Hans Wallhof über die Freude: „Sie ist die große Hochzeit des Geistes. Freude ist die Harmonie, die alle Grundstimmungen des Menschen und alle Erlebnisse der Tage zum Einklang bringt und die sogar Gott in das Spiel des Lebens einzubeziehen vermag und ihn als liebenden und fröhlichen Partner erahnt. Freude ist eine wunderbare Ruhe und eine quicklebendige Unruhe zugleich. Freude fängt das Schweigen ein und macht sprachlos und flirtet zugleich mit vielen Worten, um das Unsagbare in die Sinne zu bringen. Die Freude verwandelt sich immerfort: wohltuendes Licht, bergende Dunkelheit; verheißungsvolle Dämmerung.“

Freude

Von Hans Wallhof SAC

Freude ist ein Phänomen des Geistes und des Herzens, wie man die Wesensmitte eines Menschen zu nennen pflegt, zugleich aber auch ein körperliches Erlebnis. Freude ist ein Ereignis des Denkens und Wollens, aber auch der inneren Schwingungen und der körperlichen Sphäre. Freude ist ein harmonisches Zusammenspiel aller menschlichen Bereiche und ein gelöster Ausdruck des Lebens überhaupt.

1. Freude ist göttlichen Ursprungs. Sicherlich kann man alles in unserem Leben auf Gott, den Urheber allen Lebens, beziehen, doch besteht bei der Freude eine begründete und bevorzugte Verbindung zu Gott. Wohl die wichtigste Aussage über den Gott unseres Glaubens steht im ersten Johannesbrief: Gott ist die Liebe (1 Joh 4,8). Schon die Vätertradition der ersten Jahrhunderte folgerte, daß die Freude immer eine Schwester der Liebe ist. Gott ist darum auch der Ursprung der Freude. Gott ist Gemeinschaft. Er ist ein ständiges Wir. Darum ist Gott in seinem Wesen Liebe. Weil diese Liebe vollkommen ist, muß sie auch Freude sein. In Gott fallen Freude und Liebe zusammen. Christentum ist von seinem Selbstverständnis her eine Religion der Liebe und der Nächstenliebe, also ist Christentum auch eine Religion der Freude. Im Brief an die Galater (5,22) werden uns als Frucht des Geistes aus Gott Liebe und Freude genannt. Schließlich verheißt Jesus uns allen: „Ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude“ (Joh 16,22). Bedeutend ist auch die biblische Tatsache, daß die Engel der Weihnacht den Hirten eine übergroße Freude verkünden. Die erste Kunde von Jesus, dem Gott unter uns, ist Freude. Mit Recht konnte Paul VI. folgern: „Die Freude ist die Grundlage unserer letzten und höchsten Botschaft: Christus ist die Freude.“

2. Freude ist biblisch begründet. Im Alten Testametn finden sich über zweihundert Aussagen über die Freude. Es werden die Freuden des Lebens genannt (Arbeit, Frau, Essen, Wohlergehen, Wein, Ernte, Anmut, Verliebtsein, Freundschaft, Geschlechtlichkeit, Kinder, Tanz, Wohlwollen, Gesundheit), aber auch die Freuden aus dem Bund mit Gott (Kult, Gotteslob, Psalmen, Feste, Werke Gottes, Gotteserfahrung, Machttaten Gottes), schließlich auch die Freude aus der persönlichen Treue Gott gegenüber und die sogenannten endzeitlichen Freuden im himmlischen Jerusalem. Das NT stellt in über einhundert Versen die Freude in den Mittelpunkt der Aussagen. Gott geht in Jesus Christus endgültig unter die Menschen und nimmt uns so in den Kreislauf seiner eigenen Liebe. Was immer geschehen mag, wir sind für alle Zeiten und Ewigkeiten mit Gott verbunden. Diese Botschaft der Freude geht über alle Maßstäbe hinaus. Sie ist maßlos. Sie überhöht auch die Grenzen aller Tage des irdischen Lebens. Sie ist die Seligkeit und die Vollendung. Nicht ohne Grund heißen die vier Bücher über das Leben Jesu Evangelien, Botschaften der Freude.

3. Freude ist kirchlich eingebettet. Liturgie und Gesang, kirchliche Feste und Bräuche der Frömmigkeit sind für viele Menschen Quellen und Aussagen der Freude. Wenn auch im Lauf der Kirchengeschichte oft die spontanen Äußerungen der Freude durch Verordnungen und Gesetze kanalisiert, wenn nicht gar reglementiert wurden und wenn auch Bilderstürmer und Reformer aller Zeiten die Freude der Gläubigen an Licht und Farben, an Gewändern und Schmuck, an Weihrauch und sinnenfreudigen Gesten vermiesen und mit dunklen Schleiern verhängen wollten, haben wir seit dem Osterereignis der Auferstehung, dieser tanzenden Sonne der Freude, allen Grund und auch das volle Recht, unser Leben und unseren Glaubensvollzug als Zeichen der Freude anzunehmen und auf- zufüllen. Nicht ohne Grund war im Mittelalter bis hinein in die Zeit des Spätbarocks der Osterwitz (risus paschalis) auf der Kanzel vorgeschrieben, nicht nur des spontanen Lachens wegen, sondern als tröstende und tragende Freude in alle Tränen und Leiden der irdischen Tage. In dieser Freude manifestierte sich das Aufleuchten des Himmels. Auch wenn viele Formen der Freude im öffentlichen Glaubensvollzug zu erstarrten und leeren Formeln verkümmerten, bleiben dennoch gelebter Glaube und Begegnung mit dem Jesus der Bibel und dem Christus der nachösterlichen Zeit Ereignisse und Erfahrungen der Freude. Ein Christentum ohne Freude ist keine Religion und damit keine Rückbindung an Gott mehr, da Gott seinem Wesen von Liebe und Freude nicht untreu werden kann. Mit Recht besteht daher nach G. Bernanos die Aufgabe der Kirche darin, die Quellen der verlorenen Freude wiederzufinden.

