Hat die Weltgeschichte einen Sinn? (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde)
Von Karl. R. Popper
Hat die Weltgeschichte einen Sinn? Ich will mich hier nicht mit dem Problem des Sinnes des Wortes »Sinn« beschäftigen; ich setze voraus, daß die meisten Menschen mit hinreichender Klarheit wissen, was sie meinen, wenn sie vom »Sinn der Geschichte« oder dem »Sinn des Lebens« sprechen. Und in diesem Sinn, in dem Sinn, in dem die Frage nach dem Sinn der Geschichte gewöhnlich gestellt wird, gebe ich zur Antwort: Die Weltgeschichte hat keinen Sinn.
Um meine Gründe für diese Ansicht zu geben, muß ich zunächst etwas über jene Art von »Geschichte« sagen, an die man denkt, wenn man die Frage nach ihrem Sinn stellt. Bisher habe ich selbst über »die Geschichte« gesprochen, als bedürfe dies keiner weiteren Erklärung. Das ist jetzt nicht mehr möglich; denn ich möchte es klarmachen, daß es eine »Geschichte« in dem Sinn, in dem die meisten Menschen davon sprechen, einfach nicht gibt; und das ist zumindest ein Grund, warum ich sage, daß sie keinen Sinn hat.
Wie kommen die meisten Menschen dazu, das Wort »Geschichte« zu verwenden? (Ich meine hier »Geschichte« in dem Sinn, in dem wir sagen, daß ein Buch die Geschichte Europas betrifft — nicht in dem Sinne, in dem wir sagen, daß es eine Geschichte Europas ist.) Sie lernen es in der Schule und an der Universität. Sie lesen Bücher darüber. Sie sehen, was in Büchern behandelt wird, die den Titel einer »Weltgeschichte« oder eine »Geschichte der Menschheit« tragen, und sie gewöhnen sich daran, in der Geschichte eine mehr oder weniger bestimmte Reihe von Tatsachen zu sehen. Diese Tatsachen, so glauben sie, bilden die Geschichte der Menschheit.
Wir haben aber bereits gesehen, daß der Bereich der Tatsachen unendlich reich ist und daß wir daher eine Auswahl treffen müssen. Unseren Interessen entsprechend könnten wir zum Beispiel über die Geschichte der Kunst schreiben; oder über die Geschichte der Sprache; oder über die Geschichte von Speisegebräuchen; oder über die Geschichte des Typhusfiebers. Sicher ist keine dieser Darstellungen eine Geschichte der Menschheit (noch sind sie es alle zusammengenommen). Wenn von der Geschichte der Menschheit gesprochen wird, so denkt man vielmehr an die Geschichte des ägyptischen, des babylonischen, des persischen, des mazedonischen und des römischen Reiches und so weiter bis in die Gegenwart. Mit anderen Worten: Man spricht von der Geschichte der Menschheit; aber was man meint und was man in der Schule gelernt hat, ist die Geschichte der politischen Macht.
Es gibt keine Geschichte der Menschheit, es gibt nur eine unbegrenzte Anzahl von Geschichten, die alle möglichen Aspekte des menschlichen Lebens betreffen. Und eine von ihnen ist die Geschichte der politischen Macht. Sie wird zur Weltgeschichte erhoben. Aber das ist eine Beleidigung jeder anständigen Auffassung von der Menschheit. Es ist kaum besser, als wenn man die Geschichte der Unterschlagung oder des Raubes oder des Giftmordes zur Geschichte der Menschheit machen wollte. Denn die Geschichte der Machtpolitik ist nichts anderes als die Geschichte internationaler Verbrechen und Massenmorde (einige Versuche zu ihrer Unterdrückung eingeschlossen — das ist wahr). Diese Geschichte wird in der Schule gelehrt, und einige der größten Verbrecher werden als ihre Helden gefeiert.
Aber gibt es wirklich keine Universalgeschichte im Sinne einer konkreten Geschichte der Menschheit? Eine solche Geschichte kann es nicht geben. Dies muß die Antwort jedes humanitär gesinnten Menschen und insbesondere jedes Christen sein. Eine konkrete Geschichte der Menschheit — wenn es sie gäbe — müßte die Geschichte aller Menschen sein. Sie müßte die Geschichte aller menschlichen Hoffnungen, Streitigkeiten und Leiden sein. Denn kein Mensch ist wichtiger als irgendein anderer. Diese konkrete Geschichte kann nun offenkundig nicht geschrieben werden. Wir müssen Abstraktionen machen, wir müssen vernachlässigen und auswählen. Aber damit kommen wir zu den vielen Geschichten; und unter ihnen zu jener Geschichte internationaler Verbrechen und Massenmorde, die als die Geschichte der Menschheit, als die »Weltgeschichte« angepriesen worden ist.
