteilt – es ist ja eine außergewöhnliche Art der Fortbewegung bei Tieren. Und dass Menschen und Schlangen so gar nicht miteinander können, das ist auch eher besonders.

Ja und dann, dass die Frau unter Schmerzen Kinder gebären soll. Vielleicht haben die Menschen ja beobachtet, wie vergleichsweise problemlos das bei vielen Tieren abläuft. Allerdings – hier ist auch deutlich, dass da in Zukunft gedacht wird, dass die Menschheit mit dem Hinauswurf aus dem Paradies nicht etwa am Ende ist – jetzt geht es erst richtig los. Was damit allerdings auch losgeht, ist die religiöse Rechtfertigung des Patriarchats.

Und der Mann – nun, der muss tun, was Menschen in alten Zeiten tun mussten: Dem Ackerboden mit viel Mühsal und Schweiß und manchen Tränen das Lebensnotwendige abringen. Auch das also irgendwie eine Folge der Freiheit – man muss für sich selbst sorgen, kann nicht mehr nur die Früchte pflücken sondenr muss säen und ernten und sammeln.

Und dann heißt es: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Da wird nocheinmal daran erinnert, wie das angefangen hat mit dem Menschen: Aus mehr oder weniger Nichts ist er gekommen – wir wissen ja inzwischen heute, dass das auch biologisch so ähnlich ist – und zu solchem mehr oder weniger Nichts werden wir wieder.

Vielleicht hätte das nicht so kommen müssen – das unterstellt die Geschichte zumindest, auch wenn diejenigen, die sie erzählen, natürlich wissen, dass die Idee vom ewigen Leben im Paradies ein Märchen war und ist und bleibt.

Aber – es geht dennoch weiter. Wenn auch nicht so paradiesisch.

„Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“

Jetzt sind wir sozusagen in der Realität angekommen. Die nackten Menschen werden von Gott erst mal angezogen. Eine doch sehr nette Geste, sehr fürsorglich – und vielleicht so eine Art Abschiedsgeschenk.

Ja – und was jetzt mit den klug geworden Menschenkindern, mit denen, die partout erwachsen werden wollten?

Im Paradies können sie nicht bleiben. Da gibt es kein Gut und Böse, da haben solche Unterscheidungen deswegen auch keinen Platz. Aber anderswo, auf der normalen Welt sozusagen, da braucht es solche Leute.

„Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.“

Das sagt Gott nicht bedauernd, so, als würde ihm das etwas wegnehmen, als wäre das schlimm. Er stellt es fest. Aber solche Wesen können nicht ewig sein:

„Nun aber, dass er nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.“ Kein ewiges Leben also – aber ein Leben. Und eine Aufgabe, die Erde zu bebauen und zu bewahren, zu kultivieren und zu erhalten, zu bearbeiten und zu schützen. Und dann: „trieb er den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

Ja, liebe Gemeinde, und da sind wir nun. Und tun das, was wir sollen – die Erde bebauen und bewahren, mal besser, mal schlechter – und manchen ist sie ganz egal. Und da sind wir nun, tun das, was wir nicht können, aber müssen, unterscheiden zwischen gut und böse, Recht und Unrecht. Und wir tun auch das mal besser, mal schlechter. Es ist unsere Verantwortung. Die Cherubim stehen auch weiterhin vor dem Paradies, und wer immer es uns verspricht, der lügt.

Eine Welt, in der Recht und Gerechtigkeit herrschen, in der Leben gelingen kann, in der Menschen einander nicht töten und quälen – eine solche Welt werden wir nie schaffen können.

Aber an einer solchen zu arbeiten, im Schweiße unseres Angesichts, im Auftrag Gottes, um der Welt und der Menschen, um der Tiere, um der ganzen guten Schöpfung willen, dazu sind wir berufen.

In aller Freiheit und mit all unserer Unzulänglichkeit, irgendwie immer noch wie die Kinder Adam und Eva und manchmal in aller Unschuld und immer noch unter der gnädigen Hand Gottes.

Und wenn alles gut geht, dann werden wir am Ende aufwachen in einer neuen Welt , in einer ganz anderen Welt, in der, wie im Paradies, gut und böse nicht mehr sind und wo Leid und Schmerz nicht mehr sein werden und wo selbst der Tod nicht mehr ist.

Amen.

Gehalten am Sonntag Invokavit, 9. März 2025 in Margetshöchheim.

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