Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer — Der Mensch und sein Zeugnis (1955): „Bonhoeffers Eindringlichkeit ist die Fähigkeit, die Sache aufregend und bindend zu machen. Sie ist fern jeder Zudringlichkeit, weil er nichts höher achtet, als Menschen auf die eigenen Füße zu stellen. Das Gefühl für Zeit, Ort und Situation des Gegenübers waren außerordentlich wach in ihm. Ich erinnere an die charakteristische Stelle, als er im Bomben­hagel dem nach Gott schreienden Mann neben sich mit dem Blick auf die Uhr nur zuruft: ‚Es dauert höchstens noch zehn Minuten‘.“

Dietrich Bonhoeffer — Der Mensch und sein Zeugnis (1955)1

Von Eberhard Bethge

I.

Die Stimme Dietrich Bonhoeffers hat einen vielfachen Klang. Es ist nicht sofort möglich, die eine tragende Formel aus der Vielfalt ihrer Aussagen zu hören. Die Angeredeten haben gewechselt und er hat für jeden ein anderslautendes Wort: für die Theologen um das Jahr 1930; für die Synodalen in der Mitte der dreißiger Jahre; für Christen und Bekenntnislose in öffentlicher Verantwortung um das Jahr 1940. Seine wache Fähigkeit, auf den Partner zu hören und nicht an ihm vorbeizu­reden, bestimmt einen verschiedenen Stil. So versteht er zu argumen­tieren und zu lehren, dann zu verkündigen und zu beschwören und schließlich zu raten und zu lösen. Mit den alten Worten seiner Kirche baut er nicht nur Vorstellungen auf, sondern schafft Realitäten, innere und äußere neue Konstellationen. Immer ist sein Wort von Wagnissen und Experimenten begleitet.

Er argumentiert zunächst in systematischen Arbeiten mit Theologen und Philosophen über die Kirche. Er gerät in der zweiten Periode in Zweifel, ob er bei der Disziplin der Systematik bleiben soll; seine Lei­denschaft ist nun bei der Auslegung des Alten und Neuen Testaments. Theologisch Stellung beziehen ist jetzt kein Spiel mehr, sondern confessio und damnamus. In der ersten Periode hat er zu verstehen ver­sucht, wie Christus in der konkreten konsistorialen Kirche gegenwärtig ist, und betont, daß er nirgends anders zu haben sei als in ihrer empiri­schen irdischen Gestalt. Jetzt ist zu verkündigen und zu unterscheiden, daß mit IHM nicht ein zahmer, auswechselbarer Herr gegenwärtig sei, sondern ein Herr, dessen Gnade in Gehorsam ruft und keine Ver­mischung mit den trunkenen Sätzen des „deutschen Frühling“ duldet. Die dritte Periode aber bietet ein Bild im Entwurf, fragmentarisch und im Stadium der brieflichen Meditation. Die Periode des Katheders, die Periode des Talars treten zurück und vor uns steht der Mann der Briefe und der Zettel. Entscheidungen nach vorn sind zu treffen, mit befreitem Gewissen. Von Mann zu Mann ist Ja und Nein zu finden, nicht in den klaren „letzten Dingen“, sondern in den „vorletzten“, zweideutigen und mit Blut befleckten Angelegenheiten verantwortlicher und schuldig gewordener Bürger. Und so ist die Frage in Bonhoeffers letzten Briefen keine Kathederfrage mehr, sondern eine brennende Existenzfrage: wie denn Christus hier gegenwärtig und wer er eigentlich heute unter sol­chen Menschen ist.

Bonhoeffer läßt sich nun nicht mehr in einen sauber umgrenzten Bereich verweisen. Er taucht in allen drei Bereichen auf: auf dem Ka­theder, auf der Kanzel und auf dem Rathaus, und das nicht nur bei­läufig, sondern jeweils mit der ganzen Schärfe seiner Analyse und dem beunruhigenden Wagnis ungesicherter Vorstöße. Das ist verwirrend für unser herkömmliches Kirchentum und das gefällt uns in unserer gegenwärtigen Situation nicht sehr gut; die saubere Teilung wäre so viel bequemer. Aber Bonhoeffer hat gewußt, was er tat, und ist nicht leichtfertig von dem einen auf das andere Podium hinübergeglitten. Es waren immer Entscheidungen in der Wachheit und Nüchternheit des Glaubens.