Aber warum wurde gerade die Geschichte der Macht und nicht zum Beispiel der Religion oder der Dichtkunst ausgewählt? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer dieser Gründe ist, daß die Macht uns alle, die Dichtung aber nur wenige von uns beeinflußt. Ein anderer ist, daß die Menschen die Neigung haben, die Macht anzubeten. Aber es steht ohne jeden Zweifel fest, daß die Verehrung der Macht einer der übelsten Götzendienste der Menschheit ist, ein Relikt aus der Zeit der Fesseln, aus der Zeit der menschlichen Knechtschaft. Die Verehrung der Macht ist aus der Furcht geboren, aus einem Gefühl, das man mit Recht verachtet. Ein dritter Grund dafür, daß die Machtpolitik zum Kern der »Geschichte« erhoben worden ist, liegt in der Tatsache, daß die Mächtigen verehrt werden wollten und daß sie die Mittel besaßen, ihre Wünsche durchzusetzen. Viele Historiker schrieben unter der Aufsicht der Kaiser, der Generäle und der Diktatoren.
Ich weiß, daß diese Ansicht an vielen Stellen auf den stärksten Widerspruch stoßen wird, einige Apologeten des Christentums eingeschlossen; denn obgleich sich im Neuen Testament kaum ein Satz findet, der diese Lehre unterstützen könnte, so gilt die Ansicht, daß Gott sich in der Geschichte offenbart, doch oft als ein Teil des christlichen Dogmas; dasselbe gilt von der Ansicht, daß die Geschichte sinnvoll ist und daß ihr Sinn der Zweck Gottes ist. Aber das lasse ich nicht gelten. Ich behaupte, daß diese Ansicht reiner Götzenkult und Aberglauben ist, und das nicht nur vom Standpunkt eines Rationalisten und Humanisten, sondern auch vom christlichen Standpunkt aus betrachtet.
Was steckt hinter diesem theistischen Historizismus? Mit Hegel betrachtet er die Geschichte — die politische Geschichte — als eine Bühne oder besser noch als eine Art langwieriges Shakespeare- drama; und die Zuschauer halten entweder die »großen historischen Persönlichkeiten« oder die Menschheit in abstracto für die Helden dieses Spieles. Dann stellen sie die Frage »Wer hat das Stück verfaßt?« Und sie denken, daß sie eine fromme Antwort geben, wenn sie sagen »Gott«. Aber das ist ein Irrtum. Ihre Antwort ist reine Lästerung, denn das Spiel wurde (und das wissen sie) nicht von Gott, sondern unter der Aufsicht von Generälen und Diktatoren von den Professoren der Geschichte geschrieben.
Ich bestreite nicht, daß die Betrachtung der Geschichte vom christlichen Standpunkt aus ebenso gerechtfertigt ist wie ihre Betrachtung von jedem anderen Standpunkt aus; und es sollte sicher betont werden, daß wir zahlreiche Ziele und Ideale unserer abendländischen Kultur, wie die Freiheit und die Gleichheit, dem Einflüsse des Christentums verdanken. Aber zur selben Zeit besteht die einzige rationale und auch die einzige christliche Einstellung selbst zur Geschichte der Freiheit in dem Eingeständnis, daß wir selbst für sie die Verantwortung tragen, und das in demselben Sinne, in dem wir für den Aufbau unseres Lebens verantwortlich sind; und daß nur unser Gewissen, nicht aber der weltliche Erfolg unser Richter sein kann. Die Lehre, daß Gott sich und seinen Urteilsspruch in der Geschichte offenbart, ist von der Lehre ununterscheidbar, daß der weltliche Erfolg der letzte Richter und die letzte Rechtfertigung unserer Handlungen ist; sie läuft auf dasselbe hinaus wie die Lehre, daß die Geschichte urteilen wird, das heißt, daß zukünftige Macht Recht ist. Die Behauptung, daß Gott sich in dem offenbart, was man gewöhnlich »Geschichte« nennt, in der Geschichte internationaler Verbrechen und Massenmorde, diese Behauptung ist eine grobe Lästerung; denn was sich wirklich im Bereich des menschlichen Lebens ereignet — das wird durch diese grausame und zugleich kindische Affäre kaum je berührt. Das Leben des vergessenen, des unbekannten individuellen Menschen; seine Trauer, seine Freude, seine Leiden und sein Tod — sie sind der wirkliche Gehalt der menschlichen Erfahrung durch alle Zeiten. Könnte die Geschichte das erzählen, dann würde ich sicher nicht sagen, daß es Lästerung ist, den Finger Gottes in ihr zu sehen. Aber eine solche Geschichte gibt es nicht und kann es nicht geben; und was von der Geschichte existiert, unsere Geschichte der Großen und Mächtigen, ist bestenfalls eine schale Komödie, eine Opera buffa, die von den Mächten hinter der Wirklichkeit gespielt wird (vergleichbar Homers Opera