Hans Thimme, ‚Gut‘ in der Bibel: „Der Begriff des Guten ist nach biblischem Sprach­gebrauch also theonom bestimmt und innerweltlicher Verfügbarkeit entnommen. Das steht in entscheiden­dem Gegensatz zum Sprachgebrauch und zur Vor­stellungswelt des griechischen Humanismus, inner­halb dessen das Gute eine Idee darstellt, die Wert und Wesen in sich selber hat und der Bezogenheit auf Gottes besondere Offenbarung ermangelt.“

Gut‘ in der Bibel

Von Hans Thimme

„Das sei aber den Einfältigen gesagt, …daß man Gott alleine trauen und sich eitel Guts zu ihm versehen und von ihm gewarten soll, …Daher auch achte ich, wir Deutschen Gott eben mit dem Namen von alters her nennen (feiner und artiger denn kein andere Sprache) nach dem Wortlein ‚gut‘, als der ein ewiger Quellbrunn ist, der sich mit eitel Güte übergeußt und von dem alles, was gut ist und heißet, ausfleußt.“ (Luther, Großer Katechismus, Erklärung zum 1. Gebot.)

Wie auch immer es um die sprachliche Herkunft der beiden Worte „Gott“ und „gut“ bestellt sein mag, — die Sprachforschung ist der Meinung, daß sie ursprünglich keine Beziehung zueinander haben, — so wird uns doch das theologische Anliegen, das Luther zum Ausdruck bringen will, aus der Heiligen Schrift mehrfach bezeugt: Gott hat es mit dem Guten zu tun. Alles was gut heißt, hat in ihm seinen alleinigen Grund. Gott ist der Gute schlecht­hin. So bezeugen es anbetend die Psalmen. „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich (hebr. gut), und seine Güte (hebr. Gnade) währet ewiglich“ (Ps. 118,1ff). „Der Herr ist gut und fromm“ (Ps. 25,8). „Du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen“ (Ps. 86,5; vgl. 1.Chr. 16,34; 2.Chr. 5,13). Ja, „niemand ist gut, denn der einige Gott“, bezeugt Jesus gegen­über dem Menschen, der an ihn mit der Anrede „guter Meister“ herantritt und damit die Bezeichnung „gut“ von der alleinigen Bezogenheit auf Gott zu lösen scheint (Mt. 19,16).

Indem das Gutsein aber Gottes eigentliches Wesen ausmacht, ist es zugleich dem eigen, was von Gott her sein Leben und Wesen hat. In das Gutsein Gottes ist auch all das miteingeschlossen, was mit Gott zusammengehört und von ihm aus- geht. Damit ist die Schöpfung gut, die aus seiner Hand hervorgeht. Gott sieht jedes seiner Werke an und siehe, alles ist sehr gut (1.Mose 1). „Das Wort des Herrn ist gut“ (Jes. 39,8). Der Geist des Herrn ist ein guter Geist (Ps. 143,10). Auch das Gesetz, welches Gott erläßt, ist heilig, recht und gut (Röm. 7,12.16; 1.Tim. 1,8), wie auch immer es sich auf die darunter stehenden Menschen­kinder auswirken mag. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, näm­lich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Mi. 6,8). Gott führt sein Volk durch eine Geschichte gnädiger Heimsuchung. Darin erweist er sich immer als der Gute, wenn auch der Augenschein und die Erfahrung dagegensprechen mögen: „Ihr gedachtet’s böse mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen, daß er täte, wie es jetzt am Tage ist, zu erhalten viel Volks“ (1.Mose 50,20). „Jethro aber freute sich all des Guten, das der Herr Israel getan hatte, daß er sie errettet hatte von der Ägypter Hand“ (2 Mose 18,9; vgl. 4.Mose 10,24ff). Zusammenfassend be­zeugt Jak.: „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei welchem ist keine Verände­rung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis“ (Jak. 1,17).