So muß in dem, was er selber nur als „Fragment seines Lebens“ be­zeichnete, gerade das Geschenk eines Lebens gesucht werden, das seine Fülle umgreift. Man wird finden, daß es durch alle Stadien einen unerschütterten Beziehungspunkt enthält und daß dieser sich entfaltet in die Bereiche des Geistes und der Frömmigkeit, des Willens und der Spiele, der heißen Wünsche und schmerzlichen Opfer, der Selbst- und der Nächstenliebe. Das ist es, was uns von seinen Briefen nicht los­kommen läßt: das Leben wird durch seine Augen hindurch bunt und voller Abenteuer, ohne doch den schalen Geschmack der Zerstreuung zu hinterlassen; hinter allem lebt ein konzentriertes Verhältnis zu dem Jesus aus Nazareth, ohne doch je in die Nähe der penetranten Absicht­lichkeit zu gelangen. Der Engländer Payne Best, der Bonhoeffer erst in den letzten Lebenstagen seit Buchenwald kennenlernte, schrieb in seinem Buch „The Venlo Incident“: „Bonhoeffer schien mir immer eine Atmosphäre von Glück, von Freude über jedes geringste Lebensereignis und von tiefer Dankbarkeit für die bloße Tatsache zu verbreiten, daß er lebendig war … Er war einer der sehr wenigen Menschen, die ich jemals getroffen habe, für die Gott real und immer nahe war…“ (S. 180).

Man mag sich fragen, ob wir mit unseren gegenwärtigen Versuchen, aus der Isolierung der Kanzel oder des Katheders herauszukommen, immer sehr glücklich, klar und geschickt sind; man sollte sich jedoch nicht allzu unglücklich machen lassen durch Wachstums schmerzen und verunglückte Gehversuche. Bonhoeffer erlaubt uns jedenfalls nicht, sehnsüchtig in die goldene Zeit der sauber getrennten Gartenzäune zu­rückzublicken, hinter denen man sich auf ein gelegentliches friedliches Gespräch über den Zaun beschränken konnte.

II.

Wer versucht, das Zeugnis des ganzen Bonhoeffer zu fassen, findet die widersprüchlichsten Formeln, jede voll explosiver Kraft.

1. Man kann und man hat sich ihm genähert von der „Nachfolge“ und vom „Gemeinsamen Leben“ her. Und man findet einen Mann mit überzeugendem Ruf zu Gehorsam und Zucht.

2. Man kann sich ihm nähern von den Schriften und Aufsätzen über die Kirche und ihre Grenzen. Und man findet einen Mann, der das Seelenheil überzeugend an die Grenzen der Kirche bindet.

3. Man kann sich ihm nähern — und Unzählige tun das heute — von der heftigen Kritik an der Kirche und ihrer Predigt in den Briefen der letzten Zeit. Und man findet endlich einen Mann, der vom Dogma be­freit und selbst für Christus nach neuen Umschreibungen greift.

4. Man kann sich ihm nähern von der „Ethik“ und der Widerstands­bewegung her. Und man findet endlich einen Christen, der handelnd und schreibend Revolution und Pazifismus nicht den Minderwertigen überläßt.

Das Bild muß viermal gemalt werden: der mönchische, der orthodoxe, der liberale und der politische Bonhoeffer.

Es gäbe freilich noch Elemente, die zum Ganzen der Person und ihrem Verständnis dazugehören: eine unübersehbare bürgerliche und konservative Seite. Sie wird sichtbar in der Ethik, im Roman und Dra­menfragment. Es gibt dort Stellen, die fast dazu verleiten, Bonhoeffer zum vollmächtigen Vertreter der Idee des christlichen Abendlandes zu machen. Ausländer haben gelegentlich Schwierigkeiten und fragen, ob er nicht doch nur ein Deutschland von 1910 im Herzen hat und vertritt. Tatsächlich ist seine ganze Persönlichkeit aus Herkunft und Umgang — noch einmal gesteigert grade in den letzten Lebensjahren — gesättigt mit einer Liebe zur Tradition und zur Kontinuität des geschichtlichen Erbes. Der Mensch braucht „Boden unter den Füßen“ (Mündige Welt, S. 13).

Da ist ein anderes Element, das Karl Barth mit der „lutherischen Schwermut“ oder mit der „schwermütigen Theologie der norddeut­schen Tiefebene“ umschreibt (Ev. Theol. 55, S. 245). Es gäbe einiges zu berichten, wie die acedia (WE S. 92) zuweilen eine zerstörerische Gewalt in Bonhoeffers Leben bekommen konnte —, aber es wäre auch zu be­richten von ihrem schönen Gegenstück, der hilaritas, welche er in Wi­derstand und Ergebung (S. 156) in langer Ahnenreihe von Walter von der Vogelweide bis zu Barth selber hin entdeckt und die er „als Zuver­sicht zum eigenen Werk, als Kühnheit und Herausforderung der Welt und des vulgären Urteils, als feste Gewißheit, der Welt mit dem eigenen Werk, auch wenn es ihr nicht gefällt, etwas Gutes zu erweisen, als hochgemute Selbstgewißheit beschreiben möchte“. Und mit Genuß ent­deckt er den Satz von Lessing „Ich bin zu stolz, mich unglücklich zu den­ken — knirsche eins mit den Zähnen — und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht selbst umstürzen will!“ (WE S. 134).

