Paulusapokalypse (Visio Sancti Pauli)
Bearbeitet von Hugo Duensing (1877-1961)
Die Visio Pauli ist eine in zahlreichen griechischen, lateinischen und volkssprachlichen Versionen verbreitete pseudepigraphische Jenseitsreise aus dem 4. (oder 5.) Jahrhundert, die auf die Himmelsreise des Apostels Paulus nach 2. Korinther 12,2ff Bezug nimmt. Die auf einer Petrus-Apokalypse basierende lange Urfassung enthält eine Himmels- und Höllenfahrt, die frühmittelalterliche und späteren Bearbeitungen meist nur mehr die Strafregionen. Horrorszenarien dominieren, doch gewähren Michael und Christus den Verdammten eine Sabbat- bzw. Sonntagsruhe. Obgleich bereits von Augustinus und anderen verworfen, sind allein im Bereich der Westkirche ca. 200 Handschriften bekannt. Die Visio Pauli beeinflusste sowohl motivisch (Strafarten) als auch strukturell (episches Vorrücken von Ort zu Ort) zahlreiche spätere Jenseitsvisionen und wohl auch Dante. (nach Peter Dinzelbacher)
Inhalt: Die Entrückung ins Paradies, von der Paulus in 2. Korinther 12 berichtet, gab einem mit der apokalyptischen Tradition vertrauten Mann Anlass, das, was er über das Jenseits wusste oder dachte, dem Apostel als Berichterstatter in den Mund zu legen. Mit der Schwierigkeit, dass Paulus das Gehörte als unsagbar bezeichnet hatte, ging er so um, dass er zwischen jenen Dingen unterschied, über die Paulus nicht berichten durfte, und solchen, zu deren Wiedergabe ihm Erlaubnis gegeben worden sei (vgl. unten, Kap. 21). Der einleitende Bericht über die Auffindung sollte erklären, wie es dazu kommen konnte, dass diese wichtigen Enthüllungen nicht schon früher, möglicherweise bereits zu Lebzeiten des Paulus, an die Öffentlichkeit gelangten. Stammt dieser Bericht vom (ersten) Verfasser selbst, so ist das Werk auf das Ende des vierten bzw. den Beginn des fünften Jahrhunderts zu datieren. In jedem Fall gehört die uns vorliegende Rezension in diese Zeit. Nach dem einleitenden Abschnitt erfolgt in Kapitel 3 die Entrückung in den dritten Himmel. Dort wird Paulus über die Klagen informiert, welche die Schöpfung gegen die sündigen Menschen vorbringt, sowie über den Grund für den Aufschub der Endbestrafung, nämlich die göttliche Geduld (Kap. 3–6). Ab Kapitel 7 wird von den täglichen Berichten der Engel an Gott über die Taten der Menschen berichtet (Kap. 7–10). In Kapitel 11 erfolgt eine Ortsveränderung, damit der Apostel die Seelen der Gerechten wie der Sünder beim und nach dem Tod sowie ihren Verbleib beobachten kann. Er sieht, wie ein Gerechter stirbt und was mit ihm geschieht, ebenso den Tod eines Sünders und schließlich eine Seele, die ihre Schuld leugnet, dann aber mit jenen konfrontiert wird, an denen sie sich zu Lebzeiten vergangen hatte (Kap. 11–18). Paulus wird nun ins Paradies geführt, dessen Pforte mit goldenen, beschriebenen Tafeln versehen ist – Anlass für eine Frage. Der angelus interpres erklärt, die Namen der Gerechten stünden darauf. Nach dem Eintritt wird Paulus von Henoch und auch von Elias begrüßt. Vom Himmel aus sieht er den die Erde umgebenden Ozean, das Land der Verheißung und den Acherusischen See – weißer als Milch –, in dem reuige Sünder vom Erzengel Michael getauft werden, damit sie in die Stadt Christi eingehen können. Diese Stadt erreicht Paulus in einem goldenen Schiff über den Acherusischen See. Dort erblickt er unter anderem vier Flüsse: einer fließt mit Honig, einer mit Milch, einer mit Wein und einer mit Öl. Am ersten weilen die Propheten, am zweiten die bethlehemitischen Kinder und ihnen ähnliche, am dritten die Patriarchen, Lot, Hiob und andere Heilige, am vierten freudige, Psalmen singende Gestalten. Auch David sieht und hört er dort das Halleluja singend (Kap. 19–30). In Kapitel 31 beginnt die Besichtigung der Hölle mit ihren verschiedenen Straforten. Auch Presbyter (Kap. 34), Bischöfe (Kap. 35), Diakone und Anagnosten (Kap. 36) befinden sich unter den Verdammten. Auf Bitten Michaels und anderer Engel sowie um des Paulus willen gewährt Christus den Verdammten sonntags Freiheit von der Qual (Kap. 31–44). Es folgt erneut ein Besuch im Paradies (Kap. 45). Dort wird zu Beginn eine Besonderheit gezeigt: ein Baum, auf dem der Geist aus Genesis 1 ruht; wenn er sich bewegt, fließen die Wasser der vier Paradiesesflüsse. Paulus begegnet erneut den Patriarchen (Kap. 47), sodann Moses (Kap. 48), den Propheten, Lot, Hiob (Kap. 49), Noah (Kap. 50), Elias und Elisa (Kap. 51). Die Begegnung mit Maria (Kap. 46) ist jedoch noch nicht erwähnt. Der Text bricht in Kapitel 51 plötzlich mit den Worten „So werde ich Regen auf die Erde senden“ ab – nur der koptische Text geht darüber hinaus. In diesem wird Paulus ein weiteres Mal in den dritten Himmel entrückt.
Abkürzungen für die Lesarten: L = Lateiner; Gr = Grieche; St.G. = St. Gallener Text; C = Kopte; S = Syrer; A = Armenier.
Die Offenbarung des heiligen Apostels Paulus: was ihm offenbart wurde, als er bis zum dritten Himmel aufstieg und ins Paradies entrückt wurde und unsagbare Worte hörte.
1. Unter dem Konsulat des Theodosius Augustus des Jüngeren, und des Cynegiusoffenbarte einem angesehenen Manne, der damals in Tarsus in dem Hause, das dem heiligen Paulus gehört hatte, wohnte, ein Engel, ihm nachts erscheinend, und sagte, er solle die Fundamente des Hauses aufbrechen und was er gefunden hätte, veröffentlichen. Er meinte aber, dies sei eine Täuschung.
2. Zum dritten Mal aber kommend, geißelte ihn der Engel und zwang ihn, das Fundament aufzubrechen. Und nachgrabend fand er ein marmornes Kästchen, das auf den Seiten beschrieben war: darin war die Offenbarung des heiligen Paulus und seine Schuhe, in welchen er zu wandeln pflegte, wenn er das Wort Gottes lehrte. Er scheute sich aber, das Kästchen (selbst?) zu öffnen und brachte es dem Richter Der Richter sandte es nach Empfang, so wie es war, mit Blei versiegelt dem Kaiser Theodosius in der Befürchtung, es könnte etwas anderes sein. Der Kaiser öffnete es nach Empfang und fand die Offenbarung des heiligen Paulus. Er sandte die Originalschrift nach Jerusalem, nachdem eine Abschrift gemacht war. Es war darin aber also geschrieben:
3. Das Wort des Herrn erging an mich also: Sage diesem Volke: ‚Wie lange wollt ihr sündigen und häuft Sünde auf Sünde und versucht den Herrn, der euch gemacht hat, sagend, ihr seid Kinder Abrahams, aber die Werke des Teufels tuend? Wandelnd in der Zuversicht auf Gott (L1: Christus), euch rühmend allein wegen eures Namens, aber arm wegen der Materie der Sünde? Gedenkt also und erkennt, Menschenkinder, daß die ganze Schöpfung Gott untertan ist, das menschliche Geschlecht aber allein sündigt! Es herrscht aber über alles Geschöpf, und mehr als alle Natur sündigt es.
4. Denn oft hat das große Licht, die Sonne, Einspruch erhoben beim Herrn, sagend: O Herr, allmächtiger Gott, ich sehe auf die Gottlosigkeiten und Ungerechtigkeiten der Menschen; erlaube mir, und ich will ihnen tun nach meinen Fähigkeiten, damit sie erkennen, daß du allein Gott bist. Und es erging eine Stimme an sie sagend: Dies alles weiß ich; denn mein Auge sieht und mein Ohr hört, aber meine Geduld trägt sie noch, bis daß sie sich bekehrend Buße tun. Wenn sie aber nicht zu mir zurückkehren, werde ich sie richten.
5. Bisweilen haben nämlich der Mond und die Sterne Einspruch beim Herrn erhoben sagend: Herr, allmächtiger Gott, uns hast du Macht über die Nachtgegeben; wielange sollen wir ansehen die Gottlosigkeiten und Hurereien und Morde, welche die Menschenkinder begehen? Erlaube uns, daß wir entsprechend unsern Fähigkeiten gegen sie handeln, damit sie erkennen, daß du allein Gott bist. Und es erging an sie eine Stimme sagend: Ich erkenne dies alles, und mein Auge sieht und mein Ohr hört, aber meine Geduld trägt sie noch, bis daß sie sich bekehren und Buße tun. Wenn sie aber nicht zu mir zurückkehren, werde ich sie richten.
6. Und häufig hat auch das Meer ausgerufen sagend: Herr, allmächtiger Gott, die Menschen haben deinen heiligen Namen auf mir befleckt; erlaube, daß ich mich erhebe und jeden Wald und Gebüsch und die ganze Welt bedecke, bis ich alle Menschenkinder von deinem Angesichte weg vertilge, damit sie erkennen, daß du allein Gott bist. Und wiederum erging eine Stimme und sagte: Ich weiß alles; denn mein Auge sieht alles und mein Ohr hört, aber meine Geduld trägt sie noch, bis daß sie sich bekehren und Buße tun. Wenn sie aber nicht zurückkehren, werde ich sie richten. Bisweilen haben auch die Wasser Einspruch erhoben gegen die Menschenkinder sagend: Herr, allmächtiger Gott, die Menschenkinder haben alle deinen heiligen Namen befleckt. Und es erging eine Stimme sagend: Ich erkenne alles, bevor es geschieht, denn mein Auge sieht und mein Ohr hört alles, aber meine Geduld trägt sie noch, bis daß sie sich bekehren. Wo nicht, werde ich richten. Oft hat auch die Erde zum Herrn gerufen, gegen die Menschenkinder sagend: Herr, allmächtiger Gott, ich werde mehr als alle deine andere Kreatur geschädigt, indem ich ertrage(n muß) Hurereien, Ehebrüche, Morde, Diebstähle, Meineide, Magie, Zauberei der Menschen und alles Böse, was sie begehen, so daß der Vater sich erhebt gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, der Fremde gegen den Fremden, so daß ein jeder das Weib seines Nächsten verunreinigt. Der Vater besteigt das Lager seines Sohnes, und der Sohn besteigt in gleicherweise das Polster seines Vaters, und mit allen diesen Übeltaten haben die, welche deinem Namen ein Opfer bringen wollten, deinen heiligen Ort befleckt. Deswegen leide ich mehr Schaden als alle (übrige) Schöpfung, und obwohl ich es nicht will, gebe ich den Menschenkindern mein Vermögen und meine Früchte. Erlaube mir, daß ich die Kraft meiner Früchte tilge. Und es erging eine Stimme und sagte: Ich weiß alles, und es gibt keinen, der sich vor seiner Sünde verbergen kann. Ihre Gottlosigkeiten aber kenne ich, aber meine Heiligkeit duldet sie noch, bis daß sie sich bekehren und Buße tun. Wenn sie aber nicht zu mir zurückkehren, werde ich sie richten.
7. Seht, Menschenkinder, die Schöpfung ist Gott unterworfen; aber das menschliche Geschlecht allein sündigt. Deshalb, ihr Menschenkinder, preiset den Herrn Gott unaufhörlich zu allen Stunden und an allen Tagen, besonders aber bei Sonnenuntergang. Denn zu dieser Stunde gehen alle Engel zum Herrn, um ihn anzubeten und die Werke der Menschen ihm zu bringen, welche ein jeder Mensch von früh bis zum Abend wirkt, seien es gute oder böse. Und da ist ein Engel, der froh von dem Menschen fortgeht, welchen er bewohnt, ein anderer aber geht mit trauriger Miene. Wenn also die Sonne in der ersten Stunde der Nacht untergegangen ist, in eben der Stunde (trifft) der Engel eines jeden Volkes und jedes Mannes und Weibes, welche (Engel) sie beschützen und bewahren, weil der Mensch das Bild Gottes ist, ebenso auch zur Morgenstunde, welche die zwölfte der Nacht ist, treffen alle Engel der Männer und Weiber mit Gott zusammen, um Gott anzubeten und jedes Werk zu bringen, welches ein jeder Mensch gewirkt hat, sei es gut oder bös. An jedem Tag und (jeder) Nacht bringen die Engel Gott die Rechenschaft über alle Taten des menschlichen Geschlechtes. Deshalb sage ich euch, Menschenkinder, preist den Herrn Gott unablässig an allen Tagen eures Lebens!
8. Zur festgesetzten Stunde also schreiten alle Engel, ein jeder froh, zusammen in eins vor Gott, um ihm zu begegnen zur festgesetzten Stunde. Und siehe, plötzlich geschah zur Stunde eine Begegnung (?), und die Engel kamen, vor Gott anzubeten, und der Geist ging ihnen entgegen, und eine Stimme erging und sagte: Woher seid ihr gekommen, ihr unsere Engel, Lasten von Nachrichten bringend?
