Zur spielenden Weisheit (Sprüche 8,30f)
Von Hans Ferdinand Fuhs
Das Spiel der Weisheit vor (nicht für) JHWH spielt an auf das kultische Spiel der ägyptischen Göttinnen Ma’at und Hathor, das den Schöpfergott zu immer neuem Tun anregt und so Schöpfung voranbringt. Das Analogon ermöglicht dem Dichter, neben JHWH eine eigenständige Mitwirkung der Weisheit bei der Schöpfung zu etablieren. Das Sprechen von Schöpfung wird um die Dimension Spiel erweitert, vgl. die chinesische Weisheit: »Im Spiel verborgen ist eine Welt.« Spiel vermag zur Realität auf Distanz zu gehen und sie zugleich zu verwandeln. Spiel heißt, ungesichert mit Möglichkeiten umzugehen und mit offenen Fragen zu leben, nicht gleich in allem einen letzten Sinn entdecken zu müssen, die Freiheit zu haben, dem Zwang eines geschlossenen Welt- und Lebensordnungssystems zu widerstehen.
In ihrem kreativen Spiel ist die Weisheit ganz bei JHWH (3,19f) und ganz beim Menschen, vgl. den Chiasmus »Vergnügen – spielend (30bc) / spielend – Vergnügen«. Sie befähigt den Menschen zur schöpfungsgemäßen Gestaltung seiner Welt und seiner Lebensordnungen (Gen 1,26-29; 2,19f; Ps 8; skeptisch: Koh 3,10f; Ijob 28). »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da Mensch, wo er spielt« (Schiller). Das macht ihn zum kongenialen Partner der Weisheit, deren Vergnügen es ist, mit ihm den Weg des Lebens zu gehen.
Quelle: Hans Ferdinand Fuhs, Sprichwörter, NEB.AT 35, Würzburg: Echter, 2001, S. 68.