Hans-Werner Surkau über den Kreuzestod Jesu in der Bibel: „So offenbart das Kreuz Jesu als das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte die Wahrheit Gottes über den Menschen, seine Verurteilung und seine Begnadigung. Darum nennt Luther das Kreuz den ‚warnenden Spiegel‘, in dem wir uns selbst er­kennen sollen.“

Kreuzestod Jesu in der Bibel

Von Hans-Werner Surkau

1. Die evangelischen Berichte

Paulus faßt alles, was er seinen Gemeinden zu sagen hatte, in dem Satz zusammen: „Ich hatte mich entschieden, bei euch von nichts anderem zu wissen, als von Jesus Christus — und von ihm, daß er der Gekreuzigte ist“ (1.Kor. 2,2). Mit diesem Satz ist nicht ein einmaliger Entschluß für die Korinthischen Verhältnisse gemeint, sondern die ein für allemal gültige Entscheidung über den Inhalt seiner Predigt. Er umschreibt ihn darum mit dem Ausdruck: „das Wort vom Kreuz“ (1.Kor. 1,17f), und der Inhalt seiner Briefe ist eine immer neue Entfaltung dieses Wortes und seiner Bedeutung für die Hörer. Es ist behauptet worden, daß erst auf Paulus die zentrale Stellung des Kreuzes Jesu im christlichen Glauben zurückgehe und daß diese Aus­prägung der christlichen Botschaft eine Verdrehung der viel schlichteren und froheren Predigt Jesu sei, die nichts von dem Sünden- und Gnadenkomplex des jüdischen Theologen Paulus enthalte.

Damit ist die Gemeinde gefragt, ob sich aus den neutestamentlichen Berichten zeigen läßt, daß der Kreuzes­tod Jesu von Anfang an zu den unveräußerlichen Heilstatsachen ihres Glaubens gehört hat, oder ob dieser Lebensausgang Jesu anders beurteilt werden muß.

Nun hat Paulus selbst ausdrücklich festgestellt, daß er als Inhalt des Evangeliums, „durch welches ihr auch selig werdet“, weitergegeben hat, „was ich auch empfangen habe: daß Christus gestorben sei für unsere Sünden nach der Schrift“ (1.Kor. 15,2f). Es hat also bereits vor ihm in der Gemeinde festgestanden, daß der Tod Jesu „für unsere Sünden“ und zudem noch „nach der Schrift“ geschehen ist. Daß diese beiden Aussagen zu den frühesten Ele­menten christlicher Verkündigung gehören, zeigen auch die in der Apg. enthaltenen Berichte von den ersten Predigten des Petrus: „Gott aber, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat, wie Christus leiden sollte, hat’s also erfüllet. So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden vertilget werden“ (Apg. 3,18f; vgl. 2,23.36.38ff; 4,10ff; 5,30f; 10,39ff). Wir haben in diesen Sätzen ohne Zweifel älteste Stücke urchristlicher Predigt vor uns. Ihr Thema ist die Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu.