Ich möchte aber das Bild in den vorhergenannten vier Richtungen ein wenig näher andeuten. Ich möchte einladen, je die Richtung des Weges mit voller Wendung einzuschlagen und, was da anzutreffen ist, in seiner Ausschließlichkeit stehenzulassen und lange auszuhalten. Bon­hoeffer will hinhören, wenn der Wille Gottes zu erlauschen ist. Er hat Furcht, ihn durch eine frühzeitige Systematisierung nur zu zähmen. Die kleine Bibelarbeit „Versuchung“ ist mir immer ein klassisches Beispiel gewesen, wie er hinhört und keinen vorzeitigen systematischen Aus­gleich widerspruchsvoller Worte der Schrift versucht. Bonhoeffer kennt vielleicht nur ein Verbot: nämlich von Christi Aufträgen und von sei­nen Erlaubnissen zu klein und zu milde zu denken. So wird es nicht darum gehen können, ein wohlgeordnetes, domestiziertes Zeugnis Bon­hoeffers herauszukristallisieren, um ihm einen zufriedenen Beifall zu spenden, sondern darum, daß wir ohne Ängstlichkeit seine Fragen im eigenen Experiment überprüfen.

1.

Da ist zunächst ein Bonhoeffer, der wie ein mönchischer Asket er­scheint. Nicht nur Karl Barth hat seine Bedenken über ihn geäußert (s. „Mündige Welt“ S. 119 f.). Man fürchtete, daß ein Mann mit seinem Einfluß und Format ein Führer in eine unevangelische Richtung werden könnte. Man hörte aus der Nachfolge heraus, daß er aus der Gnade Gottes eine unerschwinglich teure Sache macht.

Wirklich hat sich Bonhoeffer während seiner englischen Zeit die evangelischen neuen Kloster- und Ordensgründungen der Anglikaner interessiert angesehen und immer eine Offenheit für ihre Ordnung eines gemeinsamen Lebens behalten. Wirklich hat er selbst den Versuch eines „Bruderhauses“ gewagt, den Bruderrat der Altpreußischen Union in Anspruch genommen und erstaunlicherweise damals dessen Erlaubnis und die Freigabe der „Brüder“ für Finkenwalde erreicht. Nicht er, son­dern Himmlers Auflösung des Predigerseminars beendete den Versuch nach zwei Jahren Bestehen. Wirklich hat Bonhoeffer uns zugemutet, Weihnachten und Ostern dort und nicht zu Hause zu verbringen, in der christlichen und nicht in der bürgerlichen Gemeinschaft. Er hat auch gemeint, nicht nur Theologie, sondern ebenso das Beten lehren zu müssen. Er hat es fertiggebracht, die Praxis der Beichte zu erneuern, ohne vorher aufdringlich doziertes Programm. Zucht im Umgang mit­einander und im Reden übereinander waren plötzlich Realitäten. Wenn sich heute entstehende christliche Lebensgemeinschaften in Deutschland oder in Frankreich für Bonhoeffer interessieren, haben sie ein legitimes Recht dazu. Dieser Bonhoeffer ist stark und unübersehbar.

Aber die Zucht wurde doch nie ein Selbstzweck. Das ist sehr deutlich zu lesen in dem Brief an den Altpreußischen Rat zur Einführung des Bruderhauses („Mündige Welt“ S. 9 f.). Dazu sei noch ein anderes Do­kument zitiert, das uns in manchen modernen Auseinandersetzungen hilfreich sein könnte. In einer Debatte 1936 mit den sogenannten „Neu­tralen“ hatten Bonhoeffers Schüler die Geduld verloren und jemand prangerte den „zügellosen Beifall und den dämonisierten Fanatismus der radikalen Finkenwalder“ an. Bonhoeffer schrieb darauf:

„… Wenn es in einer solchen Stunde (i. e. wo es um den rechten oder unrechten Weg der Kirche geht] dann auch einmal zu leichten psychi­schen Explosionen kommt, so kann ich mich darüber nicht so sehr er­eifern. Es geht ja wirklich um noch Wichtigeres … Verfehlungen im Ton der Rede und im zuchtvollen Verhalten sind reparabel… Sehr viel schwerer reparabel aber ist es, wenn die Kirche in ihrem Zeugnis von Christus den Weg der Treue und der Wahrheit verläßt. Eine Zucht, die nicht mehr dem leidenschaftlichen Protest gegen die Verfälschung der Wahrheit Raum läßt, kommt nicht mehr aus der Ganzheit des Gehor­sams gegen Jesus Christus, den Herrn, sondern wird zu einem willkür­lichen christlichen Ideal, einem selbsterwählten Werk. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich mit Ihnen darin einig bin, daß jede Zuchtlosigkeit die von uns verkündigte Wahrheit unglaubwürdig macht. Aber Ver­heißung hat allein das rechte Zeugnis von Christus und nicht das Werk der Zucht.“

Bonhoeffers Eindringlichkeit ist die Fähigkeit, die Sache aufregend und bindend zu machen. Sie ist fern jeder Zudringlichkeit, weil er nichts höher achtet, als Menschen auf die eigenen Füße zu stellen. Das Gefühl für Zeit, Ort und Situation des Gegenübers waren außerordentlich wach in ihm. Ich erinnere an die charakteristische Stelle, als er im Bomben­hagel dem nach Gott schreienden Mann neben sich mit dem Blick auf die Uhr nur zuruft: „Es dauert höchstens noch zehn Minuten“ (WE S. 140].

Der Bonhoeffer, der die Geheimnisse der Nachfolge und des Gemein­samen Lebens aufdeckt, weiß auch zwingend die Geheimnisse des irdischen Lebens zu öffnen. Wie kann er über die Sonne reden, daß sie ihm wieder einmal auf die Haut brennen möchte und den ganzen Körper zum Glühen bringt, „so daß man wieder weiß, daß man ein leibliches Wesen ist“ (WE S. 227). Er freut sich über die heiße und glühende Liebe des Hohen Liedes: „Es ist wirklich gut, daß es in der Bibel steht, all denen gegenüber, die das Christliche in der Temperierung der Leiden­schaften sehen“ (WE S. 192). Seinem Nachfolger im Predigerseminar 1939 (Amerikareise) hinterließ er einen Zettel auf dem Schreibtisch mit der Bitte, im Unterricht die angegebenen Gegenstände weiterzuführen, mit der Ermunterung, daß er eine der schönsten Arbeiten in der Be­kennenden Kirche übernehme, und dann mit der ausdrücklichen Ermah­nung, bitte recht viel mit den Brüdern in dem nahen Wald spazierenzugehen.

2.

Der zweite ist ein orthodoxer Bonhoeffer. Dieser scheint die Kirche zu verabsolutieren und zum reinen Selbstzweck zu machen. Tatsächlich ist sie in ihrer empirischen Gestalt die Wirklichkeit, in der er lebt und denkt; aus ihr und für sie hat er geschrieben und gesprochen. Sie war die Entdeckung seiner ersten Periode, sie war die Freude und Sorge der zweiten — und sie war die Enttäuschung und die Hoffnung der dritten Periode. Eine andere als die Bekennende Kirche anzuerkennen, hat er in den Jahren der Verwirrung und der Schwäche nicht für möglich ge­halten. Tatsächlich konnte man ihn so verstehen, als wenn er die Gren­zen der Bekennenden Kirche mit Gottes eigenen Grenzen unbarmherzig gleichsetze. Tatsächlich hat er mit Gründen des Seelenheils um Neu­trale und Abtrünnige gerungen. Und tatsächlich hat er in den Entschei­dungen der Bekenntnissynoden Entscheidungen des Heiligen Geistes selber gesehen.

Mit wachsender Trauer sah er freilich so ernsthafte kirchliche Be­schäftigungen wie die Liturgik zum Alibi für andere Unterlassungen werden; „nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch sin­gen“. Mit wachsender Verachtung sah er innerhalb der Bekennenden Kirche auch den beginnenden Rückzug hinter die Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts — die er doch selber so gut kannte und die er in jedem Semester von neuem zu lehren liebte. Aber die Union hielt er eher für etwas Verheißungsvolles als für etwas Böses. Mit lautem Protest sah er 1938 das Zurückweichen in der Eidesfrage mit an:

„Ich kann die Schuld, die die Bekennende Kirche durch die ‚Weisung‘ zur Eidesleistung auf sich geladen hat, nur als Folge eines Weges an­sehen, auf dem der Mangel an Vollmacht, an Bekenntnisfreudigkeit, Glaubensmut und Leidensbereitschaft schon längere Zeit mitten unter uns spürbar geworden ist…“ (Brief an APU-Bruderrat vom 11. 8. 38.)