4. Freude ist personales Ereignis. Blaise Pascal, der große Mathematiker und überzeugte Christ, hinterließ das Wort: „Der Mensch ist für die Freude geboren.“ Freude ist die köstliche Frucht aus vielen Tagen und Erfahrungen. Sie ist das sprudelnde Wohlbehagen des Körpers und die ekstatische Verzauberung der Seele. Sie ist die große Hochzeit des Geistes. Freude ist die Harmonie, die alle Grundstimmungen des Menschen und alle Erlebnisse der Tage zum Einklang bringt und die sogar Gott in das Spiel des Lebens einzubeziehen vermag und ihn als liebenden und fröhlichen Partner erahnt. Freude ist eine wunderbare Ruhe und eine quicklebendige Unruhe zugleich. Freude fängt das Schweigen ein und macht sprachlos und flirtet zugleich mit vielen Worten, um das Unsagbare in die Sinne zu bringen. Die Freude verwandelt sich immerfort: wohltuendes Licht, bergende Dunkelheit; verheißungsvolle Dämmerung. Die Freude hat oft eine lange Geburt: aus Schmerz und Not erwacht sie und erstarkt sogar unter Tränen. Die Freude ist eine Frucht der Liebe, nach Thomas von Aquin sogar deren schönste.

5. Freude ist lebendiger Glaubensvollzug. Gott hat nicht Freude, Gott ist Freude. Nach dieser Erkenntnis hat sich auch der konkrete Glaubensvollzug in Gebet und Meditation, in christlicher Lebenshaltung und vor allem in der persönlichen Zuwendung zum Mitmenschen zu vollziehen. Freude will sich mitteilen und verschenken. Sie kann nicht zu Hause bleiben. Sie springt von Mensch zu Mensch, sie überspringt Länder und Grenzen. Sie spielt auf dem Erdball und besitzt volles Hausrecht bei Gott. Freude will begeistern, eine göttliche Tat. Hier beginnt mit jeder Freude eine wirkliche Gottesbegegnung. Der evangelische Theologe Walter Nigg stellte fest, daß das Herzstück des Evangeliums die Freude ist. Für ein lebendiges Verhältnis zu Gott ist Freude eine wichtige, ja notwendige Grundlage. Nach Paul Claudel haben die Christen einen Auftrag zur Freude: „Lehre sie, daß sie keine andere Aufgabe haben als die Freude.“ Die hl. Elisabeth, eine große Frau des Mittelalters, hatte das verstanden: „Wo man Liebe sät, wächst Freude empor.“ Freude ist mehr als Vergnügen, als bloßes Amüsement, denn letztlich ist Freude Liebe, die wir in Menschen und Dinge tragen und die Gott Menschen und Natur entgegenbringt. Freude ist Ausdruck der Dankbarkeit. Sie ist lebendiger Glaube. Ein Glaube ohne Freude ist nicht denkbar. Freude ist Hoffnung und Zuversicht auf ein ewiges Glück.

Freude ist schließlich der Himmel und das Paradies. Nach der hl. Theresia von Lisieux wird es im Himmel keine gleichgültigen Blicke mehr geben, denn die Freude wird jedem für immer im Gesicht stehen. Freude ist erspürte Gegenwart Gottes, eine Bewußtwerdung Gottes, eine stete Einübung in Gott. Freude besitzt man nicht allein, man muß sie mitteilen. Sie ist immer auch für andere da. Das ist bei Gott so und auch bei uns. Darum gilt für alle Zeiten die Aufforderung aus dem ersten Thessalonicherbrief: „Freuet euch zu jeder Zeit“ (5,16). Freude ist lachendes Gebet, das Gott immer erreicht, zugleich aber eine Eintrittskarte ins Paradies.

LITERATUR: A. Greeley, Eine Zukunft, auf die man hoffen kann (Olten 1971); ders., Was am Christentum wesentlich ist (Graz 1977); G. Kranz, Das göttliche Lachen (Würzburg 1970); G. Heinz-Mohr, Sermon, ob der Christ etwas zu lachen habe (Offenbach 1965); Ph. Bosmans, Vergiß die Freude nicht (Freiburg 431988).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 407-411.

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