Wenn wir uns nun den Berichten der Evangelisten zuwenden, so ist zunächst daran zu erinnern, daß alle vier von den letzten Stunden Jesu mit einer so weit­gehenden Einmütigkeit berichten, wie wir sie sonst nicht beobachten können. Nicht nur, daß die Synop­tiker hier Zusammengehen; auch das Johannes­evangelium, das sonst im Abriß des Lebens Jesu von ihnen verschieden ist, stimmt so sehr mit ihnen überein, daß es auffällt. Die Überlieferung von diesen Tatsachen war so fest, daß auch ein Erzähler, der sonst eigene Wege geht, nicht davon abgehen konnte. Einhellig berichten alle Evangelisten, daß Jesus an einem Freitag der Passahzeit gegen 15 Uhr gestorben ist (Mk. 15,34.42; Mt. 27,46.62; Lk. 23,44.54; Joh. 19,14.31). Allerdings scheinen die syn­optischen Evangelien der Meinung zu sein, daß der Todestag Jesu der Passahtag selbst gewesen sei, während Johannes ihn ausdrücklich als den Rüsttag auf das Passahfest bezeichnet (18,28; 19,14). Das Passah beginnt mit dem feierlichen Gedächtnismahl an den Auszug aus Ägypten (2.Mose 12,6) und mit diesem Mahl auch der Passahtag, da der Israelit den Tag von Sonnenuntergang bis Sonnenunter­gang rechnet (Lk. 23,54: der Sabbathtag bricht in der Abendstunde an, in der das Begräbnis beendet ist). Das letzte Mahl Jesu wird von den Synoptikern Passahmahl genannt (Mk. 14,12; Mt. 26,17.19; Lk. 22,7). Jesus wäre demnach in der Passahnacht verhaftet, verurteilt und am eigentlichen Passahtag hingerichtet wor­den. Dieser Darstellung, die aus der Ansetzung des letzten Mahles erschlossen werden muß, widersprechen aber die Evangelisten selbst; die Heim­kehr des Simon vom Felde, die Bestattung, der Ein­kauf der Spezereien durch die Frauen (Lk. 23,56) sind am hochheiligen Passahtag unmöglich. Das Ver­ständnis des letzten Mahles als Passahmahl ist viel­mehr schon als ein bestimmtes Verständnis dieses Mahles anzusehen: „… ein neues Mahl und eine neue Zeit; denn hier ist der Messias, der die neue Ordnung, von Gott gestiftet, bringt“ (Schniewind zu Mk. 14,12ff). So ist die Auslegung heute all­gemein geneigt, die Chronologie des Johannes an­zunehmen. Er berichtet, daß in diesem Jahr der Passahtag und der Sabbath zusammengefallen seien (18,28; 19,14.31; vgl. auch Lk. 23,54). Das kommt daher, daß der Passahtag auf einem festen Datum, dem 15. Nisan, liegt und also in jedem Jahr auf einen anderen Wochentag fällt, ähnlich wie unser Weihnachtsabend. Passahtag und Sabbath fallen in jener: Jahren zweimal „am 7. April 30 und am 3. April 33 (die Monatstage nach dem Julianischen Kalender)“ zusammen (Dibelius, Jesus, S. 43). Damit wäre der Todestag Jesu gefunden; aber diese Berechnung ist allein schon deshalb un­sicher, weil wir nicht wissen, ob die damals wechselnde Festsetzung des Beginns des Monats Nisan nach genauen astronomischen Beobachtungen stattfand (Dibelius a.a.O. S. 44). Auf jeden Fall bleibt bestehen, daß der Todestag Jesu ein Freitag war.

Auch im Kreuzigungsbericht stimmen die Evan­gelisten in einer ganzen Reihe von Einzelheiten überein. Alle berichten, daß Jesus mit einem lauten Schrei (oder Wort) gestorben sei (Mk. 15,37; Mt. 27,50; Lk. 23,46; Joh. 19,30). Das ist un­gewöhnlich, so daß eine Reihe alter Handschriften des Mk. berichten, an diesem Schrei Jesu habe sich der Glaube des Hauptmanns entzündet: „Da der Hauptmann, der ihm gegenüberstand, sah, daß er mit solch einem Schrei verschied, sprach er: ‚Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ Der laute Schrei ist „gewiß als Triumph Jesu gemeint“ (Schniewind z. St.); Johannes hat ihn in ein Wort gekleidet, das denselben Sinn hat. Es scheint damit ein bestimmtes Verständnis des Kreuzestodes Jesu hindurch. In die Reihe einhellig überlieferter Einzel­heiten gehört dann der Essigtrunk (Mk. 15,36; Mt. 27,48; Lk. 23,36; Joh. 19,29), die Gefolgschaft der Frauen (Mk. 15,40f; Mt. 27,55f.; Lk. 23,49; Joh. 19,25), die Nachricht, daß der Gekreuzigte noch gesprochen habe. Wenn hier wie bei der Gefolgschaft der Frauen die Berichte in Einzelheiten auch aus­einandergehen, so sind sie in der berichteten Sache doch einig. Auch der Kreuzigungshügel trägt bei allen Evangelisten den gleichen Namen; die Kreuzi­gung mit den beiden Übeltätern, die Kleiderteilung und die Tafel mit dem Urteil finden sich überein­stimmend berichtet. Daneben gibt es andere Züge, in denen die drei synoptischen Evangelien übereinstimmen: die Verspottung durch die Vor­übergehen­den und die Priesterschaft, die Sonnenfinsternis in der Todesstunde und das Wunderzeichen im Tempel. Einige dieser Einzelheiten finden wir in den Pre­digten der Apostelgeschichte wieder: Hinrichtung durch die Römer (2,23; 3,13), Verhandlung vor Pilatus (3,13), die Bitte um Barrabas (3,14), ausdrückliche Feststellung der Schuldlosigkeit Jesu (3,13; 2,22; 10,38), Tod am Fluchholz (2,23; 5,30; 10,39).