Aber Trauer, Verachtung und Protest haben seine theologisch ver­wurzelte Bindung an die vorhandene empirische Kirche nicht in Frage gestellt.

Hierher gehörte eigentlich ein ausführlicher Abschnitt über den oekumenischen Bonhoeffer, der gerade aus seiner antiliberalen Entdeckung der Kirche zu einem der stärksten frühen Vorkämpfer der Oekumene in Deutschland geworden ist, in Handlungen, in einer noch nicht zusam­mengestellten, spannenden Korrespondenz und in grundsätzlichen Auf­sätzen. Er sah die Probleme der Konfessionen und Denominationen in ihrer ganzen Schärfe, aber ebenso ihre oekumenischen Möglichkeiten nach vorn.

Aus seiner „orthodoxen“ Treue zur Kirche hat er dann so unorthodox reden können. Aus dieser Treue kommt die Schärfe, mit der er daran leidet, daß die Kirche zum Selbstzweck erstarrt ist.

„Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung ge­kämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des ver­söhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen der Welt zu sein“ (WE S. 206).

„Dir Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muß sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Ge­meinden leben, evtl, einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilneh­men, nicht herrschend, sondern helfend und dienend“ (WE S. 261).

Wird aus dem Orthodoxen hier nun doch der Schwärmer? Und mit ihm dann zum Beispiel auch H. Symanowski mit seinem Mainzer Ver­such? Wenn wir die Sache damit beiseiteschieben, sind wir jedenfalls nur noch schwächliche Orthodoxe, absorbiert vom Flicken der Bekennt­nis-Zäune um unsere Schrebergärten, einem hobby für den Feierabend.

3.

Dem mönchischen und dem orthodoxen Bonhoeffer steht nun heute noch ein ganz anderer gegenüber, wieder ein zweifacher: der liberale und der gefährlich politische Bonhoeffer. Dieser dritte und vierte scheint endlich die Kirche so resolut zu verlassen, wie der erste und zweite unerbittlich hat an sie fesseln wollen.

Am Grabe Adolf von Harnacks hat Bonhoeffer im Namen der Schüler gesprochen: „… Es wurde uns an ihm deutlich, daß Wahrheit nur aus Freiheit geboren wird. Wir sahen in ihm den Vorkämpfer des freien Ausdrucks einmal erkannter Wahrheit, der sein freies Urteil je und je neu bildete und es ungeachtet der ängstlichen Gebundenheit der vielen je wieder deutlich zum Ausdruck brachte“ (15.6.1930). Bonhoeffer fühlte sich verpflichtet dem guten Erbe derjenigen liberalen Theologie, die in ihren besten Intentionen nicht mehr sagen wollte, als sie auch verstehen und verantworten konnte. Bonhoeffer erkannte und schätzte sowohl die Bescheidenheit wie auch die Hybris, die dieses Programm zugleich enthielt. So setzt er sich am Ende, als nach dem Scheitern des 20. Juli eigentlich alles für ihn zu Ende ist, in seiner Zelle noch hin und schreibt die kurze Skizze, die auszuführen er uns hinterlassen hat:

„Die Kirche muß aus ihrer Stagnation heraus … in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung… Wir müssen es auch riskieren, an­fechtbare Dinge zu sagen“ (WE S. 257).

Bonhoeffer greift nun an, was solange Religion genannt wurde. Er greift auch das Christentum an, sofern es eine Religion wird, die nur noch ein weltflüchtiges refugium ist, zugänglich für einige wenige Be­vorzugte oder Benachteiligte; das Christentum, das eine mehr oder weniger gut gehende Apotheke geworden ist für seelische Hypochon­der; einige approbierte Angestellte halten in ihr die pharmaka athanasias in kleinen Dosen feil. Er wußte zwar schon aus der Philosophie und Wissenschaft, daß der Mensch jetzt ohne die Arbeitshypothese Gott mit seinen Problemen fertig wird, selbst mit dem Tod — aber im Umgang mit handelnden Männern jedes oder auch gar keines Bekennt­nisses wurde diese Situation noch ganz anders deutlich und brennend. Er wußte zwar schon aus der Theologie, daß die Kirche eine glatte Got­teslästerung begeht, wenn sie Gott zu einem Lückenbüßer macht, der wenigstens noch die unentdeckten Räume des Alls beherrschen oder die seelischen Hinterstuben des Menschen bewohnen darf — aber hier ver­bot es ihm den Mund. Gott ist ein Gott in der Mitte dieses Lebens oder er ist keiner. Hier herrscht und leidet er oder nirgends.

