Auslegung von Matthäus 28,16-20
Von Karl Barth
Copyright 1945 by Basler Missionsbuchhandlung G.m.b.H. Printed in Switzerland
Basler Missionsstudien Neue Folge Nr. 17
Die auf den folgenden Seiten gebotene Auslegung ist die Wiedergabe der stenographischen Nachschrift eines im Kreis der Mitarbeiter der Basler Mission am 4. April 1945 gehaltenen Vortrags. Ich habe sie sprachlich und im Blick auf das, was in der nachfolgenden Diskussion dazu gesagt wurde, da und dort auch sachlich überarbeitet. Ich habe sie aber nicht so ausgearbeitet, daß sie mehr als eine Skizze zu sein beanspruchen dürfte.
Die elf Jünger gingen aber nach Galiläa, auf den Berg, wohin ihnen Jesus zu gehen befohlen hatte, und da sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat (an sie) heran, redete und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf der Erde. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker: indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes (und) indem ihr sie lehrt halten alles, was ich euch befohlen habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Zeit.
Wir haben ein Stück des neutestamentlichen Zeugnisses vom Geschehen der vierzig Tage nach Ostern gehört.
Machen wir uns kurz klar, was nach dem Neuen Testament in diesen vierzig Tagen geschehen ist: Es ist in diesen Tagen das Ziel des Lebens und Sterbens Jesu und damit der Auftrag seiner Gemeinde ein erstes Mal für Menschen sichtbar, hörbar, greifbar geworden: sein Kommen in der Herrlichkeit des Sohnes seines Vaters und mit diesem Kommen nicht mehr und nicht weniger als der Anbruch des Endes dieser und des Anfangs einer neuen Welt. «Er erwies sich ihnen als lebendig nach seinem Leiden durch viele Beweise, indem er ihnen während vierzig Tagen erschien und ihnen über das Reich Gottes Bescheid sagte» (Apg. 1, 3). Es erwies sich in diesen vierzig Tagen, daß die Verkündigung des herbeigekommenen Reiches Gottes, mit der schon Johannes der Täufer und dann Jesus selber auf den Plan getreten waren, und daß Jesu Wunder und Zeichen nicht ins Leere gezeigt hatten. Es erwies sich, daß die Bitte: «Dein Reich komme!» nicht vergeblich gebetet war, daß «diese Generation», die Generation der damals Lebenden, in der Tat nicht vergehen sollte, bis «alles» geschehen war, wie Jesus nach Mark. 13, 30 gesagt hatte. Es erwies sich, daß es wahr war, daß einige von denen, die um Jesus waren, den Tod nicht schmecken sollten, bevor sie das Kommen des Reiches Gottes in Kraft gesehen hatten (Mark. 9, 1). Es erwies sich, daß die Jünger mit den Städten Israels nicht zu Ende kamen, bevor des Menschen Sohn kam (Matth. 10, 23). Nun kam er, nun geschah «alles». Es erwies sich das Recht und die Notwendigkeit des von Petrus hei Cäsarea nach Matth. 16, 16 gewissermaßen vorausgenommenen, damals noch unzeitgemäßen Bekenntnisses: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! und also die Rechtmäßigkeit des Namens Herr, Kyrios, den die Jünger Jesu immer wieder beigelegt haben. Es erwies sich mit anderen Worten, daß die Endzeit wirklich angebrochen war. Und das alles erwies sich, indem Jesus, nachdem er gestorben und begraben war, auferstand von den Toten und seiner Gemeinde in dieser neuen Gestalt erschien und insofern schon jetzt «wiederkam». Nicht um gewissermaßen in einem zweiten Teil seines irdischen Lebens weiter zu lehren und zu wirken, sondern um ihnen das ihnen vorher verborgene Ziel seines Lebens und Sterbens offenbar zu machen und um sie selbst mit der Verkündigung seiner Herrschaft und also des nun auch ihnen offenbar gewordenen Reiches zu beauftragen. — Das ist in kurzen Worten der Gegenstand der Osterberichte am Ende der vier Evangelien, am Anfang der Apostelgeschichte und am Anfang des 15. Kapitels des ersten Korintherbriefes: das ist die Ostertatsache.
Zwei methodische Bemerkungen sind zum Verständnis dieser Osterberichte vorauszuschicken.
1. Wir müssen uns klarmachen: sie reden von einem wirklichen Geschehen in Raum und Zeit, nicht von irgendwelchen Gedanken und Ideen. Sie reden von einem leeren Grab (Matth. 27, 62—66; 28, 11—151), von der aufs neue leiblich sichtbaren, hörbaren, belastbaren Person Jesu (Luk. 24, 39 f.; Joh. 20, 24 f.; 1. Joh. 1, 1!). Das alles steht in diesen Berichten im Zusammenhang mit der übrigen Geschichte Jesu und seiner Gemeinde, auch mit der Weltgeschichte (Pontius Pilatus!), und ist selber ein geschichtliches Moment, das wie den Abschluß alles Vorangehenden, so auch die Voraussetzung und den Wendepunkt alles Folgenden bildet. Wer hier von einem «Mythos» sprechen wollte, der verwechselt die Kategorien: hier geht es um etwas Einmaliges. Wir müssen aber sofort hinzufügen: um dieses Einmalige: um den Anbruch des neuen Himmels und der neuen Erde (Offb. 21, 1; 2. Petr. 3, 13), des Jüngsten Tages, der Herrlichkeit Gottes im Fleisch (Joh. 1, 14), die Gegenwart des «Eschaton». Von diesem Geschehen konnte nur so berichtet werden, wie es diese Berichte faktisch tun: lückenhaft und widerspruchsvoll: Man denke an das Verhältnis der Berichte des Matthäus und des Lukas zueinander oder an das der Berichte der Synoptiker und des Johannes, der Evangelien und des ersten Korintherbriefes! Aus ihnen eine Historie in unserem Sinne des Begriffs herauszuschälen ist unmöglich. Es fehlt alle topographische und chronologische Exaktheit, es fehlt, sobald man die Berichte unter sich vergleicht, die klare Begrenzung der einzelnen geschilderten Szenen; es fehlt auch die Verifizierung der berichteten Tatsachen durch unparteiische Zeugen. Diese Berichte reden nicht, wie Historie zu reden pflegt, sondern, so ähnlich wie etwa die Schöpfungsgeschichte: im Stil geschichtlicher Sage. Das bedeutet aber, daß man gar nicht versuchen darf, hier zu harmonisieren. Dem widersetzt sich ihr Gegenstand. Kein Zweifel: von demselben Gegenstand reden in sachlicher Uebereinstimmung alle diese Berichte. Es will aber jeder von ihnen so, wie er lautet, für sich gelesen sein, je als dieses besondere Zeugnis von Gottes entscheidendem Wort und Tun in der Wende der Aeonen. Wobei es wieder selbstverständlich ist, daß je der eine zur Erklärung des andern heranzuziehen ist.