So gewiß aber Gott der Gute ist und an seinem Gutsein dem Anteil gibt, was von ihm ausgeht und mit ihm Verbindung hat, so gewiß steht das Gute nicht in der Verfügung der Menschen. Die tiefsinnige Erzählung davon, daß Gott den Menschen keinen Zugang zum Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegeben hat und daß es gerade die Schlange ist, die den Menschen dazu verführen will — „welches Tages ihr davon esset, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist“ (1.Mose 2,17; 1.Mose 3,5) — verweist darauf, daß das Gute nicht in die Verfügbarkeit menschlichen Erkennens und menschlichen Handelns gelegt ist. Die Menschen sind eben nicht in sich selber gut. „Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht“ (Röm. 7,18). „Sie sagen, sie erkennen Gott; aber mit den Werken verleugnen sie es, sintemal sie es sind, an welchen Gott Greuel hat, und gehorchen nicht und sind zu allem guten Werk untüchtig“ (Tit. 1,16).

Der Begriff des Guten ist nach biblischem Sprach­gebrauch also theonom bestimmt und innerweltlicher Verfügbarkeit entnommen. Das steht in entscheiden­dem Gegensatz zum Sprachgebrauch und zur Vor­stellungswelt des griechischen Humanismus, inner­halb dessen das Gute eine Idee darstellt, die Wert und Wesen in sich selber hat und der Bezogenheit auf Gottes besondere Offenbarung ermangelt.

Die Besonderheit des biblischen Sprachgebrauchs wird dadurch nicht aufgehoben, daß auch in der Heiligen Schrift gelegentlich das Gute in einem Zusammenhang erscheint, der dem ausschließlich theonomen Bezug zu widersprechen scheint. Wenn es in der Bergpredigt heißt, daß Gott seine Sonne aufgehen läßt über die Guten und über die Bösen (Mt. 5,45), wenn in dem Gleichnis von Baum und Frucht zwischen guten und bösen Bäumen unter­schieden wird (Mt. 7,17), so prägt sich in solchen Redewendungen der unkritisch übernommene Sprach­gebrauch der Umwelt aus, ohne daß dadurch doch der Grundcharakter des biblischen Redens vom Guten aufgehoben würde.

In der Gemeinschaft mit Christus werden auch sündige Menschen wiederum Gott nahegebracht. Um seinetwillen kann dann auch auf sie der Begriff des Guten angewandt werden. So heißt es in 2.Kor. 2,15 von der Gemeinde in Christo: „Denn wir sind Gott ein guter Geruch Christi unter denen, die selig werden, und unter denen, die verloren werden“, entsprechend Eph. 2,10: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen“ (vgl. Kol. 1,10). Die Maria, die sich zu Jesu Füßen setzt und seiner Rede zuhört, hat nach Jesu eigenem Wort „das gute Teil“ erwählt (Lk. 10,42), und der Apostel Paulus betet: „Er aber, unser Herr Jesus Christus, und Gott, unser Vater, der uns hat geliebt und uns gegeben einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung durch Gnade, der ermahne eure Herzen und stärke euch in allerlei Lehre und gutem Werk“ (2.Thess. 2,16f). Der Kampf um Christi willen ist ein guter Kampf (2.Thess. 2,7; 2,3). Das Bekenntnis zu ihm ist ein gutes Bekenntnis (1.Tim. 6,12). Die Werke, die in seiner Kraft ge­schehen, sind gute Werke (Mt. 5,16; Tit. 2,14; Hebr. 13,20ff). Das durch Christus getröstete Gewissen ist ein gutes Gewissen (Apg. 23,1; 1.Tim. 1,19; 1.Petr. 3,16). Als gute Haushalter der mancherlei Gnade Gottes stehen die Christen in der Welt (1.Petr. 4,10), führen einen guten Wandel vor den Heiden (1.Petr. 2,12) und sind in allem darauf bedacht, zu prüfen, „welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gottes­wille“ (Röm. 12,2).

Um Christi willen sind die Menschen in den Be­reich des göttlichen Guten neu hineingezogen, aber auch jetzt nicht so, als ob sie nun ihrerseits darüber verfügen und sich damit brüsten könnten, sondern so, daß das ihnen zugeeignete und unter ihnen er­möglichte Gute zum Lobpreis Gottes dient und, wie von Gott stammend, so auf ihn zurückverweist. „Laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt. 5,16; vgl. 1.Petr. 4,11: …als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes … auf daß in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesum Christum).