Zusammenfassend ist festzustellen: aus den Evan­gelien und der Apg. geht deutlich hervor, daß eine breite Überlieferung über den Kreuzestod Jesu in der Gemeinde lebendig war, die eine Fülle von Einzel­zügen festgehalten hat. Damit wird die Aussage des Apostels 1.Kor. 15,2, daß er eine Überlieferung darüber erhalten habe, bestätigt. Zugleich aber ist deutlich, daß diese Überlieferung allein durch ihr Bestehen auf ein bestimmtes Verständnis des Kreuzes­todes Jesu hinweist. Erst als der Tod Jesu das zentrale Ereignis für den Glauben der ersten Ge­meinde geworden war, konnte eine so ins Einzelne gehende Überlieferung festgehalten und weitergegeben werden. Denn gerade angesichts des Messiasanspruchs Jesu war sein Kreuzestod ein „Skandal“ (1.Kor. 1,23). Das Judentum hat von einem Leiden und schmachvollen Sterben des Messias in den Hän­den der Ungläubigen nichts gewußt, und darin liegt auch für die Menge unter dem Kreuz der Anstoß, daß der Gottessohn leiden und so sterben kann. Das Kreuz ist das Fluchholz (Gal. 3,13), an dem der Gottlose stirbt, und unsere Passionsberichte zeigen auch deutlich und ohne Beschönigung, daß der Zwölferkreis diesen Anstoß nicht hat ertragen können; die Flucht der Jünger bei der Verhaftung Jesu (Mk. 14,50 par.) und ihr Fernbleiben von der Kreuzigung (Joh. 19,26 nennt unter dem Kreuz nur „den Jünger, den Jesus lieb hatte“, die anderen Evangelisten nur die Frauen) ist der klare Ausdruck dafür. Erst das Wort des Auferstandenen hat ihnen die Augen geöffnet (Lk. 24,26ff.45ff), und sie sehen, daß am Kreuz nicht sinnlose menschliche Will­kür und Zerstörung all ihrer Hoffnungen geschah, sondern Gottes eigener Wille, wie er in der Schrift schon vorlängst kundgemacht worden war — nur daß er ihnen bisher verborgen gewesen war. Die Evangelien zeigen also selbst, mit welchem Inter­esse die Geschichte des Sterbens Jesu berichtet wird; nicht erst Paulus, sondern vor ihm die Urgemeinde hat die Erkenntnis geschenkt bekommen, daß Gottes guter und gnädiger Wille über seine Welt zur Vollendung kommt. Diese Behauptung wird sich bei der genaueren Betrachtung der deutenden Worte noch im einzelnen bewähren.

