Von Odo Casel
Im Mysterienglanz der heiligen Geburtsnacht unseres Herrn singt die Kirche: »Der Logos wurde Fleisch und zeltete unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit wie die des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wirklichkeit« (Joh 1,14; 2. Responsorium der Lesehore). Und an Epiphanie ruft die Braut Ekklesia sich selber durch den Propheten zu: »Auf, werde licht, Jerusalem; denn dein Licht ist da, und die Herrlichkeit des Herrn ist über dir aufgegangen. Finsternis bedeckt die Erde, Dunkel die Völker; über dir aber geht der Herr auf, und seine Herrlichkeit wird in dir geschaut« (Jes 60,1f.; 1. Lesung). Evangelist und Prophet vereinigen sich in der Verkündigung, daß die Herrlichkeit Christi in der Ekklesia geschaut wird; die Liturgie sagt uns, daß es im Mysterium der Weihnacht und der Epiphanie geschieht.
Was bedeutet das? Bedeutet es, daß wir das ewige Licht Gottes schon jetzt schauen, die unfaßbare Herrlichkeit des ewigen Gottes mit den Augen des Geistes (denn an die des Leibes wird man nicht denken) erblicken?
Derselbe Johannes aber sagt uns: »Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es wurde noch nicht offenbar, was wir sein werden; denn wir werden ihn schauen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung hat, der heiligt sich, wie jener heilig ist« (1 Joh 3,2). Also schauen wir noch nicht die ungeteilte und unverhüllte Herrlichkeit Gottes. Johannes aber hat auf Erden jenen Satz geschrieben: »Wir schauten seine Herrlichkeit« (1,14). Und derselbe Johannes sagt von dem Propheten Jesaja, dessen Wort von der Ungläubigkeit dem Kyrios gegenüber habe sich in dem Unglauben der Juden erfüllt. Von ihnen habe er in der Vision gesagt: »Er (Gott) hat ihre Augen geblendet und ihr Herz stumpf gemacht, daß sie nicht sehen mit ihren Augen und in ihren Herzen zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile« (Jes 6,9f.). Und Johannes fährt fort: »Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit schaute, und er sprach von ihm« (Joh 12,40f.), das heißt von Christus. Das Schauen bei Jesaja war nach Johannes also eine Schau Christi, nicht eine Schau der ewigen Glorie Gottes in sich, sondern eine prophetische Schau des kommenden Menschensohnes. Nicht das »unzugängliche Licht« der Gottheit wird geschaut, »das nie ein Mensch geschaut hat noch schauen kann« (1 Tim 6,16) – beachten wir wohl: kein »Mensch«, d. h. ein bloßer Mensch, nicht etwa der vergöttlichte Mensch, der ja kein »Mensch« mehr ist -, sondern die Herrlichkeit Christi, die Herrlichkeit des menschgewordenen Gottessohnes. Deshalb heißt es ja bei Johannes: »Der Logos wurde Fleisch, und wir schauten seine Herrlichkeit.« Das Offenbarwerden der göttlichen Herrlichkeit ist gebunden an die Fleischwerdung des Logos. Der Evangelist erzählt: »Hirten waren in jener Gegend, die Nachtwache hielten und ihre Herde hüteten. Und siehe ein Engel des Herrn stand bei ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie … Und es sprach der Engel zu ihnen: ›Geboren wurde euch heute der Heiland, der da ist Christus Kyrios, in der Davidsstadt. Und dies ist euch Zeichen: ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln eingewickelt ist und in einer Krippe liegt!‹ Und sofort war bei dem Engel eine Menge himmlischer Heerscharen, die Gott lobten und sangen: ›Herrlichkeit in der Höhe Gott und auf Erden Frieden unter den Menschen des Wohlgefallens‹… Sie fanden Maria und Joseph und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, da erkannten sie das Wort, das ihnen von diesem Kinde gesagt worden war« (Lk 2,8-17). Ein merkwürdiges Ineinanderweben von reinster Menschlichkeit und Schwäche und göttlicher Herrlichkeit! Ebenso bei den Magiern: sie kommen, einem Könige zu huldigen, und finden ein kleines Kind, einen Knaben, den sie aber verehren wie einen Gottkönig (vgl. Mt 2,1-12).