2. Diese Texte reden von einem «historisch» unbegreiflichen, aber darum nicht von einem durch den Glauben und die Frömmigkeit der Gemeinde nachträglich gedeuteten oder konstruierten oder gar erfundenen Geschehen. Sie reden vielmehr ganz unzweideutig von einem solchen Geschehen, das den Glauben der späteren Gemeinde begründet und geformt hat. Es besteht darin, daß Jesus den Seinen so gegenwärtig war, daß Gott ihnen offenbar wurde. In solcher Gegenwart Jesu vollzog sich jetzt die Offenbarung Gottes, daß sie ihnen — sie stellte sie jetzt gewissermaßen in die Mitte aller Zeiten — zur Kundmachung des vergangenen und des zukünftigen Willens und Waltens Gottes wurde. Darum handelt es sich hier zugleich um eine Rekapitulation der Geschichte Israels und deren Spitze in dem irdischen Leben Jesu und um eine Antizipation der Geschichte des Regiments Jesu in seiner Gemeinde und in der ganzen Welt. Das alles ist in diesen vierzig Tagen gegenwärtig, als wäre es noch oder schon da: das vergangene und das zukünftige Walten Gottes. So also sind diese Texte zu hören.
Noch eine kurze Vorbemerkung zu Matth. 28, 16 f. im Zusammenhang der übrigen Osterberichte: Zwei Gruppen sind in diesen Berichten unterscheidbar:
1. Die Berichte von Jesus und den Frauen. Es geht diesen Frauen gegenüber erstens um die Offenbarung des Faktums der Auferstehung (leeres Grab) und um die der Identität des Auferstandenen mit dem Gekreuzigten, in unserem Kapitel Vers 1—6 und 9. Dazu kommt zweitens der Auftrag, das ihnen Offenbarte den Jüngern mitzuteilen (Vers 7—8 und 10). Dieser Auftrag wird eigentümlich beleuchtet dadurch, daß Mark. 16, 8 von den Frauen gesagt wird: «sie sagten es niemand, denn sie fürchteten sich» und Luk. 24,11 von den Jüngern: «sic hielten es für ein Märlein». — Nur andeutungsweise sei hier noch gesagt, daß man in dieser eigentümlichen Stellung der Frauen den Jüngern gegenüber wohl eine Abschattung des Verhältnisses der geschichtlichen israelitischen Gemeinde zu der nun in der Begründung begriffenen Gemeinde der Endzeit sehen darf.
2. Die Berichte von Jesus und den Jüngern. Auch hier geht es erstens um die Offenbarung des Faktums und der Identität (Vers 17 bis 18; Luk. 24, 37 f.; Joh. 20, 19 f.). Beherrschend ist aber zweitens der Auftrag an die Jünger, dieses ihnen Offenbarte der Welt mit- zuteilen (Vers 19; Luk. 24, 27; Joh. 20, 21). Im echten Markustext fehlt der Bericht von Jesus und den Jüngern. Er ist dort später durch die Stelle Mark. 16, 9—20 ergänzt worden. Dieser Auftrag tritt in Kraft durch die Gabe des Heiligen Geistes. Die Stelle Joh. 20, 22 zeigt die auffallende Tatsache, daß der vierte Evangelist Ostern und Pfingsten als ein Ereignis verstanden hat. Sachlich gehören sic bestimmt zusammen. Ostern mit Pfingsten, Pfingsten mit Ostern zusammen ist die Konstituierung der Gemeinde der Endzeit.
Unser Text gehört klar zu der zweiten Gruppe, zu den Jüngergeschichten, parallel mit Luk. 24, 36—49 und Joh. 20, 19—29. Darüber hinaus bieten Luk. 24, 13—35 den Bericht von den Emmausjüngern, Luk. 24, 50—53 und Apg. 1, 4—12 den Bericht von der Himmelfahrt, Joh. 21, 1—23 den Bericht von der Erscheinung am See Tiberias und von dem Gespräch mit Petrus. Das Matthäusevangelium, das die geschlossenste Darstellung aufweist, bringt nur den Bericht von dieser einzigen Erscheinung Jesu vor den Jüngern, dem wir uns jetzt zuwenden.
Vers 16.
«Die elf Jünger» (so auch Luk. 24, 9. 33) sind die durch den Ausfall des Judas vorübergehend unvollkommen gewordene Zwölfzahl der das Israel der Endzeit verkörpernden und repräsentierenden ersten «Schüler» Jesu. Diese «Elf» sind aber — so ist es mit der biblischen Arithmetik! — gleich «Zwölf», denn sie sind faktisch auch in ihrer Unvollkommenheit Israels Vollzahl. 1. Kor. 15,5 wird ausdrücklich von einer Erscheinung Jesu vor den Zwölf gesprochen. Judas hat diese Vollzahl nicht zerstören können.
«… gingen nach Galiläa …» Es ist eine Eigentümlichkeit des Matthäusberichtes, daß hier die Geschichte Jesu auf ihren Anfang Matth. 4, 12—17 zurückgeführt wird; in das Galiläa der Heiden, zu dem Volk, das im Finstern wohnt und ein großes Licht sieht. Die Endgeschichte steht in Kontinuität mit dem vorangegangenen Leben Jesu und der Geschichte Israels, die ihrerseits als solche auf sie hinweisen. (Lukas verlegt dieselbe Szene nach Jerusalem, in das Zentrum der israelitischen Gemeinde, das hier als solches [Luk. 24, 47] den Ausgangspunkt der endgeschichtlichen Verkündigung an alle Völker bildet.) Man bemerke, wie beide Darstellungen, topographisch unvereinbar und auch theologisch in verschiedener Nuance, in der Sache Zusammentreffen.
