Wider die falsche Prophetie der Gottesrede
Von Albrecht Grözinger
Triggerwarnung: Dieser Text ist polemisch und versucht zugleich, sachlich zu sein. Wer Polemik nicht mag, muss ja nicht weiterlesen. Aber irgendwie ging es mir wie einst Karl Barth in seinem hochpolemischen Beitrag „Quousque tandem“ aus dem Jahre 1930: „Unter Außerachtlassung aller professoralen Umständlichkeit, Rücksicht und Vorsicht möchte ich dazu folgendes sagen…“ – Also:
Ein Gespenst geht um im deutschsprachigen Protestantismus. Das Gespenst der Gottvergessenheit. Namhafte Kolleginnen und Kolleginnen in Universität und Kirche warnen davor. Ein „Forum Kirche und Theologie“ hat sich aus diesem Grund konstituiert, auf dessen Website (https://www.forumkth.net) an prominenter Stelle ein Artikel mit dem Titel „Die evangelische Kirche hat Gott vergessen“ abgerufen werden kann. Den Artikel haben die beiden Theologieprofessoren Günter Thomas (Bochum) und Ralf Frisch (Nürnberg) sowie die Pröpstin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Henriette Crüwell verfasst. „Gottvergessenheit“ – das klingt so schlimm wie „Seinsvergessenheit“ (Martin Heidegger) oder „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács). Nun hat Georg Wilhelm Friedrich Hegel bei Gelegenheit bemerkt, alle historischen Ereignisse ereigneten sich sozusagen zweimal, und Karl Marx ergänzte dazu: Er vergaß, hinzuzufügen – das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Nun mag das von Marx und Engels benannte Gespenst des Kommunismus wohl als Tragödie in die Geschichte eingegangen sein. Ist das jetzt benannte Gespenst der Gottvergessenheit dann die Farce? So weit möchte ich nicht gehen. Aber ich denke, dass wir es bei diesem Gespenst mit einer Chimäre zu tun haben, und möchte diese meine Wahrnehmung im Folgenden begründen.
Der Kollege Günter Thomas aus Bochum hat zur Verabschiedung meines geschätzten Schweizer Kollegen Matthias Zeindler aus seiner aktiven akademischen Tätigkeit im November einen Vortrag gehalten. Der Chefredakteur von „Zeitzeichen“ Reinhard Mawick hat in seinem Facebook-Account einen Ausschnitt aus dieser Rede publiziert. Dieser Ausschnitt ist für mich ein sehr schönes und komprimiertes Dokument dessen, was ich als „falsche Prophetie der Gottesrede“ bezeichne. Er ist hoch polemisch, was ich gar nicht kritisiere. Aber ich kritisiere, dass diese Polemik die zur Rede stehenden Sachverhalte mehr verdunkelt als erhellt.
Aber zunächst einmal der Ausschnitt aus der Rede: „Sie (gemeint ist mein geschätzter Kollege Zeidler) wagen Gott. Nicht den Gott, der in uns allen ist und eine schöne Seele macht. Nicht den Gott, der Chiffre eines Grundes oder Symbol der Kontingenzbewältigung ist. Nicht den Gott, der ganz in unseren Händen liegt. Sie wagen tatsächlich den lebendigen Gott. Den Gott, der uns gegenübertritt, rettend, richtend, tröstend, gnädig, aufrichtig und aufrichtend. Da ist jemand, der sagt: „Ich bin bei Euch, bis an der Welt Ende.“ Jemand. Nicht es, eine vage Kraft, ein Grund, ein Prinzip, auch keine neumodische „Geistkraft“. Jemand.
Und natürlich. So manche Schlaumeier nuscheln und tuscheln: Metaphysik, igitt. Andere fühlen sich berufen, mit strengem und tadelnd-belehrenden Blick zu sagen: Das ist frömmelnd, wissenschaftlich unangemessen. Quasievangelikal und irgendwie charismatisch, oder gar: populistisch. Theoriefrei assoziiert. Jenseits der Helden Schleiermacher, Tillich und Barth, Sölle und Elizabeth Schüssler Fiorenza und Judith Butler.