Ist es also doch nichts mit der »Herrlichkeit«, die wir nach Johannes, nach den Propheten, nach der heiligen Liturgie an Weihnachten und Epiphanie schauen sollen? Was ist das für eine Herrlichkeit? Eine Höhle auf dem Felde, eine Krippe, ein kleines schreiendes Kind, ein paar arme Leute: Maria, Joseph, die Hirten! Das ist doch wahrhaft menschlich genug!
Und trotzdem sagt Johannes, der untrügliche Evangelist: »Der Logos wurde Fleisch, und wir schauten seine Herrlichkeit!«
Wir müssen also offenbar unser Denken umstellen! Bei »Herrlichkeit« sehen wir Glanz, Pracht, Majestät, Lichterfülle vor uns, oder wir denken an die unendliche Entrücktheit des göttlichen Lichtes der Ewigkeit, das wir uns im Grunde aber auch nach menschlichen Maßstäben und in irdischen Farben ausmalen als etwas unendlich Großartiges, Machtvolles, Geheimnisdunkles, als tiefste Weisheit und Wissenschaft.
Gottes Herrlichkeit aber ist etwas ganz Anderes, unendlich Tieferes und Feineres, alle Macht und Weisheit Überragendes. Paulus hat uns darüber belehrt, indem er den Korinthern, welche die Herrlichkeit der Weisheit und Gnosis suchten, schrieb: »Der Logos vom Kreuze ist denen, die verloren gehen, Torheit, denen aber, die gerettet werden, uns, ist er eine Macht Gottes… Hat Gott nicht die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn da in der Weisheit Gottes durch die Weisheit die Welt Gott nicht erkannte, so beschloß Gott, durch die Torheit der Predigt die Gläubigen zu retten. Denn die Juden suchen Zeichen und die Hellenen Weisheit; wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, den Berufenen aber, Juden und Hellenen, Christus, Gottes Macht und Gottes Weisheit. Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen« (1 Kor 1,18ff.). Auch Paulus redet Weisheit, aber »nicht die Weisheit dieses Aions noch der Fürsten dieses Aions, die zugrunde gehen. Sondern wir reden Gottes Mysterienweisheit, die verborgene, die Gott vor den Aionen zu unserer Herrlichkeit vorherbestimmt hat; die keiner der Fürsten dieses Aions erkannt hat. Denn wenn sie sie erkannt hätten, dann hätten sie nicht den Kyrios der Herrlichkeit gekreuzigt« (1 Kor 2,6ff.).
Hier fällt das entscheidende Wort: der Gekreuzigte ist der Kyrios der Herrlichkeit, der, zu dem wir im Te Deum immer rufen: »Tu Rex gloriae, Christe – Du König der Herrlichkeit, Christus!« Damit haben wir einen ganz neuen Begriff der Herrlichkeit gewonnen. Herrlichkeit ist nicht die Macht dieser Welt, auch nicht die Weisheit und Gnosis dieser Welt. Die Herrlichkeit kommt vom Kreuze. Mit dem Kreuze wird alles geleugnet, was von dieser Welt und ihrer Herrlichkeit ist. Denn das Kreuz richtet und tötet alle Macht, allen Stolz und alle Wissenschaft dieser Welt. Aber gerade dadurch macht das Kreuz den Menschen fähig, die wahre Herrlichkeit, die Herrlichkeit Gottes, zu erkennen und zu gewinnen. So ist denn wahrhaftig der Gekreuzigte der König der Glorie. Denn er besitzt nunmehr die Glorie des Vaters: »Kyrios ist Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters« (Phil 2,11). Wer das bekennt: Kyrios Jesus – d. h. der in Niedrigkeit Mensch gewordene, der ans Kreuz geschlagene Jesus ist der Kyrios, der Herr, der Allmächtige der ist Christ; denn er hat die wahre Gottesherrlichkeit erkannt; er hat erkannt, daß diese Herrlichkeit nichts gemein hat mit der irdischen, menschlichen, selbstischen, stolzen, im Grunde eitlen und nichtigen Größe dieser Welt; daß sie vielmehr aus dem Tode dieser Welt, aus dem Gekreuzigtsein vor dieser Welt hervorgeht. Wer sagen kann: »Ich hänge mit Christus am Kreuze« (Gal 2,19), der schaut die Herrlichkeit Christi. Dies aber ist das tiefste Wesen des Glaubens. Der Glaube sieht nichts von äußerer Herrlichkeit, von weltlicher Wissenschaft; aber er hat die Kraft, durch die scheinbare Niedrigkeit des Kreuzes hindurch die innere Herrlichkeit zu schauen. Der Unglaube sieht nur die Glorie des Fleisches, die Hoffart dieser Welt; denn er hat nur fleischerne Augen. Wer aber das Fleisch ertötet hat, der kommt zum Glauben; er sieht die göttlichen Untergründe; er schaut durch die Geschöpfe hindurch deren göttlichen Quellgrund, der auch den sichtbaren Dingen erst ihre wahre Sinnfülle und Schönheit gibt. So nehmen durch den Glauben auch die äußeren Dinge erst ihre wahre Glorie an. Das Kreuz, die Demut des Glaubens, ist der einzige Weg zur Herrlichkeit Gottes.