Obschon die Gläubigen bereits in dieser Zeit in das Gutsein Christi mit hineingenommen sind und zu seiner Nachfolge ungehalten werden, so voll­zieht sich ihr Wandel doch auf eine höchst unvoll­kommene Weise: die Vollendung ist noch nicht er­reicht, sondern kommt erst am Ende des Weges. Dem Begriff „gut“ eignet insofern ein Moment eschatologischer Spannung. In diesem Sinne werden im Hebr. die Güter, die Christus bringen wird, als zukünftige Güter bezeichnet (9,11; 10,1), und schon in der Botschaft der Propheten erscheint die Verheißung des Guten als die messianische Bot­schaft vom Heil der Endzeit: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König“ (Jes. 52,7; vgl. Jer. 32,42). Die eschatologische Span­nung, die über dem Begriff des Guten liegt, wird um so deut­licher, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr der in Christus vollzogene Anbruch der guten Gottes­wirklichkeit während dieser Weltzeit im Widerspruch zu all dem Bösen steht, das den Herrschaftsbereich des Fürsten dieser Welt bestimmt. Noch sind die Verheißungen nicht erfüllt, die davon künden, daß „die den Herrn suchen, keinen Mangel haben an irgendeinem Gut“ (Ps. 34,11) und daß er kein Gutes mangeln lassen will den Frommen (Ps. 84,12). Im Raum dieser Welt wird zeitlebens ein Zwiespalt bestehen zwischen dem Gott, der gütig und gnädig ist, und der durch Tod und Sünde be­stimmten Wirklichkeit. Darum werden die Gläubigen ermahnt, getrost zu sein in der Hoffnung auf die Vollendung am Jüngsten Tage. „Laßt uns aber Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne Aufhören“ (Gal. 6,9).

Gottes Gutsein und Güte, die im Gesamtbereich der Schöpfung und Heilsgeschichte offenbar werden und durch der Menschen Abfall nicht aufgehoben werden, finden in Jesus Christus mitten in dieser bösen Welt Vollendung. Durch ihn wird der Gläubige in das Gutsein Gottes hineingerufen, mit gutem Gewissen beschenkt und zu gutem Werk verordnet. Am Ende erhält er Anteil am Gut der ewigen Seligkeit. So verstanden bildet der Begriff des Guten, wie er in der Bibel verwandt wird, einen Schlüssel zum Verständnis des Heilshandelns Gottes am sündigen Menschen durch Jesus Christus.

Quelle: Biblisch-theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Übersetzun­gen, hrsg. v. Edo Osterloh und Hans Engelland, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 21959, 232f.

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. „Die tiefsinnige Erzählung davon, daß Gott den Menschen keinen Zugang zum Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegeben hat und daß es gerade die Schlange ist, die den Menschen dazu verführen will — „welches Tages ihr davon esset, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist“ (1.Mose 2,17; 1.Mose 3,5) — verweist darauf, daß das Gute nicht in die Verfügbarkeit menschlichen Erkennens und menschlichen Handelns gelegt ist.“ – So heißt es in dem Aufsatz. Aber dabei wird eines – sicherlich mit Absicht? – vergessen: Die Geschichte geht weiter. Und die Menschen essen von dem Baum und erkennen nunmehr gut und böse. Das ist eine grundlegende Überschreitung dessen, was wir Menschen können – aber es ist eben, nachdem es nun einmal geschehen ist, unvermeidlich. Wir müssen gut und böse unterscheiden, auch wenn wir es nicht können. Freilich haben wir dazu Hilfen, Erklärungen, Geschichten – und nicht zuletzt auch unseren Verstand und das, was man „moralischen Instinkt“ nennen könnte, auch wenn beide uns eigenen Unterscheidungsinstrumente nicht zuverlässig und schon gar nicht autonom sein können, sondern von vielerlei Herkommen, Erfahrungen und auch Interessen geprägt sind.
    Bei all den Schwierigkeiten, die sich da auftun, nun einfach auf eine Art „Antwort auf alle Fragen gibt uns dein Wort“ (man erinnert sich, das war ein Heilsschlager aus den sechzigern oder siebzigern) ist zu einfach – und führt auch nicht dazu, dass man nun weiß, was denn das Gute sei.

Hinterlasse einen Kommentar