9. Sie antworteten und sagten: Wir kommen von jenen, welche dieser Welt entsagt haben wegen deines heiligen Namens, als Fremdlinge umherirrend und wohnendin einer Höhle von Felsen und weinend zu allen Stunden, in welchen sie die Erde bewohnen, weinend und hungernd und dürstend um deines Namens willen, an den Lenden gegürtet, in den Händen den Weihrauch ihres Herzens habend und betend und preisend zu allen Stunden, bedrängend und zähmend sich selbst mehr als die übrigen, die auf Erden wohnen, weinend und trauernd. Und wir, ihre Engel, trauern mit ihnen; befiehl uns also, daß wir gehen und dienen, wohin es dir gefällt. Befiehl, Herr, daß sie bis ans Ende in deiner Gerechtigkeit bleiben. Und es erging eine Stimme Gottes an sie sagend: Ihr sollt wissen, daß euch hier nun meine Gnade festgestellt werden wird, und meine Hilfe, welche mein höchst geliebter Sohn ist, wird ihnen zur Seite stehen, sie leitend zu jeder Stunde; ihnen auch dienend, verläßt er sie niemals, weil ihr Ort seine Wohnung ist (In Gr lautet die Gottesstimme am Schluß von Kap. 8 kurz: Ich habe sie bewahrt und werde sie vorwurfsfrei bewahren in meinem Reiche).
10. Als diese Engel sich entfernten, siehe da kamen andere Engel, um anzubeten angesichts der Herrlichkeit, zum Zusammentreffen, welche weinten; und der Geist Gottes ging ihnen entgegen, und es erging die Stimme Gottes und sagte: Woher seid ihr, unsere Engel, gekommen, tragend die Lasten als Diener der Nachrichten der Welt? Antwortend sagten sie angesichts Gottes: Wir sind von jenen gekommen, die deinen Namen angerufen haben, und die Hindernisse der Welt haben sie elend gemacht, indem sie zu jeder Stunde viel Gelegenheiten erfinden, nicht ein reines Gebet und nicht von ganzem Herzen in der gesamten Zeit ihres Lebens verrichtend. Weshalb also ist es nötig, Menschen, die Sünder sind, beizustehen? Und es erging die Stimme Gottes an sie: Ihr müßt ihnen dienen, bis sie sich bekehren und Buße tun: wenn sie sich aber nicht mir zuwenden, werde ich sie richten. Erkennt also, Menschenkinder, daß das, was von euch gewirkt wird, die Engel Gott berichten, sei es gut oder böse.
11. Und darauf nach diesem sah ich eins von den Geistwesen bei mir, und es entraffte mich im heiligen Geist und trug mich bis zum dritten Teil des Himmels, welches der dritte Himmel ist. Und antwortend sagte der Engel zu mir: Folge mir, und ich will dir den Ort der Gerechten zeigen, wohin sie geführt werden, wenn sie abgeschieden sind. Und danach will ich dich zum Abgrund nehmen und dir die Seelen der Sünder zeigen, in was für einen Ort sie geführt werden, wenn sie abgeschieden sind. Und ich ging hinter dem Engel, und er führte mich in den Himmel, und ich sah das Firmament und sah dort die Macht, und dort war das Vergessen, welches täuscht und zu sich die Herzen der Menschen verführt, und der Geist der Verleumdung und der Geist der Hurerei und der Geist der Wut und der Geist der Unverschämtheit, und dort waren die Fürsten der Bosheiten; die sah ich unter dem Firmament des Himmels. Und wiederum blickte ich und sah Engel ohne Erbarmen, die kein Mitleid hatten, deren Miene voll Wut war, und ihre Zähne ragten aus dem Munde hervor; ihre Augen blitzten wie der Morgenstern des Ostens, und von den Haaren ihres Hauptes gingen Feuerfunken aus, auch aus ihrem Munde. Und ich fragte den Engel sagend: Wer sind diese, Herr? Und der Engel sagte antwortend zu mir: Das sind die, welche bestimmt werden für die Seelen der Gottlosen in der Stunde der Not, die nicht geglaubt haben, daß sie den Herrn als Helfer hätten, und nicht auf ihn gehofft haben.
12. Und ich blickte in die Höhe und sah andere Engel, deren Angesicht wie die Sonne blitzte, die Lenden umgürtet mit goldenen Gürteln, in ihren Händen Palmen habend und das Zeichen Gottes, bekleidet mit Gewandung, die beschrieben war mit dem Namen des Sohnes Gottes, aber erfüllt mit aller Milde und Barmherzigkeit. Und ich fragte den Engel und sagte: Wer sind die, Herr, in solcher Schönheit und Barmherzigkeit? Und der Engel sagte antwortend zu mir: Dies sind die Engel der Gerechtigkeit, die gesandt werden, in der Stunde der Not die Seelen der Gerechten herbeizuführen, die geglaubt haben, daß sie den Herrn zum Helfer hätten. Und ich sagte zu ihm: Müssen Gerechte und Sünder notwendigerweise den Zeugen begegnen, wenn sie gestorben sind? Und der Engel sagte zu mir antwortend: Einer ist der Weg, auf dem alle zu Gott hinübergehen, aber die Gerechten, weil sie bei sich einen heiligen Helfer haben, werden nicht verstört, wenn sie gehen, um vor Gott zu erscheinen.
13. Und ich sagte zu dem Engel: Ich wollte die Seelen der Gerechten und der Sünder sehen, wie sie aus der Welt gehen. Und antwortend sagte der Engel zu mir: Blicke hinunter auf die Erde! Und ich blickte vom Himmel auf die Erde und sah die ganze Welt, und sie war wie nichts in meinem Blick, und ich sah die Menschenkinder, als ob sie nichts wären und schwächer werdend; und ich wunderte mich und sagte zu dem Engel: Das ist die Größe der Menschen? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Das ist sie, und das sind die, welche von früh bis zum Abend schaden (Syr.: sündigen). Und ich blickte, und ich sah eine große Wolke von Feuer ausgebreitet über die ganze Welt. Und ich sagte zu dem Engel: Was ist das, Herr? Und er sagte zu mir: Das ist die Ungerechtigkeit, gemischt von den Fürsten der Sünder (?) (Gr.: mit dem Verderben der Sünder. Syr.: mit dem Gebet der Menschen).
14. Ich aber, als ich dies gehört hatte, weinte seufzend und sagte zu dem Engel: Ich wollte warten auf die Seelen der Gerechten und der Sünder und sehen, auf welche Weise sie aus dem Körper herausgehen. Und der Engel sagte antwortend zu mir: Blicke wiederum auf die Erde! Und ich bückte und sah die ganze Welt, und die Menschen waren wie nichts und schwach werdend. Und ich blickte hin und sah einen Menschen im Begriff zu sterben. Und der Engel sagte zu mir: Der, den du siehst, ist ein Gerechter. Und wiederum blickte ich und sah alle seine Werke, die er getan hatte um des Namens Gottes willen; und alle seine Neigungen, deren er sich erinnerte und deren er sich nicht erinnerte, standen alle vor seinem Blick in der Stunde der Not. Und ich sah, daß der Gerechte Fortschritte gemacht und Erquickung und Vertrauen gefunden hatte, und bevor er aus der Welt ging, traten ihm gleichzeitig zur Seite heilige und gottlose Engel, und ich sah sie alle, aber die gottlosen fanden keinen Platz in ihm zu wohnen, die heiligen aber beherrschten seine Seele, sie führend, bis sie aus dem Körper herausging. Und sie ermunterten die Seele sagend: Seele, nimm Kenntnis von deinem Körper, aus dem du ausgezogen bist, denn es ist nötig, daß du am Tage der Auferstehung in denselben Körper zurückkehrst, damit du empfangest, was allen Gerechten verheißen ist. Die Seele also aus dem Körper in Empfang nehmend, küßten sie sie sogleich, als ob sie ihnen täglich bekannt sei, ihr sagend: Sei guten Muts, denn du hast den Willen Gottes getan, solange du auf Erden sein solltest. Und es kam ihr entgegen der Engel, der sie an den einzelnen Tagen beobachtete, und sagte zu ihr: Sei guten Muts, Seele; denn ich freue mich über dich, weil du den Willen Gottes auf Erden getan hast. Denn ich berichtete Gott alle deine Werke, wie sie sich verhalten. In gleicherweise ging ihr auch der Geist entgegen und sagte: Seele, fürchte dich nicht und beunruhige dich nicht, bis du gekommen sein wirst an den Ort, welchen du niemals gekannt hattest, aber ich werde dir Helfer sein, denn ich habe in dir einen Ort der Erquickung gefunden in der Zeit, in welcher ich in dir wohnte, während ich (?) auf Erden war. Und der Geist derselben stärkte sie, und ihr Engel nahm sie auf und führte sie in den Himmel. [Und der Engel sagte]: Und es gingen ihr entgegen die bösen Herrscher, die unter dem Himmel sind, und es kam zu ihr jener Geist des Irrtums und sprach (zu ihr L1: Wohin eilst du, Seele, und wagst einzutreten in den Himmel? Warte und laß uns sehen, ob etwas Unsriges in dir ist.) (S allein weiter also:) Und die Seele wurde dort gebunden. Und es entstand ein Kampf zwischen jenen guten und jenen bösen Engeln. Und als jener Geist des Irrtums (es) sah, jammerte er mit (lauter) Stimme und sagte: Ach! deinetwegen, weil wir an dir nichts von dem Unsrigen gefunden haben; und siehe! alle Engel und Geister helfen dir gegen mich, und siehe! diese alle sind mit dir, und du bist von uns hinübergegangen. Und dann ging ein anderer Geist, der ein Verleumder ist, und ein Geist der Hurerei aus, und sie kamen ihr entgegen. Als sie sie aber sahen, weinten sie gegen sie und sagten: Wie ist diese Seele uns entflohen? Sie hat den Willen Gottes auf der Erde getan. Und siehe! es helfen ihr nämlich die Engel und lassen sie von uns weg hinübergehen. – Und alle Herrschaften und bösen Geister kamen ihr entgegen und zu ihr. Aber nicht fanden sie an ihr etwas von ihrem Eigenen. Und sie waren nicht imstande, etwas für sich zu tun. Und sie knirschten (mit) ihre(n) Zähne(n) wider diese Seele und sagten: Wie ist sie uns entronnen? Und es antwortete jener Engel, der sie führte, und sagte zu ihnen: Wendet euch beschämt! Es gibt für euch keinen Weg zu ihr. Sehr listig wäret ihr zwar; ihr habt ihr geschmeichelt, solange sie auf der Erde war, aber sie hat nicht auf euch gehört.
Und dann hörte ich die Stimme einer Myriade von Myriaden heiliger Engel, wie sie sagten: Freue dich und frohlocke, o Seele, sei stark und erzittere nicht! – Und sehr wunderten sie sich über jene Seele, weil sie das Siegel des lebendigen Gottesfestgehalten hatte. Und so ermutigten sie sie und priesen sie selig und sagten: Wir alle freuen uns über dich, weil du den Willen deines Herrn getan hast. – Und sie geleiteten sie, bis sie anbetete angesichts Gottes. Und als sie aufgehört hatte, da fielen sogleich Michael und das ganze Heer der Engel nieder und beteten den Schemel seiner Füße an und zeigten der Seele sagend: Dies ist der Gott aller, der dich nach seinem Bild und Gleichnis gemacht hat. Es eilte aber ein Engel ihr voraus und erklärte sagend: Gott, sei eingedenk ihrer Arbeiten; denn dies ist die Seele, über deren Werke ich dir, Herr, täglich berichtete, nach deinem Gericht handelnd. Und der Geist sagte in gleicher Weise: Ich bin der Geist der Belebung, sie durchhauchend und wohnend in ihr; ich habe nämlich bei ihr Erquickung gehabt in der Zeit, in der ich in ihr gewohnt habe. Sie hat nach deinem Gericht gehandelt. Und es erging die Stimme Gottes und sagte: Wie diese mich nicht betrübt hat, so werde ich sie auch nicht betrüben; wie sie sich erbarmt hat, werde ich mich über sie erbarmen. Sie möge also Michael, dem Engel des Bundes, übergeben werden, und er möge sie in das Paradies des Frohlockens führen, daß sie dort bis zum Tag der Auferstehung sei, daß sie auch Miterbe mit allen Heiligen werde. Und ich hörte danach die Stimme von tausend mal tausend Engeln und der Erzengel und der Cherubim und der vierundzwanzig Ältesten, die Hymnen sangen, den Herrn verherrlichten und riefen: Gerecht bist du, Herr, und gerecht sind deine Gerichte, und es ist kein Ansehen der Person bei dir, sondern du vergiltst einem jeden nach deinem Urteil. Und der Engel antwortete und sagte zu mir: Hast du geglaubt und erkannt, daß, was immer ein jeder von euch gehandelt hat, er das sieht in der Stunde seiner Not? Und ich sagte: Ja, Herr.