«… auf den Berg …» Handelt es sich hier um den Berg der Verklärung oder um den Berg der Bergpredigt? (B. Weiß). Besser bleibt man bei der allgemeinen Vorstellung von einem (geographisch nicht zu identifizierenden) dem Berg Zion gegenüberliegenden Berg im Norden. Dorthin hat Jesus seine Jünger bestellt:
«… wohin ihnen Jesus zu gehen befohlen hatte.» Nach Vers 7 hat dies der Engel, nach Vers 10 hat es Jesus selber (durch die Frauen) den Jüngern, «seinen Brüdern» (Vers 10), aufgetragen. Wer dort gemeint war, zeigt sich darin, daß es die Elf sind, die hier erschienen sind. Die Kombination mit der Erscheinung vor den 500 Brüdern (1. Kor. 15,6) wie noch Olshausen und Schlatter sie vornehmen, erscheint von liier aus unwahrscheinlich.
Vers 17.
«Und da sie ihn sahen …» Dieses Sehen (idóntes) ist der Ausdruck dafür, daß die Offenbarung des Faktums der Auferstehung Jesu und der Identität des Auferstandenen mit dem Gekreuzigten nun, nachdem sie Vers 9 den Frauen widerfahren ist, auch den Jüngern widerfahren soll. Doch weist das «er trat heran» (proseltṓn) Vers 18 auf eine gewisse zunächst noch bestehende Ferne und bloße Objektivität dieser Offenbarung hin.
«… warfen sie sich vor ihm nieder», wie Vers 9 die Frauen, wie wieder sie alle bei seiner Himmelfahrt (Luk. 24, 51). Die Erklärung des Thomas: «Mein Herr und mein Gott» ist hier notwendiger Kommentar. Der Vorgang ist Ausdruck für die Anbetung, wie sie in Gegenwart der offenbaren Gottheit stattfindet. So ist Jesus ihnen, so sind sie ihm jetzt begegnet.
«Einige aber zweifelten», wie Luk. 24, 37 f. und Joh. 20, 24 f. (Dem Thomas ist in der Auslegung viel Unrecht geschehen. Seine Erklärung, daß er, um nicht zu zweifeln, Jesus durchaus leiblich berühren müsse, ist höchst normal apostolisch!) Aeltere Ausleger hielten es für unmöglich, dieses «Zweifeln» auf die Apostel zu beziehen, und kamen darum auf die Vermutung, es möchten hier auch noch andere dabeigewesen sein (so Starke, Rieger, Olshausen). Das ist aber nach Vers 17 unwahrscheinlich. J. Weiß findet den Zusatz sprachlich hart, unvorbereitet, ohne Fortsetzung und «stimmungswidrig in diesem harmonischen Schluß». Aber der Vergleich mit Lukas und Johannes zeigt die Notwendigkeit dieses Elementes auch bei Matthäus. Calvin hat richtig gesehen: Anbetung und Zweifel haben hier denselben Grund: die Knechtsgestalt des Menschen Jesus war überkleidet mit der Herrlichkeit Gottes. Offenbarung ist immer ein Geschehen mit einem terminus a quo und einem terminus ad quem: sofern sie Verhüllung ist, erregt sie Zweifel, sofern sie Enthüllung ist, erzwingt sie Anbetung. Alle» sind immer wieder auf diesem Weg, und darum hat Rieger recht, wenn er sagt, das stehe da, «… damit man immer erinnert werde, daß es mit Glaubenssachen durch das Gedräng gebe. Wundere dich nicht darüber, wenn der Glaube auch bei dir ein beständiges Ueberwinden des Unglaubens ist». Dieses Element des durch den Glauben zu überwindenden Unglaubens vertreten hier «einige» (hoí dé) wie bei Johannes Thomas, bei Lukas doch geradezu alle Apostel. Erst die Gabe des Heiligen Geistes macht dem Gedränge ein Ende, bedeutet die Beseitigung dieses Elementes. Zweifelnde Apostel, eine zweifelnde Gemeinde nach Pfingsten haben im Neuen Testament allerdings keine Stätte. Spiritus sanctus non est scepticus (Luther). Hier aber stehen die Apostel noch im Anfang, noch im Schatten des Todes Christi, in einer Wiederholung ihrer eigenen problematischen Haltung in der Passionszeit.
Vers 18.
«Und Jesus trat heran, redete und sprach zu ihnen:» Vielleicht treten diese Worte bei Matthäus an die Stelle eines Hinweises auf das Pfingstereignis, das er sonst nicht erwähnt. Sicher ist, daß mit diesem Herantreten Jesu die Offenbarung auch nach ihrer subjektiven Seite vollzogen wird. Bengel sagt dazu: eo ipso dubitantibus fidem faciens. Indem er an sie herantrat, hat er den Zweifelnden Glauben geschaffen! So haben wir hier die von J. Weiß vermißte «Fortsetzung» zu dem «Zweifeln» von Vers 17.
«Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.» Das «So» (oún) der Fortsetzung Vers 19 charakterisiert dieses Wort als Kennzeichnung der auf Seiten Jesu, also objektiv, bestehenden Voraussetzung des Vers 19 ausgesprochenen Imperativs. Als derjenige, der durch das Wort Vers 18 gekennzeichnet wird, hat Jesus die Autorität, die Jünger so anzureden, wie es Vers 19 geschieht. Das Vers 19 entsprechende Tun der Jünger und alles, was sich daraus ergeben mag, wird also auf keinen Fall auf der Güte und Kraft ihres eigenen Wollens und Vollbringens beruhen, wird aber auch nicht beschränkt sein durch dessen Mangelhaftigkeit. Hinter dem Befehl Vers 19 steht der Befehlende, Jesus selber, in seinem Vers 18 beschriebenen Charakter. Er sichert seine Ausführung sowohl ihrer Schwäche gegenüber als auch gegen jede Störung von dritter Seite.