So kommt es zu dem entschlossenen Aufbruch und der Suche nach dem Christus, der nicht nur das refugium der Zukurzgekommenen, son­dern der tatsächliche Herr dieser religionslosen modernen Welt ist. Es ist aber keine unwissende Suche, kein ewig schwankender und unsiche­rer, sondern ein höchst gewisser Aufbruch; Bonhoeffer weiß wohl um die zukünftige Last der Anstrengungen auf dem Wege, sowohl im in­tellektuellen Bereich wie im Einsatz der Existenz; aber er ist schon fröhlich in der Gewißheit zukünftiger Entdeckungen. Und er entdeckt, wie dieser Herr in seinem Wesen so gänzlich dieser Welt zugewendet ist, in seiner Lehre, in seiner leidenden Erfahrung mit dieser Welt, und auch in der langen Vorgeschichte auf sein Erscheinen hin, nämlich im Alten Testament. Und diese Entdeckungen Bonhoeffers, niedergeschrie­ben in den Briefen zwischen schrecklichen Aufregungen, verbinden sich mit seinem eigenen Schicksal, Wollen und Leiden, das dieser Welt in der Gestalt unseres Heimatlandes zugewendet ist.

Der Aufbruch aus den alten Vorstellungen heraus geht nicht vom Schreibtisch aus und nicht vom Katheder. So wird er auch nicht weiter­geführt werden in Seminaren und Monographien — wie nötig auch die Kontrolle der intellektuell-theologischen Verdeutlichung werden wird. Er muß sich bewähren in neuen Experimenten und Entscheidungen von Menschen der Kirche, die „ungeachtet der ängstlichen Gebundenheit“ in die engste Fühlung mit Menschen treten, die in Fabriken, in öffent­lichen Verantwortungen leben, erst recht in den Gebundenheiten mo­derner Totalitarismen und die sich wenig oder keinen kirchlichen Luxus mehr leisten können. Die Beobachtung scheint mir bedeutsam, daß Bon­hoeffers Gedanken nicht der Ost-Westteilung unterworfen sind, son­dern auf beiden Seiten als eine befreiende Herausforderung und Hilfe erfahren werden. Wenn wir im Nachbuchstabieren der explosiven An­deutungen Bonhoeffers besser eindringen in den grundstürzenden Um­schlag von der Deus-ex-machina-Vorstellung in die Erfahrung des durch Leiden zum Herrn werdenden Gott, wird unsere Predigt den Apothe­kenstil eines Tages verlieren und ein wenig besser die Herrschaft Christi proklamieren.

Bonhoeffers Andeutungen entspringen nicht der Kapitulation vor der modernen gottlosen Welt; sie kommen aus der konzentrierten Ver­senkung in Wesen und Leben des Stifters unseres Glaubens. Er macht nicht durch Subtraktionsverfahren annehmbar, was die Zollschranke des Modernen allenfalls passieren kann. Er will der Gegenwart Christi heute auf der Spur bleiben, sie besser verstehen und bezeugen.

Und hier zerbrechen die Begriffspaare liberal und orthodox; aber es bleibt: ein Mensch mit Christus, frei und ausgestattet mit wachen Au­gen.

4.

Dieser Bonhoeffer mag noch nicht jeden erreichen. Aber der politische ist eine Frage an seine Kirche — und an das Land, zu dem er und wir gehören.

Unsere Kirche fühlt sich durch den politischen Bonhoeffer nicht nur bereichert, sondern von ihrer Geschichte her herausfordernd belastet. An anderer Stelle habe ich zu zeigen versucht, wie Bonhoeffer selbst seine Situation an der Grenze verstanden, wie er die auf ihn gefallene Verantwortlichkeit geklärt und entschieden hat (s. „Mündige Welt“ S. 10—15). Unsere Kirche wird hoffentlich nicht zu spät eine Stellung dazu einnehmen, daß einer ihrer Besten nicht mehr in frommen Zir­keln, sondern bei den Deutschen in ihrer höchsten Gewissensnot hat sein wollen. Diese Gedenkfeier wird von der Heimatkirche Paul Schnei­ders aus Dickenschied ausgerichtet. Schneider und Bonhoeffer sind beide Blutzeugen für den einen Gott des Dekaloges; Schneider für die erste Tafel, Bonhoeffer für die zweite. Paul Schneider ruft die Welt zur Kirche, Dietrich Bonhoeffer ruft die Kirche zur Welt („Mündige Welt“, S. 15). Wir haben beide Zeugen zu hören und den ganzen Reichtum weiterzugeben, der aus jener Zeit auf uns gekommen ist.