15. Und er sagte zu mir: Blicke wiederum hinab auf die Erde und warte auf jene andere Seele eines Gottlosen, wie sie aus dem Körper geht, die den Herrn bei Tag und Nacht gereizt hat sagend: Nichts anderes kenne ich als diese Welt; ich esse und trinke und genieße, was in der Welt ist. Denn wer ist in die Unterwelt hinabgestiegen und hat uns heraufsteigend berichtet, daß dort ein Gericht ist? Ich blickte aber und sah alle Verachtung des Sünders und alles, was er gehandelt hat, und das stand vor ihm in der Stunde der Not. Und ich sah, daß jene Stunde ihm bitterer war als das zukünftige Gericht. Und jener Mann sagte: O daß ich nicht geboren und nicht in der Welt gewesen wäre! Und danach kamen zugleich heilige und boshafte Engel, und die Seele des Sünders sah beide, und die heiligen Engel fanden keinen Platz in ihr. Die bösen Engel bemächtigten sich ihrer; und als sie sie aus dem Körper herausführten, ermahnten die Engel sie dreimal sagend: O elende Seele, sieh dir dein Fleisch an, aus dem du ausgegangen bist; denn du mußt am Tage der Auferstehung in dein Fleisch zurückkehren, um zu empfangen das deiner Sünden und deiner Gottlosigkeiten Angemessene.
16. Und als sie sie vorführten, ging ihr der vertraute Engel vorauf und sagte zu ihr: O elende Seele, ich bin der Engel, der dir anhing, täglich dem Herrn berichtend deine bösen Werke, die du Tag und Nacht getan hast; und wenn es in meiner Macht gewesen wäre, so würde ich dir auch nicht an einem einzigen Tage gedient haben, aber nichts davon konnte ich tun. Denn Gott ist barmherzig und ein gerechter Richter, und er hat uns geboten, daß wir nicht aufhören sollen, der Seele zu dienen, bis ihr bereut. Du aber hast die Zeit der Reue verloren. Und ich bin dir heute ein Fremder geworden und du mir. Laß uns also zu dem gerechten Richter gehen; ich will dich nicht entlassen, bevor ich vom heutigen Tage an weiß, daß ich dir ein Fremder geworden bin. Und der Geist verwirrte sie, und der Engel beunruhigte sie. Als sie aber zu den Mächten gekommen war, da sie schon in den Himmel einzutreten fortging, da wurde eine schlimme Last über die andere auf sie gelegt. Denn der Irrtum und die Vergeßlichkeit und das Zutragen kamen ihr entgegen und der Geist der Hurerei und die übrigen Mächte und sagten zu ihr: Wohin gehst du, elende Seele, und wagst es, in den Himmel zu eilen? Halt an, daß wir sehen, ob wir an dir unser Eigentümliches haben, weil wir keinen heiligen Helfer bei dir sehen.
(S.:) Und als sie sie besehen hatten, freuten sie sich und sagten: Ja, ja, es ist in dir, und du gehörst uns ganz; jetzt wissen wir, daß auch dein Engel dir nicht helfen und uns entreißen kann. – Aber der Engel antwortete und sagte: Wisset, daß sie eine Seele des Herrn ist, und er läßt sie nicht, und ich lasse das Bild Gottesauch nicht in den Händen der Bösen. Denn jener, der mich unterstützt hat alle Tage des Lebens dieser Seele, er kann unterstützen und helfen mir und ihr. Und ich lasse sie nicht, bis sie zum Thron des erhabenen Gottes aufsteigt. Und wenn er sie sieht, er hat Macht über sie und schickt sie dahin, wohin er will.
Und darauf hörte ich Stimmen in der Höhe des Himmels, die sagten: Bringt die elende Seele Gott, damit sie erkenne, daß ein Gott ist, den sie verachtet hat. Als sie also eingetreten war in den Himmel, sahen sie alle Engel, tausend mal tausend, riefen alle mit einer Stimme aus, sagend: Wehe dir elende Seele, wegen deiner Werke, die du auf der Erde getan hast; welche Antwort willst du Gott geben, wenn du herzugetreten sein wirst, ihn anzubeten? Und es antwortete der Engel, der mit ihr war, und sagte: Weinet mit mir, meine Geliebtesten, denn ich habe keine Ruhe gefunden in dieser Seele! Und es antworteten ihm die Engel und sagten: Eine solche Seele soll aus unserer Mitte geschafft werden. Denn seit sie eingetreten ist, ist ihr Gestank auf alle Engel übergegangen. Und danach wurde sie fortgeschafft, um angesichts Gottes anzubeten, und es zeigte ihr der Engel Gott, den Herrn, der sie gemacht hat nach seinem Bilde und Gleichnis. Ihr Engel aber eilte ihr voraus sagend: Herr, allmächtiger Gott, ich bin der Engel jener Seele, deren Werke ich dir berichtete Tag und Nacht (nicht handelnd nach deinem Gericht). Tue ihr nach deinem Urteil! Und der Geist sprach gleicherweise: Ich bin der Geist, welcher in ihr wohnte, seitdem sie gemacht war in der Welt, und sie ist nicht gefolgt meinem Willen. Richte sie, Herr, nach deinem Urteil! Und die Stimme Gottes erging an sie und sagte: Wo ist deine Frucht, die du gebracht hast entsprechend dem Guten, welches du empfangen hast? Habe ich einen Unterschied auch nur eines Tages zwischen dir und einem Gerechten gesetzt? Ließ ich nicht die Sonne aufgehen über dir wie über einem Gerechten? Sie aber verstummte, da sie nichts zu antworten hatte. Es erging wiederum eine Stimme, die sagte: Gerecht ist das Gericht Gottes, und es ist kein Ansehen der Person bei Gott; denn wer Barmherzigkeit geübt hat, dessen wird man sich erbarmen, und wer nicht barmherzig gewesen ist, dessen wird sich Gott auch nicht erbarmen. Er soll übergeben werden dem Engel Tartaruchus, der gesetzt ist über die Strafen, und der möge ihn schicken in die äußere Finsternis, wo Weinen und Zähneknirschen ist, und dort möge er sein bis zum großen Tage des Gerichtes. Und danach hörte ich die Stimme der Engel und Erzengel, die sagten: Gerecht bist du, Herr, und gerecht ist dein Gericht.
17. Und wiederum sah ich und siehe! Eine Seele, welche herbeigeführt wurde von zwei Engeln weinend und sagend: Erbarme dich meiner, Gott, gerechter Richter. Denn es sind heute sieben Tage, daß ich aus meinem Körper gegangen bin, und ich bin jenen zwei Engeln übergeben, und sie haben mich geführt an (die) Orte, welche ich niemals gesehen hatte. Und es sagte zu ihr Gott, der gerechte Richter: Was hast du getan? Du hast nämlich niemals Erbarmen geübt, deshalb bist du solchen Engeln übergeben, die kein Erbarmen haben, und weil du nicht das Rechte getan hast, deshalb sind sie auch nicht mitleidig mit dir verfahren in der Stunde deiner Not. Bekenne also deine Sünden, die du begangen hast, als du in die Welt gestellt warst! Und sie antwortete und sagte: Herr, ich habe nicht gesündigt. Und es wurde in Wut erzürnt der Herr Gott, der gerechte Richter, als sie sagte, ich habe nicht gesündigt, weil sie log; und Gott sagte: Glaubst du noch in der Welt zu existieren, wie jeder von euch dort sündigend es verheimlicht und seine Sünde seinem Nächsten verbirgt? Hier wird aber nichts verborgen. Denn wenn die Seelen gekommen sind, um im Anblick des Thrones anzubeten, werden sowohl die guten Werke einer jeden als auch ihre Sünden offenbart. Und dies hörend, schwieg die Seele, da sie keine Antwort hatte. Und ich hörte Gott, den Herrn, den gerechten Richter, wiederum sagen: Komm, Engel dieser Seele, und tritt in die Mitte! Und es kam der Engel der sündigen Seele, in den Händen ein Schriftstück habend, und sagte: Dies, Herr, sind in meinen Händen alle Sünden dieser Seele von ihrer Jugend an bis zum heutigen Tag, von den Jahren ihrer Geburt an; und wenn du befiehlst, Herr, so will ich ihre Handlungen aufzählen, seit sie anfing, 15 Jahre alt zu sein. Und Gott, der Herr, der gerechte Richter, sagte: Ich sage dir, Engel, ich erwarte von dir nicht die Rechenschaft, seit sie anfing, 15 Jahre alt zu sein, sondern setze ihre Sünden auseinander fünf Jahre, bevor sie starb und hierherkam. Und wiederum sagte Gott, der gerechte Richter: Ich schwöre bei mir selbst und bei meinen heiligen Engeln und bei meiner Macht, daß, wenn sie bereut hätte fünf Jahre, bevor sie starb, wegen der Bekehrung eines Jahres Vergessen aller Übeltaten nun eintreten würde, die sie vorher gesündigt hat, und sie würde Verzeihung und Erlaß der Sünden haben, nun aber mag sie zugrunde gehen. Und es antwortete der Engel der sündigen Seele und sagte: Befiehl, Herr, daß jener Engel jene Seelen herbeibringe!
18. Und in derselben Stunde wurden die Seelen in die Mitte gebracht, und die Seele des Sünders erkannte sie. Und der Herr sagte zur Seele des Sünders: Ich sage dir, Seele, bekenne deine Taten, die du begangen hast gegen diese Seelen, die du siehst, als sie in der Welt waren. Und antwortend sagte sie: Herr, es ist noch kein volles Jahr, seitdem ich diese getötet und ihr Blut auf die Erde vergossen habe, und mit der andern habe ich gehurt; nicht aber dies allein, ich habe sie auch sehr geschädigt, denn ich habe ihr Vermögen weggenommen. Und es sagte Gott, der Herr, der gerechte Richter: Oder wußtest du nicht, daß, wer einem andern Gewalt antut, wenn der, welcher die Gewalt erlitten hat, eher stirbt, an diesem Ort aufbewahrt wird, bis der Schädigende stirbt, und dann treten beide vor den Richter, und nun hat (St.Gr und L.: wird) jeder empfangen nach dem, was er getan hat? Und ich hörte die Stimme eines, der sagte: Jene Seele möge in die Hände des Tartarus übergeben werden, und sie muß hinab zu den Unterirdischen geführt werden, man führe sie in das Gefängnis der Unterirdischen, und sie werde in Qualen geschickt und dort gelassen bis zum großen Tage des Gerichtes. Und wiederum hörte ich tausend mal tausend von Engeln, die dem Herrn einen Hymnus sagten und ausriefen: Gerecht bist du, Herr, und gerecht sind deine Gerichte.
19. Der Engel antwortete und sagte zu mir: Hast du dies alles wahrgenommen?Und ich sagte: Ja, Herr. Und er sagte zu mir: Folge mir wiederum, und dich mitnehmend will ich dir die Stätten der Gerechten zeigen. Und ich folgte dem Engel, und er erhob mich bis zum dritten Himmel und stellte mich an die Tür der Pforte. Und aufmerkend sah ich, und die Pforte war golden, und zwei goldene Säulen vor ihr und zwei goldene Tafeln darüber voll von Buchstaben. Und es wandte der Engel sich wiederum mir zu und sagte: Selig bist du, wenn du in diese Pforten eingetreten sein wirst, weil nur denen es gestattet wird einzutreten, welche Güte und Unschuld der Körper haben. Und ich fragte den Engel und sagte: Herr, sage mir, weshalb diese Buchstaben auf jene Tafeln gesetzt sind? Der Engel antwortete und sagte zu mir: Das sind die Namen der Gerechten, die Gott von ganzem Herzen dienen, welche (= solange sie) die Erde bewohnen. Und wiederum sagte ich: Herr, so sind also ihre Namen im Himmel angeschrieben, während sie noch in die Welt gestellt sind? Und er antwortete und sagte zu mir: Nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Mienen, und das Gleichnis derer, die Gott dienen, ist im Himmel, und den Engeln sind die Diener Gottes bekannt, die es aus ganzem Herzen sind, bevor sie aus der Welt gehen.
20. Und als ich in das Innere der Pforte des Paradieses eingetreten war, ging mir ein alter Mann entgegen, dessen Angesicht wie die Sonne leuchtete. Und mich umarmend sagte er: Sei gegrüßt, Paulus, von Gott Geliebtester! Und er küßte mich mit heiterer Miene. Und danach fing er an zu weinen. Und ich sagte zu ihm: Vater, warum weinst du? Und wiederum seufzend und weinend sagte er: Wir werden ja geschädigt von den Menschen, und sie betrüben uns sehr; denn viel sind die Güter, welche der Herr bereitet hat, und groß ist seine Verheißung, aber viele nehmen sie nicht an. Und ich fragte den Engel und sagte: Wer ist dieser? Und er sagte zu mir: Dieser ist Henoch, der Schreiber der Gerechtigkeit Und ich trat in das Innere jenes Ortes ein, und sogleich sah ich Elias und kommend begrüßte er mich heiter und sich freuend. Und als er (mich) gesehen hatte, wandte er sich ab und weinte und sagte zu mir: Paulus, daß du doch die Belohnung für deine Arbeiten, die du im menschlichen Geschlecht geleistet hast, erhieltest! Was mich betrifft, ich habe die großen und zahlreichen Güter, die Gott allen Gerechten bereitet hat, gesehen, und groß sind die Verheißungen Gottes, aber die Mehrzahl bekommen sie nicht; aber auch durch viele Mühen tritt kaum der eine oder der andere in jene Stätten ein.
21. Und der Engel antwortete und sagte zu mir: Was ich dir nun hier zeige und was du gehört haben wirst, das sollst du niemandem auf Erden mitteilen. Und er führte mich und zeigte mir, und ich hörte dort Worte, die ein Mensch nicht sagen darf. Und wiederum sagte er: Folge mir weiter, und ich werde dir zeigen, was du öffentlich erzählen und berichten darfst.