exousía heißt «Recht und Macht» und entspricht dem lateinischen potestas. Die Parallele bei Lukas fehlt nur scheinbar. Daß Jesus der Träger der höchsten exousía ist und als solcher für seinen Befehl gutstellt, wird dort darin sichtbar, daß er zugleich der Inhalt und der Ausleger der Schrift ist. Bei Matthäus sagt das Wort: es ist in Erfüllung gegangen, was Jesus nach Matth. 26, 64 zu den Hohenpriestern gesagt hat: «Von jetzt an werdet ihr des Menschen Sohn sitzen sehen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels» (und eben damit Dan. 7,14: «Ihm ist gegeben Macht und Ehre und Reich…»). Das Reich ist wirklich sein Reich, welches er als solches dem Vater zu Füßen legen wird (1. Kor. 15, 24). Gott hat ihn erhöht und ihm den Namen über alle Namen gegeben: den Kyriosnamen, in welchem sich beugen sollen die Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind (Phil. 2,9 f.). Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet (nach 1. Kor. 15,24 aufgehoben), öffentlich zur Schau geführt und in sich selbst über sie triumphiert (Kol. 2,15). Er ist «über jeder Gewalt und Macht und Kraft und Hoheit, über jedem in dieser und in der zukünftigen Welt nennbaren Namen». Gott hat «alles seinen Füßen unterworfen» (Eph.l, 21 f.). Die Herrschaft über den Kosmos gehört unserm Herrn, seinem Gesalbten, und er wird herrschen in alle Ewigkeit (Offb. 11,15). — Was bedeutet das alles? Es bedeutet, daß das göttliche Recht auf alles Geschaffene im Himmel und auf Erden konkret das Recht Jesu, die göttliche Macht darüber konkret das Vermögen Jesu, das göttliche Wirken, Regieren und Begrenzen konkret die Sache Jesu ist. Als Inhaber dieser exousía steht Jesus hinter dem Befehl Vers 19, ist er Autorität gegenüber denen, die er angeht, und Garantie für seine Ausführung ihnen selbst und allen Dritten gegenüber. Und im Bereich dieser exousía, ihr verpflichtet und durch sie gedeckt sind die, die den Befehl Vers 19 entgegennehmen.
Alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Man bemerke, daß damit eine Exklusive ausgesprochen ist: es gibt objektiv keine andere Gewalt neben der, über die Jesus verfügt. Alles Recht, alle Macht sind die Jesu. Es gibt nur noch Mächte und Gewalten, die ihm schon unterworfen sind, die in ihm ihr Haupt haben (Kol. 2,10). Es gibt also kein Naturrecht und keine Naturmacht, die ihm gegenüber einen Bereich für sich bildeten, die ihm gegenüber selbständig Ehrfurcht, Vertrauen, Furcht, Gehorsam verdienten. Es ist z. B. unmöglich, aus den exousía (Röm. 13, 1 f.) eine von Gott neben dem Reich Christi eingesetzte Staatsgewalt und also einen in das Reich Christi nicht eingeschlossenen politischen Bereich zu machen.
Wer aber ist das Subjekt, das diese exousía hat? Daß sie ihm «gegeben» ist, schließt aus, hier einfach und abstrakt an den ewigen Sohn Gottes (der nicht Mensch ist), an den lógos ásarkos zu denken. Ihm muß die Gewalt nicht erst gegeben werden, er hat sie von Ewigkeit und in Ewigkeit. Von diesem Sohn Gottes ist im Neuen Testament wohl überall, aber eben nirgends abstrakt die Rede, sondern immer ist der ewige Sohn der, der zugleich Mensch ist. Von ihm wird auch hier gesprochen. Eben dem Menschen Jesus ist jene exousía gegeben. Eben der Mensch Jesus ist ja auch der Vers 19 befehlende Herr. Und daß dem so ist, spricht das Wort Vers 18 als Voraussetzung des Befehls Vers 19 aus.
Daß sie ihm «gegeben» ist, darf nun aber sicher nicht so verstanden werden, als ob sie ihm erst in und mit seiner Auferstehung gegeben worden sei. Dagegen streitet eine Anzahl sehr deutlicher Stellen der Evangelien, in denen die Aussage Vers 18 unzweideutig schon auf das Leben Jesu vor seinem Tode bezogen ist: «Alles ist mir übergeben von meinem Vater» (Matth. 11, 27). «Er hat alles in seine Hand gegeben» (Joh. 3, 35). Jesus wußte, «daß der Vater ihm alles in die Hände gegeben» hatte (Joh. 13, 3). «Du hast ihm ‚Recht und Macht‘ über alles Fleisch gegeben» (Joh. 17, 2). «Er redete als der, der ‚Recht und Macht‘ hat» (Matth. 7, 29). «Des Menschen Sohn hat ‚Recht und Macht‘, Sünden zu vergeben» (Matth. 9, 6). Vgl. auch Matth. 21, 23 f.
exousía ist dem Menschen Jesus natürlich so gegeben, wie göttliche Gewalt einem Geschöpf allein gegeben sein kann: selbstverständlich nicht ohne daß dieses Geschöpf darum betet, an Gott glaubt, Gott gehorsam ist, gegeben als freie Gnade — aber indem diese Gnade ewig ist, von Anfang an und dauernd gegeben: virtuell im Schöpfungs- und Heilsratschluß Gottes vor aller Welt, aktuell in der Fleischwerdung des Wortes: «Er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.» Indem er Sünden vergab, Wunder und Zeichen tat, hat Jesus von dieser Gewalt lange vor seiner Auferstehung wenigstens teilweise auch sichtbaren Gebrauch gemacht. Er hat sie nie nicht gehabt. Es bestand seine «Entäußerung» (Phil. 2, 7) also doch nur in der durch die Blindheit der Menschen bedingten Verborgenheit seiner Majestät. Eine Machttat war gerade das, was er im Zustand der höchsten Schwäche getan hat: sein Kreuzestod. Sa divinité se tenoit pour un peu de temps comme cachée c’est à dire elle ne demonstroit point sa vertu (Calvin). In der Auferstehung aber offenbart sich Jesus seinen Jüngern als der, der alle exousía hatte und hat und haben wird, nachdem das den Jüngern wie der Welt zuvor verborgen gewesen war. Von dieser Offenbarung des Auferstandenen redet Vers 18.
Vers 19 — 20 a.