Damit ist aber auch die Frage gelöst, die sich uns zu Beginn unserer Überlegung gestellt hat. Wir sehen an Weihnachten und Epiphanie wirklich die Herrlichkeit Gottes, das ewige Licht; denn wir sehen die Glorie durch die Niedrigkeit des Glaubens und daher durch die Niedrigkeit des Fleisches hindurch. »Der Logos wurde Fleisch.« Die Fleischwerdung des Logos war für die Welt der einzige Weg zur Schau der Herrlichkeit. »Alles Fleisch ist wie Gras, all seine Herrlichkeit ist wie eine Wiesenblume«, sagt der Prophet; »der Logos des Herrn aber bleibt in Ewigkeit« (Jes 40,6 u. 8). Weil aber jenes Fleisch sich trotz seiner Hinfälligkeit gegen den Herrn erhob, weil es sich in sich selber rühmte, deshalb erschien Gott in der Niedrigkeit des »Sündenfleisches« (Röm 8,3); er trug unsere Last und unsere Schwäche; er zeigte an sich selbst die Schwäche des Fleisches. Aus dem Bösen schuf er das Gute. Durch die Sünde war die Schwäche über das Fleisch gekommen, die Krankheit, der Tod. Deshalb sandte Gott in seiner Agape seinen Sohn »in der Gleichheit des Sündenfleisches« (Röm 8,3), beladen mit der Last der Sünde und des Todes. Wer aber nun bekennt, daß gerade dieser arme, beladene Mensch, der Mann der Schwachheit, der Kreuztragende, der Kyrios ist: »Kyrios Jesus« (Röm 10,9; 1 Kor 12,3; Phil 2,11), der hat die göttlichen Augen, welche die Herrlichkeit des Kreuzes schauen. Das ist das Paradoxe im Christentum: Herrlichkeit aus Schmach, Leben aus Tod, Licht aus Finsternis. Denn die wahre Herrlichkeit ist die Agape. Gottes innerstes Wesen ist Agape; und seine Macht, seine Weisheit, sein Königtum – all seine Herrlichkeit – hat nur Sinn und tragenden Grund in der Agape. Die tiefste Ursache also, weshalb er seine Herrlichkeit durch die Niedrigkeit offenbarte, ist sein Wesen, d. h. die Agape. Seine Agape ist seine Doxa, seine Herrlichkeit! Deshalb heißt der König der Herrlichkeit zugleich der »Sohn der Agape« (Kol 1,13).
Wir schauen also nicht unmittelbar den Glanz Gottes, sondern durch das Medium seiner Erscheinung im Fleische. Dieses Fleisch ist zunächst wie ein Schleier, ein Vorhang; aber der Vorhang führt zum Allerheiligsten: »Da wir, Brüder, die Zuversicht auf den Eintritt ins Heilige durch das Blut Jesu haben – diesen neuen und lebendigen Weg hat er uns eingeweiht durch den Vorhang, d. h. durch sein Fleisch…« (Hebr 10,19f.). Wie dieser Vorhang uns das Allerheiligste entschleiert, das sagt uns Johannes (1,18): »Gott hat nie jemand geschaut; Eingeborener Gott, der im Schoße des Vaters ist, er hat Kunde gebracht.« Das Fleisch Jesu Christi, seine Menschheit, ist der notwendige Durchgang zum Vater. Seine Krippe, sein Kreuz führen zur Herrlichkeit. Je mehr wir im Glauben seine Niedrigkeit umfassen, desto mehr wird sie transparent und läßt seine Herrlichkeit durchstrahlen, bis schließlich die volle Entschleierung seines Lichtes kommt, wobei die Niedrigkeit umgewandelt wird in Herrlichkeit, das Fleisch zum Logos, zum Kyrios, zum Pneuma wird. Wer das Fleisch Christi ablehnt, der lehnt auch seine Herrlichkeit als des Logos ab; wer die Menschheit Jesu verachtet, der verachtet auch seine Gottheit. Wer sich aber demütig der Menschheit Jesu neigt, wer seine Schmach auf sich nimmt, der sieht im Fleische Jesu den Logos. Das Fleisch ist dann nicht mehr Mittel und Weg – es wird selbst zu Leben und Wirklichkeit.