Wieder andere meinen: Den, ja den, den Gott, den haben wir dekonstruiert. Wir sind nun antimetaphysisch unterwegs. Der Himmel ist weggewischt. Und das letzte Gericht vollziehen wir. Mal ehrlich: Mehr als das moralische Subjekt geht heute nicht mehr. Nirgendwo. Vielleicht noch im kirchlichen Kindergarten, vielleicht bei den Ultras in der Rechtskurve, aber nicht in der Kirchenleitung und auch nicht im theologischen Seminar an Universitäten. So die Stimmen gegenüber den Gott Wagenden.“
Falsche Prophetie der Gottesrede nenne ich das – und ich möchte das jetzt gerne im Einzelnen begründen.
Falsche Prophetie der Gottesrede arbeitet mit Verzerrungen und falschen Gegensätzen:
Von Gott als Chiffre der Mitmenschlichkeit hat mein Mainzer Lehrer Herbert Braun geredet in einem Aufsatz, in dem er minutiös nach einer möglichen tragenden Mitte der Vielstimmigkeit neutestamentlicher Zeugnisse fragt. War das so falsch? Vom Gott als „Grund des Seins“ hat Paul Tillich in seinen Veröffentlichungen und vor allem in seinen Predigten gesprochen. War er dabei nicht auf der Suche nach dem „lebendigen Gott“, an den Günter Thomas zu Recht erinnert? Von dem Potential des Christentums als „Kontingenzbewältigung“ hat vor allem der (im Übrigen philosophisch und theologisch eher konservativ orientierte) Philosoph Robert Spaemann gesprochen und dabei an das Trostpotential von Bibel und seelsorgerlicher Praxis erinnert. Hat das in der Sprache der Soziologie Gesagte an dem vorbei gesprochen, was Martin Luther als die Consolatio des Wortes des lebendigen Gottes entfaltete?
Falsche Prophetie der Gottesrede arbeitet mit vereinfachenden Schlagworten:
„So manche Schlaumeier nuscheln und tuscheln: Metaphysik, igitt.“ Nun ja, zu diesen Schlaumeiern gehört dann wohl doch auch ein gewisser Jean Calvin, der in seiner Institutio Christianae Religionis gerade der mittelalterlichen Metaphysik die Kraft dazu absprach, die Lebendigkeit Gottes zur Anschauung zu bringen. Und in seinen späten Gefängnisbriefen fordert Dietrich Bonhoeffer angesichts des Grauens der nationalsozialistischen Verbrechen den „zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik“ definitiv den Abschied zu geben. Verbunden ist für ihn damit die Suche nach einer neuen Sprache der Gottes-Rede. Interessanterweise war es ja gerade der vom Theologieprofessor zum Papst gewordene Joseph Ratzinger, der in seiner berühmt gewordenen Regensburger Vorlesung dem Protestantismus den grundsätzlichen Vorwurf machte, das Evangelium und die klassische Metaphysik entkoppelt zu haben. Erhält er jetzt dazu nachträglich den Beifall eines protestantischen Bochumer Theologieprofessors?
Falsche Prophetie der Gottesrede verzeichnet die Anliegen, die sich hinter bestimmten Begriffen verbergen:
Dazu gehört in der Rede von Günter Thomas prominent der Begriff des „Dekonstruieren“. Gott dekonstruieren – das erscheint irgendwie unanständig – so ein bisschen „igitt“ eben. Doch woher kommt dieser Begriff und was meint er? Der Begriff ist eng mit der Hermeneutik von Jacques Derrida verbunden, von der ich – ich gestehe es frei – sehr, sehr viel gelernt habe. Er hat die Hermeneutik Hans-Georg Gadamers um wesentliche Elemente erweitert. Haben wir bei Gadamer gelernt, dass Verstehen ein Prozess des Verschmelzens von Verstehens-Horizonten ist, so erinnert uns Derrida daran, dass in jedem Verstehensprozess Horizonte immer auch neu entstehen und auseinandertreten. Texte sind vielstimmig, sie enthalten immer mehr, als wir verstehen. Und jedes Verstehen „dekonstruiert“ vorgängiges Verstehen. Man kann das sehr schön an der Entstehung des biblischen Kanons selbst sehen. So haben Matthäus und Lukas die Gottes-Rede des Markus „dekonstruiert“ – und in diesem Prozess ist dann die Gottes-Rede der beiden neuen Evangelien entstanden, der kurz später kühn dekonstruierend Johannes noch seine Form der Gottes-Rede an die Seite stellte. Es ist alles andere als ein Zufall, dass Derrida seine Theorie der Dekonstruktion vor dem Hintergrund der Hermeneutik der jüdischen Tradition der talmudischen Kontroverstheologie entwickelt hat. Ohne Dekonstruktion und Vielstimmigkeit keine authentische Rede von der Lebendigkeit Gottes.