buffa der olympischen Mächte hinter der Szene der menschlichen Streitigkeiten). Sie ist, was einer unserer schlechtesten Instinkte, die götzenhafte Verehrung der Macht, uns als die Wirklichkeit vorspiegelt. Und in dieser nicht einmal vom Menschen geschaffenen, sondern von ihm gefälschten »Geschichte« wagen einige Christen den Finger Gottes zu sehen! Sie wagen es, zu verstehen und zu wissen, was Sein Wille ist, wenn sie Ihm ihre erbärmlich kleinen historischen Interpretationen in die Schuhe schieben! Wenn ich darauf bestehe, daß wir den Erfolg nicht verehren sollten, daß er nicht unser Richter sein kann, daß wir uns nicht von ihm blenden lassen dürfen, wenn ich insbesondere zu zeigen versuche, daß ich in dieser Einstellung mit dem meiner Ansicht nach wahren Christentum übereinstimme, so sollte man mich nicht mißverstehen. Diese Bemerkungen haben nicht das Ziel, eine jenseitige« Haltung zu verteidigen. Ich weiß nicht, ob das Christentum von einer anderen Welt ist; aber das eine ist sicher: Es lehrt, daß die einzige Weise, in der wir unseren Glauben zeigen können, darin besteht, daß wir den Bedürftigen praktische und weltliche Hilfe zukommen lassen. Und es ist sicher möglich, eine Haltung äußerster Reserve und sogar Verachtung für weltliche Erfolge im Sinne von Macht, Ruhm und Reichtum mit einem Versuch zu vereinen, in dieser Welt sein Bestes zu tun, und die Ziele, zu deren Annahme man sich entschlossen hat, mit der klaren Absicht zu fördern, sie zum Erfolg zu führen; nicht um des Erfolges willen, nicht, weil uns die Geschichte rechtfertigen wird, sondern um dieser Ziele selbst willen.
Unsere intellektuelle wie auch unsere sittliche Erziehung ist korrupt. Sie ist verdorben durch die Bewunderung der Brillanz, durch die Bewunderung der Weise, in der Dinge gesagt werden, die an die Stelle einer kritischen Betrachtung des Gesagten (und des Getanen) tritt. Sie ist verdorben durch die romantische Idee des Glanzes auf der Bühne der Geschichte, auf der wir alle Schauspieler sind. Wir sind dazu erzogen, bei allen unseren Handlungen die Galerie im Auge zu behalten.
Da man mit Recht fühlt, daß wir uns ein Ziel wählen müssen, das über uns hinausweist, ein Ziel, dem wir uns widmen können und dem wir Opfer bringen können, zieht man den Schluß, daß das Kollektiv mit seiner »historischen Mission« dieses Ziel sein müsse. Es wird uns also gesagt, daß wir Opfer bringen müssen, und zur gleichen Zeit erfahren wir, daß wir auf diese Weise einen ausgezeichneten Handel machen. Wir sollen Opfer bringen — aber wir erhalten dadurch Ruhm und Ehre; wir werden »Hauptrollen«, Helden auf der Bühne der Geschichte; für einen kleinen Einsatz gewinnen wir großen Lohn. Dies ist die zweifelhafte Moral einer Zeit, in der nur eine winzige Minorität wirklich zählte und in der sich niemand um das gemeine Volk kümmerte. Das ist die Moral jener Menschen, die als politische und intellektuelle Aristokraten eine Chance haben, in die Lehrbücher der Geschichte einzugehen. Sie aber kann keinesfalls die Moral derjenigen sein, die sich für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einsetzen; denn der historische Ruhm kann nicht gerecht sein, und er läßt sich nur von sehr wenigen erringen. •Die große Zahl der Menschen, die gerade ebensoviel und vielleicht mehr wert sind, wird immer vergessen bleiben. Wir brauchen eine Ethik, die Erfolg und Belohnung überhaupt ablehnt. Und eine solche Ethik braucht nicht erst erfunden zu werden. Sie ist nicht neu. Sie wurde, zumindest in seinen Anfängen, vom Christentum gelehrt. Sie wird, wieder, von der industriellen wie auch der wissenschaftlichen Zusammenarbeit unserer Tage gelehrt. Die romantische historizistische Ruhmesmoral scheint glücklicherweise im Abnehmen begriffen zu sein. Der Unbekannte Soldat zeigt dies. Wir beginnen einzusehen, daß ein Opfer ebensoviel und vielleicht noch mehr wert ist, wenn es anonym gebracht wird. Unsere ethische Erziehung muß nachfolgen. Wir müssen lernen, unsere Arbeit zu tun, unsere Opfer um dieser Arbeit willen zu bringen und nicht um des Ruhmes willen oder um Schande zu vermeiden. (Daß wir alle eine gewisse Ermunterung, Hoffnung, Lohn und sogar Tadel brauchen, ist eine völlig andere Sache.) Wir müssen unsere Rechtfertigung in unserer Arbeit finden, in dem, was wir selbst tun, und nicht in einem fiktiven »Sinn der Geschichte«.
