Emanuel Hirsch und die nationalsozialistische Rassenideologie
Erschreckend liest es sich, wie Emanuel Hirsch (1888-1972), wohl einer der klügsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts (vgl. sein fünfbändiges Werk Geschichte der neuern evangelischen Theologie im Zusammenhang mit den allgemeinen Bewegungen des europäischen Denkens), sich während des Dritten Reichs der nationalsozialistischen Rassenideologie verschrieben hatte:
Es ist uns doch etwas Neues und Überraschendes geworden, daß die Bewegung, die uns unsere Volklichkeit und Staatlichkeit auch im Sinne unsrer Arbeit und unsers Sehnens erneuert, die Verantwortung des Staats auch auf den Blutbund der Geschlechter und Sippen erstreckt hat, durch den das Volk in jungen Menschen immer wieder jung zu neuem Anfang wird. […] Nun steht die neue Verantwortung des Staats dafür da, daß das Volkstum sich in zahlreichen gesunden Kindern rechter deutscher Art verjünge und Menschen aus Geschlechtern und Sippen rechter deutscher Art die Führung im gemeinsamen Leben haben. Sie erweist sich als eine harte Zucht, die tief in die Lebensordnung eingreift, darin aber zugleich als ein einigendes Band aller dem Blutbunde Zugehörigen im gemeinsamen Aufsichnehmen dieser Zucht, dieses strengen Gerichtetseins auf das Kommende. Nun ist es allen Deutschen klar, daß ohne dies Handeln des Staats uns der Volkstod bereitet worden wäre. Die alte Verpflichtung zur Deutschheit wirkt sich aus in neuer Tat.
Quelle: Emanuel Hirsch, Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung. Akademische Vorlesungen zum Verständnis des deutschen Jahres 1933, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1934, S. 62f (Die neue Aufgabe der Philosophie).