Über den Uhrmacher-Gott
Von Franz Kafka
31. Dezember 1911
Während ich manchmal glaube, daß ich während der ganzen Gymnasialzeit und auch früher besonders scharf denken konnte und dies nur infolge der späteren Schwächung meines Gedächtnisses heute nicht mehr gerecht beurteilen kann, so sehe ich ein anderes Mal wieder ein, daß mir mein schlechtes Gedächtnis nur schmeicheln will und daß ich, wenigstens in an sich unbedeutenden, aber folgeschweren Dingen, mich sehr denkfaul benommen habe. So habe ich allerdings in der Erinnerung, daß ich in den Gymnasialzeiten öfters, wenn auch nicht sehr ausführlich – ich ermüdete wahrscheinlich schon damals leicht – mit Bergmann in einer entweder innerlich vorgefundenen oder ihm nachgeahmten talmudischen Weise über Gott und seine Möglichkeit disputierte. Ich knüpfte damals gern an das in einer christlichen Zeitschrift – ich glaube »Die christliche Welt« – gefundene Thema an, in welchem eine Uhr und die Welt und der Uhrmacher und Gott einander gegenübergestellt waren und die Existenz des Uhrmachers jene Gottes beweisen sollte. Das konnte ich meiner Meinung nach sehr gut Bergmann gegenüber widerlegen, wenn auch diese Widerlegung in mir nicht fest begründet war und ich mir sie für den Gebrauch erst wie ein Geduldspiel zusammensetzen mußte. Eine solche Widerlegung fand einmal statt, als wir den Rathausturm umgingen. Daran erinnere ich mich deshalb genau, weil wir einander einmal vor Jahren daran erinnert haben.
Quelle: Franz Kafka, Tagebücher 1910-1923. Gesammelte Werke, hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a.M.: S. Fischer, o.J., S. 222.