Die Geschichte hat keinen Sinn, das ist meine Behauptung. Aber aus dieser Behauptung folgt nicht, daß wir nichts tun können, daß wir der Geschichte der politischen Macht entsetzt zusehen müssen oder daß wir gezwungen sind, sie als einen grausamen Scherz zu betrachten. Denn wir können sie interpretieren mit einem Auge auf jene Probleme der Machtpolitik, deren Lösung wir in unserer eigenen Zeit versuchen wollen. Wir können die Geschichte der Machtpolitik deuten vom Standpunkt unseres Kampfes für die offene Gesellschaft, für eine Herrschaft der Vernunft, für Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und für die Kontrolle des internationalen Verbrechens. Obwohl die Geschichte keinen Zweck hat, können wir ihr dennoch diese unsere Zwecke auferlegen, und obwohl die Geschichte keinen Sinn hat, können doch wir ihr einen Sinn verleihen.
Weder die Natur noch die Geschichte kann uns sagen, was wir tun sollen. Tatsachen, seien es nun Tatsachen der Natur oder Tatsachen der Geschichte, können die Entscheidung nicht für uns treffen, sie können nicht die Zwecke bestimmen, die wir wählen werden. Wir sind es, die Zweck und Sinn in die Natur und in die Geschichte einführen. Die Menschen sind einander nicht gleich; aber wir können uns entschließen, für gleiche Rechte zu kämpfen. Menschliche Institutionen, wie etwa der Staat, sind nicht rational, aber wir können uns entschließen zu kämpfen, um sie mehr rational zu machen. Wir selbst wie auch unsere gewöhnliche Sprache sind im großen und ganzen eher emotional als rational; wir können aber versuchen, etwas mehr rational zu werden, und wir können uns darin üben, unsere Sprache nicht als ein Instrument des Selbstausdrucks (wie unsere romantischen Erziehungstheoretiker sagen würden), sondern als ein Instrument der rationalen Kommunikation zu verwenden. Die Geschichte selbst — ich meine hier natürlich die Geschichte der Machtpolitik und nicht die nichtexistente Geschichte der Entwicklung der Menschheit — hat weder ein Ziel noch einen Sinn, aber wir können uns entschließen, ihr beides zu verleihen. Wir können sie zu unserem Kampf für die offene Gesellschaft und gegen ihre Feinde machen (die, in die Ecke getrieben, immer genau ihre humanitären Gefühle beteuern werden); und wir können sie dementsprechend interpretieren. Schließlich läßt sich dasselbe auch über den »Sinn des Lebens« sagen. An uns liegt es, zu entscheiden, was der Zweck unseres Lebens sein soll, und unsere Ziele zu bestimmen.