Aber Bonhoeffer und seine toten Mitverschworenen sind erst recht eine Frage an unser Vaterland. Dieses Land ist geographisch zerrissen. Aber tödlicher ist die Bedrohung, daß es zerrissen und unsicher darüber ist, wo die Güter seiner Tradition liegen. Ohne sie kann auch die deut­sche Demokratie nicht leben. Diese Güter unterliegen unserer verant­wortlichen Wahl. Es ist nicht gleichgültig, ob wir uns verschließen oder annehmen, ob wir eine sterile Tradition konservieren oder Mutationen unseres Geschichtserbes aufnehmen und weitergeben.

Mit Bonhoeffer, der nur einer aus den Vielen des Widerstandes ist, trat etwas Neues in unser deutsches Geschichtserbe ein, das wir vor­her so nicht besaßen. Es ist dies, daß Christen und Nicht-Christen eine Revolution auf sich genommen haben mit all ihren Konsequenzen aus Scham und Liebe. Daß sie aus ihr heraus zu einer freien Verantwortung durchstießen. Daß sie aus ihr deckungslos und ohne Anlehnung an Bei­fall oder Befehl das Notwendige taten. Wer heute in der Verehrung Bonhoeffers und seiner Mitverschworenen ein Element der Staatsge­fährdung sieht, hat noch nicht das Herz dieser deutschen Verschwörung entdeckt: die Durchbrechung der Ordnung aus Scham und Liebe — wo aber gäbe es eine tiefere und festere Bindung? In ihr wurzelt der an­haltende und kühl und zielstrebig gewordene Zorn der Verschwörer und in ihr der Wille — nicht zur eigenen — aber zu Deutschlands Zukunft inmitten seiner Nachbarn. Unser Geschichtskalender steht in unseren Nachbarländern noch immer im Zeichen von Fanatikern, die schrecklich mit sich selbst beschäftigt waren. Wir sind jetzt in der Lage, diesen Kalender langsam zu verändern.

Weil Scham und Liebe die Triebfedern waren, darum gab es auch bei Bonhoeffer die schöne Freiheit denen gegenüber, die noch einen anderen Weg gehen mußten oder wollten. Der Fanatiker sieht in jedem, der sich nicht seinem Willen und Weg unterwirft, einen Feind, der ent­weder einschwenken oder vernichtet werden muß. Die Verschwörer aber taten das ihre, sie hielten die Freiheit der Entschlüsse für die Basis einer neuen Versöhnung. Weil das für uns heute zu einer Lebens­frage wird, möchte ich hier ein Stück eines hilfreichen Briefes anfügen, den Bonhoeffer schrieb, als ein ihm Nahestehender 1942 den Einbe­rufungsbefehl bekam:

„Nun da es soweit ist … möchte ich Dir als Erstes sagen, daß ich mich für Dich freue, daß die Zeit der Ungewißheit und des Wartens jetzt vorbei ist und daß Du nun innere Ruhe darüber haben kannst, dort zu sein, wo Deine gleichaltrigen Kameraden auch sind; das war es ja wohl, was Dich hauptsächlich umtrieb, und das wird es wohl auch sein, was Dir innerlich in schwierigen Situationen helfen wird. Sich vom Geschick und von der Not der anderen Menschen nicht trennen zu wollen, mit ihnen Gemeinschaft haben wollen, das ist ja etwas ganz anderes als einfach mitmachen, mitlaufen wollen; … Gerufen sein, an der Ge­meinschaft teilzunehmen und sein Teil mitzubringen und mitzutragen, was es denn auch sei, das ist, glaube ich, ein ziemlich fester Grund, um darauf zu stehen und um auch Schweres durchzumachen. Und wenn man sich von Zeit zu Zeit dessen bewußt wird und schließlich ganz aus dem Bewußtsein leben kann, daß dies Gerufensein ja letztlich kein zu­fälliges, sondern daß es der Weg Gottes mit unserem Leben ist, dann kann man, glaube ich, sehr zuversichtlich ins Unbekannte gehen. Aller­dings sind dann dem Leben in der neuen Gemeinschaft auch ganz be­stimmte Grenzen gesetzt, und es bricht einem innerlich alles zusam­men, wenn man diese Grenzen aus einer falschen Solidarität heraus verletzt …“