Hier geht es um die entscheidende Aussage des Textes: um den durch seinen Vers 18 beschriebenen Charakter begründeten Befehl und Auftrag des auferstandenen Jesus. «So gehet nun hin und macht zu Jüngern …»; Macht sie zu dem, was ihr selbst seid! Laßt sie da (bei mir!) lernen, wo ihr selber gelernt habt! Ruft sie hinein in die Zwölfzahl des endzeitlichen Israel! Laßt sie teilnehmen an dessen Stellung und Funktion der Welt gegenüber! Die Zwölf — wir sahen schon: die biblische Arithmetik ist merkwürdig! — können und sollen Unzählige sein. Wie Jesus die ersten Jünger zu Aposteln «machte» (Mark. 3, 14—15), so die Apostel diese anderen zu apostolischen Christen. Es ist das Königsamt des Messias, das hier auf die ersten Jünger als auf des «Königs Aufgebot» übertragen wird.
Der umfassende Imperativ: «So geht nun hin!» beruht auf der Gewalt, die Jesus gegeben ist, und darum seine Aussprache Vers 19 auf deren Bekanntmachung Vers 18: «Macht sie zu Jüngern!» Die Erinnerung an die «Aussendung» von Matth. 10 und die Parallele Mark. 16,15 («Gehet hin in alle Welt und verkündiget das Evangelium!») haben das Besondere unseres Textes weithin verdeckt. Es geht hier wie Matth. 10 um dieselbe Wirklichkeit, aber dort um ihre implizite, verborgene, hier um ihre explizite, offenbare Gestalt: um die durch das Wort Jesu vollzogene Begründung der apostolischen (d. h. der das Wort der Apostel aufnehmenden, aber auch aktiv weitergebenden) Kirche. Joh. 20, 21: «Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch.» Diese apostolische Gemeinde, die nicht für sich selber da ist, sondern «für Christus», an seiner Stelle (2. Kor. 5, 20), ist das entscheidende Faktum der jetzt angebrochenen Endzeit. Die Existenz dieser Gemeinde erschöpft sich nicht darin, daß das Evangelium von den Aposteln verkündigt und von den anderen gehört wird, sondern sie geht darin weiter, daß diese anderen, die es gehört haben, ihrerseits «apostolisch» werden, indem das Evangelium auch von ihnen, den selber zu Jüngern Gewordenen, verkündigt wird. Darum jetzt nicht nur kērúxate, sondern mathēteúsate: Machet sie zu Jüngern! Joh. 17, 20—21 dürfte hier der notwendige Kommentar sein: «Nicht für diese allein aber, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, bitte ich, daß sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir — daß auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast.»
Und nun das große Problem unseres Textes:
«… alle Völker …» pánta tà éthnē. Auf Grund dieser drei Worte ist diese Stelle der «Missionsbefehl» genannt worden. Was heißt das: «alle Völker»?
Es heißt einmal: Menschen aus allen Völkern, welche eben damit, daß sie Jünger werden, bedeutsam werden für die Existenz ihrer Völker, so daß nun auch diese Völker als solche in den Bereich des Apostolates und seiner Botschaft gerückt werden und in der unter ihnen existierenden Gemeinde ihre geheime Mitte bekommen. Man beachte das doppelte autoús in der Fortsetzung, das nicht auf éthnē gehen kann. Es handelt sich wirklich nicht darum, daß die Völker als solche zu Jüngern gemacht werden sollen. Diese Auffassung hat einmal in der Missionstheorie gespukt: in üblem Zusammenhang mit Phantasien der Deutschen Christen! Sie ist nichtig.
Und «alle Völker» heißt zum anderen: Menschen aus der Heidenwelt, aus den gojim. Israel ist damit nicht ausgeschlossen, das Recht der Erstgeburt des Volkes Israel, seine dignitas primogeniturae, wie Calvin es nannte, bleibt erhalten. Aber zu den heidnischen Völkern und Menschen sollen die Jünger nun hinausgehen. Denn gerade das Israel der Endzeit soll nun in Erscheinung treten: das Volk des am Ende der Zeiten erschienenen Messias. Dieses Volk ist die Gemeinde der Endzeit. Sie ist die Gemeinde, die Versammlung aus Juden und Heiden. Die bisher verschlossenen Türen und Fenster des Hauses Israel müssen jetzt also aufgehen. Die den Aposteln von Jesus befohlene und aufgetragene Sendung richtet sich jetzt also «an die Juden zuerst und auch an die Griechen» (Röm. 1,16). Dementsprechend heißt es Mark. 16,15: «Gehet hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur.» Matthäus hat dasselbe, er hat es nur konkreter gesagt, indem er von «allen Völkern» geredet hat. Diese Aussendung bedeutet: Die Gemeinde Jesu wird in seiner Auferstehung offenbar gemacht als die universale Gemeinde: als das Israel der Endzeit, als das Israel, in dessen Lebenszusammenhang auch die Erwählten unter den Heiden hineinzurufen sind. Sie war nie etwas anderes. Jesus hat sie tatsächlich auch in seinem Leben vor seinem Tod nie anders begründet, als er sie hier offenbar macht: nicht als eine Sondergemeinschaft in Israel und also nicht als eine neue Gestalt des bisherigen, des geschichtlichen Israel, sondern als das Israel der Endzeit, das als solches die Bestimmung des geschichtlichen Israel erfüllt, der «Bundesmittler für das Menschengeschlecht», das «Licht der Völker» zu sein (Jes. 42,6; 49,8). Es ist wichtig, dies zu sehen. Schon der Zusammenhang unseres Textes mit Vers 18 und dessen Parallelen macht ja jede Beschränkung des Bereiches Jesu unmöglich. Wie hätte der, der alle Gewalt hat, jemals ein frommes jüdisches Vereinlein gründen wollen können? Der Name des «Menschensohns» ist der Name dessen, dem «die Völker aller Nationen und Zungen» dienen sollen (Dan. 7,14). Der Acker, auf den der Menschensohn den guten Samen sät, ist darum der Kosmos (Matth. 13, 38). Das Wort vom Lösegeld für viele antì pollõn (Mark. 10,45) und das vom Vergießen seines Blutes für viele hypèr pollõn bedeutet sicher eine Identifikation Jesu mit dem leidenden Gottesknecht Jes. 53 (vgl. dort bes. Vers 11—12). Aber eben von diesem heißt es ja: «Zu wenig ist es, daß du mein Knecht sein solltest, nur um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Geretteten Israels zurückzubringen; so will ich dich denn zum Lichte der Völker machen, daß mein Heil reiche bis an das Ende der Erde» (Jes. 49, 6). Und: «Er wird emporsteigen, wird hochragend und erhaben sein … Er wird viele Völker in Erstaunen versetzen, und Könige werden vor ihm ihren Mund verschließen» (Jes. 52, 13 f.). So werden seine Jünger zum vornherein das «Salz der Erde», das «Licht der Welt» genannt (Matth. 5, 13—14). So hatte schon Johannes der Täufer ins Auge gefaßt, daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken wird (Matth. 3, 9). So hatte Jesus selbst von den vielen gesprochen, die am Abend und Morgen kommen werden, um mit den Patriarchen zu Tisch zu sitzen (Matth. 8,11). Und von den Engeln, die der Menschensohn in seiner Parusie aussenden wird, seine Auserwählten zu versammeln von den vier Winden her und von einem Ende des Himmels bis zum anderen (Matth. 24, 31, vgl. auch 25, 31 f.). Und von den Knechten, die ausgehen werden an die Straßenkreuzungen, um einzuladen, so viele sie finden, Böse und Gute (Matth. 22, 9 f.). Und sogar direkt von dem Zeugnis, das seine Jünger tatsächlich auch vor den Heiden ablegen werden (Matth. 10, 18).