Und er ließ mich vom dritten Himmel herab und führte mich in den zweiten Himmel, und wiederum führte er mich an das Firmament, und vom Firmament führte er mich zu den Toren des Himmels. Und er machte eine Öffnung auf, und es war der Anfang seines Fundamentes über einem Fluß, welcher die ganze Erde bewässert. Und ich fragte den Engel und sagte: Herr, was ist dieser Fluß von Wasser? Und er sagte zu mir: Dies ist der Ozean. Und plötzlich ging ich aus dem Himmel und begriff, daß es das Licht des Himmels ist, welches dem ganzen Land dort leuchtet. Dort aber jenes Land ist siebenmal heller als Silber. Und ich fragte: Herr, was ist dieser Ort? Und er sagte zu mir: Das ist das Land der Verheißung. Hast du noch nicht gehört, was geschrieben ist: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben? Die Seelen aber der Gerechten, wenn sie aus dem Körper gegangen sind, werden einstweilen nach diesem Ort entlassen. Und ich sagte zu dem Engel: Wird also dies Land nach einer Zeit in Erscheinung treten? Der Engel antwortete und sagte zu mir: Wenn Christus, den du predigst, kommt, um zu regieren, dann wird durch Machtspruch Gottes die erste Erde aufgelöst werden, und dies Land der Verheißung wird dann gezeigt werden, und es wird sein wie Tau oder eine Wolke, und dann wird der Herr Jesus Christus, der ewige König, offenbart werden und wird mit allen seinen Heiligen kommen, um darauf zu wohnen, und wird über sie tausend Jahre regieren, und sie werden essen von den Gütern, welche ich dir jetzt zeigen werde.
22. Und ich beschaute jenes Land, und ich sah einen Fluß, der floß von Milch und Honig, und am Ufer des Flusses waren Bäume gepflanzt voll Früchte; jeder Baum aber trug zwölfmal zwölf Früchte im Jahr, mannigfaltige und verschiedene. Und ich sah das Geschöpf jenes Ortes und alles Werk Gottes, und ich sah dort Palmen von 20 Ellen, andere aber von 10 Ellen. Jenes Land aber war siebenmal heller als Silber. Und die Bäume waren voll von Früchten von der Wurzel bis zum Gipfel. (Statt des hier unverständlichen L1 hat C:) Von der Wurzel jeden Baumes bis zu seinem Herzen waren zehntausend Zweige mit Zehnern von Tausenden von Trauben, [und es waren zehntausend Trauben an jedem Zweig] und.es waren zehntausend Datteln an jeder Traube. Und so war es auch bei den Weinstöcken. Jeder Weinstock hatte zehntausend Reben, und jede Rebe hatte an sich zehntausend Beerentrauben, und jede Traube hatte zehntausend Beeren. Und dort gab es noch andere Bäume, Myriaden von Myriaden davon, und ihre Frucht war in demselben Verhältnis. (L:) Und ich sagte zu dem Engel: Warum bringt ein jeder Baum Tausende von Früchten? Der Engel sagte antwortend zu mir: Weil der Herr Gott seine Gaben in seinem Überfluß den Würdigen fließend gibt, weil sie, solange sie in der Welt weilten, aus freiem Willen sich selbst niederbeugten, indem sie alles um seines heiligen Namens willen taten.
Und wiederum sagte ich zu dem Engel: Herr, sind dies die einzigen Verheißungen, welche der Herr Gott seinen Heiligen verheißen hat? Und antwortend sagte er zu mir: Nein, es gibt nämlich welche, die siebenmal größer sind.
Ich sage dir aber, daß, wenn die Gerechten aus dem Körper gegangen sind undsehen werden die Verheißungen und Güter, welche ihnen Gott bereitet hat, sie wiederum noch seufzen und weinen werden sagend: Warum nur haben wir ein Wort aus unserm Munde hervorgehen lassen, den Nächsten zu reizen auch nur an einem Tag? Ich aber fragte und sagte wiederum: Sind nur dies die Verheißungen Gottes? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Das, was du jetzt siehst, ist für die, welche verheiratet sind und die Keuschheit in der Ehe bewahren, indem sie sich enthalten. Für die Jungfräulichen aber und solche, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit und sich um des Namens des Herrn willen demütigen, wird Gott Dinge geben, die siebenmal größer sind als diese, was ich dir nun zeigen werde.
Und danach nahm er mich weg aus jenem Orte, wo ich dies sah, und siehe! ein Fluß und seine Wasser waren sehr weiß, mehr als Milch. Und ich sagte zu dem Engel: Was ist das? Und er sagte zu mir: Dies ist der Acherusische See, wo die Stadt Christi ist, aber nicht jedermann wird gestattet, in jene Stadt einzutreten. Dies ist nämlich der Weg, welcher zu Gott führt; und wenn einer ein Hurer oder Gottloser ist und sich bekehrend Buße tut und der Buße würdige Frucht bringt, wird er, wenn er aus dem Körper herausgegangen ist, zuerst hingeführt und betet Gott an, und von dort wird er auf Befehl des Herrn dem Engel Michael übergeben, und der tauft ihn im Acherusischen See. So führt er ihn in die Stadt Christi neben die hin, die nicht gesündigt haben. Ich aber wunderte mich und pries den Herrn Gott wegen alledem, was ich sah.
23. Und der Engel antwortete und sagte zu mir: Folge mir, und ich will dich in die Stadt Christi führen. Und er stand am Acherusischen See und setzte mich in ein goldenes Schiff, und ungefähr dreitausend Engel sagten einen Hymnus vor mir, bis ich zur Stadt Christi gelangte. Die aber die Stadt Christi bewohnten, freuten sich sehr über mich, wie ich zu ihnen ging, und ich trat ein und sah die Stadt Christi, und sie war ganz golden, und zwölf Mauern umgaben sie, und zwölf Türme darin (C: ein Turm auf jeder Mauer; S: und zwölftausend befestigte Türme sind in ihrer Mitte), und die einzelnen Mauern hatten unter sich je ein Stadium im Umkreis. Und ich sagte zu dem Engel: Herr, wieviel ist ein Stadium? Es antwortete der Engel und sagte zu mir: Es ist so viel wie zwischen dem Herrn Gott und den Menschen, die auf Erden sind, weil nämlich einzig groß ist die Stadt Christi. Und zwölf Tore von großer Schönheit waren im Umkreis der Stadt, und vier Flüsseumgaben sie. Es waren aber ein Fluß von Honig und ein Fluß von Milch und ein Fluß von Wein und ein Fluß von Öl. Und ich sagte zu dem Engel: Was sind das für Flüsse, welche diese Stadt umgeben? Und er sagte mir: Dies sind die vier Flüsse, welche reichlich fließen für die, welche in diesem Lande der Verheißung sind, deren Namen sind: der Fluß von Honig wird genannt Pison und der Fluß von Milch Eufrat und der Fluß von Öl Gihon und der Fluß von Wein Tigris. Wie die Gerechten also in der Welt sind, haben sie die Macht über diese Dinge nicht gebraucht, sondern haben ohne sie gehungert und sich gedemütigt wegen des Herrn Gott. Deshalb wird der Herr ihnen, wenn sie in diese Stadt eintreten, dieses über Zahl und Maß geben.
24. Und ich sah, als ich in das Tor eintrat, große und sehr hohe Bäume, die keine Frucht, (sondern) nur Blätter hatten. Und ich sah einige Männer, die zerstreut inmitten der Bäume waren; und sie weinten sehr, wenn sie einen in die Stadt eintreten sahen. Und jene Bäume taten Buße für sie, indem sie sich selbst erniedrigten und neigten, und sie richteten sich wieder auf. Und ich sah es und weinte mit ihnen und fragte den Engel und sagte: Herr, wer sind diese, die man nicht in die Stadt Christi hat eintreten lassen? Und er sagte zu mir: Das sind die, welche eifrig mit Fasten Tag und Nacht Verzicht geübt haben, aber sie haben ein Herz gehabt, das stolzer war als die übrigen Menschen, indem sie sich selbst rühmten und lobten und dem Nächsten nichts taten. Denn die einen grüßten sie freundlich, andern sagten sie nicht einmal: Sei gegrüßt! und welchem sie wollten, öffneten sie die Pforte des Klosters, und wenn sie ihrem Nächsten einmal ein bißchen erwiesen, waren sie aufgeblasen. Und ich sagte: Herr, wie also, ihr Stolz hat sie gehindert, in die Stadt Christi einzutreten? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Die Wurzel aller Übel ist der Stolz. Sind sie etwa besser als der Sohn Gottes, der zu den Juden in großer Demut kam? Und ich fragte ihn und sagte: Was ist es damit, daß die Bäume sich erniedrigen und wiederum sich aufrichten? Und der Engel antwortete und sagte zu mir: All die Zeit, die jene auf Erden zubrachten, Gott dienend, haben sie wegen der Beschämung und der Vorwürfe der Menschen zeitweilig errötend sich erniedrigt, sind aber nicht betrübt gewesen noch haben sie Buße getan, daß sie abließen von ihrem Hochmut, der in ihnen war. Das ist der Grund, warum die Bäume sich erniedrigen und wiederum sich aufrichten. Und ich fragte und sagte: Weshalb sind sie zugelassen an den Toren der Stadt? Der Engel antwortete und sagte zu mir: Wegen der großen Güte Gottes und weil hier der Eingang aller Heiligen, die in diese Stadt eintreten, ist. Deswegen sind sie an diesem Ort gelassen, daß, wenn der ewige König Christus mit seinen Heiligen einzieht, alle Gerechten bei seinem Eintritt für sie bitten, und sie dann mit ihnen in die Stadt einziehen, jedoch vermag niemand derselben dasselbe Vertrauen zu haben, welches jene hatten, die sich demütigten, dem Herrn Gott dienend in ihrem ganzen Leben.
25. Ich aber schritt unter Führung des Engels einher, und er brachte mich zu dem Flusse von Honig, und ich sah dort Jesaja und Jeremia und Ezechiel und Amos und Sacharia, die kleineren und größeren Propheten, und sie grüßten mich in der Stadt. Ich sagte zu dem Engel: Was ist dieser Weg? Und er sagte zu mir: Dies ist der Weg der Propheten. Jeder, der seine Seele trübe gestimmt und nicht seinen eigenen Willen um Gottes willen getan hat, wenn er aus der Welt gegangen und zum Herrn Gott geführt ist und ihn angebetet hat, wird dann auf Befehl Gottes Michael übergeben, und der führt ihn in die Stadt an diesen Ort der Propheten, und sie begrüßen ihn wie ihren Freund und Nächsten weil er den Willen Gottes getan hat.
26. Wiederum führte er mich dahin, wo der Fluß von Milch war. Und ich sah an jenem Orte alle Kinder, welche der König Herodes um des Namens Christi willen getötet hat, und sie grüßten mich. Und der Engel sagte zu mir: Alle, welche Keuschheit und Reinheit bewahren, wenn sie aus dem Körper gegangen sind, werden, nachdem sie den Herrn Gott angebetet haben, Michael übergeben und zu den Kindern geführt, und sie grüßen sie sagend: Sie sind unsere Brüder und Freunde und (Mit-)Glieder. Unter ihnen werden sie die Verheißungen Gottes erben.
27. Wiederum nahm er mich und brachte mich zum Norden der Stadt und führte mich dahin, wo der Fluß von Wein war; und ich sah dort Abraham, Isaak und Jakob, Lot und Hiob und andere Heilige; und sie grüßten mich. Und ich fragte und sagte: Was ist dies für ein Ort, Herr? Es antwortete der Engel und sagte zu mir: Alle, die Fremde aufgenommen haben, wenn sie aus der Welt gegangen sind, beten zuerst den Herrn Gott an und werden Michael übergeben und auf diesem Wege in die Stadt geführt, und alle Gerechten begrüßen sie wie Söhne und Brüder und sagen zu ihnen: Weil ihr bewahrt habt Menschlichkeit und Gastfreundschaft von Pilgern, kommt, habt das Erbe in der Stadt unseres Gottes. Ein jeder Gerechte wird nach seiner besonderen Handlung in der Stadt die Güter Gottes erhalten.
28. Und wiederum brachte er mich an den Fluß von Öl östlich der Stadt. Und dort sah ich Männer, die frohlockten und Psalmen sangen, und ich sagte: Wer sind diese, Herr? Und der Engel sagte zu mir: Dies sind die, welche sich von ganzem Herzen Gott geweiht haben und nicht Stolz in sich haben. Denn alle, welche sich in dem Herrn Gott freuen und von ganzem Herzen dem Herrn psallieren, werden hierher in diese Stadt geführt.
29. Und er trug mich in die Mitte der Stadt neben die zwölfte Mauer. Sie war aber an dieser Stelle höher als andere. Und ich fragte und sagte: Gibt es in der Stadt Christi eine Mauer, die an Ehre dieser Stelle vorangeht? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Die zweite ist besser als die erste und ebenso die dritte als die zweite, weil eine die andere übertrifft bis hin zur zwölften Mauer. Und ich sagte: Weshalb, Herr, übertrifft eine die andere an Ruhm? Deute es mir! Und antwortend sagte der Engel zu mir: Allen, die in sich auch nur ein wenig Verleumdung oder Eifersucht oder Stolz haben, wird etwas vom Ruhm derselben gemindert, auch wenn sie in der Stadt Christi zu sein scheinen. Blicke rückwärts!