Ich halte diesen Dualismus von Tatsachen und Entscheidungen für fundamental. Tatsachen als solche haben keinen Sinn; sie können einen Sinn nur durch unsere Entscheidungen erhalten. Der Historizismus ist nur einer der vielen Versuche, über diesen Dualismus hinwegzukommen; er ist aus der Furcht geboren, denn er scheut vor der Einsicht zurück, daß wir die Verantwortung tragen, selbst für die Maßstäbe, die wir auswählen. Aber ein solcher Versuch scheint mir genau das zu sein, was man gewöhnlich einen Aberglauben nennt. Denn er nimmt an, daß wir dort ernten können, wo wir nicht gesät haben; er versucht uns einzureden, daß alles gut ausgehen wird und muß, wenn wir nur mit der Geschichte Schritt halten, und daß wir selbst keine grundlegende Entscheidung zu treffen brauchen; er versucht unsere Verantwortlichkeit auf die Geschichte und damit auf ein uns weit überragendes dämonisches Kräftespiel zu übertragen; er versucht unsere Handlungen auf die verborgenen Absichten dieser Mächte zu gründen, auf Absichten, die uns nur in mystischen Inspirationen und Intuitionen geoffenbart werden können; und er stellt damit uns und unsere Handlungen auf das moralische Niveau eines Menschen, der, durch Horoskope und Träume inspiriert, seine Glückszahl in der Lotterie wählt. Wie die Glücksspiele, so ist auch der Historizismus aus unserer Verzweiflung an der Rationalität und der Verantwortlichkeit unserer Handlungen geboren. Er ist eine entartete Hoffnung und ein entarteter Glauben, ein Versuch, die Hoffnung und den Glauben, der in unserem moralischen Enthusiasmus und in der Verachtung des Erfolges begründet ist, durch eine Sicherheit zu ersetzen, die einer Pseudowissenschaft entspringt; einer Pseudowissenschaft der Sterne, der »menschlichen Natur« oder des historischen Schicksals.
Der Historizismus, so behaupte ich, ist nicht nur rational unhaltbar, sondern er widerspricht auch jeder Religion, für die das Gewissen wichtig ist. Denn eine solche Religion muß mit der rationalistischen Einstellung zur Geschichte insofern übereinstimmen, als sie betont, daß wir für unsere Handlungen und für die Rückschläge dieser Handlungen auf den Lauf der Geschichte unumschränkte Verantwortung tragen. Es ist wahr — wir brauchen Hoffnung; ohne Hoffnung zu handeln oder zu leben übersteigt unsere Kraft. Aber wir brauchen nicht mehr und wir dürfen nicht mehr erhalten. Wir brauchen nicht Gewißheit. Insbesondere die Religion sollte kein Ersatz für Träume und für Wunscherfüllung sein; sie sollte weder dem Besitz einer Karte in der Lotterie noch dem Besitz einer Police in einer Versicherungsgesellschaft gleichen. Der Historizismus in der Religion ist ein Element des Götzendienstes und des Aberglaubens.
Dieser Nachdruck auf den Dualismus von Tatsachen und Entscheidungen bestimmt auch unsere Einstellung zu Ideen wie der Idee des »Fortschrittes«. Wenn wir glauben, daß die Geschichte fortschreitet oder daß wir selbst fortschreiten müssen, dann begehen wir denselben Fehler wie ein Mensch, der die Geschichte für sinnvoll hält und der glaubt, daß sich dieser Sinn in ihr entdecken läßt und ihr nicht verliehen zu werden braucht. Denn fortschreiten heißt sich auf ein bestimmtes Ziel zu bewegen, auf ein Ziel, das für uns als menschliche Wesen besteht. »Die Geschichte« kann dies nicht tun; nur wir, die menschlichen Individuen, können es tun; wir können es tun, indem wir jene demokratischen Institutionen verteidigen und stärken, von denen die Freiheit und mit ihr der Fortschritt abhängt. Und wir werden es viel besser tun, sobald wir einmal die Tatsache besser erkannt haben, daß der Fortschritt bei uns liegt, daß er abhängt von unserer Wachsamkeit, von unseren Anstrengungen, von der Klarheit, mit der wir unsere Ziele vorstellen, sowie auch vom Realismus unserer Wahl.
Statt als Propheten zu posieren, müssen wir zu den Schöpfern unseres Geschicks werden. Wir müssen lernen, unsere Aufgaben zu erfüllen, so gut wir nur können, und wir müssen auch lernen, unsere Fehler aufzuspüren und einzusehen. Und wenn wir einmal von der Idee abgekommen sind, daß die Geschichte der Macht unser Richter sein wird, wenn wir nicht mehr von der Frage besessen sind, ob uns die Geschichte wohl rechtfertigen wird, dann wird es uns vielleicht eines Tages gelingen, die Macht unter unsere Kontrolle zu bekommen. In solcher Weise könnten wir sogar die Geschichte rechtfertigen. Sie hat eine solche Rechtfertigung dringend nötig.
Quelle: Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten, Bern-München: Francke, 61980.