Das Evangelium in der hohen Christmesse (Johannes 1,1-14). Auszüge aus der Kirchenpostille von 1522
Von Martin Luther
Dieses ist das höchste Evangelium unter allen, doch nicht, wie einige meinen, finster oder schwer, denn hier ist der hohe Artikel von der Gottheit Christi aufs allerklarste gegründet.
Daß nun dieses Evangelium auch klarer und lichter werde, müssen wir hinter uns ins Alte Testament laufen an den Ort, darauf dieses Evangelium sich gründet. […] Aus dem Text des Mose folgt und läßt sich klar erschließen, daß Gott ein Wort habe, durch welches er sprach, ehe denn alle Kreaturen gewesen sind, und dasselbe Wort mag und kann keine Kreatur sein, weil alle Kreaturen durch das Sprechen desselben göttlichen Wortes erschaffen sind, wie der Text des Mose klar und gewaltig zwingt, da er sagt: Gott sprach: Es werde Licht, und es ist worden ein Licht.
Ist das Wort vor allen Kreaturen gewesen und alle Kreatur durch dasselbe geworden und geschaffen, so muß es ein anderes Wesen sein als die Kreatur ist und ist nicht geworden oder geschaffen wie die Kreatur. So muß es ewig sein und keinen Anfang haben. Denn da alle Dinge anfingen, da war es schon zuvor da und läßt sich nicht in der Zeit noch Kreatur begreifen, sondern schwebt über Zeit und Kreatur, ja Zeit und Kreatur werden und fangen dadurch an. So ist das unwidersprechlich: Was nicht zeitlich ist, das muß ewig sein, und was keinen Anfang hat, muß nicht zeitlich sein, und was nicht Kreatur ist, muß Gott sein. Denn außer Gott und Kreatur ist nichts oder kein Wesen.
Es kann das Wort, und der es spricht, nicht eine Person sein, denn es reimt sich nicht, daß der Sprecher selbst das Wort sei … Gott sprach, so daß Gott und sein Wort zweierlei sein müssen. […]
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das ist der Anfang, da die Kreaturen ihr Wesen angefangen haben. Sonst ist kein Anfang zuvor gewesen; denn Gott hat nicht angefangen zu sein, sondern er ist ewig. So folgt, daß das Wort auch ewig ist, weil es nicht angefangen hat im Anfang, sondern es war schon im Anfang, sagt hier Johannes.
Und das Wort war bei Gott. […] Aber er scheidet hier die Personen klar, daß eine andere Person sei das Wort als der Gott, dabei es war. […] Und ist wohl darauf zu achten, daß der Evangelist hart dringt auf das Wort ‚bei‘; denn er wird’s noch einmal sagen, daß er ja klar den Unterschied der Personen ausdrücke, um der natürlichen Vernunft und den zukünftigen Ketzern zu begegnen.
Aber die Wahrheit des christlichen Glaubens geht mitten hindurch, lehrt und bekennt die unvermischte Person und unzerteilte Natur. Eine andere Person ist der Vater als der Sohn, aber er ist nicht ein anderer Gott. Wenn das die natürliche Vernunft auch nicht begreift, ist das recht. Der Glaube soll’s allein begreifen. Natürliche Vernunft macht Ketzerei und Irrtum, Glaube lehrt und hält die Wahrheit; denn er haftet an der Schrift, die trügt und lügt nicht.
Und Gott war das Wort. Weil nicht mehr als ein Gott ist, so muß wahr sein, daß Gott selbst dies Wort sei, das im Anfang gewesen ist vor allen Kreaturen.
V.2: Das war im Anfang bei Gott. Bei Gott war es, und doch war Gott das Wort. Sieh, so ficht der ‚Evangelist nach beiden Seiten, daß beides wahr sei, Gott sei das Wort, und das Wort sei bei Gott, eine Natur göttlichen Wesens und doch nicht eine Person allein und eine jegliche Person völlig und ganzer Gott im Anfang und ewiglich. Das sind die Sprüche, darinnen unser Glaube gegründet ist, daran wir uns auch halten müssen, denn es ist ja für die Vernunft viel zu hoch, daß drei Personen sein sollen, und eine jede sei vollkommen und der ganze ein Gott, und seien doch nicht drei Götter, sondern ein Gott.
V.4: In ihm war das Leben. Diesen Spruch ziehen sie gemeiniglich in das hohe Spekulieren und das schwere Verständnis von den zweierlei Wesen der Kreatur.
Wie man nun Christi Wort auslegt, da er sagt: Ich bin das Leben, also soll man dies auch auslegen, gar nichts von dem Leben der Kreaturen in Gott auf philosophisch, sondern wiederum wie Gott in uns lebe und seines Lebens uns teilhaftig mache, daß wir durch ihn, von ihm und in ihm leben.
Ja, das natürliche Leben ist ein Stück vom ewigen Leben und ein Anfang, aber es nimmt durch den Tod sein Ende, darum daß es nicht erkennt und ehrt den, von dem es herkommt. Dieselbe Sünde schneidet es ab, daß es muß sterben ewiglich. Wiederum, die da glauben und erkennen den, von dem sie leben, sterben nimmermehr, sondern das natürliche Leben wird gestreckt ins ewige Leben.