2. Außerbiblische Berichte

Es ist immer wieder der Versuch gemacht worden, die Geschichtlichkeit des Kreuzestodes Jesu durch außerbiblische Berichte zu stützen. Dieser Wunsch ließ etwa um die Jahrhundertwende eine ganze Leben-Jesu-Literatur entstehen, die sich zum Teil auf an­geblich neu aufgefundene Handschriften und Augen­zeugenaussagen stützte. Alle solche Behauptungen wurden nach kurzer Zeit als Täuschungen erwiesen. Wir haben weder aus dem jüdischen noch aus dem römischen Gerichtsverfahren Prozeßakten Jesu, wissen nicht einmal, ob solche je existiert haben. Das jüdische Volk genießt damals keine sonderliche Achtung, und da die junge Christenheit zunächst als jüdische Sekte galt, so wird sie von dieser Ver­achtung mit getroffen. Indessen sind doch einige wenige Spuren vom Tode Jesu auch in die offizielle Geschichtsschreibung eingedrungen. Den bekanntesten Hinweis bringt Tacitus, der bedeutsamste Geschichts­schreiber, den Rom im 1. Jahrhundert gehabt hat, im 15. Buch seines Geschichtswerks, das um 110 entstanden sein mag. Er berichtet vom Brand Roms: „Nero wußte Schuldige zu erfinden und mit den härtesten Strafen zu bedenken; es waren die … Leute, die beim gemeinen Volk ‚Chrestianer‘ hießen. Der Name hängt zusammen mit einem ‚Christus‘, den der Prokurator Pontius Pilatus unter der Herrschaft des Tiberius hatte hinrichten lassen“ (Dibelius, Jesus, S. 42). Tacitus kennt also offen­bar den Namen Jesu nicht, hält „Christus“ für seinen Eigennamen und scheint auch sonst keine Nach­richt von Jesus zu haben. Die Verwechselung des Namens der Anhänger in „Chrestianer“ ist auch sonst bezeugt. Die Notiz bezeugt nichts weiter als die Hinrichtung durch Pontius Pilatus. Ein sehr viel kürzerer Hinweis bei Sueton, einem jüngeren Zeit­genossen des Tacitus, steht unter dem Verdacht, später christlich überarbeitet zu sein, ebenso wie auch ein solcher bei dem jüdischen Historiker dieser Zeit, Flavius Josephus. Gelegentliche Notizen im Talmud sind jüngeren Datums und vom Haß gegen die ketzerischen Christen bestimmt. So schlagen alle Ver­suche, die biblischen Zeugnisse durch außerchristliche Überlieferungen zu stützen, schon aus Mangel an ge­eignetem Material fehl. Und selbst wenn solches Material ausreichend vorhanden wäre, könnte es gerade das nicht dartun, woran der Gemeinde allein gelegen sein kann: das „für uns“.

3. Die Zuverlässigkeit unserer Zeugnisse

Wir sprachen davon, daß die Evangelien deut­lich ein bestimmtes Verständnis des Todes Jesu zeigen und mit persönlicher Beteiligung davon be­richten. Man hat darum viele Züge der Passion für legendär gehalten und als spätere Zutaten der Gemeinde erklären wollen, die sie aus dem AT herausgesponnen habe. So ist daran gedacht worden, daß die Verteilung der Gewänder (Mk. 15,24 par.) aus Ps. 22,19 herausgewachsen sei, das Tränken mit Essig (Mk. 15,36 par.) aus Ps. 69,22, die Ver­spottung (Mk. 15,29ff) aus Ps. 22,8, die Mißhandlungen nach dem Verhör (Mk. 15,17ff) aus Jes. 50,6. Weil die Gemeinde diese Züge im Alten Testament las und sie auf das Leisen des Gottessohnes deutete, sind sie in die Passion eingetragen worden, ohne wirklich geschehen zu sein. Wenn aber diese Methode einmal begonnen wird, dann braucht mit dem soeben Angeführten noch nicht Halt gemacht zu werden. Dann könnte für den Judasverrat Ps. 41,10 die Quelle gewesen sein und für den Spott der Schächer Ps. 69,10. Geht man auf diesem Weg weiter, so bleibt schließlich nichts mehr vom Kreuzigungs­bericht übrig. „So, wie er aussehen würde, wenn man alle erwähnten Züge streicht, hat ihn nie Jemand erstattet“ (Schniewind zu Mk. 15,38). Es ist auch darauf hinzuweisen, daß Einzelheiten nicht erzählt werden, obwohl sie im Alten Testament Vorbilder gehabt hätten: erst Lukas und Johannes berichten in den nachösterlichen Geschichten von Nägelmalen (Lk. 24,39; Joh. 20,25.27), obwohl Ps. 22,17 vom Durchbohren der Hände und Füße spricht. Für eine Reihe von Einzelheiten haben wir unbezweifelbare außerchristliche Belege: auf die Kleider haben die Soldaten nach römischem Recht ein Anrecht, die vorherige Geißelung ist bekanntermaßen Zusatzstrafe zur Kreuzigung, und die Verspottung des ohn­mächtigen Judenkönigs ist auch in anderen Quellen bezeugt.