Und ich wandte mich und sah goldene Throne, die an die einzelnen Tore gestellt waren, und auf ihnen Männer, die goldene Diademe und Edelsteine hatten. Und ich blickte und sah zwischen den zwölf Männern in anderer Ordnung gestellte Throne, die von großer Herrlichkeit (zu sein) schienen, so daß niemand ihr Lob auszusagen vermag. Und ich fragte den Engel und sagte: Herr, wer sind die, welche auf den Thronen sitzen werden. Und antwortend sagte der Engel zu mir: Dies sind die Throne derer, welche Güte und Verständnis des Herzens hatten und sich (gleichwohl) selbst zu Toren gemacht haben um des Herrn Gottes willen, indem sie weder die Schriften kannten noch mehrere Psalmen, sondern eines Kapitels über die Gebote Gottes eingedenk und sie hörend nach diesen (Geboten) in großer Sorgfalt gehandelt haben und (dabei) rechten Eifer vor dem Herrn Gott zeigend. Und über diese ergreift alle Heiligen vor dem Herrn Gott Bewunderung, indem sie sich unterhaltend einer zum andern sagen: Wartet und seht diese Unerfahrenen, die nichts weiter wissen, wie sie ein so großes und schönes Gewand verdient haben und solchen Ruhm wegen ihrer Unschuld.
Und ich sah mitten in der Stadt einen großen, sehr hohen Altar, und es stand einer neben dem Altar, dessen Gesicht leuchtete wie die Sonne, und er hielt in seinen Händen ein Psalterium und eine Zither, und er psallierte sagend: Halleluja. Und seine Stimme erfüllte die ganze Stadt. Und sobald alle, die auf den Türmen und an den Toren waren, ihn hörten, antworteten sie: Halleluja, so daß die Fundamente der Stadt sich bewegten. Und ich fragte den Engel und sagte: Wer ist, Herr, der hier von so großer Gewalt? Und der Engel sagte zu mir: Dies ist David; dies ist die Stadt Jerusalem. Wenn aber Christus, der König der Ewigkeit, mit dem Vertrauen (?) seines Reiches gekommen sein wird, dann wird er wiederum vorausschreiten, um zu psallieren, und alle Gerechten psallieren gleichzeitig respondierend: Halleluja. Und ich sagte: Herr, wieso macht allein David vor den übrigen Heiligen den Anfang des Psallierens? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Weil(?) Christus, der Sohn Gottes, sitzt zur Rechten seines Vaters, wird auch dieser David vor ihm psallieren im siebenten Himmel, und wie es im Himmel geschieht, so gleicherweise auch unterhalb, weil es nicht erlaubt ist, ohne David Gott ein Opfer darzubringen, sondern es ist nötig, daß David psalliere in der Stunde der Darbringung des Leibes und Blutes Christi; wie es im Himmel ausgerichtet wird, so auch auf der Erde.
30. Und ich sagte zu dem Engel: Herr, was ist Halleluja? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Du forschest und fragst in (bei) allen Dingen. Und er sagte zu mir: Halleluja wird gesagt in der hebräischen Sprache Gottes und der Engel; die Bedeutung von Halleluja ist aber diese: tecel. cat. marith. macha. Und ich sagte: Herr, was ist tecel. cat. marith. macha? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Dies ist tecel. cat. marith. macha: Laßt uns ihn preisen all zusammen. Ich fragte den Engel und sagte: Herr, preisen alle, welche Halleluja sagen, Gott? Und der Engel antwortete und sagte zu mir: So ist es; wiederum, wenn jemand also Halleluja psalliert und die anwesend sind, nicht gleichzeitig psallieren, begehen sie Sünde, weil sie nicht mitpsallieren. Und ich sagte: Herr, sündigt auch ähnlich, wenn einer kindisch oder sehr alt ist? Es antwortete der Engel und sagte zu mir: Nein, wer es aber vermag und nicht mitpsalliert, einen solchen erkennt man als Verächter des Wortes. Und es wäre stolz und unwürdig, daß er nicht den Herrn Gott, seinen Schöpfer, preise.
31. Und als er aufgehört hatte, zu mir zu reden, führte er mich nach draußen außerhalb der Stadt mitten durch Bäume und rückwärts weg von den Stätten des Landes der Güter und stellte mich an den Fluß von Milch und Honig. Und danach führte er mich zum Ozean, der die Fundamente des Himmels trägt. Und der Engel antwortete und sagte zu mir: Begreifst du, daß du von hier fortgehst? Und ich sagte: Ja, Herr. Und er sagte zu mir: Komm und folge mir, und ich will dir die Seelen der Gottlosen und Sünder zeigen, damit du erkennst, wie beschaffen der Ort ist. Und ich brach mit dem Engel auf, und er trug mich nach Sonnenuntergang zu, und ich sah den Anfang des Himmels gegründet auf einem großen Fluß Wassers, und ich fragte: Was ist dieser Fluß von Wasser? Und er sagte zu mir: Dies ist der Ozean, welcher die ganze Erde umgibt. Und als ich an der Außenseite des Ozeans war, blickte ich umher, und es war nicht Licht an jenem Orte, sondern Finsternis und Traurigkeit und Betrübnis, und ich seufzte.
Und ich sah dort einen Fluß von Feuer siedend, und hineingeschritten war eine Menge von Männern und Weibern, eingesunken bis an die Knie, und andere Männer bis an den Nabel, andere bis an die Lippen, andere aber bis zu den Haaren. Und ich fragte den Engel und sagte: Herr, wer sind die im feurigen Flusse? Und der Engel antwortete und sagte zu mir: Sie sind weder heiß noch kalt, weil sie weder in der Zahl der Gerechten gefunden sind noch in der Zahl der Gottlosen. Diese verwandten nämlich die Zeit ihres Lebens auf Erden, indem sie einige Tage mit Gebeten zubrachten, andere Tage aber in Sünden und Hurereien bis zum Tode. Und ich fragte und sagte: Wer sind die, Herr, welche bis zu den Knien im Feuer eingesunken sind? Antwortend sagte er zu mir: Das sind die, welche, wenn sie aus der Kirche gegangen sind, sich damit beschäftigen, in fremdartigen Gesprächen zu debattieren. Die aber, welche bis zum Nabel eingesunken sind, das sind die, welche, wenn sie Leib und Blut Christi genommen haben, hingehen und huren und nicht ablassen von ihren Sünden, bis sie sterben. Die bis an die Lippen Eingesunkenen sind wechselseitige Verleumder, wenn sie in der Kirche Gottes zusammenkommen. Die bis an die Augenbrauen Eingesunkenen aber sind die, welche sich zuwinken, ihrem Nächsten (dabei) Bosheit heimlich bereiten.
32. Und ich sah nach Norden zu einem Ort von mannigfaltigen und verschiedenen Strafen, voll von Männern und Weibern, und ein feuriger Fluß floß auf sie herab. Ich blickte aber und sah Gruben von außerordentlicher Tiefe, und in ihnen waren sehr viele Seelen zusammen, und die Tiefe jenes Ortes war ungefähr 3000 Ellen, und ich sah sie seufzend und weinend und sagend: Erbarme dich unser, Herr! Aber niemand erbarmte sich ihrer. Und ich fragte den Engel und sagte: Wer sind diese, Herr? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Dies sind die, welche nicht auf den Herrn gehofft haben, daß sie ihn zum Helfer haben könnten. Und ich fragte und sagte: Herr, wenn diese Seelen von vor dreißig oder vierzig Generationen so eine auf der andern bleiben, wenn sie nicht tiefer hinabgelassen werden, glaube ich, würden die Gruben sie nicht fassen. Und er sagte zu mir: Der Abyssus hat kein Maß, überdies folgt auch auf ihn nämlich der (Abgrund?), welcher darunter ist. Und es ist so, wie wenn etwa jemand einen Stein nimmt und wirft ihn in einen sehr tiefen Brunnen, und nach vielen Stunden gelangt er zur Erde, so ist der Abyssus. Wenn die Seelen dahinein geworfen werden, gelangen sie kaum nach fünfhundert Jahren auf den Grund.
33. Ich aber, als ich das gehört hatte, weinte und seufzte über das menschliche Geschlecht. Es antwortete der Engel und sagte: Warum weinst du? Bist du barmherziger als Gott? Da nämlich Gott gütig ist und weiß, daß es Strafen gibt, trägt er geduldig das menschliche Geschlecht, indem er einem jeden nach seinem eigenen Willen zu handeln erlaubt in der Zeit, wo er auf der Erde wohnt.
34. Und ich blickte noch auf den feurigen Fluß und sah dort, wie einem Menschen von tartarushütenden Engeln die Kehle zugeschnürt wurde, die in ihren Händen ein Eisen mit drei Zacken hatten, womit sie die Eingeweide jenes Greises durchbohrten. Und ich fragte den Engel und sagte: Herr, wer ist jener Greis, dem solche Qualen auferlegt werden? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Der, welchen du siehst, war ein Presbyter, der seinen Dienst nicht wohl versehen hat. Während er aß und trank und hurte, brachte er dem Herrn das Opfer an seinem heiligen Altar dar.
35. Und ich sah nicht weit entfernt einen andern Greis, den vier böse Engel in Eile laufend herzubrachten, und sie ließen ihn bis an die Knie in den feurigen Fluß hinab und bewarfen ihn mit Steinen und verwundeten sein Gesicht wie ein Sturm und erlaubten ihm nicht zu sagen: Erbarme dich meiner! Und ich fragte den Engel, und er sagte zu mir: Der, welchen du siehst, ist Bischof gewesen, aber er hat sein Bischofsamt nicht gut ausgeführt; er hat zwar einen großen Namen erhalten, aber er ist nicht eingetreten in die Heiligkeit dessen, der ihm den Namen gegeben hat, in seinem ganzen Leben, weil er nicht gerechtes Gericht gehalten und sich der Witwen und Waisen nicht erbarmt hat. Nun aber ist ihm vergolten gemäß seiner Ungerechtigkeit und seinen Werken.
36. Und ich sah einen andern Menschen im feurigen Flusse bis an die Knie. Es waren aber seine Hände ausgestreckt und blutig, und Würmer gingen aus seinem Munde und aus seinen Nasenlöchern, und er war seufzend und weinend, und ausrufend sagte er: Erbarme dich meiner, denn mir wird mehr Leid zugefügt, als den übrigen, die in dieser Strafe sind. Und ich fragte: Wer ist dieser, Herr? Und er sagte zu mir: Dieser, den du siehst, ist Diakon gewesen, der die Opfergaben aufaß und hurte und das Rechte angesichts Gottes nicht tat. Deshalb bezahlt er unaufhörlich diese Strafe.
Und ich blickte und sah an seiner Seite einen andern Menschen, den man in Eile brachte und in den feurigen Fluß warf, und er war (darin) bis an die Knie. Und es kam der Engel, der über die Strafen (gesetzt) war, mit einem großen feurigen Schermesser, und damit zerfleischte er die Lippen jenes Mannes und die Zunge in gleicherweise. Und seufzend weinte ich und fragte: Wer ist jener, Herr? Und er sagte zu mir: Der, welchen du siehst, ist Vorleser (Lektor) gewesen und hatte dem Volke vorgelesen, er selbst aber beobachtete die Gebote Gottes nicht. Nun bezahlt er auch seine besondere Strafe.
37. Und ich sah eine andere Menge von Gruben an jenem Orte und in der Mitte davon einen Fluß, der ungefüllt war mit einer Menge von Männern und Weibern, und Würmer verzehrten sie. Ich aber weinte, und seufzend fragte ich den Engel und sagte: Herr, wer sind diese? Und er sagte zu mir: Das sind die, welche Zinseszins eintrieben und auf ihre Reichtümer vertrauten, nicht hoffend auf Gott, daß er ihnen Helfer wäre.
Und wiederum blickte ich und sah einen andern sehr engen Ort, und er war wie eine Mauer und in seinem Umkreis Feuer. Und ich sah darin Männer und Weiber, die ihre Zunge zerkauten, und fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Dies sind die, welche in der Kirche das Wort Gottes verunglimpfen, nicht darauf achtend, sondern gewissermaßen Gott und seine Engel für nichts achtend. Deshalb bezahlen sie nun in gleicher Weise ihre besondere Strafe.
38. Und ich blickte und sah ein anderes Loch unten in der Grube, und sein Anblick war wie Blut. Und ich fragte und sagte: Herr, was ist dieser Ort? Und er sagte zu mir: In dieser Grube fließen alle Strafen zusammen. Und ich sah Männer und Weiber, eingetaucht bis an die Lippen, und fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind Zauberer, welche Männern und Weibern magische Zaubermittel dargereicht haben und es nicht möglich machten, daß sie zur Ruhe kamen, bis sie starben. Und wiederum sah ich Männer und Weiber von sehr schwarzem Angesicht in der Feuergrube und seufzte und weinte und fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind Hurer und Ehebrecher, die, obwohl sie eigene Frauen hatten, die Ehe gebrochen haben; gleicherweise haben auch die Weiber in derselben Art die Ehe gebrochen, obwohl sie eigene Männer hatten. Deshalb bezahlen sie unaufhörliche Strafen.
39. Und ich sah dort Mädchen, welche schwarze Gewänder hatten, und vier fürchterliche Engel, die in ihren Händen feurige Ketten hatten. Und sie legten sie (die Ketten) an ihre Nacken und führten sie in die Finsternis. Und wiederum weinend fragte ich den Engel: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind solche, weiche, obwohl sie als Jungfrauen bestellt waren, ihre Jungfrauenschaft ohne Wissen ihrer Eltern verunreinigt haben. Deshalb bezahlen sie unaufhörlich ihre besonderen Strafen.
