Von Willy Kramp
In meiner Kindheit fürchtete ich mich vor Straßen und liebte die Wege. Straßen hatten etwas Einschüchterndes. Sie nahmen mich von mir selbst fort. Die Wege aber waren freundliche, unauffällige Begleiter.
Dieses Empfinden scheint mir nicht unbegründet. Die Straße ist Ausdruck menschlicher Herrschaft über den Raum. Sie wird der Landschaft aufgezwungen, geht über sie hinweg, und oft wird sie zur Abstraktion. Der Weg aber ist demütig. Er sucht nicht das Seine, sondern er gibt sich an die Landschaft hin, geduldig, leise … Er ist nicht Ausdruck der Stärke, sondern eher der Schwäche des Menschen. Darum lieben ihn die Kinder. Er ist näher am Herzen der Erde, er lässt sich führen wie ein Blinder. Er ist der Arme, der von Geschenken lebt. Den Schatten nimmt er vom Baum, das Wasser vom Quell, den Duft vom Gras, die Wärme von Haus und Stall.
Jeder echte Weg ist seinem Wesen nach Umweg. Er sucht nichts, darum findet er viel. Er ist eines der Spiele, die die Erde mit sich selber spielt. Er ist der stille Übergang vom Hier zum Dort, der raunende Verkünder des geheimnisvollen Überall. In seiner Geduld und Verschwiegenheit, selbst in seiner Mühsal noch sammelt er die Gabe und Kraft der Welt.
Darum kann der Weg Symbol einer Weisheit sein, die die Dinge dieser Welt nicht begreifen, sondern begleiten will; einer Weisheit, die nicht auf Beherrschung aus ist, sondern auf Verstehen und Vollziehen.
Ein Weg muss beschritten werden, wenn er sein Geheimnis preisgeben und seinen Segen ausspenden soll; und sei es auch ein mühsamer Umweg unter stechender Sonne, im Nebel der Nacht, ein kaum gebahnter dorniger Pfad.
Hat nicht Christus von sich gesagt, er sei der Weg? Wie sehr gilt gerade von diesem Weg, dass er beschritten werden muss, um sich als die Wahrheit und das Leben offenbaren zu können! Wehe uns, wenn wir aus diesem Christus-Weg die abstrakte Straße machen, über die wir lieblos und hochmütig dahinhuschen!
Der Weg trägt das Ziel in sich. Jeder einzelne Schritt weiß etwas von Ankunft. Die Straße aber jagt mit uns in das Nichts selbstgeschaffener Vorstellungen, selbstgesteckter Ziele.
Was täte uns mehr not als die heilsamen Umwege, auf denen wir uns selbst finden – ja auf denen wir gefunden werden!
Quelle: Zeitwende. Die neue Furche, Band 30 (1959), S. 537.