Aber die Frage der Beeinflussung der Passion durch das Alte Testament im Sinne einer literarischen Ab­hängigkeit ist grundsätzlich falsch gestellt. Die Evan­gelisten sind nicht erzählfreudige und erfindungsreiche Novellisten, die ihre Berichte mit Hilfe des Alten Testaments farbiger gestalten und ausschmücken, sondern Ge­meindeglieder, die die Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu sich und der Gemeinde zum Trost über den unbegreiflichen Weg verkünden, den Gott mit seinem Sohn gegangen ist. Das Ziel ihres Be­richtens ist: ,,… daß ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen“ (Joh. 20,31). Dieser Glaube aber ist durch den „Skandal des Kreuzes“ (Gal. 5,11; 1.Kor. 1,23) bedrängt, und die Gemeinde bedarf reichlich des Zu­spruchs aus dem Worte Gottes, um aus dieser Be­drängnis errettet zu werden (Lk. 24,20f). Für die Urgemeinde ist das Alte Testament das Wort Gottes, und darum wird die Gemeinde erst dann getröstet sein, wenn sie sehen darf, daß am Kreuz nicht mensch­liche Willkür, sondern Gottes vorlängst verkündeter Wille zur Durchsetzung kam, wie er in den Schriften des Alten Bundes bezeugt ist. „Ob man das Zu­sammenfallen solcher Züge mit Jesu wirklicher Kreuzigung ‚Zufall‘ nennen will, das hängt von der Art unseres Gottesglaubens ab“ (Schniewind). Wir dürfen sagen: nicht dann wären die Kreuzigungs­berichte der Evangelien „wahr“, wenn wir für jeden einzelnen Zug das unbestreitbare Zeugnis eines un­beteiligten Historikers hätten, sondern nur dann sind sie es, wenn wir selbst sehen, daß auch für dies Stück christlicher Botschaft in seiner Beziehung zum Alten Testament das Verhältnis von Weissagung und Erfüllung gilt! In der Auffindung der alttestamentlichen Fundstellen vollzieht sich das fortschreitende Verständnis und die Deutung des Todes Jesu als Grundtatsache des Glaubens der Gemeinde (vgl. Lk. 24,25ff.44ff).

Übrigens ist (Schniewind zu Mk. 15,18f) auch außerhalb der Christenheit der Gedanke nicht un­bekannt, daß einem Gerechten das Leiden als Lebensform zugemessen ist. Plato schreibt Sätze, die wie Evangelienverse klingen: „Der Gerechte ist ärmer an allem außer an Gerechtigkeit und soll doch so erscheinen, als sei er der Ungerechtigkeit verfallen. Gemartert wird er werden, gefoltert, ge­bunden, man wird ihm die Augen ausbrennen, und er wird sterben und alles Üble erdulden.“ (Politeia II, 361c3-4 u. 361e3-362a2) — „Es handelt sich um eine Erwartung, die an verschiedenen Stellen der Menschheit auftaucht: wenn ein voll­kommener Gerechter auftritt, so wird ihn die Welt nicht ertragen, wird ihn verspotten und schänden. Ob die Erfüllung dieser Erwartung — Jesu Leiben — so viel anders ausgesehen hat, als die Erwartung?“ (Schniewind).