Und wiederum erblickte ich dort Männer und Weiber mit zerschnittenen (oder: abgeschnittenen) Händen und Füßen gestellt und nackt an einen Ort von Eis und Schnee, und Würmer verzehrten sie. Wie ich es aber sah, weinte und fragte ich: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind die, welche Waisen und Witwen und Arme geschädigt und nicht auf den Herrn gehofft haben. Deshalb bezahlen sie unaufhörlich ihre besonderen Strafen.
Und ich blickte und sah andere hängend über einem Wasserlauf, und ihre Zungen waren hinlänglich trocken, und viele Früchte waren in ihrem Anblick angebracht, aber es wurde ihnen nicht erlaubt, von diesen zu nehmen. Und ich fragte: Wer sind die, Herr? Und er sagte zu mir: Das sind die, welche vor der festgesetzten Stunde das Fasten gebrochen haben. Deswegen bezahlen sie unaufhörlich diese Strafen.
Und ich sah andere, Männer und Weiber, aufgehängt an ihren Augenbrauen und Haaren, und ein feuriger Fluß zog(?) sie, und ich sagte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Dies sind solche, die sich nicht den eigenen Männern und Frauen hingeben, sondern Ehebrechern, und darum bezahlen sie unaufhörlich die besonderen Strafen.
Und ich sah andere, Männer und Weiber, mit Staub bedeckt, und ihr Anblick war wie Blut, und sie waren in einer Grube von Pech und Schwefel und liefen in einen feurigen Fluß hinab. Und ich fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind die, welche die Gottlosigkeit von Sodom und Gomorra begangen haben, Männer mit Männern. Deshalb bezahlen sie unaufhörlich Strafen.
40. Und ich blickte und sah Männer und Weiber, angetan mit hellen Gewändern, welche blinde Augen hatten, in eine Grube von Feuer gesetzt. Und ich fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind von den Heiden, die Almosen gegeben haben und den Herrn Gott nicht kannten; deshalb zahlen sie unaufhörlich ihre besondere Strafen.
Und ich blickte und sah andere Männer und Weiber auf einer feurigen Spitzsäule, und Tiere zerrissen sie, und es wurde ihnen nicht erlaubt zu sagen: Erbarme dich unser, o Herr! Und ich sah den Engel der Strafen in stärkster Weise Strafen auf sie legen und sagen: Erkennt das Gericht des Sohnes Gottes an! Denn es ist euch vorausgesagt; wenn euch die göttlichen Schriften vorgelesen wurden, gabt ihr nicht acht; deshalb ist das Gericht Gottes gerecht; eure bösen Handlungen haben euch erfaßt und euch in diese Strafen geführt. Ich aber seufzte und weinte und fragte und sagte: Wer sind diese Männer und Weiber, die im Feuer erwürgt werden und Strafen bezahlen? Und er antwortete mir: Dies sind die Weiber, welche das Gebilde Gottes befleckten, indem sie aus dem Mutterschoß Kinder hervorbrachten, und das sind die Männer, die ihnen beiwohnten. Ihre Kinder aber gingen den Herrn Gott und die Engel, die über die Strafen (gesetzt) waren, an sagend: Verteidige uns vor unsern Erzeugern, denn sie haben das Gebilde Gottes befleckt; den Namen Gottes zwar habend, aber seine Gebote nicht beobachtend, haben sie uns zur Speise den Hunden und zum Zertreten den Schweinen gegeben, andere in den Fluß geworfen. Jene Kinder aber wurden den Engeln des Tartarus, die über die Strafen waren, übergeben, daß sie sie an einen geräumigen Ort des Erbarmens führten. Ihre Väter und Mütter aber wurden in ewiger Strafe erstickt. Und darauf sah ich Männer und Weiber angetan mit Lappen voll von Pech und Schwefel von Feuer, und Drachen waren gewunden um ihre Hälse und Schultern und Füße, und Engel, die feurige Hörner hatten, hielten sie im Zaum und schlugen sie und schlossen ihre Nasen, sagend: Warum habt ihr nicht erkannt die Zeit, in welcher es recht war, daß ihr Buße tatet und Gott dientet, und habt es nicht getan? Und ich fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Diese sind die, welche der Welt zu entsagen schienen, indem sie unser Gewand anlegten, aber die Hindernisse der Welt machten sie zu Elenden, indem sie nicht eine einzige Agape veranstalteten, und der Witwen und Waisen erbarmten sie sich nicht; den Ankömmling und Fremden nahmen sie nicht auf, auch nicht eine Gabe (Oblation) darbringend, und erbarmten sich nicht des Nächsten. Ihr Gebet aber stieg auch nicht an einem Tage als reines zu dem Herrn Gott empor; viele Hindernisse der Welt aber hielten sie ab, und sie konnten nicht das Rechte tun angesichts Gottes. Und Engel gingen mit ihnen umher an dem Ort der Strafen. Es sahen sie aber die, welche in Strafen waren, und sagten zu ihnen: Wir wenigstens in der Welt lebend, haben Gott vernachlässigt; warum habt ihr gleicherweise gehandelt? Und sie führten sie an einen andern Ort, und auch die sagten in gleicher Weise zu ihnen: Wir, da wir in der Welt waren, wußten, daß wir Sünder waren; wir sahen aber euch in heiligem Gewände und priesen euch selig, indem wir sagten: „Die sind gerecht und Diener Gottes“. Nun aber haben wir erkannt, daß ihr eitel nach dem Namen Gottes genannt seid; deshalb zahlt ihr die beständige Strafe.
Und seufzend weinte ich und sagte: Wehe den Menschen, wehe den Sündern! Weshalb sind sie geboren worden? Und antwortend sagte der Engel zu mir: Warum weinst du? Bist du barmherziger als der Herr Gott, der gepriesen ist in Ewigkeit, der Gericht festgesetzt hat und einem jeden erlaubt hat, nach eigenem Willen gut und böse zu wählen und zu tun, was ihm beliebt? Wiederum weinte ich noch auf das heftigste, und er sagte zu mir: Weinst du, während du bisher noch nicht größere Strafen gesehen hast? Folge mir, und du wirst welche sehen, die siebenmal größer sind als diese.
41. Und er trug mich nach Norden, dem Ort aller Strafen und stellte mich an einen Brunnen, und ich fand ihn mit sieben Siegeln versiegelt. Und antwortend sagte der Engel, der mit mir war, zu dem Engel jenes Ortes: öffne die Mündung des Brunnens, damit Paulus, der Höchstgeliebte Gottes, hineinblicke, weil ihm die Vollmacht gegeben ist, daß er alle Strafen der Unterwelt sehe. Und der Engel sagte zu mir: Steh entfernt, weil du nicht den Gestank dieses Ortes auszuhalten vermagst! Als also der Brunnen geöffnet worden war, stieg sogleich ein harter und sehr bösartiger Geruch auf, der alle Strafen übertraf. Und ich blickte in den Brunnen und sah feurige Massen von allen Seiten brennend, und die Enge des Brunnens war an der Mündung des Brunnens so eng, daß er nur einen einzigen Menschen zu fassen vermochte. Und der Engel antwortete und sagte zu mir: Wenn einer in diesen Brunnen des Abgrundes geschickt und über ihm versiegelt worden ist, geschieht niemals seiner Erwähnung vor dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste und den heiligen Engeln. Und ich sagte: Wer sind diese, Herr, welche in diesen Brunnen geschickt werden? Und er sagte zu mir: Diese sind: wer nicht bekannt hat, daß Christus im Fleisch gekommen ist und daß ihn die Jungfrau Maria geboren hat, und wer sagt, daß das Brot der Eucharistie und der Kelch des Segens nicht Leib und Blut Christi sei.
42. Und ich blickte von Norden nach Westen und ich sah dort den nicht ruhenden Wurm, und an dem Orte war Zähneknirschen. Der Wurm aber hatte an Maßeine Elle, und zwei Köpfe waren daran. Und ich sah dort Männer und Weiber in Kälte und Zähneknirschen. Und ich fragte: Herr, wer sind diese an diesem Orte? Und er sagte zu mir: Dies sind die, welche sagen, daß Christus von den Toten nicht auferstanden ist und daß dieses Fleisch nicht aufersteht. Und ich fragte und sagte: Herr, gibt es nicht Feuer und Wärme an diesem Orte? Und er sagte zu mir: An diesem Orte gibt es nichts anderes als Kälte und Schnee. Und wiederum sagte er zu mir: Auch wenn die Sonne über ihnen aufginge, würden sie nicht warm wegen der übermäßigen Kälte jenes Ortes und des Schnees.
Als ich dies hörte, streckte ich meine Hände aus und weinte, und seufzend sagte ich wiederum: Besser wäre es für uns, wenn wir nicht geboren wären, wir alle, die wir Sünder sind.
43. Als aber die, welche an demselben Orte waren, mich bei dem Engel weinen sahen, riefen sie aus und weinten auch selbst sagend: Herr Gott, erbarme dich unser! Und danach sah ich den Himmel geöffnet und Michael, den Erzengel, herabsteigend vom Himmel und mit ihm das ganze Heer der Engel, und sie gelangten zu denen, die in die Strafen gesetzt wären; und als sie ihn sahen, riefen sie wiederum weinend aus und sagten: Erbarme dich unser, Erzengel Michael, erbarme dich unser und des menschlichen Geschlechtes, weil wegen deiner Gebete die Erde besteht. Wir haben nun das Gericht gesehen und den Sohn Gottes erkannt. Es war vordem uns unmöglich, hierfür zu beten, ehe wir an diesen Ort kamen. Denn wir haben gehört, daß ein Gericht sein würde, ehe wir aus der Welt gingen, aber die Hindernisse und das weltliche Leben ließen es nicht zu, daß wir Buße taten. Und Michael antwortete und sagte: Hört, wenn Michael redet: ich bin es, der ich zu jeder Stunde vor Gott stehe. So wahr der Herr lebt, in dessen Gegenwart ich stehe, ich lasse nicht ab, nur an einem Tage oder einer Nacht unaufhörlich zu beten für das menschliche Geschlecht, und ich bete für die, die (noch) auf der Erde sind. Sie aber hören nicht auf, Schlechtigkeit zu begehen und Hurerei, und sie standen mir nicht bei im Guten, solange sie auf Erden gesetzt waren. Und ihr habt die Zeit, in der ihr hättet Buße tun müssen, in Nichtigkeit zugebracht. Ich aber habe immer so gebeten und flehe jetzt, daß Gott Tau sende und Regen bestimmt werde über die Erde, und noch bitte ich, bis die Erde ihre Früchte hervorbringe; und ich sage, daß, wenn einer auch nur ein bißchen Gutes getan hat, ich für ihn kämpfe, ihn schützend, bis er entgeht dem Gericht der Strafen. Wo sind also eure Gebete? Wo eure Buße? Ihr habt die Zeit verächtlich verloren. Nun aber weint, und ich und die Engel, die mit mir sind, werden weinen zusammen mit dem höchstgeliebten Paulus, ob der barmherzige Gott Erbarmen übe und euch Erquickung gebe. Als aber jene diese Worte hörten, riefen sie aus und weinten sehr und sagten alle einstimmig: Erbarme dich unser, Sohn Gottes! Und ich, Paulus, seufzte und sagte: Herr Gott, erbarme dich deines Gebildes, erbarme dich der Menschenkinder, erbarme dich deines Bildes.
44. Und ich blickte und sah den Himmel bewegen wie einen Baum, der vom Winde bewegt ist. Plötzlich aber warfen sie sich auf ihr Angesicht vor dem Thron; und ich sah die 24 Ältesten und die 4 Tiere Gott anbeten, und ich sah den Altar und den Vorhang und den Thron, und alles war frohlockend, und es erhob sich der Rauch eines guten Geruches neben dem Altäre des Thrones Gottes, und ich hörte die Stimme eines, der sagte: Um weswillen bittet ihr, unsere Engel und unsere Diener? Und sie riefen aus sagend: Wir bitten, da wir deine große Güte gegen das Menschengeschlecht sehen. Darauf sah ich den Sohn Gottes herabsteigen vom Himmel, und es war ein Diadem auf seinem Haupte. Als aber die, welche in die Strafen gesetzt waren, ihn sahen, riefen sie alle einstimmig aus sagend: Erbarme dich, Sohn des erhabenen Gottes! Du bist es, der du allen Erquickung gewährt hast im Himmel und auf Erden, erbarme dich unser gleicherweise; seitdem wir nämlich dich gesehen haben, haben wir Erquickung. Und es ging eine Stimme vom Sohne Gottes aus durch alle Strafen hin sagend: Und welches Werk habt ihr getan, daß ihr von mir Erquickung fordert? Mein Blut ist um euretwillen vergossen worden, und ihr habt auch so nicht Buße getan. Um euretwillen habe ich eine Krone aus Dornen auf meinem Haupte getragen; für euch habe ich Backenstreiche auf meine Kinnbacken erhalten, und auch so habt ihr nicht Buße getan. Um Wasser habe ich am Kreuze hängend gebeten, und sie gaben mir Essig mit Galle gemischt; mit einer Lanze haben sie meine rechte Seite geöffnet. Meines Namens wegen haben sie meine Diener, die Propheten und die Gerechten, getötet, und bei all diesem habe ich euch Raum zur Buße gegeben, und ihr habt nicht gewollt. Nun aber: um Michaels, des Engels meines Bundes, und der Engel, die mit ihm sind, und um Paulus, meines Hochgeliebten, den ich nicht betrüben will, um eurer Brüder, die in der Welt sind und Opfergaben darbringen, und um eurer Kinder, weil meine Gebote in ihnen sind, und noch mehr um meiner eigenen Güte willen: an dem Tage nämlich, an welchem ich von den Toten auferstanden bin, gewähre ich euch allen, die ihr in Qualen seid, eine Nacht und einen Tag Erquickung für immer. Und alle riefen aus und sagten: Wir preisen dich, Sohn Gottes, daß du uns eine Nacht und einen Tag Erquickung gegeben hast. Besser ist nämlich für uns die Erquickung eines Tages als alle Zeit unseres Lebens, die wir auf der Erde waren, und wenn wir deutlich, erkannt hätten, daß dieser (Ort) bestimmt ist für die, welche sündigen, würden wir überhaupt keine andere Arbeit gemacht haben, nichts gehandelt haben und keine Bosheit begangen haben. Was wäre es für uns nötig gewesen, in die Welt (hinein) geboren zu sein? Hier nämlich ist unser Stolz gefaßt, der aus unserm Munde gegen den Nächsten aufsteigt. Beschwerde und unsere allzugroßen Ängste und Tränen und die Würmer, welche unter uns sind, das ist weit schlechter für uns als die Strafen, welche… uns. Als jene dies redeten, wurden die bösen Engel und die über die Strafen erzürnt auf sie sagend: Wie lange habt ihr geweint und geseufzt? Denn ihr habt nicht Erbarmen gehabt. Dies nämlich ist das Gericht Gottes über den, der nicht Erbarmen geübt hat. Diese große Gnade aber habt ihr erhalten: in der Nacht und am Tage des Sonntags Erquickung um des hochgeliebten Paulus willen, der zu euch hinabgestiegen ist.