Im Mai 1945 zogen wir aus einem Versteck zwischen Dachziegeln ein Manuskript wieder hervor. Es hatte alle Luftminen überstanden. Die 20 Seiten waren das Geschenk, das sich Dietrich Bonhoeffer an der Wende von 1942 zu 1943 für ein paar Freunde ausgedacht hatte: die Rechenschaft „gemeinsam im Kreise Gleichgesinnter gewonnener Er­gebnisse auf dem Gebiet des Menschlichen“ (WE S. 9); kurze Essays „Wer hält stand“, „Vom Erfolg“, „Von der Dummheit“, „Vertrauen“, „Qualitätsgefühl“, „Sind wir noch brauchbar?“ u. a. Jetzt wird uns deutlich, daß es das Manifest des Geistes dieser Männer ist, welches die Zeiten überdauert. Wir sollten es in unsere Schulbücher aufnehmen. Eben hat es Gerhard Ritter in seinem Buch über Gördeler als das „Schönste, Tiefsinnigste und bleibend Wertvollste, was zu einer Ana­lyse der geistigen Situation jener Zeit und des deutschen Widerstandes je geäußert worden ist“, bezeichnet (G. Ritter, Goerdeler… S. 111).

Die Analyse Dietrich Bonhoeffers in diesen Blättern ist von einem tiefen Optimismus getragen:

„Ob es jemals in der Geschichte Menschen gegeben hat, die… die Quelle ihrer Kraft so gänzlich im Vergangenen und Zukünftigen such­ten — und die dennoch, ohne Phantasten zu sein, das Gelingen ihrer Sache so zuversichtlich und ruhig erwarten konnten — wie wir?“ (WE S. 10).

Davon haben diese Männer nach ihrer Katastrophe nichts zurück­genommen, sie blieben ungebrochen und gaben sich nicht selbst auf, damit wir heute, genährt aus ihrem Opfer, uns von diesem Optimismus anstecken lassen.

III.

Eindringlich und überzeugend führt uns dieser Mann jeweils in die angegebenen Richtungen und läßt sich nicht vorzeitig durch die Bedenk­lichen aufhalten: in die Richtung der Nachfolge, der Kirchengemein­schaft, der Wahrheitsfrage und der öffentlichen Verantwortlichkeit. Werden wir uns der Beunruhigung stellen? Es kann nicht ausbleiben, daß es Gruppierungen solcher gibt, die einseitig auf die Nachfolge hören, und anderer, die auf die neue Wahrheitsfrage eingeschworen sind. Es wird aber eine gute Erschütterung sein, wenn ihn jeder alsbald mit gleicher Überzeugungskraft auf dem anderen Pfad entdeckt.

Aus der Begegnung mit Bonhoeffer wächst dann das Bild eines Menschen, der in der Freiheit des Glaubens die ganze Fülle der vita Christiana offenbart. In einem sehr kurzen Leben ist er begnadet ge­wesen, ein Mensch zu sein, ein ganzer Mensch unter der Herrschaft Christi. Man wird gewahr, wie das Widersprüchliche zueinander stimmt. Der Intellektuelle ist fromm und dieser Fromme gebraucht seine Intelligenz. Ein Schriftgelehrter wagt Taten und der Täter bleibt ein außerordentlicher Schriftgelehrter. Ein Pazifist wird zum Verschwörer und der Verschwörer ist ein Pazifist. Ein Deutscher wird übernational und der Übernationale bleibt sehr deutsch. Der Zugreifende ist scheu und zart und dieser Scheue verändert seine Umgebung. Katheder, Kan­zel und Rathaus entdecken durch ihn ihre unlösliche Beziehung.

In Erkenntnis, Verkündigung und Verantwortlichkeit ist er ein Gan­zer. Er bleibt unverwundet und heil, obwohl er mitten in der Philoso­phie eines müden Nihilismus aufgewachsen ist und ein Zeitgenosse ihrer so erfolgreichen Ausnutzung durch schreckliche Pseudo-Autori­täten hat sein müssen. Er hat sich auf keinen Flirt mit dem verführeri­schen Nichts eingelassen und seinen rasenden Boten nichts eingeräumt. Sie haben ihn getötet, aber sein Bild und sein Zeugnis überlebt und wird zum Damm wider ein neues Spiel mit dem Nichts. Der Damm bricht überall, wo wir unsere Freiheit mit Bindungslosigkeit interpre­tieren. Der Damm wird fester überall dort, wo wir durch ihn uns er­mutigen lassen, die Freiheit auf dem Wege der Verbindlichkeit zu ent­decken. Darum sind wir heute im Schmerz über den Verlust dennoch glücklich, das Zeugnis Dietrich Bonhoeffers zu besitzen.

Quelle: Eberhard Bethge, Die mündige Welt, Bd. 2: 1. Weißensee – 2. Verschiedenes, München: Chr. Kaiser, 1956, S. 92-103.

1 Vortrag, gehalten auf der Feier zum 10jährigen Todestag, veranstaltet von der Evangelischen Kirche der Union in Bonn am 11. 4. 1955.

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