Jesus hat diesen universalen Charakter seiner Gemeinde zuvor relativ verborgen gehalten, wie er auch den Besitz seiner Gewalt Vers 18, wie er auch seinen Messiasnamen Matth. 16, 20 relativ verborgen gehalten hat. Warum das? Der Weg des bisherigen geschichtlichen Israel war vor Jesu Tod noch nicht zu Ende gegangen, das Israel der Endzeit konnte noch nicht sichtbar werden. Es war die Verwerfung des Messias noch nicht vollzogen, sein Leben noch nicht hingegeben zum Lösegeld für viele. Es war noch nicht alles bereit: der Tisch war noch nicht gedeckt; die Gäste, für die er bestimmt war, konnten noch nicht eingeladen werden. Die Zubereitung Israels zur Erfüllung seines endzeitlichen Berufs war noch nicht vollendet. Diesem «noch nicht» entsprechend, wußte sich Jesus — vorläufig— nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel gesendet: eine Regel, von der er, indem er sie aussprach, doch sofort eine Ausnahme machte (Matth. 15, 24). In der merkwürdigen Stelle Mark. 4, 10—12 wird ja eine noch strengere Regel sichtbar, laut derer er sich ursprünglich «noch nicht» einmal an das ganze Volk Israel, sondern direkt und eigentlich nur an seine Jünger gewendet hat. Diesem «noch nicht» entsprechend, gebot er seinen Jüngern — vorläufig — nicht auf die Straße der Heiden und nicht in die Stadt der Samariter zu gehen (Matth. 10, 5). Und dieses «noch nicht» warf seine Schatten auch noch in der relativen Zurückhaltung, in der die Urapostel in Jerusalem bleiben, ihre Scheu vor der Berührung mit den Heiden erst überwinden mußten (Apg. 10) und die Heidenmission schließlich dem Paulus zuwiesen (Gal. 2). Aber eben: während dieses « noch nicht» noch seine Schatten warf auch in der Zeit nach Ostern, war es faktisch schon überholt, war unterdessen die große Wende geschehen. Die «Ueberlieferung» Jesu an die Heiden, die in der zweiten und dritten Leidensweissagung angekündigt wird, hatte stattgefunden (Matth. 27, 2). Dieses Ereignis scheidet die Zeiten. Jetzt fängt die Endzeit Israels an. Jesu Ausstoßung durch die Juden wird das große Gnadenangebot an die Heiden. Die Geschichte Israels ist in der Verwerfung und im Tod seines Messias zu ihrem Ende und Ziel gekommen, die verborgene Kirche aus Juden und Heiden zur Offenbarung reif geworden. Diese tatsächliche Offenbarung des messianischen Israel geschieht jetzt in den Worten Vers 19. Was tut es zur Sache, wenn ihre Ausführung ihnen nicht einfach auf dem Fuße gefolgt zu sein scheint? Indem die Zwölfzahl des endzeitlichen Israel in der Person des Paulus auch äußerlich wieder vollkommen wird, wird die Tätigkeit dieser Zwölf genau an dem durch diese Offenbarung bezeichneten Punkt einsetzen: «Machet zu Jüngern alle Völker!»
Dieses «alle Völker» widerspricht der früheren Theorie und Praxis Jesu darum nicht, weil gerade jener Weg in der Enge Israels in die Weite der Völkerwelt führen, weil gerade der Weg in diese Weite zunächst der Weg in jener Enge sein mußte. «Das Heil kommt von den Juden» (Joh. 4, 22). Daß es von den Juden kommt, das ist die erste, enge, verborgene (in den Elf repräsentierte), daß es von den Juden kommt (zu den Heiden kommt!), das ist die zweite, weite, offenbare (in den Elf plus Eins repräsentierte) Gestalt der endzeitlichen Gemeinde.
Und daß die Urapostel sich in dieser Sache so verhalten hätten, als ob kein Missionsbefehl vorliege (J. Weiß, Klostermann), ist darum eine schiefe Behauptung, weil schon die Elf als solche, vom Auferstandenen gesehen und angeredet, die Elf plus Eins sind, die sich dem Missionsbefehl Jesu entsprechend verhalten werden. Die Kirche als Ganzes wird den Befehl und Auftrag Jesu insofern ausführen, als sofort schon ihre zunächst nur an Israel gerichtete Botschaft von den Juden aus allen Ländern in der Sprache dieser Länder gehört (Apg. 2, 6 f.) und dann, ausgerichtet von Paulus, dem Zwölften, auch direkt zur Botschaft an die Heiden wird.
Wir haben es also nicht nötig, zur Erklärung von Vers 19 die Hypothese einer «Rückwärtsprojektion vom Standpunkt der späteren Gemeinde» (Klostermann) heranzuziehen, das Wort für «unecht» zu erklären und das innere Recht der Heidenmission auf den «überjüdischen Kern des Evangeliums» zu begründen, ihre magna charta in der «urchristlichen Missionsgeschichte» zu suchen (J. Weiß). Das Wort ist als Offenbarung der verborgenen Wirklichkeit der endzeitlichen Gemeinde geradezu echtestes Wort des auferstandenen Jesus: Rekapitulation und Antizipation.