Daß aber der Evangelist sagt: In ihm war das Leben, nicht: In ihm ist das Leben, als rede er von vergangenen Dingen, muß man nicht beziehen auf die Zeit vor der Welt oder des Anfangs, – denn er spricht hier nicht: Im Anfang war das Leben in ihm, wie er kurz zuvor sagt von dem Wort, das im Anfang bei Gott war -, sondern man soll es beziehen auf die Zeit des Lebens oder Wandels Christi auf Erden, da das Wort Gottes sich gegen den Menschen und unter den Menschen erzeigt hat, denn der Evangelist denkt von Christus und seinem Leben zu schreiben.
Darum muß dies Licht verstanden werden als das wahre Licht der Gnade in Christus und nicht das natürliche Licht, welches auch Sünder, Juden, Heiden und Teufel, die ärgsten Feinde des Lichtes, haben.
Ist es ein Licht der Menschen, so muß es ein anderes Licht sein, denn das im Menschen ist.
Nun siehe die Ordnung der Worte: Er setzt zum ersten das Leben, danach das Licht, spricht nicht, das Licht sei das Leben der Menschen gewesen, sondern wiederum: Das Leben war das Licht der Menschen, darum daß in Christus Grund und Wahrheit ist und nicht wie in den Menschen nur der Schein. […] Daraus folgt nun, daß der Mensch kein Licht habe als Christus, Gottes Sohn in der Menschheit. Und wer da glaubt, daß Christus wahrer Gott sei und das Leben in ihm sei, der wird von diesem Licht erleuchtet, ja auch lebendig. Das Licht erhellt ihn, daß er bleibt, wo Christus bleibt. Denn wie die Gottheit ist ein ewiges Leben, so ist dasselbe Leben auch ein ewiges Licht. Und wie dasselbe Leben nicht mag sterben, also mag dasselbe Licht auch nicht verlöschen. So muß der Glaube in solchem Licht auch nicht verderben. Es ist auch sonderlich wahrzunehmen, daß er das Leben Christus als dem ewigen Wort gibt und nicht als dem Menschen, da er spricht: In ihm (vernimm: dem Wort) war das Leben. Denn obwohl er gestorben ist als ein Mensch, ist er doch allzeit lebendig geblieben; denn das Leben mochte und mag nicht sterben. Darum ist der Tod auch in demselben Leben erstickt und überwunden, so gar, daß auch die Menschheit mußte sobald wieder lebend werden, und dasselbe Leben ist ein Licht der Menschen. Denn wer ein solches Leben in Christus erkennt und glaubt, der geht auch durch den Tod und stirbt nimmermehr, wie droben gesagt ist, denn solches Lebenslicht erhält ihn, daß der Tod ihn nicht anrührt. Obwohl der Leib sterben und verwesen muß, so fühlt doch die Seele denselben Tod nicht, darum daß sie in diesem Licht ist und durch das Licht in dem Leben Christi ganz begriffen. Wer aber das nicht glaubt, der bleibt in Finsternis und Tod.
Siehe … wie gar fern die davon sind, die ein natürliches Licht der Vernunft daraus machen, denn das bessert niemand, ja führt nur weit von Christus weg in die Kreatur und in die falsche Vernunft. Hinein in Christus müssen wir fahren und nicht sehen in die Lichter, die von ihm abgeleitet sind, sondern in sein Licht, daraus die Lichter kommen. Nicht müssen wir dem fließen des Brunnens von dem Brunnen folgen, sondern nach dem Brunnen allein trachten.
V.5: Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. […] Darum laßt uns bleiben bei dem einfältigen Verständnis, das die Worte ungezwungen ergeben: Alle, die da erleuchtet werden mit natürlicher Vernunft, die begreifen das Licht und werden erleuchtet, ein jeglicher nach seinem Maß. Aber dies Licht der Gnaden, das dem Menschen über das natürliche Licht gegeben ist, leuchtet in die Finsternis, das ist unter die blinden und gnadenlosen Menschen der Welt, aber sie nehmen es nicht an, ja, sie verfolgen es dazu.
Und ist merklich wahrzunehmen, daß der Evangelist hier spricht: Das Licht leuchtet, das ist: Es ist offenbar oder gegenwärtig vor Augen in der Finsternis. Aber wer nicht mehr davon hat, der bleibt finster. Gleichwie die Sonne dem Blinden scheint, aber er sieht darum nicht desto mehr. Also ist die Art dieses Lichtes, daß es scheint in Finsternissen, aber die Finsternis wird nicht desto lichter davon. Aber in den Gläubigen scheint es nicht allein, sondern macht sie voll des Lichtes der Gnade.
V.14: Er spricht: Das Wort, das Fleisch geworden ist, habe unter uns gewohnt, das ist: Er ist unter den Menschen auf Erden gewandelt wie ein anderer Mensch, obwohl er Gott ist, dennoch ist er ein Bürger zu Nazareth und Kapernaum geworden.
WA 10 I-1, S. 180-247 (Kirchenpostille, 1522).