4. Die Deutung des Kreuzestodes Jesu

Die Evangelisten Lukas und Johannes be­zeugen, daß Jesus selbst seinen Jüngern das Ver­ständnis seines Sterbens aufgetan habe (Lk. 24,25ff.45ff; Joh. 20,9; 2,22). Wir haben kein Recht, diese Zeugnisse anzuzweifeln. Dann aber rücken auch die Leidensweissagungen des Irdischen in ein anderes Licht, als oft angenommen wird. Man hat diese Worte Jesu über seinen Lebens­ausgang (Mk. 8,31; 9,31; 10,32ff par.) als Weissagungen nach den Ereignissen (vaticinia ex eventu) bezeichnet und als spätere Zutat der Ge­meinde dargestellt. Dann aber sind die Worte von der Jüngernachfolge unter dem Zeichen des Kreuzes (Mt. 10,38; Mk. 8,34f; Joh. 12,25), die Pau­lus für sich und die Gemeinde aufnimmt (Gal. 5,24; 6,14.17; 2.Kor. 1,5; 4,10f), unverständ­lich; unverständlich auch, daß die Urgemeinde sich von Anfang an ganz selbstverständlich dem Martyrium gestellt hat. Wenn das eine Erkenntnis gewesen wäre, die erst der Urgemeinde geschenkt worden ist, dann hätten wir Spuren davon in unseren Berichten. Es kann nur Jesus selbst gewesen sein, der die Gewißheit der Gemeinschaft zwischen dem Jünger und seinem Herrn (Mt. 10,24ff) als erster ausgesprochen hat. Überdies hat Jesus sein Leben immer als eine Er­füllung des in der Schrift verkündigten Gottes­willens verstanden. Erfüllung heißt aber, daß jene Worte nicht mehr „bloße, leere“ Worte, sondern durch Geschehnisse „er-füllt“ sind. Es ist nicht ein­zusehen, warum diese Gewißheit nicht auch über dem Ausgang dieses Lebens stehen sollte. Wenn die Kreuzigung nur einmal (Mt. 20,19) vorausverkün­digt wird, so braucht das durchaus nicht spätere Eintragung zu sein; sie kann vielmehr auch von Mk. und Lk. mit Rücksicht auf die römischen Leser weggelassen sein (vgl. auch Schniewind zu Mk. 15,18f).

Es darf also mit Gewißheit vermutet werden, daß das „nach der Schrift“ aus 1.Kor. 15,3 auf Jesus selbst zurückgeführt werden kann. Dasselbe gilt aber auch für die Worte „für uns“. Sie stehen unaustilgbar in den Einsetzungsworten des Abend­mahls; daß nur Lk. buchstäblich sagt: „für euch“ ist kein Gegenbeweis. Auch die aus Jes. 53 stam­menden Worte „für die Vielen“ meinen nichts anderes. Paulus hat die Einsetzungsworte mit dem „für uns“ überliefert, und selbst Johannes, der keinen Abendmahlsbericht hat, setzt das „für euch“ an die in seinem Evangelium entsprechende Stelle (6,51ff). Es steht auch hinter allen Worten von der Sündenvergebung ebenso wie hinter denen vom Lösegeld (Mk. 10,45) und von der Fürbitte für seine Jünger und Feinde (Lk. 22,32; 23,34).