«… indem ihr sie lauft auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes …» Das «zu Jüngern machen» vollzieht sich laut den beiden Partizipien durch Taufen und durch Lehren.
Taufen ist das priesterliche Amt der objektiven Einführung anderer in den Bereich der Gottesherrschaft, primär das Amt des Christus selber. Hier aber überträgt er dieses Amt auf seine ersten Jünger, nachdem er sie — im Abendmahl — an der Frucht seines Opfertodes zum voraus beteiligt und dann diesen erlitten hat.
Taufen auf einen Namen heißt im damaligen Judentum: jemanden einem Reinigungshad unterziehen mit der Intention, daß diese Handlung das Dokument bilde für ctw’as, was ist und werden soll, z. B. einen heidnischen Sklaven heim Eintritt in ein jüdisches Haus zur Dokumentierung seines Sklavenstandes oder beim Austritt zur Dokumentierung seiner Befreiung. Taufen auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes heißt: Jemanden dem Reinigungsbad unterziehen, durch das ihm und anderen dokumentiert wird, daß er zu diesem Gott gehört, daß also Vater, Sohn und Heiliger Geist auch für ihn das sind, was dieser Gottesname in sich schließt, und daß er diese Zugehörigkeit seinerseits zu bejahen und zu bestätigen hat.
Man bemerke im einzelnen:
1. Wenn die Lesart von BD: baptísantes («nachdem ihr sie getauft habt») richtig wäre, wäre der Vollzug der Taufe nur mitbefohlen als Voraussetzung des zentral befohlenen Lehrens.
2. Eine liturgische Vorschrift betr. der bei der Taufe anzuwendenden Formel liegt in unserem Text nicht vor (Zahn), so daß die Taufe «auf den Namen Jesu Christi» (Apg. 2,38 usw.) nicht (so J. Weiß) gegen die «Echtheit» der Stelle sprechen kann.
3. Der Nachdruck liegt nicht auf dem Taufen an sich (solche Reinigungsbäder waren im damaligen Judentum als Initiationsdokumente in vielen Zusammenhängen üblich), sondern darauf, daß die Jünger diese Taufe vollziehen sollen: ein heidnischer Mensch wird ein Jünger, indem ihm das, seine Zugehörigkeit zu Vater, Sohn und Heiligem Geist, dokumentiert wird.
4. Die äußere Handlung der Taufe steht als signum pro re. Befohlen wird (synekdochisch, indem die Dokumentation befohlen wird), die Herstellung des dokumentierten Tatbestandes: jene heidnischen Menschen sollen durch die Jünger in das Zugehörigkeitsverhältnis zu Vater, Sohn und Heiligem Geist versetzt und dadurch selber zu Jüngern gemacht werden. Was dieses Verhältnis sachlich bedeutet, ergibt sich aus Luk. 24,47: Ihnen soll im Namen Jesu «die Buße zur Vergebung der Sünden» verkündigt werden. Sie werden Jünger, indem sie von Gott begnadigte und Gott dankbare Sünder und so der Scheidung von Gott entrissen werden.
In diesem Zusammenhang verstanden ist auch der «Taufbefehl», d. h. die Uebertragung der messianischen Macht Jesu als Priester aller Menschen an seine Jünger («Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben …», Matth. 16,19), echtestes Wort des auferstandenen Jesus. Echt und bedeutsam ist dann auch dies, daß es gerade hier (und im Neuen Testament in dieser Einfachheit nur hier, vgl. 1. Kor. 12, 4—6; 2. Kor. 13,13; 2. Thess. 2,13 14; Eph. 4,4—6; 1. Petr. 1, 2) zur Nennung des dreieinigen Cottes- namens kommt: im Augenblick der Offenbarung der universalen Existenz der apostolischen Gemeinde der Endzeit.
«… und indem ihr sie lehret zu halten alles, was ich euch befohlen habe.» Das Taufen begründet Existenz und Wesen, das Lehren den Weg und das Werk der künftigen Jünger.
«Lehren», didáskein ist das Amt des Propheten und Lehrers in Verkündigung und Unterricht. In dieses prophetische Amt Jesu sind die Apostel nun eingerückt. Ein Christ werden heißt: anderen zum Christus werden durch die Teilnahme an seinem Königtum, Priestertum und Prophetentum. Die Apostel werden das jenseits der Krisis, ihres Verhaltens in der Passionszeit, in der auch ihr Lehramt menschlich gesehen völlig unglaubwürdig geworden war. Gerade ihr eigenes tēreĩn, Bewahren des ihnen von Jesus Befohlenen, hatte ja versagt. Nun wird ihnen — ohne nach ihrer Bekehrung zu fragen! (vgl. aber Luk. 22, 32) — das freie unverdiente Vertrauen geschenkt, daß sie jene heidnischen Menschen in diesem «Bewahren» unterrichten, sie so zum Weg und Werk von Jüngern an- leiten dürfen. heißt: ein Gegebenes festhalten, bewahren, bewachen, schützen, unversehrt erhalten.)