45. Und danach sagte zu mir der Engel: Hast du alles gesehen? Und ich sagte: Ja, Herr. Und er sagte zu mir: Folge mir, und ich will dich ins Paradies führen. Und es sollen dich die Gerechten, die dort sind, sehen; siehe! sie hoffen nämlich, dich zu sehen und sind bereit, dir entgegenzugehen in Freude und Jubel. Und ich folgte dem Engel aus Antrieb des heiligen Geistes, und er (ver)setzte mich ins Paradies und sagte zu mir: Dies ist das Paradies, in welchem Adam irrte und sein Weib. Ich trat aber in das Paradies ein und sah den Ursprung der Wasser; und der Engel winkte mir und sagte zu mir: Schaue, sagte er, die Wasser; dies ist nämlich der Fluß Pison, der das ganze Land Hevila umzieht, und der andere ist Gihon, der das ganze Land Ägypten und Äthiopien umzieht, und der andere ist der Tigris, der den Assyriern gegenüber liegt, und der andere ist der Euphrat, welcher das Land Mesopotamien bewässert. Aber weiter hineingegangen, sah ich einen Baum gepflanzt, von dessen Wurzeln Wasser hervorflossen, und von ihm aus war der Ursprung der vier Flüsse; der Geist Gottes aber ruhte über jenem Baume, und wenn der Geist wehte, flossen die Wasser. Und ich sagte: Herr, ist es dieser Baum selbst, welcher die Wasser fließen läßt? Und er sagte zu mir: Weil im Anfang, bevor Himmel und Erde in Erscheinung traten, alles unsichtbar war, der Geist Gottes über den Wassern schwebte; seitdem aber das Gebot Gottes Himmel und Erde zum Vorschein brachte, ruhte der Geist auf diesem Baume. Deshalb, wenn der Geist geweht hat, fließen die Wasser aus diesem Baume. Und er hielt mir die Hand (fest) und führte mich zum Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen und sagte: Dies ist der Baum, durch den der Tod in die Welt eingetreten ist, und von ihm her hat Adam, von seinem Weibe erhaltend, gegessen, und der Tod ist in die Welt eingetreten. Und er zeigte mir einen andern Baum in der Mitte des Paradieses und sagte zu mir: Dies ist der Baum des Lebens.
46. Während ich noch das Holz (= den Baum) betrachtete, sah ich aber eine Jungfrau von ferne kommen und zweihundert Engel vor ihr Hymnen sagend. Und ich fragte und sagte: Herr, wer ist diese, die in solcher Pracht kommt? Und er sagte zu mir: Dies ist Maria, die Mutter des Herrn. Als sie aber nahe herzukam, grüßte sie mich und sagte: Sei gegrüßt, Paulus, du von Gott und den Engeln und den Menschen Hochgeliebter! Denn alle Heiligen haben meinen Sohn Jesum, der mein Herr ist, gebeten, daß du hierher im Körper kommen möchtest, damit sie dich sähen, bevor du aus der Welt gingest, und der Herr hat ihnen gesagt: Wartet und haltet euch geduldig! Noch ein wenig, und ihr werdet ihn sehen, und er wird ewig bei euch sein. Und wiederum sagten alle gemeinsam zu ihm: Betrübe uns nicht! Wir wollten ihn nämlich (noch) im Fleisch befindlich sehen; durch diesen ist ja dein Name in der Welt sehr verherrlicht, und wir haben gesehen, daß er alle Werke der Kleinen und der Großen auf sich genommen hat. Von denen, die hierher kommen, erfragen wir sagend: Wer ist es, der euch in der Welt geleitet hat? Und sie berichten uns: Es ist einer in der Welt, dessen Name Paulus ist: der kündigt Christus verkündend an, und wir glauben, daß durch die Kraft und Süßigkeit seiner Rede viele ins Reich eingetreten sind. Siehe! alle Gerechten selbst sind hinter mir, die dir entgegengehen. Ich sage dir aber, Paulus, daß ich deshalb zuerst denen entgegengehe, die den Willen meines Sohnes und meines Herren Jesu Christi getan haben, ich gehe ihnen zuerst entgegen und lasse nicht zu, daß sie wie Fremdlinge sind, bis sie in Frieden meinem geliebten Sohne begegnen.
47. Während sie noch redete, sah ich drei von fern kommend, sehr schön, nach der Art Christi, und ihre Bilder waren leuchtend, und ihre Engel. Und ich fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte zu mir: Kennst du sie nicht? Und ich sagte: Nein, Herr. Und er antwortete: Diese sind die Väter des Volkes: Abraham, Isaak und Jakob. Und nahe herzukommend, grüßten sie mich und sagten: Sei gegrüßt, Paulus, Hochgeliebter Gottes und der Menschen; selig ist, wer Gewalt erträgt um des Herrn willen. Und es antwortete Abraham und sagte: Dies ist mein Sohn Isaak, und Jakob, mein Hochgeliebter. Und wir haben den Herrn erkannt und sind ihm gefolgt. Selig sind alle, die deinem Wort geglaubt haben, daß sie das Reich Gottes ererben können durch Arbeit, Entsagung und Heiligung und Demut und Liebe und Milde und rechten Glauben an den Herrn. Und wir haben auch Ergebung gegen den Herrn gehabt, den du predigst, mit dem Verbündnis, daß wir allen Seelen, die ihm glauben, beistehen und ihnen dienen, wie Väter ihren Söhnen dienen.
Während sie noch redeten, sah ich andere Zwölf von weit in Ehre herankommen. Und ich fragte: Wer sind diese, Herr? Und er sagte: Diese sind die Patriarchen. Und herzutretend grüßten sie mich und sagten: Sei gegrüßt, Paulus, Hochgeliebter Gottes und der Menschen! Der Herr hat uns nicht betrübt, so daß wir dich noch im Körper befindlich sehen, bevor du aus der Welt gehst. Und ein jeder gab mir seinen Namen an, der Reihe nach von Ruben bis Benjamin; und es sagte zu mir Joseph: Ich bin es, der verkauft worden ist; ich sage dir aber, Paulus, daß ich, was alles auch meine Brüder mir angetan haben, in keinem Stück boshaft mit ihnen verfahren bin, auch nicht in aller Mühe, die sie mir auferlegt haben, noch habe ich sie in allen Stücken verletzt deswegen von früh bis zum Abend. Selig ist der, welcher in einem Stück geschädigt wird um des Herrn willen und ausgehalten hat, weil der Herr ihm (das) vielfältig vergelten wird, wenn er aus der Welt gegangen sein wird.
48. Während er noch redete, sah ich einen andern Schönen von fern kommen und seine Engel Hymnen singen und fragte: Wer ist dieser, Herr, schön von Antlitz? Und er sagte zu mir: Kennst du ihn nicht? Und ich sagte: Nein, Herr. Und er sagte zu mir: Dieses ist Moses, der Gesetzgeber, welchem Gott das Gesetz gegeben hat. Und als er neben mich getreten war, weinte er sogleich, und danach begrüßte er mich. Und ich sagte zu ihm: Was weinst du? Ich habe nämlich gehört, daß du jeden Menschen an Milde übertriffst. Und er antwortete mir sagend: Ich weine über die, welche ich mit Mühe gepflanzt habe, weil sie Frucht nicht gebracht haben und keiner von ihnen Fortschritte gemacht hat. Und ich sah, daß alle Schafe, die ich weidete, zerstreut und geworden sind wie solche, die keinen Hirten haben, und daß alle Mühen, die ich wegen der Kinder Israel ertragen habe, für nichts geachtet sind, und wieviele Krafttaten ich in ihrer Mitte vollbracht habe, sie es nicht begriffen haben; und ich wundere mich, daß Fremde und Unbeschnittene und Götzenanbeter sich bekehrend in die Verheißungen Gottes eingetreten sind, Israel aber nicht eingetreten ist. Und ich sage dir, Bruder Paulus, daß in jener Stunde, als das Volk Jesum, den du predigst, aufhängte, der Vater, der Gott von allem, der mir das Gesetz gegeben hat, und Michael und alle Engel und Erzengel und Abraham und Isaak und Jakob und alle Gerechten weinten über den Sohn Gottes, der ans Kreuz gehängt war. Alle Heiligen richteten ihre Aufmerksamkeit in jener Stunde auf mich schauend und sagten zu mir: Sieh, Moses, was sie von deinem Volke dem Sohne Gottes getan haben! Deshalb bist du selig, Paulus, und selig ist das Geschlecht und das Volk, welches deinem Worte geglaubt hat.
49. Während er noch redete, kamen andere Zwölf, und als sie mich sahen, sagten sie: Du bist Paulus, gepriesen im Himmel und auf der Erde? Und ich antwortete und sagte: Wer seid ihr? Der erste antwortete und sagte: Ich bin Jesaja, dem Ma- nasse den Kopf mit einer Holzsäge zersägte. Und der Zweite sprach ähnlich: Ich bin Jeremia, der von den Kindern Israel gesteinigt und getötet wurde. Und der Dritte sagte: Ich bin Ezechiel, den die Kinder Israel an den Füßen über den Felsen auf den Berg schleiften, bis daß sie mein Gehirn ausschütteten. Und alle diese Mühsale haben wir ertragen, weil wir die Kinder Israel retten wollten. Und ich sage dir, daß ich nach den Mühsalen, die sie mir auferlegt haben, mich vor dem Herrn auf mein Angesicht warf, für sie betend, die Knie beugend bis zur zweiten Stunde des Sonntages, bis Michael kam und mich von der Erde aufhob. Selig bist du, Paulus, und selig ist das Volk, das durch dich zum Glauben gekommen ist.
Als diese vorübergingen, sah ich einen andern, schön von Angesicht, und ich fragte: Wer ist dieser, Herr? [Als er mich gesehen hatte, freute er sich]. Und er sagte zu mir: Das ist Lot, der in Sodom als gerecht befunden wurde. (Als er mich gesehen hatte, freute er sich) und sich nähernd grüßte er mich und sagte: Selig bist du, Paulus, und selig ist das Geschlecht, das du bedient hast. Und antwortend sagte ich zu ihm: Du bist Lot, der in Sodom als gerecht befunden wurde? Und er sagte: Ich habe die Engel als Fremde in meinem Hause aufgenommen, und als die aus der Stadt sie vergewaltigen wollten, habe ich ihnen meine beiden jungfräulichen Töchter, die noch keinen Mannesumgang kennengelernt hatten, angetragen und ihnen gegeben sagend: Gebraucht sie, wie ihr wollt, nur diesen Männern tut nichts schändlicherweise; deshalb sind sie unter das Dach meines Hauses eingetreten. Deshalb müssen wir also Vertrauen haben und wissen, daß, wenn ein jeder etwas getan hat, Gott ihnen vielfältig vergilt, wenn sie zu ihm gekommen sind. Selig bist du, Paulus, und selig das Volk, das deinem Wort geglaubt haben wird.
Als er nun aufgehört hatte, zu mir zu sprechen, sah ich einen andern von weither kommen, sehr schön von Angesicht, lächelnd und seine Engel Hymnen singend, und ich sagte zu dem Engel, der bei mir war: Es hat also ein jeder der Gerechten einen Engel als Genossen?
Und er sagte zu mir: Ein jeder der Heiligen hat einen eigenen, der ihm beisteht und einen Hymnus singt, und einer weicht nicht vom andern. Und ich sagte: Wer ist dieser, Herr? Und er sagte: Dieser ist Hiob. Und heran tretend begrüßte er mich und sagte: Bruder Paulus, du hast großes Lob bei Gott und den Menschen. Ich aber bin Hiob, der ich eine Zeit von dreißig Jahren infolge des Serums des Schlages viel gelitten habe. Und anfangs waren die Wunden, die aus meinem Körper hervorkamen, wie Weizenkörner, die Würmer aber, welche herabfielen, hatten eine Länge von vier Fingern. Und der Teufel erschien mir zum dritten Male und sagte zu mir: Sag ein Wort gegen den Herrn und stirb! Ich sagte zu ihm: Wenn es so der Wille Gottes ist, daß ich in dem Schlage die ganze Zeit meines Lebens bleibe, bis ich sterbe, werde ich nicht aufhören, den Herrn Gott zu preisen und werde mehr Lohn empfangen. Ich weiß nämlich, daß die Mühsale dieser Welt nichts sind gegen die Erquickung, die später ist. Deshalb bist du selig, Paulus, und selig ist das Volk, das durch dich zum Glauben gekommen ist.