Falsche Prophetie der Gottesrede arbeitet mit Untergangsszenarien:
Nimmt man die Worte des Kollegen Thomas ernst, dann wird in „der Kirchenleitung“ und in „im Seminar an den theologischen Fakultäten“ (mit Ausnahme natürlich des theologischen Seminars in Bochum, nehme ich mal an) „der Himmel weggewischt“ und der Endsieg des „moralischen Subjekts“ ausgerufen sowie die „Gott-Wagenden“ mundtot gemacht. Nun ich habe mir die Mühe gemacht, mir einige Weihnachtspredigten evangelischer Bischöfinnen (und sie gehören nun ja Gott sei Dank zu „unseren Kirchenleitungen“!) zu lesen. Ich habe da viel von Gott-Wagen und authentischer Gottes-Rede vernommen. Ja – ich gestehe es – diese Predigten haben mich berührt. Und was ich in Diskussionen mit Theologiestudierenden, die sich auf ein Pfarramt unter sehr viel schwierigeren Umständen als zur Zeit meiner Generation vorbereiten, an Engagement und theologischer Leidenschaft vernehme, dass lässt mich durchaus getrost in die Zukunft blicken. Irgendwie lebe ich in einer anderen Welt als mir die Untergangsszenarien nahelegen wollen.
Gibt es ein Fazit?
Zunächst einmal: Gewiss gibt es Beispiele, und wohl sogar nicht wenige, die der Kollege Thomas als Grund und Anlass für seine Polemik anführen kann. Das will ich gar nicht bestreiten. Was mich stört, sind die plakativen und pauschalen Entgegensetzungen, die der differenzierten Wirklichkeit nicht gerecht werden: Hier die Himmelswegwischer – dort die authentische Gottesrede; hier die blanken Moralisten – dort die Gott-Wagenden, etc.
Die Realität sieht doch ganz anders aus. Einer meiner Mainzer neutestamentlichen Lehrer und späterer Kollege Otto Böcher, der sicher eher dem konservativen theologischen Spektrum zuzuordnen ist, hat gegenüber evangelikal orientierten Studierenden in seinen Vorlesungen immer wieder gerne gesagt: Der liebe Gott hat nun einmal entschieden, dass wir sein lebendiges Wort immer nur in unseren zerbrechlichen menschlichen Worten haben können. Gottes-Rede ist immer menschliche Rede – mit all den Gefahren von Abstürzen. Die homiletische Welt lässt sich nicht einfach in Himmelswegwischer und Gott-Wagende aufteilen. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist ein Satz, den die Mit-Autorin des „Die evangelische Kirche hat Gott vergessen“-Artikels sagte. Als sie gefragt wurde, wie sie denn einem fünfjährigen Kind erkläre, was der Heilige Geist sei, hat sie geantwortet: „Der ist dann da, wenn sich Kinder beim gemeinsamen Spiel richtig freuen“. Ich finde das gar keine so schlechte Antwort. Man kann sich sicher auch andere Antworten denken. Und so kann meine kleine Polemik sogar einen versöhnlichen Ausgang finden. Isoliert betrachtet wäre ein solcher Satz natürlich ein wunderschönes Beispiel für „Himmel-Weg-Wischen“ oder „Metaphysik – igitt!“. Aber wie gesagt: In den Niederungen unserer menschlichen Sprache angekommen – gerade so sehen die tastenden Versuche unserer menschlichen Gottesrede aus. Oder wie ein Anderer aus fernen Zeiten in seiner Sprache und seinem Denk-Duktus gesagt hat: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ (Karl Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922).