«Alles, was ich euch befohlen habe.» Was hat ihnen Jesus befohlen? Ihm nachzufolgen, «um mit ihm zu sein» (Mark. 3,14) und also in dem durch das nahe herbeigekommene Reich Gottes abgesteckten Raum und in der daselbst gültigen Lebensordnung zu existieren, und das alles nicht als Selbstzweck — um ihrer persönlichen Moral und Seligkeit willen oder zur Hebung des gesellschaftlichen Wohls — sondern um damit die ihnen als seinen Herolden und Aposteln gegebene Dienstordnung innezuhalten. Eben unter diese Dienstordnung, mit der die Existenz der Gemeinde steht und fällt, kommen eo ipso auch alle «Getauften» zu stehen. Eben zu ihrer Innehaltung und so zur Bejahung und Bestätigung ihrer Zugehörigkeit zum Vater, zum Sohn und zum Heiligen Geist müssen also auch sie aufgerufen, in ihr müssen auch sic unterrichtet werden, damit auch ihr Tun und Werk das von Jüngern werde, damit in der Welt Gemeinde existieren könne. Sie existiert da und nur da, wo das von Jesus Befohlene «festgehalten» wird. Und diese Unterrichtung der durch ihre Taufe in die Zugehörigkeit zum dreieinigen Gott versetzten Heiden ist die Aufgabe der Apostel. Ihnen als den Zeugen seines Lebens und seiner Auferstehung ist sie für alle Zeiten und Räume gegeben, allen anderen nur aus zweiter, d. h. aus ihrer Hand. Sie und nur sie haben in der Gemeinde zu lehren. Denn ein anderes Objekt des tēreĩn als das von Jesus ihnen befohlene kommt in der Gemeinde nicht in Frage. Von dem ihnen Befohlenen aber nicht weniger als alles, der ganze Umfang jener Dienstordnung. Dies ist die neutestamentliche Begründung des Schriftprinzips, mit dem wir der römischen Kirche den Rücken zu kehren haben. Alles Unterrichten in der Kirche wird immer nur in einer Wiederholung des apostolischen Unterrichtens bestehen können.
Noch erhebt sich im Blick auf die Verse 19—20 a eine Frage. Wo bleibt hier der Matth. 10,8 f. ausdrücklich formulierte Auftrag, Kranke zu heilen, Tote zu erwecken, Aussätzige zu reinigen, Dämonen auszutreiben? Daß die entsprechenden «Gaben» der späteren Gemeinde, ohne allgemein zu sein, nicht fehlten, wissen wir aus der Apostelgeschichte und manchen Briefstellen. Aber dieser Teil de« Auftrags: Zeichen zu tun, ist mit der Auferstehung Christi als dem Zeichen aller Zeichen in der Tat erfüllt und hinfällig geworden. Entsprechendes kann wieder Ereignis werden. Es kann aber nicht als Wesensmerkmal der Gemeinde der Endzeit postuliert werden. Sie ist von ihrer Vergangenheit (vierzig Tage) wie von ihrer Zukunft (Wiederkunft) her umgeben von dem einen «Zeichen des Menschensohnes». Daß das Vermögen, jene besonderen «begleitenden» Zeichen zu tun, Mark. 16, 17 f. für den Glauben sozusagen obligatorisch erklärt wird, spricht auch für die Nichtkanonizität dieses Textes. Die Aufgabe der Apostel und damit auch die der apostolischen Gemeinde besteht im Taufen und Lehren im Lichte dieses Zeichens: im Lichte des Ostertages und eben von daher auch im Lichte ihrer «im Himmel aufbewahrten Hoffnung» (Kol. 1, 5).
Vers 20 b.
«Und siehe, ich bin bei euch …» Die Gemeinde der angebrochenen und nun in ihrem Anbruch offenbarten und erkannten Endzeit ist nicht allein, nicht sich selbst überlassen. Ihrem Begründer ist nicht umsonst alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben (Vers 18). «Wo zwei oder drei unter euch versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen» (Matth. 18, 20). Hinter den Jesu Befehl und Auftrag ausführenden Aposteln steht er selber: seine Autorität und Garantie. «Wer euch hört, der hört mich» (Luk. 10,16). «Wer sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel» (Matth. 10, 32). Ergo nunquam plane exspirabit ecclesia christiana (Bengel). Eben darum kann die christliche Kirche aber auch nie in eigener Vollmacht und Sache reden und handeln wollen. Die ganze zutiefst überhebliche, selbstsüchtige Idee der römischen Kirche ist hier an der Wurzel angegriffen.
«Ich bin bei euch», nach Gen. 28, 15; Richt. 6,12; Hagg. 1, 13 die Formel für die unmittelbare Gottesgegenwart. Indem Jesus sie braucht, sagt er noch einmal, wer er ist. Ich bin bei euch. Das heißt nicht: ich werde immer so bei euch sein wie jetzt. Diese vierzig Tage sind einmalig und nur mit der Wiederkunft selbst, die — recht verstanden — auch schon mit ihnen anhebt, zu vergleichen. Aber die zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft liegende Zwischenzeit ist für die Gemeinde darum keine «herrenlose» Zeit. Und weil die Gemeinde in der Welt ist, darum ist sie es auch für die Welt nicht! Diese kann darum auch von der Gemeinde aus nie als «herrenlos», als bloß neutral oder als feindlich betrachtet werden. Tut die Gemeinde das, so hat sie auch das «bei euch» nicht realisiert!
«Ich bin bei euch», nämlich: als der in der Erinnerung seines Lebens, Sterbens und Auferstehens konkret je heute redende und wirkende, als der im Heiligen Geist durch sein Wort jede Gegenwart erfüllende und beherrschende, als der mit jeder Zukunft Kommende, vor der Tür Stehende und Anklopfende. Immer wieder in dieser meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werde ich bei euch sein.
Das ist die über die vierzig Tage hinausgreifende Verheißung des Auferstandenen, die Lebensbasis für den ganzen weiteren Ablauf der Endzeit. Indem die Apostel diese Verheißung empfangen und ergreifen, auf diese Basis sich stellen, sind sie der Felsen, auf den Jesus seine Gemeinde erbaut, stärker als die Pforten des Hades.
«… alle Tage bis zur Vollendung der Zeit»: Man muß mit drei verschiedenen «Zeiten» rechnen: 1. von der Schöpfung bis zur Erscheinung Christi: die vergehende und in und mit der Erscheinung Christi tatsächlich vergangene Zeit, 2. von der Erscheinung Christi bis zur Vollendung seiner Wiederkunft: die in seiner Auferstehung offenbarte Endzeit, 3. von seiner vollendeten Wiederkunft ab in Ewigkeit: die in Gottes eigener Zeit aufgehobene Geschöpfzeit. «Bis zur Vollendung der (nämlich dieser) Zeit» wird also heißen: bis die mit der Erscheinung Jesu angebrochene Endzeit abgelaufen, das All Gott unterworfen, das besondere Reich Jesu Christi zu seinem Ziel gekommen, Gott alles in allen ist (1. Kor. 15, 27 f.). Alle Tage dieser «letzten» Zeit sind auf Grund der Gegenwart Jesu die Tage der Gültigkeit des in unserem Text verzeichneten Missions- und Taufbefehls des Auferstandenen.