So ist es denn doch wahr, daß wir schon in dem schwachen Kinde der Krippe die Herrlichkeit Christi schauen und in ihr das Licht Gottes. Von den Hirten zu Bethlehem sagt Ambrosius daher: »Sie eilen hin, den Logos zu schauen. Denn wenn das Fleisch des Herrn geschaut wird, dann wird der Logos geschaut, und das ist der Sohn.«[1] Gerade in der Schwäche offenbart sich Gottes Kraft: »Deshalb ist Jesus schwach geworden für die Schwachen, um die Schwachen zu gewinnen; allen bin ich alles geworden… Verwundet ward er wegen unserer Bosheit und schwach wegen unserer Sünden. Jener ward ein Kind, ein Säugling, damit du ein vollkommener Mann werden könntest; er wurde eingewickelt in Windeln, damit du herausgewickelt werden könntest aus den Netzen des Todes; er lag in der Krippe, damit du am Altäre stehen könntest; er war auf Erden, damit du unter den Sternen seiest; er hatte keinen Platz in der Herberge, damit du viele Wohnungen im Himmel haben könntest. Reich war er und wurde um euretwillen arm, damit sein Mangel euch bereichere. Jene Armut ist mein Reichtum, und die Schwäche des Herrn ist meine Kraft. Er zog es vor, für sich arm zu werden, um für alle reich zu sein. Mich wuschen die Tränen jenes weinenden Kindes ab; jene Tränen haben meine Sünden abgewaschen. Mehr also, Kyrios Jesus, verdanke ich deinen Unbilden, daß ich erlöst bin, als deiner Macht, daß ich geschaffen bin. Es hätte mir nichts genutzt, geschaffen zu sein, wenn ich nicht erlöst worden wäre.«[2] Das ist die Oikonomia des Fleisches, in der sich die Agape Gottes offenbarte, die über alle irdische Herrlichkeit hinausgeht.
»Niemand aber«, so fährt Ambrosius fort, »schließt die ganze Gestalt der Gottheit ein in den Leib. Anders ist die Gestalt des Fleisches, anders die Herrlichkeit der Gottheit. Deinetwegen ist die Schwäche, in sich ist er Macht. Deinetwegen ist die Armut, in sich ist er Reichtum. Betrachte nicht nur, was du siehst, sondern erkenne, daß du erlöst bist. Du siehst mit den Augen, daß er in Windeln liegt; daß er aber im Himmel ist, siehst du nicht … Aus dem Mutterschoß ging er hervor, aber er strahlt im Himmel. In irdischer Herberge liegt er, aber in himmlischem Lichte glüht er auf. Eine Verheiratete gebar ihn, aber eine Jungfrau empfing ihn. Eine Verheiratete empfing ihn, aber eine Jungfrau gebar ihn… «[3] »Wenn du schon in dir selbst dein Sein nicht aus dir, sondern aus Christus beurteilen sollst, wieviel mehr wirst du an Christus nicht das, was dein, sondern was Christi ist, anerkennen?«[4]
Nicht beim Fleische dürfen wir also stehen bleiben; aber den Weg des Fleisches müssen wir mit Jesus gehen, damit wir durch die Demut des Fleisches zur Herrlichkeit der Agape emporsteigen. Beides gehört zusammen, in Christus und in uns. Der Stern des Glaubens muß uns zur Krippe führen; aber in dem Kinde müssen wir Gott anbeten. Ihm bringen wir uns selbst als Geschenk dar, damit er uns vergöttliche. Wer auch in der Epiphanie das Kreuz sieht und umfaßt, den führt der Kyrios zur Glorie. »Wir, die wir die Gnosis aus dem Glauben empfangen haben, wünschen, hingeführt zu werden zur Schau deiner erhabenen Größe« (Tagesgebet an Erscheinung des Herrn).
Quelle: Odo Casel, Mysterium des Kreuzes, Paderborn: Bonifacius, 1954, S. 159-166.
[1] Ambrosius, Lukaskommentar II,53.
[2] AaO. 41.
[3] AaO. 42f.
[4] AaO. 44.