50. Während er noch redete, kam ein anderer von weither rufend und sagend: Selig bist du, Paulus, und ich bin selig, weil ich dich, den von dem Herrn Geliebten, gesehen habe. Und ich fragte den Engel: Wer ist dieser, Herr? Und antwortend sagte er zu mir: Dies ist Noah zur Zeit der Sintflut. Und sogleich begrüßten wir unseinander. Sich sehr freuend sagte er zu mir: Du bist Paulus, der Hochgeliebte Gottes. Und ich fragte ihn: Wer bist du? Und er sagte: Ich bin Noah, der zur Zeit der Sintflut war. Ich sage dir aber, Paulus, daß ich hundert Jahre mit der Herstellung der Arche zugebracht habe, indem ich das Gewand, mit dem ich bekleidet war, nicht auszog und das Haar meines Hauptes nicht schor. Dazu beeiferte ich mich der Enthaltsamkeit, indem ich mich meinem eigenen Weibe nicht näherte; in jenen hundert Jahren wuchs das Haar meines Hauptes nicht in die Größe, und meine Kleider wurden nicht beschmutzt. Und ich bat die Menschen zu jener Zeit sagend: Tut Buße! Es wird nämlich eine Wasserflut über euch kommen. Sie verlachten mich aber und verhöhnten meine Worte. Und wiederum sagten sie zu mir: Diese Zeit ist vielmehr für die, welche spielen können und nach Belieben sündigen wollen, für den, wem es möglich ist, nicht wenig zu huren; denn Gott sieht dies nicht und beachtet nicht, was von uns allen gehandelt wird, und eine Sintflut von Wasser wird ganz und gar nicht in diese Welt kommen. Und sie ließen ihre Sünden nicht, bis Gott alles Fleisch, welches Lebensgeist in sich hatte, vernichtete. Erkenne aber, daß Gott einen Gerechten mehr liebt als ein ganzes Jahrhundert von Gottlosen. Deshalb: selig bist du, Paulus, und selig ist das Volk, das durch dich gläubig geworden ist.
51. Und mich wendend sah ich andere Gerechte von weither kommend, und ich fragte den Engel: Wer sind diese, Herr? Und er antwortete mir: Das sind Elias und Elisa. Und sie begrüßten mich. Und ich sagte zu ihnen: Wer seid ihr? Und es antwortete einer von ihnen: Ich bin Elias, der Prophet Gottes. Ich bin Elias, der gebetet hat, und wegen meines Wortes regnete der Himmel nicht in drei Jahren und sechs Monaten wegen der Ungerechtigkeiten der Menschen. Gerecht ist Gott und wahrhaftig, der den Willen seiner Diener tut. Denn oft haben die Engel den Herrn gebeten um den Regen, und er hat gesagt: Bezeigt Geduld, bis mein Diener Elias betet und dieserhalb bittet, so werde ich Regen auf die Erde senden ….
Die Leiden, welche ein jeder erduldet um Gottes willen, wird Gott ihm vergelten zwiefach. Selig bist du, Paulus, und selig das Volk, das durch dich glauben wird. Wie dieser redete, kam nämlich ein anderer, Henoch, grüßte mich und sagte zu mir: Die Leiden, welche der Mensch um Gottes willen erträgt, Gott betrübt ihn nicht, wenn er aus der Welt geht.
Wie dieser mit mir redete, siehe! da kamen zwei andere miteinander, und ein anderer ging hinter ihnen her, indem er ihnen zurief: Wartet auf mich, daß ich komme, damit ich den Geliebten Gottes, Paulus, sehe; es wird Befreiung für uns sein(?), wenn wir ihn sehen werden, während er noch im Leibe ist. Ich sagte zum Engel: Mein Herr, wer sind diese? Er sagte zu mir: Dieser ist Zacharias und Johannes, sein Sohn. Ich sagte zum Engel: Der andere denn, der hinter ihnen läuft? Er sagte: Dieser ist Abel, den Kain getötet hat. Sie grüßten mich und sagten zu mir: Selig bist du, Paulus, der du gerecht in allen deinen Werken bist. Es sagte Johannes: Ich bin der, dessen Haupt sie im Gefängnis wegnahmen um eines Weibes willen, das bei einem Mahle tanzte. Es sagte Zacharias: Ich bin es, den sie töteten, indem ich Gott ein Opfer darbrachte; und als die Engel zum Opfer kamen, brachten sie meinen Leib zu Gott empor, und kein Mensch fand meinen Leib, wohin er genommen war. Abel sagte: Ich bin der, den Kain getötet hat, indem ich Gott ein Opfer darbrachte. Die Leiden, die wir um Gottes willen erduldet haben, sind nichtige Dinge; was wir um Gottes willen getan haben, haben wir vergessen. Und die Gerechten und alle Engel umgaben mich; sie freuten sich mit mir, [weil] sie mich im Fleisch gesehen hatten.
Ich blickte und sah einen andern, der sie alle übertraf. Und ich sagte zu dem Engel: Wer ist dieser, mein Herr? Er sagte zu mir: Dieser ist Adam, der Vater von euch allen. Während er zu mir gelangte, begrüßte er mich mit Freude. Er sagte zu mir: Mutig, Paulus, Geliebter Gottes, der du eine Menge hast zum Glauben an Gott gebracht und zur Reue, wie ich selbst bereut habe und genommen habe meinen Preis von dem Barmherzigen und Mitleidigen.
James hält es für möglich, daß die Apokalypse hier endete. Andererseits vermißt man einen wirklichen Schluß. Wenn in C jetzt ein neuer Besuch im (dritten) Himmel erfolgt mit mehrfachen Dubletten, so wird das sekundär sein. Vielleicht aber enthält der Schluß von C mit der Rückkehr des Apostels in den Kreis der Mitapostel auf den Ölberg das Ursprüngliche und würde voraussetzen, daß die Entrückung auch vom Ölberg aus erfolgt ist. Im folgenden wird eine Inhaltsangabe von C gegeben, der Schluß aber in wörtlicher Übersetzung.
Paulus wird in einer Wolke in den dritten Himmel entrückt. Dort empfängt er den Befehl, die Dinge, welche er sehen wird, keinem Menschen zu offenbaren. Nichtsdestoweniger erzählt er von einem Siegel und einem Altar mit sieben Engeln des Lichtes zur Rechten und zur Linken. Vieltausend Engel singen dem Vater. Den niedergefallenen Apostel richtet der begleitende Engel wieder auf und verspricht ihm, ihm seinen Platz zu zeigen. Er wird nun ins Paradies mit seinen leuchtenden Bewohnern und glänzenden Thronen gebracht. Auf seine Bitte wird ihm sein Thron in einem Zelt von Licht gezeigt, vor dem zwei singende Engel sich befinden, welche als Uriel und Suriel vorgestellt werden. Er wird begrüßt von Bewohnern, welche der Engel als die Pflanzen erklärt, die Paulus in der Welt gepflanzt habe. Nach erneuter Ankündigung des Engels sieht er das Paradies. Drei Mauern umgeben es konzentrisch, zwei silberne und zwischen beiden in der Mitte eine goldene. In der Beschreibung des Paradieses ist der Zug bemerkenswert, daß die Bäume des Paradieses dreimal täglich Gott preisen, nämlich morgens, mittags und abends. Das Bedenken des Paulus, er möchte nicht würdig sein, im Paradiese zu wohnen, redet der Engel ihm aus: er würde in der Unterwelt (Amente) den Sieg über den Ankläger davontragen. Auch würde er bei Rückkehr in die Welt sehr große Ehre haben. Und wenn das ganze Menschengeschlecht die Worte dieser Apokalypse hören werde, würden viele Buße tun und leben. Paulus bekommt dann auf Thronen die Kleider und Kronen seiner Mitapostel zu sehen, auch begegnet er noch einmal dem singenden David mit seiner Harfe. Sodann sieht er den Platz der Märtyrer.
Der Engel des Herrn hob mich empor und brachte mich auf den Ölberg. Dort fand ich, Paulus, die Apostel versammelt zusammen. Ich begrüßte sie und verkündigte ihnen jedes Ding, welches mir begegnet war, und das, was ich gesehen hatte, und die Ehre, welche den Gerechten widerfahren wird, und den Untergang und das Niederreißen, welches den Gottlosen widerfahren wird. Da freuten sich die Apostel und frohlockten und segneten Gott, und sie befahlen uns zusammen: mir, Markus und Timotheus, dem Schüler des heiligen Paulus (!), dem Lehrer der Kirche, in Schrift zu fassen diese heilige Apokalypse zum Frommen und zum Nutzen derer, die sie hören werden. Als die Apostel mit uns redeten, offenbarte sich uns der Heiland Christus aus dem Wagen der Cherubim und sagte zu uns: Seid gegrüßt, meine heiligen Jünger, welche ich erwählt habe aus der Welt! Sei gegrüßt, Petrus, Krone der Apostel! Sei gegrüßt, Johannes, mein Gebebter! Seid gegrüßt, (ihr) Apostel alle! Der Friede meines guten Vaters sei mit euch! Dann wandte er sich zu unserm Vater und sagte zu ihm: Sei gegrüßt, Paulus, geehrter Briefschreiber! Sei gegrüßt, Paulus, Mittler des Bundes! Sei gegrüßt, Paulus, Dach und Fundament der Kirche! Hast du dich überzeugt von den Dingen, die du gesehen hast? Bist du voll überzeugt von den Dingen, die du gehört hast? Paulus antwortete: Ja, mein Herr. Deine Gnade und deine Liebe haben mir Großes, was gut ist, erwiesen. Der Heiland antwortete und sagte: O Gebebter des Vaters, Amen, Amen, ich sage euch, daß die Worte dieser Apokalypse in der ganzen Welt gepredigt werden zum Nutzen derer, die sie hören werden. Amen, Amen, ich sage dir, Paulus, daß der, welcher sorgen wird für diese Apokalypse, sie schreiben wird und niederlegen als ein Zeugnis für die kommenden Geschlechter, dem werde ich nicht zeigen die Unterwelt mit dem bittern Weinen bis zum zweiten Geschlecht seines Samens. Und den, welcher sie liest im Glauben, werde ich segnen und sein Haus. Wer verspottet die Worte dieser Apokalypse, den werde ich bestrafen. Und nicht soll man lesen darin außer an den heiligen Tagen, weil ich das ganze Geheimnis meiner Gottheit euch offenbart habe, o meine heiligen Glieder. Siehe! ich habe euch jedes Ding bereits verkündigt. Geht nun und geht hinaus und predigt das Evangelium von meiner Herrschaft, da sich genähert hat nämlich euer Lauf und euer heiliger Kampf. Du selbst aber, mein Erwählter, Paulus, du wirst vollenden deinen Lauf, du und mein Geliebter, Petrus, am fünften Tag des Monats Epep. Du wirst in meinem Reich in Ewigkeit sein. Meine Kraft wird mit euch sein. – Und sogleich befahl er der Wolke, aufzunehmen die Jünger und sie zu führen in das Land, welches er ihnen zugewiesen hatte. Und sie sollten predigen an jedem Ort das Evangelium vom Himmelreich in Ewigkeit wegen der Gnade und Menschenliebe unsers Herrn Jesu Christi, unseres Heilandes, welchem Ruhm ist und seinem gütigen Vater und dem heiligen Geist bis in alle Ewigkeit. Amen.“
Der Syrer fährt an der Bruchstelle in Kap. 51 nach den Worten: Und oft haben die Engel gebeten, daß er ihnen Regen gäbe, fort:
bis ich ihn von neuem anrief, und dann gab er ihnen. Aber selig bist du, Paulus, daß dein Geschlecht und deine Schülerschaft alle Kinder des Reiches sind. Und wisse, Paulus, daß jeder, der durch dich glaubt, selig ist und Seligkeit ihm aufbewahrt ist. – Dann schied er von mir. Und als er von mir geschieden war, führte mich der Engel, der mit mir war, hinaus und sagte in großem Ernste: Paulus, dir ist das Geheimnis dieser Offenbarung gegeben; wie du willst, tue es kund und offenbare es den Menschen. – Ich, Paulus, aber kam zu mir und erkannte und wußte alles, was ich gesehen hatte, und schrieb es in eine Rolle. Und solange ich im Leben war, hatte ich keine Ruhe, dies Geheimnis zu offenbaren, sondern ich schrieb es (auf) und legte es unter die Mauer eines Hauses jenes gläubigen Mannes, bei dem ich in Tarsus, einer Stadt Ciliciens, war. Als ich aber aus diesem zeitlichen Leben entlassen war (und) vor meinem Herrn (stand), da sagte er so zu mir: Paulus, habe ich dir dies alles gezeigt, daß du es unter die Hausmauer legest? Vielmehr schicke und offenbare seinethalben, damit die Menschen es lesen und sich wenden auf den Weg der Wahrheit, damit sie nicht in diese bittern Qualen kommen.
Und so wurde diese Offenbarung gefunden. [Hier folgt die Auffindungsgeschichte.]
Quelle: Edgar Hennecke/Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.), Neutestamentliche Apokryphen, Bd. 2: Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen: J.C.B. Mohr 41971, S. 539-567.