Aus diesen Ansätzen haben die Urgemeinde und die Männer des Neuen Testaments ihr Verständnis des Kreuzestodes Jesu weiter entwickelt. Wir finden beide bisher ge­nannten Gedanken in den Petruspredigten der Apg. wieder, aber hier zum erstenmal auch einen dritten Gedanken: „Ihr habt den Fürsten des Lebens ge­tötet. Gott aber hat ihn auferweckt“ (3,15). Die Auferstehung Jesu hat erwiesen, daß Gott auf seiner Seite stand, und daß er mit seinem Selbstzeugnis (Mk. 14,62) recht gehabt hat. Das Messiasverständnis des jüdischen Volkes ist falsch, sein Schriftver­ständnis ist als falsch erwiesen. Der Menschensohn und Weltenrichter ist kein Anderer als der leidende Knecht Gottes (Apg. 8,32ff; vgl. 3,14; 4,27 und Mt. 12,18). Am Kreuz wird offenbar, daß das selbst­sichere Urteil der jüdischen Synagoge über den auf Erden erschienenen Gottessohn von Gott selbst ver­worfen wurde; das Kreuz ist die Verwerfung des auf sich selbst gestellten Menschen. Dies ist gemeint, wenn die Petruspredigten ausdrücklich die Verant­wortung der Juden für Jesu Tod feststellen (Apg. 2,23f.36; 4,11; 5,30f; 10,39f). Paulus hat diesen Gedanken weitergeführt: Jesu Tod und Auferstehung ist ein kosmisches Ereignis, nicht ein einmaliges Geschehen, das in der Vergangenheit liegt, sondern die Wende von einer vergangenen, überwundenen Welt zu der neuen. Jesus hat einen Triumph über die Mächte und Gewalten errungen, die ihn nicht erkannten und ans Kreuz brachten. Aber nun ist ihre Macht gebrochen; sie sind auch im Leben des Gläubigen entmächtigt worden und haben kein Recht und keine Gewalt mehr über ihn (1.Kor. 2,6ff; 2.Kor. 4,7ff; 1.Kor. 15,21f.44ff; Röm. 5,12ff; Phil. 2,9ff; Kol. 1,13; 2,15). Jo­hannes beschreibt die Passion Jesu als den Sieg und ordnet die Einzelheiten der Kreuzigung unter diesem Gedanken: der Tod Jesu geschieht zu der Stunde, da im Tempel die Passahlämmer geschlachtet werden; an seinem Leichnam wird die Passahregel aus 2. Mose 12,46 erfüllt (19,36), aber es geschieht alles nach seinem Willen (10,18; 18,8; 19,11.28.30). Er ist das Lamm, das in Wahrheit die Sünde der Welt trägt, und dies Lamm ist der Sieger über seine Widersacher.

Da die zentrale Bedeutung des Kreuzestodes für die Gemeinde feststeht, werden nun immer mehr Gedanken ihrer religiösen Vorstellungswelt zum Ver­ständnis herangezogen.

Aus dem Opferwesen stammt die Vor­stellung vom Opfertode Jesu: Er ist das Sühnopfer für die Sündenschuld der Vielen, das sie vor dem Zorn des Endgerichtes bewahrt (Röm. 5,9; 3,25); er ist das Passahopfer des neuen Bundes (1.Kor. 5,7); er hat sich selbst an unserer Stelle preisgegeben (Eph. 5,2 — an dieser Stelle steht im Urtext dasselbe Wort, das Luther z.B. Mt. 20,18f. mit „überantworten“ und Mk. 14,18 par. mit „ver­raten“ wiedergibt). Der Hebräerbrief hat von diesen Gedanken besonders den des „ein für allemal“ gül­tigen Opfers ausgenommen (9,26.28).

An dieselbe Vorstellung knüpfen alle Worte vom Blut Jesu an: gerechtfertigt in seinem Blut (Röm. 5,4), begnadigt in seinem Blut (Röm. 3,25; Eph. 2,13), erlöst durch sein Blut (Eph. 1,7), gereinigt (1.Petr. 1,2; 1.Joh. 1,7; Hebr. 9,14), er­worben (Apg. 20,29) und geheiligt (Hebr. 13,12; 10,29) durch das Bundesblut des neuen Bundes (Mk. 14,24 par.; Hebr. 10,29) ist die Gemeinde, ja „das All … sowohl das, was auf Erden, als auch das, was im Himmel ist“ (Kol. 1,20).

Aus Mk. 10,45 scheinen die Worte von der Freiheit der Gläubigen weitergebildet zu sein: er hat sich als Lösegeld hingegeben, „um uns zu er­lösen von aller Ungesetzlichkeit und sich ein Volk zu seinem Eigentum zu reinigen“ (1.Tim. 2,6; Tit. 2,14). Nun sind die Seinen in den Stand der Freiheit versetzt und müssen nur ermahnt werden, nicht wieder in die alte Knechtschaft zurückzufallen (1.Kor. 6,20; 7,23; Gal. 3,13; 4,5; 5,1). Die Verwendung dieser Bildworte meint die Endgültig­keit des Heilsgeschehens am Kreuz, ähnlich wie das „ein für allemal“ des Hebräerbriefes für den Gläubigen. Bis zur letzten Konsequenz ist dieser Ge­danke da fortgeführt, wo die Taufe des Christen in Beziehung zum Kreuz gesetzt wird: Taufe ist Hineingenommenwerden in Jesu Tod. Das Leben des Christen steht unter dem Todeszeichen des Kreuzes, das dem alten Menschen gilt, und unter dem Lebenszeichen der Auferstehung, das den neuen meint. Als Jesus starb, da „sind sie alle gestorben“ (1. Kor. 5,14; Röm. 6,5ff); hinfort „leben sie ihm alle“. Christenleben ist Freiheit von der Macht der Sünde!

Während Paulus bei den bisher angeführten Vorstellungen in der Gemeinschaft der anderen Zeugen des Neuen Testaments steht, scheint der Begriff der Versöhnung (Röm. 5,10f; 2.Kor. 5,18ff; Kol. 1,20f; Eph. 2,16) für ihn charakteristisch und sein Eigen­tum zu sein. Das Wort bedeutet sprachlich zunächst Tausch. „Darin geschieht die Versöhnung des Men­schen mit Gott, daß Gott sich an die Stelle des Menschen setzt und der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt wird, ganz und gar als Gnadenakt“ (Karl Barth). Darum ist es falsch, wenn der Ruf in die Kreuzesnachfolge so aufgefaßt wird, als ginge es damit nur um das Martyrium und eine moralische Verwerfung der Welt. Er ist vielmehr mit den Worten des Chorals zu verstehen: „Weg mit den Schätzen dieser Welt, ich habʼ was Bessʼres funden… was geflossen ist aus deines Leibes Wunden.“ Für den Apostel steht hinter den Worten von der Kreuznachfolge die jubelnde Gewißheit, in den Triumph Jesu mit hereingenommen zu sein (Phil. 3,10); darum aber ist für ihn jedes Pochen auf eigenes Tun ausgeschlossen (1.Kor. 1,18ff).

So offenbart das Kreuz Jesu als das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte die Wahrheit Gottes über den Menschen, seine Verurteilung und seine Begnadigung. Darum nennt Luther das Kreuz den „warnenden Spiegel“, in dem wir uns selbst er­kennen sollen: „Dieser ernste Spiegel, Christus, wird nicht lügen, was er anzeigt, muß also sein. Ich meinte, ich wäre sicher, wüßte nichts von dem ewigen Urteil, das im Himmel über mich ergangen war, bis daß ich sah, daß der einige Gottessohn sich mein erbarmet, hervortritt und in dasselbe Urteil sich für mich ergibt.“

Lit.: Schniewind, NTD, Markus u. Matthäus; Rengstorf, NTD, Lukas; Schlatter, Erläuterungen; Gollwitzer, Die Freude Gottes; Gollwitzer, Tod und Auferstehung Jesu; G. Bornkamm, Jesus von Nazareth. 1956. Die Lutherzitate sind wiedergegeben nach: Iwand, Glaubensgerechtigkeit nach Luthers Lehre.

Quelle: Biblisch-theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Überset­zungen, hrsg. v. Edo Osterloh und Hans Engelland, 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1959, S. 331-335.

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